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Kommunikation mit Kindern gestalten

Die Kindergartenlandschaft hat sich in den letzten 10 Jahren sehr stark entwickelt und es haben zahlreiche Veränderungen stattgefunden. Das Platzangebot vieler Kindertagesstätten wurde stark ausgebaut. Viele Einrichtungen wurden um Krippenplätze erweitert. Im Rahmen dieses quantitativ orientierten Ausbaus von Betreuungsplätzen, der auch bis heute noch nicht abgeschlossen ist, rückten Rahmenanforderungen wie die personelle Ausstattung von Kindertagesstätten in den Mittelpunkt. Dies birgt jedoch die Gefahr, dass die entscheidende Zielgruppe, nämlich die Kinder selbst, in den Hintergrund rückt.

Mit Bildern intensiv wahrnehmen

Mit Bildern intensiv wahrnehmen

In vielen Kindertagesstätten sind Begriffe wie Partizipation oder auch Kindermitbestimmung fest verankert und ein wesentlicher Bestandteil pädagogischer Konzeptionen. Viele frühkindliche Einrichtungen verweisen zudem auf konkrete Handlungsinstrumente wie ein Beschwerdemanagement für Kinder. Jeder dieser Begriffe betont das Recht von Kindern auf Teilhabe, Beteiligung und nicht zuletzt auch auf Mitbestimmung hinsichtlich der Alltagsgestaltung der Kindertagesstätte. Dazu bedarf es eines Meinungsaustausches zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften, der es allen Beteiligten ermöglicht, Gefühle und Meinungen auf Augenhöhe auszutauschen. Doch wie kann dieser Meinungsaustausch, der Diskurs mit Kindern ausgestaltet werden? Was bedeutet der Begriff »Diskurs« in der pädagogischen Arbeit mit Kindern? Welche Rolle kommt den pädagogischen Fachkräften zu? Wie kann der Austausch methodisch und didaktisch gestaltet werden?

Im Folgenden wird zunächst der Begriff »Diskurs« kurz erläutert und seine Relevanz für die Arbeit mit Kindern im Elementarbereich verdeutlicht. Im Anschluss daran werden die Rolle der pädagogischen Fachkraft sowie die diskursive Bilderbuchbetrachtung als konkretes Praxisbeispiel diskursiver Arbeit mit Kindern dargestellt.

Der »Diskurs« mit Kindern – eine neue Form der Kommunikation?

Der Begriff Diskurs mag Ihnen als pädagogische Fachkraft und Leser/in dieses Artikels etwas sperrig erscheinen. Ja, vielleicht denken Sie auch: »Was ist das denn wieder für ein neues Modewort?« Zugegeben, der Begriff Diskurs erscheint zunächst wenig geeignet für die pädagogische Praxis, denkt man dabei doch eher an politische Diskussionsrunden oder Debatten, wie man sie beispielsweise aus Talksendungen in Radio und Fernsehen kennt.

Das deutsche Substantiv »Diskurs« lässt sich vom lateinischen Wort »discursus« ableiten, was übersetzt so viel bedeutet wie »Erörterung« oder »Mitteilung« oder auch als Abhandlung, Unterhaltung oder Erklärung übersetzt werden kann (o. A. Duden). Noch alltagsorientierter kann darunter allerdings auch eine Unterhaltung oder ein Streitgespräch verstanden werden.

Diese Begriffsklärung macht deutlich, dass der Begriff Diskurs nicht nur politisch und wissenschaftlich geprägt ist, sondern auch einen alltagsbezogenen Charakter besitzt. Doch was bedeutet dieser Begriff konkret für den Alltag in Kindertagesstätten? Aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive wird der Diskurs als ein auf Sprache basierender Austausch über die Empfindung von Wirklichkeit benannt (vgl. Keller/Hirseland/Schneider et. al. 2006, S. 7). Dieses sozialwissenschaftliche Verständnis verdeutlicht, dass der Diskurs wesentlich mehr darstellt als eine bloße Unterhaltung. Vielmehr unterstreicht der Diskursbegriff die Notwendigkeit eines vertiefenden Dialogs, der Lust am gemeinsamen Gespräch und ein Interesse an der Meinung des anderen impliziert.

In fast allen Konzeptionen im Elementarbereich wird die Individualität unter Berücksichtigung der Interessen des einzelnen Kindes betont. Doch um dem Anspruch auf Teilhabe und Beteiligung aller Kinder ausreichend Rechnung tragen zu können, bedarf es eines tiefergehenden Dialoges, eines Diskurses mit den Kindern. In einem vertiefenden Diskurs mit einer Gruppe von Kindern werden andere, tiefergehende Fragestellungen in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit gestellt, als dies bei einem Dialog mit einem einzelnen Kind der Fall sein mag. Was bewegt Kinder in ihrer Lebenswelt? Mit welchen Augen betrachten Kinder ihre Welt? Welche Gefühle und Emotionen bewegen Kinder? Fühlen sich Kinder in ihrer Kindertagesstätte ausreichend beteiligt? Dies sind nur einige Fragestellungen, die exemplarisch verdeutlichen sollen, dass der Diskurs mit Kindern im pädagogischen Praxisfeld sehr relevant ist.

Betrachtet man den Diskurs aus dieser Perspektive heraus, so macht er Gespräche mit Kindern noch nachhaltiger und schafft für alle Beteiligten eine neue und vertiefende Lern- und Erfahrungswelt. Einen Diskurs mit diesem Verständnis zu führen, birgt die große Chance, einen vertiefenden Einblick in die Lebenswelt der beteiligten Kinder zu bekommen und somit dem Anspruch einer individualisierten, am Kind orientierten Perspektive näher zu kommen.

Die Bedeutung der pädagogischen Fachkraft

Die pädagogische Fachkraft ist im Rahmen der diskursiven Bilderbuchbetrachtung der/die Begleiter/in für den Diskurs. Sie fungiert als Gestalter/in des Gesprächsprozesses. Was zunächst eher marginal erscheinen könnte, ist in Wirklichkeit elementar und beeinflusst den Diskurs und die Qualität der getätigten Äußerung ganz entscheidend (vgl. Nentwig-Gesemann/Köhler 2011, S. 24). Denn gerade das Interaktionsgeschehen unter den Kindern wirkt sich in einer besonderen Art und Weise stimulierend auf kindliche Handlungs- und Denkprozesse aus (vgl. Remsperger-Kehm 2016, S. 157). Die Fachkraft ist dafür verantwortlich, durch unterschiedliche Fragen an die Kinder immer wieder neue Erzählanreize zu bieten. Dabei sind sogenannte W-Fragen (Was-, Wo- und Warum-Fragen) eine gute Unterstützung, um Kinder zum selbstständigen Erzählen anzuregen (vgl. Hering 2018, S. 193).

Doch die Rolle der Fachkraft ausschließlich darauf zu begrenzen, den Erzählfluss der Kinder nicht abbrechen zu lassen, ist dabei sicherlich zu kurz gedacht. Denn um den Diskurs mit den Kindern zu befördern, bedarf es vor allem einer empathischen Grundhaltung und eines damit verbundenen, wirklichen Interesses. »Vorlesen bringt Inhalte nahe, bewegt etwas im Inneren des Kindes« (Hering 2018, S. 7). In einen Diskurs mit Kindern zu treten, kann uns die Tür zu etwas öffnen, was sonst oftmals im verborgenen bleibt, nämlich die persönlichste Lebenswelt des einzelnen Kindes mit all seinen Emotionen und Gefühlslagen.

Das Bilderbuch als Zugang zur kindlichen Lebenswelt

Das am Institut für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit I Rheinland-Pfalz durchgeführte Forschungsprojekt Qualitätsentwicklung im Diskurs – In Vielfalt stark werden unterstützt pädagogische Teams dabei, die Qualität der pädagogischen Arbeit unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Vielfaltsdimensionen weiterzuentwickeln. Im Rahmen der Ansatzentwicklung war es für die Weiterentwicklung wichtig, unterschiedliche Perspektiven in Bezug auf den Umgang mit Vielfalt in Kindertageseinrichtungen zu erhalten. In diesem Zusammenhang wurden auch Gruppengespräche mit Kindern aus einer integrativen Kindertagesstätte geführt.

Als Zugang zur kindlichen Lebenswelt war es für das Gruppengespräch bedeutsam, ein Buch auszuwählen, das Vielfalt und Andersartigkeit aus einer allgemeinen Perspektive heraus thematisiert und keine einzelnen Vielfaltsmerkmale wie Migrationshintergrund oder Beeinträchtigung herausgreift.

Das Bilderbuch »Irgendwie Anders« von den Autorinnen Kathryn Cave und Chris Riddel thematisiert für Kinder Andersartigkeit und Ausgrenzung aus einer sehr allgemeinen Perspektive. Zugleich beschreibt es auch sehr anschaulich die divergenten emotionalen Gefühlslagen, in denen sich die beiden Hauptprotagonisten befinden. Durch das immer wiederkehrende Sprachmuster »Du bist nicht wie wir – du bist irgendwie anders« werden in dem Werk immer wieder die Ausgrenzung und die damit verbundenen Gefühle für das Gegenüber betont. Mit dieser für Kinder sehr nachvollziehbaren Darstellung und den mit Andersartigkeit oftmals verbunden Ausgrenzungstendenzen ist das Buch »Irgendwie Anders« ein guter Türöffner, um den Diskurs mit Kindern zum Thema Vielfalt und Andersartigkeit zu initiieren.

Doch was ist nun die Methode der diskursiven Bilderbuchbetrachtung? Iris Nentwig-Gesemann und Luisa Köhler (2011) pointieren den Grundgedanken dieser Methode sehr treffend: »Durch die diskursive Bilderbuchbetrachtung werden die Kinder zum freien Ausdruck angeregt und kommen nach und nach zu einem selbstläufigen Erzählfluss.« Zum Einstieg war das Buch mit seiner Geschichte der zentrale Gesprächsgegenstand. Im Prozess des Vorlesens orientierten sich die Fragen sehr stark an der Handlung des Buches und der emotionalen Gefühlswelt der beiden Protagonisten. Im Verlauf des Vorlesens entstand zunehmend ein Gespräch unter den Kindern selbst. Durch offene Fragen an die Kinder wie »Habt ihr denn im Kindergarten erlebt, dass ein Kind nicht mit euch spielen wollte?« und »Wie habt ihr Euch dann gefühlt?« wurde der Gesprächsfluss der Kinder immer wieder angeregt und das Gruppengespräch moderiert. Spannend war dabei, zu beobachten, wie das Buch als Gesprächsgrundlage zunehmend in den Hintergrund trat und die Kinder stattdessen ihre Lebens- und Erfahrungswelt in den Vordergrund rückten. So äußerte ein Kind beispielsweise seine Erfahrungen mit Ausgrenzung wie folgt: »Der Nachbarsjunge hat gesagt, mit Walky Talkies darf man nur spielen, wenn man cool ist«. Auf die Frage, wie es ihm damit ging, antwortete er nur kurz: »Blöd«. Doch was ist daran das diskursive Element?

Diese ausschnitthaften Äußerungen eines 5-jährigen Kindes machen deutlich, dass Kinder Ausgrenzung aus ihrer Lebenswelt kennen und dass diese allgegenwärtig ist. Im Gesprächsverlauf nahmen die Kinder in ihren Äußerungen Bezug aufeinander. Genau dieses Aufeinander-Bezug-Nehmen ist als Merkmal des Diskurses zu betrachten, der durch die diskursive Bilderbuchbetrachtung als Methode besonders unterstützt wird (vgl. Nentwig-Gesemann/Köhler 2011, S. 22 f.). Dabei zeigte sich im Gesprächsverlauf, dass alle Kinder Erfahrung mit Ausgrenzung in der Kindertagesstätte und auch im familiären Umfeld haben.

Nicht zu vergessen ist dabei, welche enorme Transferleistung die Kinder an dieser Stelle erbracht haben. Denn schließlich mussten sie die Gefühlswelt der Protagonisten im Buch auf die eigene Lebenswelt übertragen und dies dann sprachlich umsetzen und in den Kontext anderer Äußerungen bringen.

Gelingt es den pädagogischen Fachkräften in Kindertagesstätten, einen Diskurs mit Kindern zu initiieren, der in das freie Gespräch, den vertiefenden Austausch mit Kindern mündet, dann öffnet sich eine spannende Tür zur Lebenswelt der Kinder. Pädagogische Fachkräfte und Kinder bekommen die große Chance, die Perspektive des Gegenübers kennenzulernen. Die Methode der diskursiven Bilderbuchbetrachtung hat somit einen großen Mehrwert für die pädagogische Praxis und bietet viele ungeahnte Momente mit Kindern.

Fazit

Im Rahmen der Diskussion um Qualität und die Implementierung von Qualitäts- und Beschwerdemanagementprozessen, die unbestritten von elementarer Bedeutung für die Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes der Kindertagesstätten sind, dürfen wir das vertiefende Gespräch mit Kindern nicht in den Hintergrund rücken lassen, sondern sollten es vielmehr noch intensivieren – ganz besonders vor der Fragestellung der Qualität der frühkindlichen Bildung. Die diskursive Bilderbuchbetrachtung als Methode bietet dazu eine gute Möglichkeit und gibt pädagogischen Fachkräften und Kindern die Gelegenheit, sich selbst und das Gegenüber neu zu entdecken und anders wahrzunehmen.

Literatur

Hering, J. (2018) (Hrsg.): Mit dem Herzen beim anderen. Empathie im Bilderbuch. Betrifft Kinder extra. Weimar: Verlag das netz.

Hering, J. (2018): Kinder brauchen Bilderbücher. Erzählförderung in Kita und Grundschule. 2. Auflage. Seelze: Kallmeyer in Verbindung mit Klett.

Keller, R., Hirseland, A., Schneider, W., Viehöver, W. (Hrsg.). Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band 1: Theorien und Methoden. 2. Auflage.

Nentwig-Gesemann, I., Köhler, L. (2011): Erzählkultur. Die diskursive Bilderbuchbetrachtung. Kindergarten heute, 2011 (2), S. 22–25.

Remsperger-Kehm, R. (2016). Stimulation als Komponente sensitiver Responsivität in der ErzieherInnen-Kind-Interaktion. Frühe Bildung Interdisziplinäre Zeitschrift für Forschung, Ausbildung und Praxis. Schwerpunkt Frühe musikalische Bildung. 2016 (5) 3, S. 157–166.