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Fremdsprache in Kitas – Förderung oder Überforderung?

Welche Aspekte für das »Lernen« einer Fremdsprache in einer Kita sind wichtig und zu beachten?

Sollten Kinder in einer Kita besser nur spielen und toben und stellt es gar eine Überforderung der Kinder dar, wenn sie bereits in so jungen Jahren mit einer Fremdsprache konfrontiert werden? Oder ist es gar eine Förderung der Kinder, wenn z.B. Englisch als Fremdsprache zum Kita-Alltag gehört?

 

Fremdsprache in Kitas

© fotolia.com bounlow-pic

Im Zuge der Bildungsdiskussion Anfang der 2000er, durch das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der Pisa Studie bedingt, entstanden bei uns Überlegungen, inwieweit wir die frühkindliche Bildung fördern und dem Anspruch nach Bildung in den Kitas gerecht werden können.

Aller Anfang ist schwer – Bildung als Belastung in Kitas oder ein Segen für die Kinder?

Neben einer Vielzahl von Diskussionen und der Einführung von Angeboten in Bereichen wie Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften etc. ergaben unsere Recherchen, dass anhand damaliger Ergebnisse der Hirnforschung festgestellt wurde, dass Kinder im Alter bis zu 6 Jahren eine erlernte Fremdsprache in der gleichen Hirnregion ablegen, wie die Muttersprache. Heute geht man sogar davon aus, dass bereits beim Überschreiten der Altersgrenze von 4 Jahren ein entscheidender Wendepunkt gegeben ist. Kommt ein Kind erst danach in den »Genuss« eine Fremdsprache kennenzulernen, wird diese nicht im neuralen Netz der Muttersprache abgelegt, sondern in einer anderen Hirnregion und muss somit neu »erlernt« werden. Darüber hinaus ist eine mehrsprachige Erziehung laut Wissenschaft als intelligenzfördernde Maßnahme zu sehen. Wer dabei früh eine Fremdsprache erlernt, hat auch Vorteile beim Erwerb der Muttersprache. Hierzu findet man Forschungsergebnisse des Linguisten Georges Lüdi, der gemeinsam mit Neuropsychologen erforschte, was dabei im Gehirn passiert.

Finanzielle Förderung oder Umsetzungswille?

Wie bei allen neuen Entwicklungen finden Sie eine Vielzahl an Menschen und Organisationen, die dies gut finden. Sobald es aber um finanzielle Unterstützungen für ihre Ideen geht, stehen Sie alleine da. Diese Erkenntnis brachte uns zu der Überlegung, dass wir bestehende Strukturen nutzen müssen, um unsere Idee zu verwirklichen. Unser Personalsystem war bis dahin so geregelt, dass neben den damals gesetzlich vorgeschriebenen 1,5 Fachkräften pro Gruppe zur personellen Ergänzung auf zwei Mitarbeiter pro Gruppe sogenannte »Nichtfachkräfte« eingesetzt wurden. Diese kamen aus den unterschiedlichsten Berufsbereichen der freien Wirtschaft und trugen über die Jahre bereits zu einer inhaltlichen Belebung in den Kitas bei. Wir beschlossen in 2004, diese Stellen in Zukunft ausschließlich mit englischsprachigen Mitarbeitern zu besetzen. Uns war klar, dass damit unsere Idee nur mittel- und langfristig umzusetzen war, aber wir waren überzeugt vom Erfolg. So wurde am 01.12.2004 die erste englischsprachige Mitarbeiterin eingestellt. Aktuell sind für 23 Gruppen in Usinger Kitas 20 Englischkräfte eingesetzt. Zusätzliche Personalkosten entstehen nicht, da es sich ja hierbei um die Besetzung bereits vorhandener Stellen handelt, die nach und nach durch englischsprachige Mitarbeiter ersetzt wurden. Jede Einrichtung hat also die Möglichkeit alle Stellen, die über der gesetzlichen Vorschrift liegen, entsprechend zu besetzen. Englischsprachige Erzieherinnen wären sicher ein Optimum. Allerdings gibt der Arbeitsmarkt dies kaum her. Die Akquise der Mitarbeiterinnen erfolgt ebenso über Ausschreibungen, wie dies bei Erzieherinnen der Fall ist.

Englisch lernen, sprechen und verstehen oder was ist Anspruch und Wirklichkeit?

Natürlich begannen sofort breite Diskussionen, wie ein »Lernkonzept« für Kinder aussehen muss, damit sie eine Fremdsprache »lernen« und es bedurfte einiger Anstrengungen die »Erwachsenen« und ihre Vorstellung von »Lernen« in ein vernünftiges Konzept für Kinder zu bringen, ohne dass es um Leistung und Leistungsdruck geht. Hier half es, dass es eine Organisation gibt, die bereits einige Erfahrungen in Kitas und Schulen gesammelt hatte. Die gemeinnützige Organisation »Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen« (FMKS) empfiehlt das Konzept der »Immersion«. Übersetzt bedeutet dies »Eintauchen«. Daher nennt man dieses Konzept auch »Sprachbad«. Hierbei wird die Fremdsprache nicht erlernt, sondern ist Begleiter im Alltag. Wichtigster Aspekt ist, dass es eben nicht darum geht einen schulischen Charakter in eine Kita zu bringen. So ist es auch in dem Koalitionsvertrag der hessischen Landesregierung verankert, dass Kitas nicht zu »verschulischen« sind. Alles geschieht beiläufig und alltagsintegriert.

Gute Noten in der Schule garantiert?

Unser Anspruch ist also nicht, dass Kinder Englisch lernen. Sie sollen den Sprachklang erfahren und mit der Sprache Erfahrungen sammeln. Die englischsprachigen Mitarbeiter begleiten den Alltag der Kinder in allen Lebenslagen ebenso wie dies Erzieherinnen tun, mit dem Unterschied, dass alles ausschließlich in Englisch geschieht. Eine Person – eine Sprache. Im Gegensatz zu wöchentlich stattfindendem Englischunterricht natürlich eine intensivere und doch spielerische Konzeption.

Das »Sprachbad« in der fremden Sprache führt dazu, dass bereits nach ca. 6 Wochen nahezu alle Kinder sehr gut und genau verstehen, was die Kollegin mit ihnen kommuniziert. Die Kinder haben jederzeit die Möglichkeit, sich der Situation zu entziehen, wenn sie sich überfordert fühlen. Angestrebt ist, dass immer eine deutschsprachige Kollegin in der Nähe ist und das Gesprochene auf Deutsch wiederholt. Es zeigt sich aber, dass eine Vielzahl der Kinder bereits nach einigen Monaten in der Lage ist nicht nur zu verstehen, sondern auch in Englisch zu antworten. Dabei wird nicht auf korrekte Grammatik oder Aussprache geachtet. Eine Korrektur der Sprache findet nicht statt. Falsch gesprochene Dinge werden in einer Antwort korrekt formuliert. Englisch begleitet den Alltag der Kinder durch Lieder im Morgenkreis, Reime und Geschichten im Tagesverlauf. Unterhaltungen bei Frühstück und Mittagessen gehören ebenso zum Alltag, wie Englisch beim Spielen, Toben und Turnen. Ob dies letztendlich dazu führt, dass Kinder später bessere Noten oder Lernvoraussetzungen in der Schule haben spielt für uns in diesem Konzept keine Rolle und ist nicht Triebfeder des Angebotes.

Vorteile eines frühen Fremdsprachenerwerbs

  • Früher Fremdsprachenerwerb erleichtert das Lernen mehrerer Sprachen
  • Von einer früh gelernten Fremdsprache profitiert auch die Muttersprache
  • Fremdsprachenerwerb als intelligenzfördernde Maßnahme
  • »Immersion« als Erfolgsrezept beim Spracherwerb

Migration als Hemmschuh für eine Fremdsprache?

Den anfänglichen Bedenken von Eltern in Kitas mit hohem Migrationsanteil, dass eine weitere Sprache eine Überforderung der Kinder darstellt und das Lernen der deutschen Sprache behindert wird, wurde Rechnung getragen und das Angebot wurde zunächst nur mit einer Mitarbeiterin in der damals noch gegebenen halb offenen Gruppenstruktur in einer »Gruppe« angeboten. Somit war es für alle Kinder einfach möglich, sich der Situation zu entziehen, falls sie sich überfordert fühlen. Da aber auch von den Eltern sehr schnell festgestellt wurde, dass es sich nicht um eine Überforderung der Kinder handelte, wenn diese noch keine ausreichenden Deutschkenntnisse besaßen, wurde das Angebot entsprechend ausgeweitet und weitere englischsprachige Mitarbeiterinnen eingestellt. Dies hatte und hat den positiven Nebeneffekt, dass nun nahezu alle Kinder gemeinsam eine neue Sprache erleben und somit ein Verständnis für fremde Sprachen und Kulturen gefördert wird. Eine fremde Sprache gemeinsam zu erfahren schafft Solidarität und fördert Sozialverhalten.

Fremdsprachenexperten in Usingen oder alles ohne Ergebnis?

Inwieweit unsere Kinder von diesem Angebot profitieren und dies ihre schulische Laufbahn verbessert ist nicht wissenschaftlich evaluiert. Eine Vielzahl von Anekdoten aus Kitas und Familien zeigt aber, dass die Kinder offensichtlich durchaus davon profitieren. Ob sie ihren älteren Geschwistern bei den Hausaufgaben behilflich sind oder ihren Eltern übersetzen und erklären zeigt, dass durchaus Erfolge zu vermerken sind. Sicher wäre eine Evaluierung wünschenswert. Jedoch stehen die Kosten für eine solche Maßnahme in keinem Verhältnis zu den erwarteten Ergebnissen. Da wir nicht den Anspruch verfolgen, dass Kinder in Kitas Englisch »lernen« reichen uns die allgemeinen wissenschaftlichen Aussagen und unsere gemachten Erfahrungen über die Vorteile einer bilingualen Erziehung völlig aus.

Ist es nicht viel wichtiger, Deutsch zu lernen?

Mittlerweile wurde zudem eine türkischsprachige Mitarbeiterin eingestellt. In unserer Kita mit einem Migrantenanteil von über 80% ein wirklicher Gewinn. Auch und vor allem in der Kommunikation mit Eltern. Der Vorteil ergibt sich aus den Erfahrungen im englischsprachigen Bereich. Hier zeigt sich, dass Kinder ohne Deutschkennnisse, die aber englischsprachig sind, sich sehr viel willkommener und angenommener fühlen, als dies üblicherweise der Fall ist. Sie haben von Anbeginn an die Möglichkeit, sich einzubringen und verständlich zu machen. Dies behindert aber nicht den Erwerb der deutschen Sprache. Da der größte Anteil unsere Kinder mit Migrationshintergrund türkischer Abstammung ist, war es naheliegend dieses Angebot einzuführen.

Auch und vor allem auf dem Hintergrund, dass nur der korrekte Erwerb der Muttersprache auch die Voraussetzung bietet, Fremdsprachen gut zu lernen. Da in unseren Kitas mittlerweile im Zuge der offenen Konzepte Kinder die gesamte Einrichtung als Lern- und Erlebnisort nutzen, haben alle Kinder Zugang zu den Sprachkräften. Aber nicht nur für Kitas mit hohem Migrationsanteil ist die bilinguale Erziehung von Vorteil. Das Angebot hat über die Jahre dazu geführt, dass Sprache an sich in den Vordergrund in Kitas gerückt ist. Mittlerweile hat daher die Sprachförderung auch in Deutsch einen besonderen Stellenwert erlangt und wird durch viele Konzepte, angelehnt an die Immersion, in den Alltag integriert. Diese »Alltagsintegrierte Sprachförderung« zeigt deutliche Erfolge auf. Hiervon profitieren alle Kinder, nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund.

Fazit

Der frühe Fremdsprachenerwerb bietet allen Kindern Vorteile und eine Überforderung ist nicht zu erkennen. Er stärkt das Selbstbewusstsein aller Kinder und fördert das soziale Miteinander. Die Begeisterung der Kinder ist ungebrochen und skeptische Eltern erkennen sehr schnell, dass es ihren Kindern Freude bereitet, eine fremde Sprache zu lernen. Wobei das »Lernen« in der Interpretation von Erwachsenen keine Rolle mehr spielt, sondern »Immersion« als überzeugendes Konzept erkannt wird. Wirklich »erfolgreich« kann ein solches Konzept aber nur funktionieren, wenn der nahtlose Übergang zur Schule gelingt. Nur wenn bereits ab 1. Klasse Englisch als Unterricht angeboten wird, kann sich das Erlernte auch verfestigen. Leider ist es uns noch nicht gelungen, unsere beiden Grundschulen zu überzeugen. Lediglich in einer unserer Grundschulen wird durch Eltern und dem Förderverein der Schule für die 1. und 2. Klasse ein Angebot mit Native-Speakern vorgehalten. Ein Erfolg, der zeigt, dass Eltern überzeugt von diesem Angebot sind.