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Krippenkinder bei der Entwicklung einer toleranten Geschlechtsidentität begleiten

Kinder kommen nicht einfach als Kind in die Krippe, sondern zugleich auch als Junge oder Mädchen. Aufgrund ihres biologischen Geschlechts werden sie von den pädagogischen Fachkräften unterschiedlich wahrgenommen und es wird unterschiedlich mit ihnen umgegangen. Dieses beschränkt beide Geschlechter beim Aufbau einer toleranten Geschlechtsidentität.

Geschlechtersensible Erziehung in der Kita

© fotovika

Die Geschlechtsidentität ist ein Teil der Ich-Identität des Kindes. Bei der Geschlechtsidentität geht es um die Fragen »Wie sehe ich mich als Junge? oder Mädchen?« und »Wie sehen mich die anderen als Junge oder Mädchen?« Diese Fragen müssen im Laufe des Lebens aufgebaut und immer wieder den unterschiedlichen Lebensphasen angepasst werden. Das Selbst- und Fremdbild müssen stimmig sein, damit das Kind eine gesunde Geschlechtsidentität hat. Der Aufbau der Geschlechtsidentität ist ein aktiver Bildungsprozess eines jeden Kindes. Wesentlich dabei sind die individuellen Erfahrungen, die jedes Kind mit seiner Geschlechtsrolle macht. Diese beginnen von Geburt an, wenn beispielsweise die erste

Säuglingskleidung für den n blau und für ein Mädchen rosa ist. (Vgl. Hubrig, 2010, S. 42) Eine wesentliche, beeinflussende Sozialisationsinstanz beim Aufbau der Geschlechtsidentität im Kleinkindalter ist neben der Familie die Kinderkrippe.

Kleinkinder wissen schon viel über ihre Geschlechtsidentität

Was wissen Kinder im Krippenalter (unbewusst oder bewusst) von ihrer Geschlechtsidentität und die der anderen? Bereits bevor das Kind selber benennen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, kann es Unterschiede zwischen Männern und Frauen wahrnehmen. So haben Wissenschaftler/innen beobachtet, dass Kinder ab dem 3. Lebensmonat (und spätestens bis zum 6. Lebensmonat) in der Lage sind, weibliche von männlichen Stimmen zu unterscheiden. Im Alter von 9 Monaten bis zum 1. Lebensjahr, können sie männliche und weibliche Gesichter differenzieren und auch geschlechtsbezogen Stimmen den Gesichtern zuordnen. Es wurde beobachtet, dass Kinder mit 10 bis 14 Monaten bei ihnen vorgespielten Filmen, länger die Kinder betrachteten, die das gleiche Geschlecht hatten wie sie selbst. Kurz vor ihrem dritten Geburtstag sind Kinder in der Lage männlich und weiblich zu unterscheiden. Sie können, gemäß der gesellschaftlichen Erwartungen, Gegenstände sowie Verhaltensweisen in die Kategorien »für Jungen und Männer« und »für Mädchen und Frauen« sortieren. Dabei ziehen die Kinder insbesondere visuellen Merkmale zur Hilfe, wie Kleidung oder Schminke. Auch ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit können sie spätestens mit 3 Jahren einordnen (das sogenannte Geschlechtsbewusstein). Vor diesem Alter, also im »besten Krippenalter«, nehmen die Kinder die Unterschiede von Jungen/Männern und Mädchen/Frauen eher unbewusst wahr. Mädchen und Jungen lernen durch Beobachtung ihrer Umwelt und Erfahrungen mit den Mitmenschen, was als männlich und was als weiblich gilt. Kinder im Krippenalter haben noch nicht das Verständnis dafür, dass ein Mädchen lebenslang weiblich und ein Junge lebenslang männlich ist (die sogenannte Geschlechterkonstanz). Sie sind noch der Auffassung, dass sie ihr Geschlecht, beispielsweise durch Verkleiden, tatsächlich wechseln können. (Vgl. Trautner 2002, S. 657) Dieses ändert sich mit dem Bewusstsein der Geschlechterkonstanz, die sie im Laufe des Kindergartenalters erreichen.

Geschlechterrollenbilder sind schon in der Krippe maßgeblich

Ist das Kind ein Junge oder ein Mädchen? Für die meisten Menschen ist es wichtig, zu wissen, ob der Mensch mit dem sie zu tun haben, männlich oder weiblich ist. So möchte auch die pädagogische Fachkraft wissen, ob das ihr anvertraute Kind ein Junge oder ein Mädchen ist. Dieses Wissen schafft (oft unbewusst) eine Orientierung im Umgang miteinander und beim Interpretieren der kindlichen Tätigkeiten und Äußerungen.

Entsprechend dem gesellschaftlichen Geschlechterrollenklischee werden Mädchen und Jungen geschlechtsspezifische Vorlieben, Abneigungen, Fähigkeiten, Schwächen oder auch Charaktereigenschaften zugeschrieben. So wird die pädagogische Fachkraft der kleinen Laura möglicherweise zuerst das »Zeichen« mit dem Schmetterling oder dem Pony an ihrem ersten Krippentag anbieten und davon ausgehen, dass es diese schöner findet, als das Bild vom Bagger oder vom Dinosaurier. Oder Erwachsene schätzen (bewusst oder unbewusst) grobmotorische Fähigkeiten von Jungen besser ein als die von Mädchen, unabhängig der tatsächlichen Leistung.

Es gibt Studien, in denen das Verhalten Erwachsener gegenüber Babys untersucht wird, die verdeutlichen, dass Menschen Jungen und Mädchen unterschiedlich behandeln. Dem Erwachsenen wurde das Baby einmal als Junge und (dasselbe Baby) ein anderes mal als Mädchen vorgestellt. Entsprechend dem genannten Geschlecht wurden die Reaktionen des Babys unterschiedlich bewertet. So wurde das Weinen des »männlichen« Babys als Ärger eingeordnet, während das Weinen des »weiblichen« Babys als Angst interpretiert wurde.

Maßgeblich bei den Interpretationen und Andichtungen sind die typischen gesellschaftlichen Rollenbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit in unserer Gesellschaft.

Den Aufbau einer toleranten Geschlechtsidentität unterstützen

Der Aufbau einer toleranten Geschlechtsidentität beinhaltet, dass den Kindern keine klischeehaften, einengenden Geschlechterrollen aufgedrängt werden. Jedes Kind sollten sich die Fähigkeiten, Vorlieben und Charaktereigenschaften zu Eigen machen, die zu ihm passen und diese auch leben können. Wenn der 2-jährige Paul beispielsweise in einem luftigen Kleid in die Krippe kommt, weil es ihm an den Beinen angenehm ist, so sollte er das auch leben können. Dieses bedeutet: Ohne ein Belächeln oder ohne Kommentare wie »Bist du heute eine Paula, Paul?« Das Kind spürt, ob die pädagogische Fachkraft sein Verhalten nur toleriert oder auch wirklich akzeptiert.

Um eine Geschlechtsidentität, die dem jeweiligen Kind tatsächlich entspricht, aufbauen zu können, sollten die Mädchen und Jungen vielfältige Möglichkeiten kennenlernen, wie die Rolle als Mädchen/Frau und als Junge/Mann ausgestaltet werden kann. So sollten sie beispielsweise erleben, dass sowohl weibliche als auch männliche Fachkräfte mit ihnen raufen, sie trösten, ihnen ein neues Lied vorsingen, das neue Regal im Gruppenraum aufbauen oder den Bollerwagen den Berg hinauf ziehen. Durch diese alltäglichen Beobachtungen und Erlebnisse, können sie sich das »heraussuchen«, was stimmig für sie ist. Leider mangelt es in der Krippe an männlichen Fachkräften. Da die authentische Erzieherin keinen Mann verkörpern kann, sollte sie darauf hinarbeiten, dass Väter aktiv in die Gruppe miteinbezogen werden und dass verschiedene Männerrollenbilder in den Bilderbüchern auftauchen (z.B. Wimmelbücher, in denen ein Kinderwagen auch von einem Mann geschoben wird).

Junge oder Mädchen?Die meisten pädagogischen Fachkräfte sind der Meinung, dass sie Jungen und Mädchen gleich behandeln, denn alle Kinder haben denselben Zugang zu den Spielmaterialien und nehmen gemeinsam an Angeboten teil. Für Jungen und Mädchen gelten dieselben Regeln. Bei genauem Hinschauen wird allerdings deutlich, dass dieser Schein trügt. Die bewussten und unbewussten Interaktionen zwischen pädagogischer Fachkraft und Jungen oder Mädchen unterscheiden sich. So werden Mädchen oftmals schneller zur Vorsicht ermahnt als Jungen. Oder die Schönheit eines Mädchen wird eher hervorgehoben, als die eines Jungen. Um diesen »Fallen« auf die Spur zu kommen, müssen sich pädagogische Fachkräfte permanent hinsichtlich ihres geschlechtsspezifischen Verhaltens und Kommunizierens reflektieren und sich eine geschlechtsbewusste innere Haltung erarbeiten. So kann sie vorbeugen, dass sie keine einengenden Rollenklischees unbewusst auf die Jungen und Mädchen überträgt. Beispielsweise wird eine reflektierte pädagogische Fachkraft bewusst darauf achten, dass sie dem weinenden Valentin nicht nur der Spielzeugkran oder den Kipplaster zum Ablenken anbietet, sondern beispielsweise auch den »glitzernden Zauberstab«. Valentin wird höchstwahrscheinlich außerhalb der Krippe sowieso den Zugang zu Baustellenfahrzeugen und anderen von Männern dominierten Gegenständen haben. In der Krippe sollte er – nach dem Prinzip der ausgleichenden Erziehung – auch andere Erfahrungen machen dürfen. Die eingeengten geschlechtsspezifischen Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die auch im Kleinkindalter auf Mädchen und Jungen einwirken, können damit erweitert werden. Gesellschaftlich »weibliche« Verhaltensweisen, zum Beispiel das Pflegen einer Puppe, ist dabei genauso (erstrebens-)wert wie »männliche« Verhaltensweisen, etwa auf einen Baum klettern.

Pädagogische Fachkräfte sollten sich bewusst machen, in welchen Situationen sie unterschiedliche Erwartungen an Jungen oder Mädchen haben. So sollten sie beispielsweise darauf achten, ob sie bei Streitereien (un)bewusst erwartet, dass das Mädchen nachgibt und der Junge sich durchsetzt. Werden die Jungen genauso zum Aufräumen motiviert wie die Mädchen? Wird das weinende Mädchen im gleichen Maße wie ein weinender Junge getröstet? Liegt ihre Toleranzschwelle beim Kreischen eines Mädchens genauso wie beim Kreischen eines Jungen? Werden Jungen genauso schnell zur Ruhe ermahnt wie Mädchen?

Zudem sollte die pädagogische Fachkraft stets reflektieren, ob sie die Tätigkeiten und Verhaltensweisen der Kinder geschlechtsspezifisch interpretiert. Nutzt ein Mädchen etwa einen Bauklotz als Handy, so könnte sie entsprechend dem Klischee des weiblichen Rollenbildes interpretieren, dass das Mädchen später den ganzen Tag am Telefon hängen wird und mit ihren Freundinnen quatscht. Einem Jungen wird in einer solchen Situation möglicherweise unterstellt, dass er sich schon früh mit der Technik auseinandersetzt.

Fazit

Jungen und Mädchen werden von den pädagogischen Fachkräften unterschiedlich wahrgenommen und es wird unterschiedlich mit ihnen umgegangen. Um Kinder in der Krippe beim Aufbau einer stimmigen Geschlechtsidentität zu unterstützen, ist eine sich stets reflektierende pädagogische Fachkraft und ihre geschlechtsbewusste, pädagogische Haltung unabdingbar. So werden keine Geschlechterrollenklischees unbewusst an die Jungen und Mädchen weitergegeben und die Kinder haben die Möglichkeit, eine tolerante Geschlechtsidentität aufzubauen.

Literatur

Hubrig, Silke (2010): Genderkompetenz in der Sozialpädagogik. Troisdorf, Bildungsverlag EINS.

Trautner, Hanns Martin (2002): Entwicklung der Geschlechtsidentität, in: Entwicklungspsychologie, 5. Auflage, hrsg. Von Ralf Oerter/Leo Montada, Weinheim/Basel, Beltz Verlag.