zurück nach oben

Bildungsräume wahrnehmen und effektiv gestalten

Die Gestaltung von Räumen hat eine große Bedeutung für die Selbstbildungsprozesse von Kindern. Sie löst Gefühle aus, die zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen und ist ein Faktor für die Handlungs- und Erfahrungsspielräume von Kindern. Bedürfnisse der Kinder sind die Basis für die Gestaltung einer entsprechenden Umwelt. Wie pädagogische Fachkräfte mit der Gestaltung eines Raumes auf die Bedürfnisse von Kindern reagieren können, darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Die Raumgestaltung beeinflusst das Wohlbefinden der Kinder

Die Raumgestaltung beeinflusst das Wohlbefinden der Kinder

Wenn wir als Erwachsene an Orte unserer Kindheit denken, kommen uns ganz schnell Bilder in den Sinn, die mit starken Gefühlen verknüpft sind, wie z.B. das Spielen draußen, oder Rückzug bei engen Bezugspersonen. Welche Gefühle sind es, die wir damit verbinden? Es ist das Gefühl von Freiheit und Abenteuerlust auf der einen Seite und das Gefühl von Geborgenheit und Wohlbefinden auf der anderen Seite. Freiheit und Sicherheit, diese Gefühle möchten wir den Kindern im Rahmen der zunehmend institutionalisierten Kindheit geben.

Grundbedürfnisse wie Schlafen, Essen, Rückzug, Bewegung, Gestalten, Konstruieren sind nur einige von vielen, die pädagogischen Fachkräften täglich herausfordernd begegnen. Zwei elementare und einander entgegengesetzte Bedürfnisse von Kindern sind Bewegung und Rückzug. Sie stellen in Bezug auf die Gestaltung von Räumen zwei wesentliche Eckpfeiler für die Kita dar, die es miteinander zu vereinbaren gilt. Das wichtigste Instrument für Fachkräfte ist dabei das Beobachten der Kinder. Auf diese Weise können sie sich den Bildungsprozessen der Kinder nähern und ihre pädagogische Arbeit besser auf sie und ihre Themen abstimmen. Um selbstständige Lern- und Bildungsprozesse anzuregen, sind Kinder auf die räumliche Umgebung angewiesen, die sie interessiert und ihre Neugier weckt (vgl. Schäfer 2014, S. 266).

Die Reggio-Pädagogik nimmt die Raumgestaltung als den sogenannten »dritten Erzieher« in den Blick. Neben dem Kind selbst als aktiver Konstrukteur seiner eigenen Entwicklung und dem sozialen Umfeld, macht das Kind durch eine aktive Auseinandersetzung Erfahrungen mit dem Raum, in dem es sich befindet. Diese hat großen Einfluss auf die Anregung der Sinnestätigkeit des Kindes. Schäfer hebt die Bedeutsamkeit von Räumen durch die Möglichkeit hervor, selbstständige Lern- und Bildungsprozesse anzuregen, auch wenn sich keine weiteren Menschen darin befinden (vgl. Schäfer 2014, S. 271). Er betont, dass frühkindliche Bildung zunächst ästhetische Bildung ist und meint damit alles, »was mit der sinnlichen Wahrnehmung zu tun hat« (Schäfer 2014, S. 135). Entsprechend nimmt ein Kind alles was es umgibt, mit seinen Sinnen wahr – auch den Raum.

Somit ist Raumwahrnehmung in erster Linie eine mit dem Körper gemachte Erfahrung, also Körpererfahrung. Ein Kind nimmt bereits vor der Geburt seine Umwelt vom eigenen Körper ausgehend wahr und erfährt: was ist weit oder nah, klein oder groß, weich oder hart. Mit allen Sinnen erfasst es seine Umgebung und speichert diese mit zunehmender Wiederholung als Erfahrung ab. Es macht sich sozusagen ein inneres Bild von der vorgefundenen äußeren Welt. Wie die äußere Welt strukturiert ist, hat dabei also maßgeblich Einfluss auf die innere Struktur. Für pädagogische Fachkräfte bedeutet das die Schaffung einer klaren Struktur, die dennoch Vielfalt und Flexibilität erlaubt, um einer individuellen Entwicklung gerecht zu werden.

Franz & Vollmert (2012, S. 22) unterscheiden die Begriffe Ort und Raum, indem sie Orte beschreiben als »flexible Plätze im Raum, die mit einem bestimmten Inhalt, einer Bedeutung gefüllt sind«. Räume benötigen also Orte mit unterschiedlichen Bedeutungen. In diesen Räumen beginnen Kinder den Tag, halten sich dort täglich über längere Zeit auf und finden einen ganz besonderen Platz oder ein besonderes Material, das sie in den Bann zieht. Aus diesem vertrauten Raum können sie die Umwelt erkunden, mit der Möglichkeit, immer wieder an einen sicheren Platz zurückzukehren.

Der Raum sollte über einen deutlichen Aufforderungscharakter verfügen, so dass Kinder klar erkennen können, ob es z.B. ein Raum zum Bewegen ist oder ob der Raum dazu auffordert, zur Ruhe zu kommen. Multifunktionelle Räume wie z.B. Gruppenräume, können verschiedene Betätigungsmöglichkeiten anbieten, indem sie Begrenzungen aufzeigen. Vielfältige Bereiche und klare Begrenzungen können durch das Errichten von verschiedenen Orten im Raum entstehen. Klare Begrenzungen in einem Raum können z.B. durch Teppiche, Regale oder Vorhänge (in den Raum hinein platziert) geschaffen werden, womit verschiedene Spielformen für die Kinder angeboten werden können. Auch die Decke bietet Möglichkeiten zur Begrenzung und zum Definieren von Bereichen im Raum, »insbesondere, wenn diese Linie am Boden wieder aufgegriffen wird«, z.B. durch die Verbindung von einem Baldachin mit einem Teppich oder ein Podest (Franz & Vollmert 2012, S. 15).

Die Wahrnehmung von Raum ist eine Sache der Perspektive. Wenn Erwachsene einen Raum betreten, nehmen sie ihn aus ihrer entsprechenden Größe wahr und haben meist auf Anhieb einen Überblick über den gesamten Raum. Kinder sehen den Raum aus einer ganz anderen Höhe, haben einen ganz anderen Blick auf ihn und nehmen ihn viel detaillierter wahr. Wenn also die Wahrnehmung und Gestaltung eines Raumes in den Blick genommen wird, empfiehlt es sich die Perspektive der Kinder einzunehmen.

Hinweis

Raumwahrnehmung ist

  • Körpererfahrung

  • Sinneserfahrung

  • eine Sache der Perspektive

Bewegung

Bewegung ist von Geburt an ein Grundbedürfnis des Menschen. Besonders Kinder nutzen nahezu jede Gelegenheit, bewegend ihre Umwelt zu erkunden. Je mehr motorische Fähigkeiten die Kinder in der Entwicklung bekommen, umso mehr können sie sich bewegend Räume selbstständig erschließen. Bewegung fördert jedoch nicht nur die körperliche Entwicklung des Kindes, sondern auch die geistige und seelische. Selbstwirksamkeitsprozesse stehen dabei im Fokus und begünstigen eine positive Entwicklung des Kindes. Nach Hubrig (2018, S. 15) gehören folgende Bewegungsgrundformen zur Basis einer gesunden kindlichen Entwicklung:

  • Krabbeln

  • Kriechen

  • Gehen, Laufen, Rennen

  • Steigen, Klettern

  • Von etwas, auf etwas, über etwas springen

  • Tragen, Schieben, Ziehen

  • Hängen, Schaukeln, Schwingen

  • Rutschen, Drehen, Rollen

  • Werfen und Fangen

  • Balancieren

Freier Platz und eine entsprechende Geräte- und Materialauswahl können dabei helfen, diesen Bewegungsformen nachgehen zu können. Kinder sind sehr kreativ im Nutzen von Bewegungsmöglichkeiten. Wenn eine Zweckentfremdung von Geräten, Mobiliar und sonstigem Material zugelassen wird, verwenden Kinder dieses ganz automatisch entsprechend der eigenen Wünsche und Interessen. So werden Stühle und Tische schnell zum Bauen von Buden, oder eine einfache Linie auf dem Boden zum Balancieren genutzt. Bei Tischen empfiehlt es sich zu schauen, wie viele wirklich notwendig sind, nach dem Motto ›so wenig Tische wie möglich, so viele Tische wie nötig‹.

Hinweis

Der bewegungsfreundliche Raum sollte

  • sensorische und motorische Herausforderungen anbieten,

  • freien Platz lassen,

  • so wenig Tische wie möglich, so viele Tische wie nötig platzieren,

  • unterschiedliche Ebenen anbieten,

  • entsprechende Geräte zu Ausführen der Bewegungsgrundformen anbieten,

  • Ideen der Kinder zur Nutzung zulassen.

Sich zurückziehen

Rückzug ist ein weiteres wesentliches Bedürfnis von Kindern im Kita-Alltag. Sich zurückziehen zu können stellt dabei eine wertvolle Möglichkeit für Kinder dar, Lern- und Bildungsprozesse zu festigen, Erlebtes zu verarbeiten. Rückzugsmöglichkeiten können durch die genannten Begrenzungen von verschiedenen Bereichen in Räumen geschaffen werden und durch die Errichtung von Ecken und Nischen, in denen Kinder auch mal unbeobachtet sein können. Je älter Kinder werden, desto größer ist das Bedürfnis danach, unbeobachtet zu sein. Während die jüngeren Kinder in der Kita stets die Bezugsperson im direkten Umfeld benötigen, haben die älteren Kinder die Anwesenheit dieser in ihrer Vorstellung gefestigt und können und wollen auf Basis dieses Sicherheitsgefühls ihren Radius erweitern und Orte erleben, an denen sie unbeobachtet ihrer Phantasietätigkeit nachgehen können. Kinder selber entscheiden zu lassen, wo sie spielen möchten hilft dabei, auf Basis der eigenen Interessen diesen Loslöseprozess aktiv mitzugestalten.

Kinder mögen es, das Gefühl von Rückzug zu haben und dennoch mitten im Gruppengeschehen zu bleiben. Dafür bieten sich abgetrennte Rückzugsorte im Raum, z.B. Tipis, hohe Körbe, geflochtene Iglus, verschiedene Ebenen. Diese ermöglichen jederzeit ein Blick in den Gruppenraum, sodass Kindern das Gefühl gegeben wird, alleine sein zu können und dennoch nichts zu verpassen. Kinder halten sich darüber hinaus gerne in kleinen Nischen auf, in denen sie ein gewisses Maß an Enge und so die Grenzen zwischen eigenem Körper und Umwelt erleben können.

Welche Bereiche im Raum sich für welche Spielformen eignen, kann durch die Berücksichtigung der sogenannten Laufwege der Kinder herausgefunden werden. Werden alle Türen und Fluchtwege des Raumes miteinander verbunden, sind die Laufwege der Kinder erkennbar. Innerhalb dieser Flächen eignen sich eher bewegungsorientierte Aktivitäten, hier wird ruhiges Spiel kaum möglich sein. Die anderen Bereiche können gute Plätze für ruhigere Aktivitäten bieten.

Farben und Licht

In Bezug auf Farben gilt, je kleiner der Raum, desto heller sollte er gestrichen sein. Damit das künstliche Licht besser reflektiert wird, sollten die Decken weiß sein. Wenn der Raum multifunktional benutzt wird, sollte eine Farbe gewählt werden, die allen Aktivitäten gerecht wird: Ruhe und Bewegung, Essen, Schlafen und Spielen. Bei Multifunktionsräumen bietet sich eine schlichte Gestaltung mit hellen natürlichen Farben an, sowohl für die Wände, als auch für die Böden. Dies hat eine anregende Wirkung und gleichzeitig schützt es vor visueller Überforderung. Ansonsten kann z.B. ein Ruheraum mit einem Auberginen-Ton Geborgenheit vermitteln und ein Essraum mit aprikosenfarbenen Tönen appetitanregend wirken (vgl. von der Beek 2010, S. 87). Bei der Gestaltung der Wände ist wie bei der Materialauswahl darauf zu achten, Verniedlichungen und feste Themen zu vermeiden, da sie die Flexibilität der Nutzung und die eigenständige phantasievolle Aneignung von Raum einschränken.

Licht ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität in Räumen. Tageslicht kann dabei nicht durch künstliches Licht ersetzt werden. Durch das Tageslicht werden die Sinneswahrnehmungen der Kinder anders geschärft als bei künstlichem Licht. Es steuert körperliche Vorgänge und »[…] beeinflusst die Körpertemperatur, den Stoffwechsel, den Herzschlag, die Gehirntätigkeit und die Hormonproduktion.« (von der Beek 2010, S. 88) Es ist also von großer Bedeutung, dass so viel Tageslicht wie möglich vorhanden ist. Dinge, wie Bäume vor dem Fenster oder Bilder auf den Fenstern, beeinträchtigen dabei die Effektivität vom Lichteinfall. Wenn eine ausreichende Beleuchtung mit Tageslicht nicht umsetzbar ist, so ist es wichtig darauf zu achten, dass aus dem künstlichen Licht so viel wie möglich an positiver Wirkung herausgeholt wird, wie z.B. nachträglich eingebaute Innenfenster und verglaste Türen. Gerade Türen mit Glasausschnitten haben eine positive Wirkung in Bezug auf die Transparenz zwischen den Räumen, da die Kinder durch sie hinaussehen können bzw. in den anderen Raum sehen können. Bodentiefe Fenster nach draußen bieten zudem Transparenz und Ausblick in eine natürliche Umgebung.

Hinweis

  • Selbstbildungsprozesse und Sinneswahrnehmung anregen

  • Verschiedene Spielbereiche für unterschiedliche Spielformen anbieten

  • Selbstständige Entscheidung für den Spielort zulassen

  • Vielfältige und eigenständige Verwendung von Material zulassen

  • Die Laufwege der Kinder beachten

  • Transparenz zwischen den Räumen und Ausblick in eine natürliche Umgebung schaffen (Fenster, Tageslicht)

Fazit

Die Gestaltung von Räumen hat Einfluss auf das Wohlbefinden von Kindern. Sie benötigen einen Raum, der Ihnen Freiheit und Rückzug gewährt und zur Selbsttätigkeit anregt. Für pädagogische Fachkräfte bedeutet das eine responsive Gestaltung von Umweltbedingungen, in denen sich alle Kinder zugehörig fühlen und ihre individuellen Bedürfnisse Berücksichtigung finden.

Literatur

Franz & Vollmert (2012): Raumgestaltung in der Kita. Wohlfühlräume für Kinder von 3 bis 7. München: Don Bosco.

Hubrig, S. (2018): Bewegung in der Kita. Lehrbuch für sozialpädagogische Berufe. Köln: Bildungsverlag EINS.

Schäfer, Gerd E. (2014): Was ist frühkindliche Bildung? Kindlicher Anfängergeist in einer Kultur des Lernens. Weinheim: Beltz.

Von der Beek, A.: (2010): Bildungsräume für Kinder von Null bis Drei. Weimar: das netz.