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Partizipation in Kindertagesstätten

Am 5. April 2010 ist die UN-Kinderrechtskonvention volljährig geworden. Seit 18 Jahren engagieren sich Pädagogen und Kinderrechtsorganisationen dafür, Kinderrechte in Deutschland publik zu machen und durchzusetzen. Zu den Kinderrechten gehören neben Schutzrechten und Versorgungsrechten aber auch das Recht von Kindern auf Gehör und Beteiligung - also Partizipationsrechte.

Partizipation in der Kita

© Tanja

Die Beteiligung von Kindern wird heute von fast allen Einrichtungen gewünscht, findet sich aber in sehr unterschiedlicher Ausprägung wieder. Partizipation auf dem Papier macht sich gut, denn Partizipation ist auch ein ausschlaggebendes Kriterium bei der Bewertung der pädagogischen Qualität der Einrichtungen (siehe Preissing 2003; Tietze/Viernickel 2002). Was Partizipation aber konkret im Alltag der Kindertagesstätte bedeutet, ist offensichtlich noch nicht eindeutig geklärt. Das pädagogische Personal in Kindertagesstätten äußert sich dazu häufig wie folgt: "Man fragt die Kinder, was sie wollen und setzt das um!" Oder: "Es gibt bestimmte Bereiche, in deren Rahmen Kinderbeteiligung möglich ist, wie zum Beispiel die Auswahl von Spielmaterialien und Spielpartner, der Aufenthaltsraum innerhalb der Kita". Oder: "Partizipation beinhaltet ein Mitspracherecht von Kindern in dafür vorgesehenen Gremien wie: Morgenkreis, Kinderparlament oder Kinderkonferenz".

Es ist nicht einfach, exakt zu beschreiben, was Partizipation für eine Kindertagesstätte wirklich bedeutet. Grundvoraussetzung für Beteiligung ist immer, dass Kinder ihre Interessen, Wünsche und Bedürfnisse wahrnehmen und auch artikulieren können. Und wenn sie das gelernt haben, müssen sie auch in der Lage sein, diese in einem gemeinsamen Entscheidungsprozess auszuhandeln. Das müssen Kinder schrittweise lernen. Krippenkinder, z.B. pauschal zu fragen: "Was möchtet ihr morgen essen?", ist unvernünftig. Sie sind mit dieser Frage völlig überfordert. Wenn sie Antworten, dann nennen sie wahrscheinlich ein Gericht, das sie kennen und schon oft gegessen haben. Stellt die Erzieherin 3 Gerichte zur Wahl oder sind im Kinderrestaurant 2-3 unterschiedliche Angebote zu finden, fällt die Entscheidung dagegen leicht.

Sicher ist es gut gemeint, wenn Erwachsene Kinder vor Überforderung und Enttäuschung bewahren wollen. Wo aber liegt die Grenze zwischen der Partizipation der Kinder und der Verantwortung der Erwachsenen?

Was heißt Partizipation?

Das Wort "partizipieren" stammt aus dem Lateinischen und wird mit "an etwas teilnehmen, Anteil haben" übersetzt. Eine bloße Teilnahme, etwa an einem pädagogischen Angebot oder an der Entscheidung für eines von zwei Mittagsangeboten, bedeutet noch nicht, dass die Kinder partizipieren. Partizipation beinhaltet die Mitentscheidung bei allen, das jetzige und das zukünftige Leben betreffenden Belangen und das gemeinsame Finden einer Lösung für diese.

"Es geht nicht nur darum, Kinder nach ihrer Meinung zu fragen und sie quantitativ abstimmen zu lassen, sondern es geht darum, mit ihnen in einen ernsthaften Dialog zu treten, um dann zusammen mit ihnen die gemeinsamen Lebensräume zu gestalten. Es geht darum, kindliche Bedürfnisse und kindliche Weltsichten im Alltag wahrzunehmen, zu respektieren und die eigenen Weltinterpretationen immer wieder in Frage zu stellen." (Stamer-Brandt 2012 S.55).

Welche Entscheidungen sind es denn, die Kinder in Tageseinrichtungen treffen können, fragt sich manche Pädagogin. "Alle" kann die Antwort nur lauten. Das will auch der Gesetzgeber und das drückt er im 10. Jugendbericht - Partizipation von Kindern und Jugendlichen im kommunalen Raum aus. (Drucksache 13/11368 Deutscher Bundestag ± 13.Wahlperiode)

Pädagogische Fachkräfte müssen sich überlegen, welche Rechte sie bereit sind, den Kindern zuzugestehen. Von ihrem Menschenbild hängt ab, wie viel Beteiligung sie Kindern "zumuten". Sind Kinder bereits mit vielen Entscheidungskompetenzen ausgestattet, oder sind sie unfertige ungebildete Wesen, die erst durch Erziehungskräfte zu "Mitentscheidern" werden können? Sind sie vielleicht sogar gleichberechtigte Partner, die mit Rechten ausgestattet sind und deren Interessen ihre Berechtigung haben, auch wenn sie nicht denen der Erziehungskräfte entsprechen?

Weiterhin gilt folgendes zu bedenken: Beschränkt sich die Pädagogik auf den Raum, der ihr zugewiesen wird - auf die direkte Arbeit in "kindgerechten Räumen" - oder geht sie darüber hinaus und mischt sich in gesellschaftliche und politische Entscheidungen ein? Erst in jüngster Zeit ist es überhaupt gelungen, Erzieher/innen für die eigenen und die Belange der Kinder zu mobilisieren" (Stamer-Brandt 2012, S. 54f). Wenn Erzieher/innen selbst in dieser Beziehung nicht als Vorbild taugen, dann ist es um die Mitbestimmung schlecht bestellt.

Kinderbeteiligung realisieren

In den Kindertagesstätten werden unterschiedliche Beteiligungsformen praktiziert. Welche davon für Ihre Einrichtung geeignet ist oder ob Sie mit den Kindern gemeinsam eine eigene Form entwickeln, spielt eigentlich keine große Rolle. Sie können auch einfach damit beginnen, erste Beteiligungsschritte im Morgenkreis zu praktizieren. Dabei sollten sie es allerdings nicht belassen, weil das zu beliebig wäre. Eine institutionalisierte Beteiligungsform, die sich von Erzählkreisen mit Spielen und Liedern abhebt, erscheint mir sinn- und bedeutungsvoll. Wir kennen:

  • Das Kinderparlament tagt in der Regel 1-2 x im Monat, kann aber bei Bedarf auch ad hoc einberufen werden Es ist auch denkbar, dass das Parlament nur 1-2 x im Jahr tagt. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten für den Umgang mit einem Kinderparlament. Das hängt von der Größe der Einrichtung, dem Alter der Kinder und den Möglichkeiten der Pädagoginnen und Pädagogen ab. In manchen Einrichtungen hat jede Gruppe ihr eigenes Parlament. Es ist auch möglich, mehrere Kinder einer Gruppe (meist sind es zwei) in ein Gesamtparlament der Kita zu entsenden. "Im Kinderparlament sehen sich die beiden begleitenden Erzieher/innen in der Pflicht, Zusammenhänge aufzuzeigen, anzuregen, Funktionen zu erklären und die Kinder zu motivieren, ihre eigenen Lösungswege zu finden. Doch sie verstehen die Begleitung der Kinder als einen dynamischen Prozess, in dessen Verlauf sie sich immer mehr zurücknehmen…" (Bruner/Winklhofer/Zinser 2001, S. 20).
  • Die Gruppenkonferenz bietet den Kindern ein Forum, ihre Meinung zu äußern, Regeln aufzustellen, den Tagesablauf zu bestimmen. Im Rahmen der Gruppenkonferenz können die Kinder miteinander und mit den Pädagoginnen und Pädagogen in den Dialog treten, über Wünsche verhandeln, ihre Meinung los werden, ihre Anliegen vorbringen, Hypothesen bilden und sie ggf. wieder verwerfen, neue Erkenntnisse gewinnen. Sie diskutieren auch was passiert, wenn jemand sich nicht an Regeln hält.
  • In einer formlosen Kinderkonferenz, die ein gutes Übungsfeld bietet um sich mit demokratischen Umgangsformen vertraut zu machen, sitzen Kinder freiwillig im Stuhlkreis zusammen und besprechen die Dinge, die ihnen wichtig sind. Sie laden dazu eine Erzieherin ein, die aber nur die Aufgabe hat, das Gespräch zu protokollieren.
  • In der Vollversammlung kommen alle Kinder und Erwachsenen der Einrichtung zusammen. Sie werden über alle sie betreffenden Angelegenheiten der Einrichtung informiert und auch über Entscheidungen der Gremien, in der nicht alle Kinder vertreten sind. Es empfiehlt sich, die Vollversammlungen kurz zu halten und die Redebeiträge zeitlich zu begrenzen (das gilt vor allen Dingen für die Erwachsenen), um die Kinder nicht zu überfrachten und lustlos werden zu lassen. Nicht jede kleine Information muss lang in der Vollversammlung ausgebreitet werden, manches lässt sich auch per Aushang oder im Gespräch mit den Bezugspersonen klären. Vollversammlungen sind leider häufig ermüdend. Es muss deswegen schon in der Vorbereitung (bei der die Erwachsenen beratend tätig sind) gewährleistet werden, dass die Themen möglichst viele Kinder betreffen, dass die Themen schon im Vorwege mit den Kindern diskutiert wurden, damit nicht während der Vollversammlung lange kontroverse Grundsatzdebatten geführt werden müssen und dass die Beteiligung Erfolge nach sich zieht.
  • Im Kinderrat (auch als Sprecherrat bekannt) sitzen auch von Kindern gewählte Delegierte und ihre Vertretung. Die Kinder können sich selbst zur Wahl aufstellen oder sie können von anderen Kindern vorgeschlagen werden. Die Wahl erfolgt offen per Handzeichen oder mit Hilfe von Wahlzetteln auf denen die Fotos der Delegierten kopiert sind. Auch erwachsene Vertreter gehören in den Kinderrat. Der Kinderrat tagt alle 14 Tage. Er beschäftigt sich mit der Überprüfung von Regeln und Vereinbarungen, nimmt in dafür eingerichteten Sprechstunden Beschwerden entgegen und bearbeitet sie und hilft bei der Gestaltung von Festen mit. Der Kinderrat ist vergleichbar mit dem Betriebsrat der Erwachsenen.

Die verschiedenen Beteiligungsmöglichkeiten können einander auch ergänzen, sie schließen sich nicht aus. Delegiertenmodelle eigenen sich für Kinder bis 3 Jahre allerdings nur bedingt, für sie sind diese Beteiligungsformen noch nicht verständlich. Trotzdem gilt: Erwachsene schließen Kinder nicht einfach aus. Die Kinder entscheiden selbst, wie sie sich beteiligen möchten und was sie sich zutrauen. Es gibt keinen Grund, warum der zweijährige Max nicht dabei sein kann, wenn seine größeren Spielkameraden in der Kita im Kinderparlament sitzen und beratschlagen. Wird es ihm zu langweilig, wird er unaufgefordert gehen.

Und wie beginnt das Ganze?

Die Erzieher/innen können den Kindern in einem Rollenspiel zeigen, wie wirkungsvoll ein Kinderparlament sein kann. Das macht den Kindern vielleicht Lust, selbst so ein Parlament ins Leben zu rufen. Sie können ein Mitmach-Theaterstück inszenieren, bei dem die Pädagoginnen und Pädagogen mit dem Spiel (Verhandlung über die Neugestaltung des Werkraumes, Debatte über zwei unterschiedliche Projektideen, Entscheidung über Neuanschaffungen) beginnen. Für die Kinder bleiben Stühle im vorbereiteten Konferenzraum frei. Wer mag, begibt sich mit ins Spiel. Das Spiel kann für das einzelne Kind jederzeit unterbrochen werden. Der Stuhl wird einfach verlassen und andere Kinder können sich ins Spiel bringen.

So können Kinder erste Erfahrungen in der Gruppendiskussion sammeln und eine Vorstellung davon bekommen, was Mitbestimmung bedeutet. Das kann durchaus Mut für "richtige" Beteiligungsmodelle machen. Oder starten Sie einmal mit einem verändertem Morgenkreis: Nach den Berichten der Kinder, Musik und Spiel schließt sich eine 10-minütige Konferenz an. Hier lernen die Kinder erste demokratische Grundzüge kennen, die sich dann später ausweiten und auf andere Gremien übertragen lassen.

Fazit

Es wird Zeit, dass rechtlich verankerte Beteiligungsformen der Kinder nicht nur in den Köpfen von Pädagogen Einzug halten, sondern auch in den Alltag aller Kindertageseinrichtungen. Dabei müssen engagierte Pädagogen helfen. Sie müssen über ihren eigenen Schatten springen und Verantwortung an kompetente Kinder abgeben.

Kinderkonferenz heißt:

Kindern das Wort geben, sie zu beteiligen, sich auf einen andauernden Veränderungsprozess einlassen und begeben, konkrete Situationen verstehen, besprechen und gestalten, zusammen planen und zu phantasieren, zu erzählen und zu philosophieren, Unmut und Freude auszudrücken, gemeinsames aushandeln von Ideen und Vorhaben, Grenzen von sich und anderen erfahren, Verantwortung und Engagement aneinander entwickeln.

Kinderkonferenzen haben Formen: Kinder und Erwachsene sind gleichberechtigt, die Gesprächsführung wechselt, Inhalte oder Tagesordnungspunkte können von allen eingebracht werden, Ergebnisse werden kindgemäß dokumentiert. Konferenzen haben einen eigenen "Raum", sie können spontan oder regelmäßig durchgeführt werden, sollten nicht länger als 20 Minuten sein, sollten Gesprächsregeln entwickeln wie etwa den "Sprechstein" u. a, Konferenzen werden eröffnet und geschlossen, es wird gemeinsam verabredet, was jeweils verhandelt wird ...

(Zühlke, Eckehardt: Kinderkonferenzen: "Kinder hören mehr auf andere Kinder als auf Erwachsene" in: Kindergarten online Hrsg.: Textor, Martin)

Literatur

Baumann, Claudia (2007): Bildung auf dem Klo? In: KiTa ND 11/2007. Kronach S. 228.

Deutscher Bundestag: Drucksache 13/11368 Deutscher Bundestag ± 13.Wahlperiode. 10. Kinder- und Jugendbericht.

Hansen/Knauer In: Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.).

Kazemi-Veisari, Erika (1998): Partizipation - hier entscheiden Kinder mit. Freiburg im Breisgau, Basel und Wien.

Preissing, Christa (Hrsg.): Einführung, PDF-Datei auf: Qualität im Situationsansatz, Weinheim Basel 2004, CD-ROM-Beilage. In: Preissing, Christa (Hrsg.): Qualität im