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Bewegungskompetenz von Kindern als Ressource von Gesundheit

Über vielfältige Bewegungs- und Wahrnehmungsangebote physische und psychische Gesundheitsressourcen fördern. Bewegung wird im (inter-)nationalen Fachdiskurs eine fundamentale Bedeutung für frühkindliche Bildungs- und Entwicklungsprozesse zugeschrieben. Dies wird durch die Ergebnisse des Verbundprojektes "Bewegung in der frühen Kindheit (BiK)"[1] untermauert.

Kinder auf Klettergerüst

© mitev

Ida hat sich heute die Bauklötze zum Spielen ausgesucht. Sie ist 2 Jahre alt und geht gerne in den Kindergarten. Schnell wird sie in ihrem Spiel von den anderen Kindern abgelenkt, die einen Kletterberg bauten. Ida beobachtet sehr aufmerksam, wie die anderen hochklettern und sich freuen, wenn sie oben angekommen sind. Ida zeigt immer wieder mit ihren Fingern Richtung Kletterberg. Nach einer Weile steht sie auf und geht zum Berg. Sie schaut auf ihre Füße, dann auf die erste Stufe des Klettergerüsts und anschließend nach oben. Ida beginnt, sich mit ihren Händen an der Sprosse festzuhalten und den linken Fuß fest aufzusetzen. Sie zieht sich dicht heran und schafft es, ihren rechten Fuß neben den anderen zu stellen. Ida freut sich. Doch die anderen Kinder klettern noch höher, bis nach oben auf die Matte. Ida setzt zum nächsten Schritt an. Geschafft. Aber sie ist immer noch nicht oben. Sie dreht sich zu Margot und winkt ihr mit der freien Hand zu. Die Erzieherin steht auf, Ida wendet sich schnell wieder dem Kletterberg zu und klettert noch eine Stufe weiter. Nun muss sie noch einen großen Schritt machen. Wieder dreht sie sich zu Margot, die lächelnd hinter ihr steht. Ida klettert mit großen Augen ganz von alleine auf die Matte. Oben angekommen hüpft Ida ausgelassen umher.

In dieser Bewegungssituation macht Ida nicht nur Klettererfahrungen, sondern muss mit einer für sie zum Teil neuen herausfordernden Situation umgehen. Sie fordert ihre Fähigkeiten heraus und lernt mit Höhen umzugehen. Für Ida bedeutet es auch Vertrauen in sich selbst zu haben und sich als handlungskompetent zu erfahren. Darüber hinaus wird beim Klettern auch die körperliche Komponente wie z.B. allgemeine Fitness Auge-Hand-Fuß-Koordination und Konzentration gefördert. Sie kann dadurch ihre Bewegungs- und Risikokompetenz erweitern.

Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit

Anhand von vier Bedeutungsfeldern der Bewegung zeigt das BiK-Projekt, welchen Stellenwert dieses Phänomen für Bildung und Entwicklung sowie Gesundheit im Kindesalter einnimmt (vgl. Bahr 2012).

In einem der Bedeutungsfelder - Bewegung als Medium zur Gesundheitserziehung - wird die Vielschichtigkeit und ganzheitliche Sicht von körperlichen, emotionalen und sozial ökologischen Gesundheitsfaktoren abgebildet. In, über und mit Bewegung werden sowohl physische als auch psychische Gesundheitsressourcen angebahnt und gefördert. Physische Gesundheitsressourcen umfassen u.a. Aspekte von Kraft und Ausdauer, Koordination und Haltungsschulung sowie allgemeine Fitness. Es wird nicht nur die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf- und Immunsystems über Bewegungsaktivitäten im Kindesalter gefördert, sondern insbesondere die Kräftigung der Muskulatur und die Verbesserung der Körperhaltung, um Haltungsschwächen und -störungen vorzubeugen. Die Körperkonstitution und die Bewegungskompetenz bestimmen maßgeblich die Bewältigung der sozialen und materiellen Anforderungen des kindlichen Alltags.

Die Körperkonstitution wird dabei nicht allein durch Bewegungsaktivitäten beeinflusst, sondern in gleichem Maße durch die Ernährung. Die Themen Gesundheit, Körper/Bewegung und Ernährung sind mittlerweile untrennbar miteinander verbunden. Die Ursachen für das vermehrte Auftreten von Übergewicht und Adipositas bei Kindern im Vorschulalter sind in einem Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren wie möglicher genetischer Prädisposition, Migrationshintergrund, einem niedrigen sozialen Status sowie sich verändernder Lebensbedingungen durch übermäßige Zufuhr von kalorien- und fettreicher Nahrung bei zunehmender körperlicher Inaktivität zu sehen.

Eine wichtige Rolle unter diesem physischen Aspekt der Gesundheitsförderung spielt auch die Sicherheitserziehung. Neben einer verbesserten Körperkontrolle führen Bewegungs- und Wahrnehmungsangebote insbesondere zur Schulung von Konzentration, differenzierter Wahrnehmung und realistischer Einschätzung von Situationen. Gefahren können hierdurch früher erkannt, bessere Reaktionen durch eine differenzierte Handlungsfähigkeit hervorgerufen und damit das Unfallrisiko gesenkt werden. Pädagogisch bedeutsam sind dabei die Entwicklung einer Risikokompetenz, die Minimierung der Verletzungsgefahr und das Eingehen von Risikowagnis. Kinder sollten lernen zu fallen, mit Höhen und Tiefen sowie Gefahren umzugehen.

Die Fokussierung der Wahrnehmung und die Konzentration auf den eigenen Körper sind darüber hinaus zentrale Elemente der Entspannung. Der Wechsel von Anspannung (Aktivität) und Entspannung (Ruhe) ruft positive Wirkungen von Wohlbefinden, Stressabbau und Auseinandersetzung mit den eigenen Körperreaktionen hervor.

Der Stellenwert von Bewegung rückt in den Mittelpunkt der salutogenetischen Gesundheitsförderung und der Stärkung der kindlichen Resilienz. Beide Ansätze thematisieren physische und psychische Gesundheit. Durch Bewegung können Ressourcen und Kompetenzen entwickelt werden, die notwendig sind, um erfolgreich mit belastenden Lebensereignissen umzugehen. Kinder können Ressourcen nutzen, um selbsttätig und eigenverantwortlich ihre Belange vertreten zu können. Sie sind damit zu Gesundheit bzw. präventivem Gesundheitsverhalten fähig. Bewältigungsstrategien werden entwickelt, die zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden können und damit den Aufbau generalisierter Kontrollüberzeugungen und eines positiven Selbstkonzeptes unterstützen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass bereits im Kindesalter mit größerer Wahrscheinlichkeit verschiedene gesundheitliche Probleme und Risikofaktoren durch körperliche Inaktivität und eine mangelnde körperliche Fitness auftreten. Das wiederum hat Einfluss auf psychischer und emotional-sozialer Ebene. Kinder mit schlechter körperlicher Fitness haben es schwerer, an Bewegungsspielen und -aktivitäten teilzuhaben, was wiederum zu Hänseleien und Ausgrenzungen aus dem Spielgeschehen führen kann. Darüber hinaus kann dies Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und Selbstkonzept der betroffenen Kinder haben.

Förderung von physischen und psychischen Gesundheitsressourcen

Um die Bewegungskompetenz von Kindern als psychische und physische Ressource für ihre Gesundheit zu stärken, ist die bewusste Bewegungs- und Wahrnehmungsförderung als eine zentrale Aufgabe von Kindertageseinrichtungen zu bezeichnen. Dazu zählt zum einen die Ermöglichung von Freispielsituationen, in denen Kinder eine alters- und entwicklungsgerechte Motorik erwerben können, die sie kompetent, sicher und selbstbewusst im Alltag handeln lässt. Zum anderen sind auch täglich angeleitete und begleitete Bewegungsangebote wichtig, die Anregungen für neue Bewegungsideen geben. Dem Kind müssen breit angelegte Bewegungs- und Wahrnehmungsmuster angeboten werden, die es in neuen Situationen erproben und weiterentwickeln kann (vgl. Zimmer 1987).

Nicht immer müssen Bewegungsanlässe durch die pädagogische Fachkraft inszeniert werden. Freispielsituationen sind vor allem für die Entwicklung psychischer Gesundheitsressourcen wichtig. Kinder haben einen hohen Bewegungsdrang und viele kreative Ideen, wie sie ihren Körper erleben, spüren und ausprobieren möchten. Um ein positives Selbstkonzept als psychische Gesundheitsressource aufzubauen und die Überzeugung von sich zu erlangen, neuen und unbekannten Anforderungen gerecht werden zu können, benötigt das Kind Freiraum, seine Fähigkeiten individuell aufzubauen und diese eigentätig erproben und einsetzen zu können. Eine anregende räumliche sowie materielle Umwelt weckt das Interesse des Kindes und führt zu (Bewegungs-)Handlungen mit dem Ziel, die reizauslösenden Bedingungen zu erkunden und zu erforschen, Unsicherheit zu mindern und gleichzeitig ein umfangreiches Handlungs- und Erfahrungsrepertoire aufzubauen und dieses stets zu erweitern (vgl. Kopic 2013). Der Lebensraum des Kindes sollte zum Erfahrungsraum werden. Für Freispielsituationen ist daher zu empfehlen, die Innen- und Außenräume in der Kita so zu gestalten, dass sie Kinder zu vielfältigen Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen anregen. Körpernahe Wahrnehmungserfahrungen über das taktile Sinnessystem (Tasten und Berühren), das vestibuläre System (Gleichgewicht) und das kinästhetische System (Bewegungsempfindungen) bilden die Grundlage für die Ausbildung eines differenzierten Körperschemas und den Aufbau körpereigener Fähigkeiten. Über Tasterfahrungen sowie Berührungen durch andere Menschen und Materialien nehmen Kinder zunächst die Grenzen des eigenen Körpers wahr.

Des Weiteren stellt der Körper den Zugang des Kindes zu seiner Umwelt dar. Als Erkundungsorgan wird er eingesetzt, um die materielle (und soziale) Welt zu erfühlen und diese mit ihren vielfältigen Facetten (weich/hart, kratzig/glatt, kalt/warm, klein/groß usw.) kennenzulernen. In der körperbezogenen und handlungsorientierten Auseinandersetzung mit dem Material wird sich das Kind seines Selbst bewusst. Zudem lernt es die spezifischen Eigenschaften von Materialien kennen und diese in späteren (Spiel-)Handlungen gezielt und kompetent einzusetzen. Die Umwelt fordert zudem die Anpassung von Muskulatur, Sehnen und Gelenken des Kindes immer wieder aufs Neue heraus. Auf diese äußeren Bedingungen angemessen zu reagieren bedeutet zunächst einmal, sich den eigenen Körper und die individuellen Fähigkeiten diesen einzusetzen zu vergegenwärtigen. Weiterführend ist darunter zu verstehen, den richtigen Krafteinsatz für Handlungen wie Hochheben oder Ziehen abzuschätzen, in entsprechenden Situationen die richtige Gelenkstellung einzunehmen und zu halten sowie die Muskulatur bei Bedarf bewusst an- oder entspannen zu können.

In der selbsttätigen Erprobung der eigenen Sinnessysteme und der körpereigenen Wirksamkeiten gewinnt das Kind Zutrauen in seine Fähigkeiten und es baut diese zunehmend aus. Die über das spielerische Ausprobieren und auch das gelegentliche Fallen und Stolpern verbesserte Körperkontrolle und Selbsteinschätzung der Kinder ermöglicht ihnen den differenzierten Erwerb von Risikokompetenz. In Auseinandersetzung mit herausfordernden Bewegungssituationen lernen die Kinder, ihren Körper und ihre Sinne kompetent einzusetzen und Herausforderungen zu bewältigen. Gefahrensituationen können folglich besser eingeschätzt und kompetent bewältigt werden.

Zum Erwerb von Bewegungs- und Risikokompetenz als Gesundheitsressource für kindliche Entwicklung sind aber nicht nur Freispielsituationen wichtig. Auch von der pädagogischen Fachkraft geleitete und begleitete Bewegungsanlässe sowie Bewegungsimpulse, welche die Ideen und Themen der Kinder aufgreifen, sind in diesem Kontext bedeutsam. Dabei ist es nicht entscheidend, gefährliche und aufwendig inszenierte Bewegungssituationen zu schaffen. Risiko und Wagnis werden je nach Erfahrungsschatz und Entwicklungsstand des Kindes subjektiv eingeschätzt. Haben Kinder beispielsweise noch keine Erfahrungen mit Höhe gemacht, ist das Klettern auf einen Stuhl bereits ein Wagnis. Höhenerfahrene Kinder benötigen hingegen mehr Impulse, um ihre Kompetenzen zu erweitern, so z.B. das Balancieren auf einem schmalen oder wackeligen Untergrund in der Höhe.

Die pädagogische Fachkraft verfügt über breite Materialkenntnisse und deren Einsatzmöglichkeiten in Bewegungskontexten. Um den Erfahrungsschatz des Kindes zu erweitern, stehen ihr viele bewegungsorientierte Methoden zur Verfügung. Über Bewegungsspiele, einen Bewegungsparcours, die Einbindung von Handlungen in eine Bewegungsgeschichte oder Ähnlichem kann sie den Kindern Materialien und Räume zur Verfügung stellen, die zum spielerischen Aufbau physischer Gesundheitsressourcen geeignet sind. Das Rollbrett beispielsweise hat für Kinder einen hohen Aufforderungscharakter und kann hervorragend zur spaßorientierten Förderung konditioneller und koordinativer Fähigkeiten genutzt werden. Durch die verschiedenen Fortbewegungsmöglichkeiten auf dem Rollbrett (sitzend, kniend, liegend) und durch das gegenseitige Ziehen und Schieben werden stets unterschiedliche Muskelgruppen gefordert und gekräftigt. Die Kräftigung dieser Muskelpartien während des gemeinsamen Spiels trägt einen hohen Beitrag zur Haltungsschulung und damit zu schulischen Voraussetzung der Kinder bei. Grundsätzlich sollte bei angeleiteten Bewegungsangeboten zur Gesundheitsförderung drauf geachtet werden, dass sie für Kinder erlebnisreich und mit einem hohen Aufforderungscharakter gestaltet werden. Die Bewegungsanlässe sollten stets Freude an und zur Bewegung vermitteln und an der Erfahrungs- und Erlebniswelt sowie den Bedürfnissen der Kinder ansetzen.

Ebenso wie das Bedürfnis nach Aktivität und Bewegung haben Kinder zum Ausgleich das entsprechende Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung. Um die oben genannten positiven Wirkungen von Entspannung im Kitaalltag zu begünstigen und damit psychischen Belastungen der Kinder entgegenzuwirken, kann diese von der Fachkraft bei Bedarf gezielt angeboten werden. An kindlichen Bedürfnissen orientierte Entspannungsmethoden (imaginativ, körperbezogen, kognitiv) helfen dem Kind, zur Ruhe zu kommen, sein inneres Erleben und seine Bedürfnisse wahrzunehmen, die gemachten Erlebnisse zu verarbeiten, Spannungen abzubauen, neue Energie aufzubauen und damit seine Leistungsfähigkeit zu steigern. Bei diesen Angeboten ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Bedarf nach Aktivität und Ruhe bei allen Kindern individuell ausgebildet ist und auch die Fachkraft selbst ein individuelles Bedürfnis nach Bewegung und Entspannung hat, welches von den Bedürfnissen der Kinder differenziert werden sollte. Der gesamte Alltag sollte daher abwechslungsreich und mit Rückzugsmöglichkeiten gestaltet werden.

Fazit

Durch die Förderung der Bewegungskompetenz kann im Kitaalltag ein großer Beitrag zur Gesundheitsförderung von Kindern geleistet werden. Sicheres und kompetentes Bewegungsverhalten stärkt sowohl die physischen als auch die psychischen Gesundheitsressourcen des Kindes und macht es körperlich und emotional stark für seinen weiteren Entwicklungsverlauf.

Literatur

Bahr, S./Kallinich, K./Beudels, W./Fischer, K./Hölter, G./Jasmund, C./Krus, A./Kuhlenkamp, S. (2012): Bedeutungsfelder der Bewegung für Bildungs- und Entwicklungsprozesse im Kindesalter. In: Motorik. 35, 3, S. 98 - 109.

Kopic, A. (2013): Bildende Räume - Raumgestaltung und ihre Bedeutung für Bildungsprozesse. In: Loseblattsammlung Zweijährige im Kindergarten. September. S. 15 - 24.

Fußnoten

[1] Das vom BMBF geförderte Projekt "Bewegung in der frühen Kindheit" ist ein Verbundprojekt der Universität zu Köln, der Fachhochschule Dortmund und der Hochschulen Koblenz und Niederrhein (http://www.kompetenzprofil-bik.de).