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Partizipation – Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern in der Kindertagesstätte

Das Thema Partizipation ist gefragter denn je – die Beteiligung von Kindern gehört vielerorts in der Kindertagesstätte ganz selbstverständlich dazu. Fest verankert, nach klaren und transparenten Handlungsweisen ist sie zumeist jedoch noch nicht. Entscheidend für gelingende Partizipation ist eine Grundhaltung für Beteiligungsprozesse, die Kinder als Experten in eigener Sache anerkennt und ihnen ermöglicht, ihre Interessen und Wünsche überall dort einzubringen, wo es um ihre Belange geht.

 

Partizipation von Kindern in der Kita

© iostephy.com

Die Orte und Einrichtungen der Kindertagesbetreuung haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einer bedeutenden Sozialisationsinstanz entwickelt. Die Kinder in diesen Einrichtungen bringen sehr viele Partizipationsbedürfnisse und Partizipationskompetenzen bereits mit.

Jungen und Mädchen, Kinder unterschiedlichen Alters vom Krabbel- bis zum Vorschulkind, Kinder mit und ohne Handicaps, Kinder mit unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen, mit verschiedenen familiären Bildungshintergründen – solch eine Vielfalt findet sich kaum in einer anderen pädagogischen Institution.

Die Einbeziehung der Kinder in die Gestaltung des Alltags der Kindertageseinrichtung und der Kindertagespflege leitet sich u.a. auch aus entsprechenden Landesgesetzgebungen ab.

„Die Kinder sollen ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand entsprechend bei der Gestaltung des Alltags in der Kindertageseinrichtung mitwirken. Sie sind vom Träger und der Leitung der Kindertageseinrichtung sowie von den für die pädagogische Arbeit in den Gruppen zuständigen Fachkräften bei allen sie betreffenden Angelegenheiten nach Maßgabe des Satzes 1 zu beteiligen. Dies gilt entsprechend für die Kindertagespflege.“1  

Gelingende Partizipation ist voraussetzungsvoll

Um eine partizipative Kultur in Kindertagesstätten zu verankern, braucht es die Berücksichtigung drei grundlegender Aspekte.

Einerseits muss die bisherige Haltung reflektiert werden, denn nur wenn alle Beteiligten hinter dem Partizipationsgedanken stehen, ist eine Umsetzung auf vielschichtigen Ebenen möglich. Die partizipative Haltung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die daraus resultierenden Handlungsweisen sollten durch die Einrichtung schriftlich festgelegt sein. Dabei ist es wichtig, dass diese einrichtungsspezifische Ausrichtung auch den Eltern bekannt ist und diese sehr genau wissen, wie Beteiligung in der Kindertagesstätte umgesetzt wird. Eltern wollen wissen, ist Beteiligung in der Ausgestaltung der Räume oder des Tagesablaufs oder in der Mitbestimmung und Mitsprache der Mahlzeiten gemeint. Es gibt eine Vielzahl von Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern im Alltag, die Kinder bewusst wahrnehmen, schätzen und ernstnehmen. Sie aber auch motivieren, diese Erfahrung in den Alltag der Familie, in ihr soziales Umfeld ebenso zu implementieren. Daher können und sollen diese Prozesse für die Kinder und die Erzieher, aber auch für Eltern transparent sein, um sich in der Ausgestaltung dieses Rechtes des Kindes abzustimmen und auch zu bestärken.

Andererseits ist es dabei aber auch wichtig, bisherige Regeln auf den Prüfstand zu stellen. Regeln und Grenzen ermöglichen das Miteinander in der Kindertagesstätte. Es ist die Frage, welche Regeln sind warum wichtig und woher kommen sie. Viele Regeln schützen Kinder oder spiegeln gesetzliche Vorgaben wieder. Entscheidend ist, deutlich zu machen, warum eine Regel nicht geändert werden kann. Dies gilt ebenso für übergeordnete Regeln als auch für Verbote, die die Erwachsenen selbst festgelegt haben und festlegen müssen. Ziel des Beteiligungsprozesses ist es, bisherige Regeln auf den Prüfstand zu stellen – in den Dialog zu treten und ergebnisoffen Regeln neu festzulegen oder bestehende zu ändern.

Weiterhin sollten alle Beteiligten in den Prozess einbezogen werden. Da Beteiligung in der Kindertagesstätte Auswirkungen auf die Familie und dessen Alltag haben, müssen die Eltern so früh wie möglich einbezogen werden. Eltern zu beteiligen, heißt, sie über die Rechte der Kinder und über Beteiligungsstrukturen in der Kindertagesstätte zu informieren. Elternabende und Elterngespräche schaffen zusätzliche Informationsmöglichkeiten. Kontroversen sind dabei möglich, entscheidend ist nur, dass unterschiedliche Erziehungsvorstellungen toleriert werden und ein Nebeneinander möglich ist, sofern diese die Grundrechte des Kindes nicht beschneiden.

Für die hier genannten Gelingensfaktoren braucht es Zeit, Zeit für Reflexion, Umdenken und gemeinsame Absprachen. Es ist aber auch weiterhin wichtig, die Erfahrungen zu sammeln und nach einem bestimmten Zeitraum zu überprüfen, denn Partizipation ist kein starres, endgültiges Gebilde, sondern ist ein gemeinsamer und fortwährender Prozess.

Entwicklung eines Rechtekatalogs oder die Werkstatt der Kinderrechte

Es ist sehr wichtig, dass Kinder ihre Rechte kennen. Es ist auch wichtig, dass jedes Kind mithilft, anderen Kindern die eigenen Rechte zu erklären. Denn nur wenn Kinder ihre Rechte gut kennen, können sie selbst herausfinden, ob die eigenen Rechte in der Kindertagesstätte, in der Familie und bei den Freundinnen und Freunden auch wirklich eingehalten werden. Das ermöglicht Kindern auch mit den Erwachsenen darüber zu reden, wie sie den Alltag und bestehende Regeln wahrnehmen. Es gibt ihnen die Chance, Vorschläge zu machen, welche Wünsche, Interessen und Bedürfnisse für sie wichtig sind und wie diese (besser) in den Alltag integriert werden können.

Warum ist ein Rechtekatalog, eine Werkstatt der Kinderrechte wichtig?

Es ist die Verantwortung und Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern, Kindern in entwicklungs- und altersgerechten Sprache zu vermitteln, was Rechte von Kindern sind und warum diese für das einzelne Kind bzw. alle Kinder sowie die Erzieherin und den Erzieher wichtig sind. Dabei kann dem Kind auch vermittelt werden, dass diese nicht nur in Deutschland gelten, sondern auch für alle Kinder auf der Welt gelten sollen.

Welche Rechte können dabei im Mittelpunkt stehen?

Die Kinderrechtskonvention besteht aus 54 Artikeln. Dabei ist es insbesondere für Kinder im Kleinkind- und Vorschulalter wichtig, im Hinblick auf die Information an sie die wesentlichen Rechte so aufzubereiten, dass sie für die Kinder verstehbar sind und sich auf deren Alltag und Lebenswirklichkeit beziehen. So können z.B. folgende Rechte als Grundlage dienen, um Kinder in diesem Alter die Rechte näher zu bringen:

  • Alle Kinder sind gleich wichtig.  Ich bin genauso wichtig, wie alle anderen Kinder auf der Welt.
  • Alle Kinder haben das Recht, einen eigenen Namen  zu haben.
  • Ich habe das Recht, mit meiner Mutter und  mit meinem Vater zusammen zu sein.
  • Jedes Kind hat das Recht auf ein gutes Leben.
  • Kein Kind und auch kein Erwachsener hat das Recht, sich über mich lustig zu machen oder mich zu schlagen.
  • Ich habe das Recht auf Hilfe, wenn ich krank bin und auf Hilfe , wenn ich mich unwohl oder nicht gut fühle.
  • Jedes Kind darf sagen, was es denkt und die eigene Meinung äußern.
  • Alle Kinder dürfen spielen.
  • Ich habe das Recht, Lernen zu können. Lernen  kann ich zum Beispiel im Kindergarten.
  • Alle Kinder haben das Recht, ohne Angst aufzuwachsen.2   

Neben der kindgerechten Sprache, um die Kinderrechte für Mädchen und Jungen aufzubereiten, können dem Alter und der Entwicklung entsprechende Methoden zur Sensibilisierung und zum Vermitteln genutzt werden. So können Kinder Plakate malen oder gestalten, die die besprochenen Kinderrechte aus Sicht der Kinder darstellen. Sie dienen den Kindern einerseits dazu, die Kinderrechte im Alltag präsent zu haben und andererseits, Eltern zu zeigen, was sie in der Einrichtung besprochen und gelernt haben und was sie vereinbart haben, um diese Rechte zu achten und einzuhalten. Somit ist das Geschehen für Eltern transparent und sie können sich in den Prozess einbinden.

Welches Recht ist uns in unserer Kita ganz besonders wichtig und wie wollen wir darauf achten?

Mit dieser Frage an die Kinder beginnt der Prozess der Umsetzung. Es gibt Kindern die Möglichkeit, genau zu schauen, wie dieses Recht im Alltag von allen beachtet wird und was sich daraus ergibt als Regel für jeden einzelnen oder die Gruppe. Kinder besprechen dabei genau, welches Verhalten sich daraus für sie ergibt und wie sie darauf achten, dass dies auch eingehalten wird. Auch diese Absprachen sind keine starren Gebilde und dienen der stetigen Überprüfung, wie die Rechte der Kinder von den Erwachsenen eingehalten bzw. von jedem selbst oder der Gruppe eingehalten werden. Regelmäßige Gruppengespräche, die in einem nicht zu großen Zeitabstand durchgeführt werden, bieten die Möglichkeit, darüber mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und zu schauen, wie sie die Rechte im Alltag erleben und welche Erfahrungen sie damit machen. Für Kinder, die eher zurückhaltend sind und im Gruppengespräch noch nicht so aufgeschlossen agieren können, ist es sicher auch hilfreich, von der Erzieherin oder dem Erzieher zu ihren Gedanken allein angesprochen zu werden. Insgesamt haben die Erzieherinnen und Erzieher die Aufgabe zu beobachten, ob die Informationen für jedes Kind verständlich, handhabbar und bedeutsam sind. Jedes Kind ist anders und die Prozesse des Lernens können abweichen. Umso wichtiger ist es, dass hier keine Differenz zwischen den Kindern entsteht, da sonst die Gefahr zu vermuten ist, das einzelne Kinder in diesem Prozess zurückbleiben.

Fußnoten

1 § 7 Gesetz zur Förderung von Kindern in Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege (Kindertagesförderungsgesetz KiföG Mecklenburg-Vorpommern).

2 Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.: Meine Rechte – Übereinkommen über die Rechte des Kindes für Kinder im Alter ab 5 Jahren.