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Aufbau und Umsetzung von Gesundheitszirkeln für die Kita

Warum Gesundheitsförderung und Arbeitsschutz für Erzieher/innen eine sinnvolle Investition sind. Seit Jahren bestätigen viele Studien aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands, dass die berufliche Tätigkeit von Erzieher/innen durch erhöhte psychische und vielfältige körperliche Anforderungen gekennzeichnet ist. Neben Lärm, nicht erwachsengerechtem Mobiliar und Konflikten mit Eltern berichten die pädagogischen Fachkräfte insbesondere von Zeit- und Personalmangel. Sie beklagen vor allem Rücken- und Nackenschmerzen sowie Erschöpfung und Müdigkeit.

Gesundheitszirkel in der Kita

© Marco2811

Manche Untersuchungen belegen, dass Erzieherinnen und Erzieher im Gesamtvergleich des öffentlichen Dienstes überdurchschnittlich häufig krank sind.

All diese Studien zeigen, dass bei pädagogischen Fachkräften ein hoher Bedarf an betrieblicher Gesundheitsförderung besteht und dieser mittlerweile auch von dieser Berufsgruppe eingefordert wird.

Dies hat auch die Gewerkschaft Ver.di erkannt und im Jahr 2009 die Kampagne "Chancen fördern" begonnen, die die Festschreibung des Arbeitsschutzes und der betrieblichen Gesundheitsförderung für Erzieher und Erzieherinnen thematisierte. Beschäftigte mit einem von Ver.di verhandelten Tarifvertrag haben, in Absprache mit einer betrieblichen Kommission, das Recht, Gesundheitszirkel in ihrer Einrichtung durchzuführen.

Was sind Gesundheitszirkel?

Gesundheitszirkel sind temporäre betriebliche Problemlösegruppen, die das Erfahrungswissen der Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen. Sie haben das Ziel, arbeitsbedingte Beschwerden und deren Ursachen abzubauen, um die Gesundheit der Arbeitnehmer und die Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu optimieren. Es geht darum, dass Erfahrungswissen der Beschäftigten über gesundheitsbezogene Belange ihres Arbeitsplatzes zu nutzen und sie eigenverantwortlich sowohl in die Problemlösung als auch gesundheitsförderliche Gestaltung der Arbeitsbedingungen einzubeziehen. "Eigenverantwortlich" bedeutet jedoch nicht, dass auf professionelle Beratung verzichtet beziehungsweise die Verantwortung der Träger für den Arbeitsschutz außer Acht gelassen wird, vielmehr gilt es, die Beschäftigten als Expertinnen und Handelnde einzubeziehen.

Beim Gesundheitszirkel geht es in erster Linie nicht darum, gesundes Verhalten einzuüben, sondern die Arbeitsbedingungen zu verändern. Ein wesentliches Kennzeichen von Gesundheitszirkeln ist die lösungsorientierte Herangehensweise, um die von den Beschäftigten benannten Belastungen, wie Lärm oder ungünstige Arbeitszeiten, abzubauen beziehungsweise Ressourcen, wie zum Beispiel Problemlösekompetenzen, zu fördern.

Wie funktionieren Gesundheitszirkel?

Im besten Fall nehmen an einem Gesundheitszirkel alle Beschäftigten einer Einrichtung teil, das heißt auch der Hausmeister oder die Köchin. Wenn in der Kita mehr als 12 Personen arbeiten, kann es schwierig sein, alle im Zirkel zu berücksichtigen. In diesem Fall ist es hilfreicher, eine "Delegation" zu bilden, in der alle Bereiche der Einrichtung vertreten sind. Diese Kleingruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trifft sich ca. für sechs Sitzungen (à 1,5 Stunden) in einem Abstand von ca. drei bis vier Wochen. Eine externe Moderation gestaltet den Diskussionsprozess.

Angeleitet von der Moderatorin bzw. dem Moderator werden in den Sitzungen Belastungsfaktoren gesammelt, für die dringlichsten Probleme Lösungsmöglichkeiten besprochen und für diese Umsetzungskonzepte entwickelt.

Gesundheitszirkel sind ein Instrument zur Diagnose als auch zur Intervention.

Welche Themen werden im Gesundheitszirkel bearbeitet?

Grundsätzlich werden alle Themen berücksichtigt, die von den Teammitgliedern genannt werden. Die erste Sitzung beginnt mit der Auflistung aller Belastungsfaktoren. Dies könnten zum Beispiel die folgenden Themen sein:

  • Lärmreduktion
  • Elternarbeit
  • Arbeitsorganisation
  • Räumliche Bedingungen
  • Berufliche Erwartungen
  • Zusammenarbeit im Team
  • Körperliche Belastung
  • Psychische Belastung
  • Finanzen und Personal

Diese Problembereiche werden von den Zirkelteilnehmerinnen und -teilnehmern nach Dringlichkeit und nach Umsetzbarkeit von Lösungen gewertet. Die letztere Einschätzung ist manchmal etwas schwierig, da die Beschäftigten nicht immer mit Sicherheit sagen können, wie leicht sich ein Problem lösen lässt. Jedoch können die meisten einschätzen, dass der Personalschlüssel nicht innerhalb des Gesundheitszirkels verändert wird, sie jedoch gute Chancen haben, ihre Arbeit anders zu organisieren.

Nach der Bewertung der Problembereiche werden diese in einer Rangreihe sortiert und die Arbeit kann starten.

Wie werden die Themen bearbeitet?

Zunächst nimmt sich die Gruppe das Problem vor, das am dringlichsten und am leichtesten umsetzbar erscheint. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschreiben, wie sich das Problem bemerkbar macht und analysieren mögliche Ursachen. Danach legen sie Kriterien fest, woran sie merken, dass das Problem gelöst ist. Dies entspricht den Leitlinien für die Umsetzung. Im Anschluss sammelt die Gruppe verschiedene Lösungsideen, die durchaus auch unkonventionell sein können. Gemeinsam wird dann entschieden, welche Ideen ausprobiert werden und wer für die Umsetzung verantwortlich ist.

In den darauffolgenden Sitzungen besprechen die Zirkelmitglieder den aktuellen Stand und entscheiden sich für bestimmte Lösungswege, die am ehesten ihren Leitlinien entsprechen

Wie wird der Erfolg gemessen?

Der Erfolg des Gesundheitszirkels ist anhand der verbesserten Arbeitsbedingungen messbar. Das bedeutet, dass Lösungsvorschläge umgesetzt und Kompetenzen gestärkt wurden. Insgesamt sollten die Beschäftigten zufriedener sein.

Die einzelnen Schritte des Gesundheitszirkels

Nach der ausführlichen Informationsveranstaltung:

  1. Sammlung der Problembereiche: Was macht krank?/Was tut gut?
  2. Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten für das ausgewählte Problem
  3. Erstellung eines Umsetzungs- und Kontrollplans
  4. Bearbeitung weiterer Probleme
  5. Entwicklung von Lösungen
  6. Bearbeitung weiterer Probleme

Einen Monat nach der letzten Sitzung findet eine endgültige Bewertung statt.

Praxis-Beispiele für Gesundheitszirkel

Organisatorische Herausforderungen in Kita 1:

In der ersten Sitzung des Gesundheitszirkels wurden die körperlichen und psychischen Belastungen im Arbeitsalltag als ein großer Problemkomplex identifiziert und in der Rangfolge der zu bearbeitenden Problembereiche als dringlichste Aufgabe eingestuft.

Mit Hilfe des Problem-Analyse-Schemas konnte das Problem eingegrenzt, beschrieben und hinsichtlich seiner Ursachen erfasst werden. Neben den zahlreichen physischen Anstrengungen, wie bspw. einseitiges Heben und Tragen der Kinder, stellte sich der Zeitmangel als wesentliche Ursache vor allem für die psychische Beanspruchung heraus. Die Erzieherinnen beklagten, dass vieles gleichzeitig erledigt werden müsse, wenn z.B. Eltern in die Gruppensituation hereinplatzen, gleichzeitig das Telefon klingelt und ein Kind auf die Toilette muss.

Erste Lösungsvorschläge, die von den Teilnehmerinnen entwickelt wurden, betrafen die Organisation des Tagesablaufes. Vorgeschlagen wurden eine straffere Tagesplanung, stärkere Prioritätensetzung bis hin zum Weglassen einiger Tätigkeiten. Der Tagesablauf sollte also dahingehend neu durchdacht werden, welche Tätigkeiten wirklich sinnvoll oder lediglich zur Gewohnheit geworden sind.

In der folgenden Sitzung wurden konkrete Lösungsansätze zur besseren Organisation des Tagesablaufes vorgestellt. Dies betraf zum einen die Spielzeit am Vormittag, die etwas verlängert werden könnte. Damit entfiele die ohnehin kurze Spielzeit zwischen dem Spiel im Freien und dem Mittagessen. Zum anderen könnte der Mittagsschlaf um 10 Minuten verkürzt werden, um das An- und Ausziehen der Kinder ruhiger zu gestalten. Es wurde beschlossen, diese Lösungsvorschläge in der folgenden Woche zu erproben.

In der darauf folgenden Sitzung wurde der Stand der Umsetzung des neuen Zeitplans besprochen. Die Erzieherinnen stellten eine erhebliche Erleichterung durch die Entzerrung der Zeiten fest. Der Vormittag sei nicht mehr so zerklüftet und es entstehe keine Hektik beim An- und Auskleiden der Kinder für den Mittagsschlaf. Insgesamt stünden sie weniger unter Zeitdruck und die Arbeit sei daher entspannter.

Ein kostenneutrales Beispiel aus Kita 2:

Die Teilnehmerinnen eines Gesundheitszirkels berichteten, dass die Eltern eine tiefe und breite Fensterbank in einem Gruppenraum häufig als Sitzbank nutzten, um ihre Kinder beim Spielen zu beobachten oder mit andern Eltern zu plaudern. Die Erzieherinnen erlebten die Situation dauerhaft als störend, da sie sich beobachtet fühlten und die Kinder dieser Eltern sich kaum in den Gruppenprozess integrierten. Sie hatten bereits mehrmals vergeblich versucht, den Eltern eine kürzere "Verweildauer" vorzuschlagen. Statt neuer Problemdiskussionen erklärten sie die Fensterbank zur Ausstellungsfläche und ermunterten die Kinderm, dafür zu basteln. Heraus kam eine wunderschöne Wasserlandschaft mit zarten Papierbooten, wie auf dem Bild zu erkennen. Die Eltern waren von dem Werk ihrer Kinder begeistert. Um ihnen jedoch weiterhin einen Kommunikationsort zu bieten, haben die Erzieherinnen mit Hilfe eines regionalen Betriebes eine Gartenbank für die Eltern organisiert.

 

Was trägt zum Erfolg bei?

Die Teilnehmenden sollten über kommunikative Fähigkeiten verfügen und zusammenarbeiten wollen. Angehörige von Einrichtungen mit einem eher schlechten Betriebsklima werden sich nicht in der nötigen Weise öffnen und konstruktiv zu einer Verbesserung beitragen. Schließlich ziehen Gesundheitszirkel häufig Mehrarbeit nach sich, da sie selten in der üblichen Arbeitszeit stattfinden können.

Maßnahmen müssen mit Verantwortlichen sorgfältig abgesprochen sein und - falls nicht alle Teammitglieder am Zirkel teilnehmen - allen Beschäftigten mitgeteilt werden. Je stärker die Teilnehmenden von Entscheidungen und Handlungen überzeugt sind, desto eher unterstützen sie diese und setzen sich für eine Umsetzung der Maßnahmen ein.

Da die Leitungskraft in den meisten Kindertagesstätten mitarbeitet, sollte sie an den Sitzungen gleichberechtigt teilnehmen. Im besten Fall wird sie ihr Team besser verstehen und die Eigenverantwortung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärken. Sie sollte darauf achten, zuzuhören und sich nicht in die Rolle der Verantwortlichen zu begeben.

Hilfreich ist es, die bestehenden Vorarbeiten zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, wie beispielsweise die Gefährdungsbeurteilung, einzubinden und auch die fachlichen Expertinnen zu konsultieren.

Um die Nachhaltigkeit der Maßnahmen des Gesundheitszirkels zu gewährleisten, ist es sinnvoll, bereits vor Beginn des Zirkels den Träger einzubeziehen und regelmäßig über den Stand der Zirkel zu informieren.

Wer moderiert Gesundheitszirkel?

Da Gesundheitszirkel bereits seit den 80er Jahren in der Industrie durchgeführt werden, gibt es viele ausgebildete Moderatorinnen und Moderatoren, die teilweise freiberuflich tätig sind oder im Auftrag von Krankenkassen arbeiten.

Im Vergleich mit typischen Betrieben des produzierenden Gewerbes zeichnen sich Kindertageseinrichtungen dadurch aus, dass sie meist wenige Beschäftigte haben und das "Produkt" ihrer Arbeit in der Interaktion mit den Kindern bzw. deren Eltern geschieht. Daher wurde speziell für Kindertagesstätten ein Konzept für betriebliche Gesundheitszirkel entwickelt, das in einem Leitfaden veröffentlicht wurde und in Seminaren an zukünftige Moderatorinnen und Moderatoren vermittelt wird. Eine Liste von Absolventinnen und Absolventen der Kurse findet sich auf der Website www.kita-gesundheitszirkel.de.

Fazit

Die Ergebnisse der Gesundheitszirkel zeigen, dass die gemeinsame Problemlösung eine teamstärkende Wirkung hat und Belastungen reduziert. Gleichzeitig erfahren die Beschäftigten, dass sie mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten die Arbeitsbedingungen verbessern können - natürlich nur im Rahmen der gesetzlichen und finanziellen Möglichkeiten.

Je stärker der Kita-Träger und die Leitung hinter dem Projekt "Gesundheitszirkel" stehen, desto leichter lassen sich die erarbeiteten Verbesserungsvorschläge umsetzen und bieten damit eine langfristige Chance für betriebliche Gesundheitsförderung in der Kindertagesstätte.

Literatur

Khan, A.: Gesundheitszirkel in Kindertagesstätten, VDM Verlag