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Spielen macht Kinder stark für die Herausforderungen der Zukunft

Das selbstbestimmte Spiel des Kindes ist die beste Investition in eine ungewisse Zukunft. Im Spiel setzt sich das Kind lernbegierig und anstrengungsbereit mit der Welt, die ihm begegnet, auseinander. Dabei entwickelt und stärkt es seine Persönlichkeit für die Herausforderungen, die das Leben ihm bringen wird. Die Tagesstätte bietet dem Kind zudem Spielpartner. Hier werden Weichen gestellt. Deshalb muss das selbstbestimmte Spiel in der Tagesstätte betreut und gezielt unterstützt (aber möglichst nicht unterbrochen) werden.

Spielen macht Kinder stark für die Herausforderungen der Zukunft

© altanaka

Zukunft ist immer ungewiss, allerdings heute mehr denn je. Viele Eltern denken besorgt an die Zukunft ihrer Kinder. Sie machen sich Sorgen, ob die Kinder eine gute Schullaufbahn bewältigen werden, ob sie in einem angemessenen Beruf ihr Leben meistern und eine Familie versorgen werden können. Zunehmend kommt eine noch größere Sorge dazu: die globalen Krisen, allen voran die Klimakrise.

Die individuelle Zukunft ist heute nicht ungewisser als in früheren Zeiten, im Gegenteil! Versicherungen und staatliche Fürsorge schützen den Einzelnen vor allzu großer Not - jedenfalls in den Industrieländern. Die globalen Krisen mit ihren noch nie dagewesenen Gefahren stellen dagegen die Weltbevölkerung und auch jeden Einzelnen vor äußerst schwer zu lösende Herausforderungen.

Selbstbestimmtes Spiel bereitet auf die Bewältigung einer ungewissen Zukunft vor

Die Natur hat den Menschen auf die Bewältigung einer unsicheren Zukunft vorbereitet. Der Mensch wird unfertig geboren. In der langen beschützten Kindheit lernt er die Fähigkeiten, die er für die Bewältigung seiner unsicheren Zukunft benötigt. Dazu gehören Kompetenzen wie Zusammenhänge erkennen, Probleme wahrnehmen, Lösungen suchen, sie durchdenken und erproben, Zielstrebigkeit, Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und auch die Gestaltung von sozialem Miteinander wie Kooperation, Mitgefühl oder Partizipation.

Diese Fähigkeiten sind genau das, was das Kind im Spiel lustvoll erprobt und erweitert, und zwar in seiner gesamten Spielentwicklung, vom Funktionsspiel angefangen über das Konstruktions- und Rollenspiel bis hin zu den Regelspielen. Selbstbestimmtes Spielen kann für die Vorbereitung auf eine schwierige Zukunftsbewältigung gar nicht ernst genug genommen werden.

Wie kann die Tagesstätte stark machendes Spiel unterstützen?

Das selbstbestimmte Spiel geschieht vor allem im Freispiel, und zwar sowohl drinnen als auch draußen. Deshalb darf das Freispiel in seiner Wirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes und die Erweiterung seiner Kompetenzen nicht unterschätzt werden. Dafür benötigt das Freispiel pädagogische Begleitung, denn die gegenseitige Bildung unter Kindern ist nicht grundsätzlich gut. Es reicht nicht aus, wenn sich das Team nur auf die Hilfe bei entstehenden Konflikten in den kleinen Spielgruppen beschränkt. Kinder brauchen eine sensible Betreuung, damit sie ihr Spiel optimal entfalten können und sich gegenseitig stärkend unterstützen. Dabei soll die Erzieherin allerdings so wenig wie möglich in vertieftes Spiel eingreifen, um die Spielstimmung der Kinder nicht zu beeinträchtigen.

Mit dem Blick auf Zukunftsfähigkeit der Kinder wird das Team bei der Beobachtung und Betreuung des Freispiels mehrere Ziele ins Auge fassen.

Wohlgefühl in der Gruppe anstreben

Kinder, die sich in der Gruppe nicht wohlfühlen, können nicht unbeschwert aus sich herausgehen. Das Spiel, hauptsächlich das Spiel mit Partnern, setzt Sicherheit voraus, um Vorschläge einzubringen, sich mit den Spielpartnern abzustimmen und Kompromisse zu finden.

Es gibt weitere Gründe, warum das Wohlgefühl in der Tagesstätte so überaus wichtig ist: Die meisten Kinder erfahren in der Tageseinrichtung erstmals das Zusammenleben mit gleichberechtigten Gruppenmitgliedern. Hier werden Weichen gestellt: Die späteren Gruppengefühle können prägend beeinflusst werden. Für die Zukunftsbewältigung kann es ausgesprochen helfend sein, wenn sich die Menschen in Gruppen wohlfühlen: Sie müssen Konsum reduzieren. (Endlich wird gesellschaftlich klar, dass in einer endlichen Welt unendlicher Verbrauch auf Dauer nicht möglich ist!) Um auf Glücksgefühle durch Konsum verzichten zu können, brauchen die Menschen andere Quellen für ihr Wohlgefühl. Das (immaterielle) Geben und Nehmen in Gruppen bedeutet in allen Kulturen eine solche Quelle.

Einen weiteren Aspekt im Zusammenhang mit Wohlgefühl in Gruppen haben R. Wilkensen und K. Picket in einer Forschungsarbeit nachgewiesen: Menschen, die in Gesellschaften mit geringen materiellen Unterschieden leben, fühlen sich wohler als Menschen in Gesellschaften mit breiten finanziellen Differenzen. Viele Erzieherinnen kennen Probleme, die das Zusammenleben in Gruppen erschweren, wenn die Kinder aus Familien mit breiten finanziellen Unterschieden kommen. Deshalb hilft es für das Wohlgefühl der Gruppe, wenn die Unterschiede möglichst wenig sichtbar gemacht werden, etwa durch die Bitte an die Eltern, den Kindern kein Spielmaterial aus der Familie mitzugeben und auch Markenkleidung nicht zu betonen.

Die sozialen Prozesse im Freispiel beobachten

Das Freispiel braucht einen Erwachsenen, der das Spiel der Kinder beobachtet, der bei Konfliktlösungen hilft, der ihre Spielideen wenn nötig unterstützt und ihre gegenseitigen weiterführenden Bildungsprozesse begleitet und stärkt.

Es gibt für Kinder in den kleinen Spielgruppen viel zu lernen, um Gleichberechtigung unter den Spielpartnern herzustellen und die entstehenden Probleme zu lösen: Kinder müssen eigene Rechte wahrnehmen, aber auch die Rechte der anderen anerkennen. Sie haben mit Kooperation, Konkurrenz und Dominanz angemessen umzugehen. Sie beziehen Spielpartner in das Spiel ein oder weisen sie begründet (?) ab. Konflikte müssen bearbeitet werden und vieles mehr. Meist finden sich Kinder, die Führung übernehmen, oft überaus gekonnt, manchmal aber auch schädlich für die Entwicklung und das Wohlgefühl von Mitspielern. Wie Kinder sich gegenseitig beeinflussen und bilden, ist in den Erziehungswissenschaften bisher wenig erforscht worden (vgl. Brandes, Holger: Selbstbildung in Kindergruppen).

Führende Kinder können dominant sein, können Mitspieler in untergeordnete Rollen drängen und deren Selbstentfaltung behindern. Um nicht ausgeschlossen zu werden, fügen sich Gruppenmitglieder, denn das Bedürfnis zu Gruppen zu gehören ist für ein Kind überaus stark. Andere Gruppenmitglieder behalten vielleicht ihre provozierende Rolle. Sie sehen keine andere Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen und eigene Rechte einzufordern.

Die gegenseitige soziale Bildung unter den Kindern unterstützend begleiten

Leider haben Erzieherinnen aufgrund der heutigen Personalsituation wenig Zeit, zu beobachten, wie die sozialen Prozesse in der Gruppe verlaufen. Oft wirkt das Spiel nur nach außen reibungslos und harmonisch, weil schwache Kinder sich fügen. Ob das spielführende Gruppenmitglied die mitspielenden Kinder in ihrer sozialen Entwicklung voranbringt, kann die Erzieherin bei einem flüchtigen Blick selten wahrnehmen. Dafür braucht sie Ruhe und Zeit. Für die Beobachtung und eine entwicklungsfördernde und zukunftsweisende Unterstützung des so wichtigen Freispiels müsste nicht nur die Personalsituation verbessert, sondern auch in der Ausbildung dieser pädagogische Bereich intensiver behandelt werden.

Dabei entsteht für die Erzieher/innen eine schwierige Gratwanderung: Echtes Spiel ist selbstbestimmt und deshalb Sache der Spieler, auch wenn es sich um Kinder handelt. Die Unterbrechung eines vertieften Spiels kann bedeuten, dass die Kinder aus ihrer Spielstimmung in die Realität zurückgeholt werden, vor allem bei Rollenspielen. Die Fortsetzung des Spiels ist für sie dann oft schwierig. Die Kinder brechen das Spiel ab oder spielen nur noch weniger intensiv weiter. Bei manchen ungünstig verlaufenden Spielprozessen kann die Erzieherin bis nach dem Spiel warten, um mit dem spielführenden Kind oder der ganzen beteiligten Spielgruppe den Verlauf zu reflektieren. Aber oft muss sie eben in der Situation verhindern, dass einem Kind geschadet wird.

Zusätzlich muss sie beachten, die Kinder möglichst bei ihren Stärken zu stärken, weil Erfolge aufbauender wirken als Misserfolge. Das ist auch wieder so ein Bereich, der genaues Hinsehen verlangt, denn Defizite fallen leichter auf als reibungsloses Gelingen. Wenn Max beispielsweise mit Bausteinen wirft, gibt es Geschrei. Wenn er vorher friedlich und sehr kooperativ gemeinsam mit anderen Gruppenmitgliedern Bilder malte, war die ruhige Tätigkeit eben nicht aufgefallen.

Spielmaterial kritisch auswählen und zu Bewegung anregen

Zu vielseitigem Spiel gehört auch eine entsprechend gestaltete Umwelt mit unterschiedlichen motivierenden Anregungen zu Bewegungsspielen und mit kritisch ausgewähltem Material.

Vorgegebene Lernspiele mit strukturierten Spielabläufen signalisieren dem Kind, dass es kompetente Menschen braucht, die ihm sagen, wie und was es spielen und dabei lernen soll. Mit solchem zunächst reizvollem Material wird das Kind heute in vielen Familien überhäuft. Die Tagesstätte bietet im Gegensatz dazu vorrangig Material, das zu anderen Auseinandersetzungen anregt: Spielabläufe selbst erfinden, Problemlösungen in die Hand nehmen, Handlungsideen entdecken, eigener Wissbegierde nachgehen, zu selbst erfundenen Spielprozessen mit Spielpartnern motiviert sein und daran wachsen. Für die Bewältigung der zukünftigen Probleme hilft es dem Kind mehr, lustvoll selbst zu erfinden als vorgegebene Prozesse nachzuvollziehen. Für kreatives Spiel eignet sich Spielmaterial, das einen breiten Handlungsspielraum offen lässt bis hin zu Materialien, die nicht zum Spielen erfunden wurden, sondern die sich das Kind selbst in seiner Umwelt sucht und die Gegenstände später häufig wieder in die Umwelt zurückbringt.

Wichtig ist, den Raum in zeitlichen Abständen drinnen und draußen so zu verändern - vielleicht durch gemeinsame Umgestaltung mit den Kindern -, dass er immer wieder zu neuen Bewegungen aufmuntert. Bei Bewegungsspielen nimmt das Kind sehr deutlich seine Anstrengung und auch seine Fortschritte wahr. Dadurch wird das Kind herausgefordert, es fühlt sich bei seinen Erfolgen bestärkt und versucht, seine Leistung zu steigern. Diese Anstrengungsbereitschaft und Selbstwirksamkeitserwartung überträgt es unbemerkt in andere Entwicklungsbereiche, etwa in die Steigerung sozialer Fähigkeiten und seiner Sachkompetenzen.

Nachhaltigkeit und Partizipation zum Grundsatz machen

Das heutige gesellschaftliche Leben vermittelt den Kindern kaum nachhaltige Werthaltungen. Diesen Lernbereich muss das Team gezielt in die Hand nehmen und mit den Kindern gemeinsam entsprechende Regeln entwickeln, die auch für das selbstbestimmte Spiel der Kinder gelten. Dabei muss das Team oft gegen gesellschaftliche Trends und Gewohnheiten angehen.

Beispiele:

  • Wegwerfverhalten gering halten, Material sparsam verwenden (auch wenn es reichlich vorhanden zu sein scheint wie Wasser, Elektrizität, Papier, Klebstoff, Farbstifte).
  • Schützend mit der Natur umgehen, im Freispiel im Spielhof, bei möglichst häufigen Spaziergängen und Naturtagen. Dazu gehören z.B. in städtischen Kitas die Pflege einer Vogeltränke, der Schutz von Insekten und Würmern oder das Gießen empfindlicher Pflanzen.
  • Gemeingüter benutzen, auch im Freispiel, etwa Bücher aus Büchereien, Spiel im öffentlichen Park oder Wald.

Äußerst wichtig für den Zukunftsblick ist auch die Partizipation der Kinder. Wenn das Team die betroffenen Kinder möglichst häufig in Entscheidungen, die sie betreffen, einbezieht und mitbestimmen lässt, übernehmen Kinder Mitverantwortung und schulen ihre sozialen Kompetenzen. Zum Beispiel beteiligt das Team die Gruppe bei der Entwicklung oder Reflexion von Regeln mit nachhaltigen und sozialen Werthaltungen. Konfliktlösungen und soziale Problembewältigung im Freispiel bearbeitet die Erzieherin gemeinsam mit der betroffenen Spielgruppe. Dabei wird sie in der Regel versuchen, zunächst nur mit Impulsen die Kinder anzuregen, damit diese selbst nach Lösungen suchen.

Je mehr die Kinder Partizipation erfahren und auch in ihren Gruppenspielen im Freispiel Mitbestimmung der Spielteilnehmer zulassen und deren Ideen einbeziehen, desto stärker entwickeln sie ihre Kompetenzen für - und den Anspruch auf - spätere Demokratie und gesellschaftliche Mitverantwortung.

Fazit

Das selbstbestimmte Spiel wird in seiner Bedeutung für eine starke Entwicklung des Kindes und für seinen späteren Beitrag zur Bewältigung von Zukunftsproblemen zu wenig erkannt. In der Tagesstätte werden aber Weichen für die zukünftige Entwicklung gestellt. In der Ausbildung müssen sich Erzieherinnen deshalb deutlicher mit der Frage auseinandersetzen, wie Kinder für ihre Zukunftsbewältigung gestärkt werden können. Dafür ist das selbstbestimmte Spiel des Kindes - vor allem in den kleinen Spielgruppen des Freispiels - ein wichtiger Bildungsbereich. Bildungsprozesse unter den Kindern sind aber nicht grundsätzlich gut. Freispiel benötigt eine bildungsbegleitende Unterstützung. Den Entscheidungsträgern muss die folgenschwere Personalknappheit in den Tageseinrichtungen bewusst werden. Zukunftswichtige Bildungschancen können bei dem augenblicklichen Personalschlüssel vom jeweiligen Team nicht ausreichend aufgegriffen werden. Die Bedeutung der Basisbildung in der Tagesstätte darf nicht unterschätzt werden.

Literaturhinweise

Brandes, Holger: Selbstbildung in Kindergruppen - Die Konstruktion sozialer Beziehungen. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2008.

Wilkinson, Richard & Pickett, Kate: Gleichheit ist Glück - Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Berlin: Tolkemitt Verlag 2009.

Eine breitere Auseinandersetzung mit dem Thema Zukunftsbewältigung bietet das folgende Buch, auch für Eltern und für die Abstimmung einer sich ergänzenden Pädagogik zwischen Kita und Familie: Pausewang, Freya: Macht mich stark für meine Zukunft - Wie Eltern und Erzieherinnen die Kinder in der frühen Kindheit stärken können. München: Oekom Verlag 2012