zurück nach oben

Anforderungen an die Organisation des Tagesablaufs in inklusiven Gruppen

Die Organisation des Tagesablaufs ist nicht Selbstzweck, sie dient der Umsetzung pädagogischer Ansprüche. Mit der Aufgabe, Konzepte für inklusive Einrichtungen zu entwickeln, stellt sich die Frage, welche Strukturen und Abläufe diesen Ansatz unterstützen können. Wie können Barrieren abgebaut werden, damit alle Kinder sich gemäß ihrer Lernausgangslagen und Fähigkeiten optimal entwickeln können?

Anforderungen an die Organisation des Tagesablaufs in inklusiven Gruppen

© Sascha Bergmann

Leitend ist dabei die Idee, dass nicht einzelne Kinder in eine Gruppe integriert werden, sondern dass die Institution einen Rahmen schafft, in dem jedes Kind, unabhängig von persönlichen Merkmalen, von vornherein gleichwürdiger (Jules 2012) Teil der Gruppe ist. Das bedeutet auch, dass Strukturen, Regeln und Abläufe nicht dogmatisch für viele Jahre festgelegt sein können. Sie müssen immer wieder an die aktuelle Situation in der Kindergruppe angepasst werden.

Beispiel: Eine Erzieherin beobachtet, dass mehrere Kinder morgens in die Einrichtung kommen, ohne vorher etwas gegessen zu haben. Sie entscheidet deshalb, das bisher gemeinsame in ein gleitendes Frühstück umzuwandeln, das bereits um 8 Uhr morgens beginnt.

Bedeutung von Strukturen im Tagesablauf für die kindliche Entwicklung

Damit Kinder sich Neuem zuwenden und dabei möglichst selbstständig auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau tätig werden können, brauchen sie die Sicherheit und das Vertrauen, einschätzen zu können, was sie erwartet bzw. von ihnen erwartet wird. Gute Tagesstrukturen geben diese Sicherheit: Sie schaffen zeitliche (was passiert gleich?) und räumliche Stützpunkte, an denen Kinder (und Erwachsene) sich orientieren können. Dabei müssen die Abläufe an die Strukturierungsfähigkeiten der Kinder angepasst werden. Wie müssen Kitas sich verändern, damit ohne Ausnahme alle Kinder mit ihren individuellen Lernausgangslagen aufgenommen werden können?

Alltagsintegrierte Förderung für Kinder mit besonderem Förderbedarf

In den Hilfesystemen der Bundesländer ist eine zusätzliche heilpädagogische oder therapeutische Unterstützung für Kinder mit besonderem Förderbedarf vorgesehen. Diese in den Kita-Alltag so zu integrieren, wie es eine inklusive Haltung erfordert, bedeutet, einen veränderten Blick auf individuelle Förderung einzunehmen (vgl. Albers, 2012, S. 53).

Unter "besonderer Förderung" wurde bisher in erster Linie Einzelförderung in therapeutischen Settings verstanden, z.B. im Sinne von Physiotherapie oder Logopädie. Eine inklusive Haltung setzt anders an: Jedes Kind soll die Hilfe und Unterstützung bekommen, die ihm Teilhabe an allen wichtigen Prozessen und Angeboten in der Kindergruppe ermöglicht. Statt Einzeltherapie gilt es, eine Verknüpfung von heilpädagogischen Angeboten durch Therapeuten mit den pädagogischen Angeboten in der Gruppe herzustellen. Diese Angebote müssen so in den Tagesablauf integriert werden, dass sie für alle Kinder in einem sinnvollen Kontext stehen.

Beispiel: M. ist ein vierjähriger Junge mit anerkanntem Förderbedarf. Er spricht in Zwei- bis Dreiwortsätzen, seine Aussprache ist für die anderen Kinder schwer zu verstehen. Es entsteht kaum gemeinsames Spiel. Seine Tendenz, das Spiel anderer Kinder zu stören, interpretieren wir nach unseren Beobachtungen u.a. als Frustration, weil es nur selten zu gelingenden Interaktionsprozessen kommt.

Die Sprachtherapeutin lernt M. in der Gruppe kennen. Sie beobachtet ihn und analysiert seine Möglichkeiten und Kompetenzen im Kontext der Gruppe. In gemeinsamen Kindbesprechungen entwickeln wir Ideen und Ziele für M.

Die Sprachtherapeutin führt über Bilderbuchbetrachtungen und Spiele sprachbegleitende Gebärden für alle Kinder in der Gruppe ein. Dazu wählt sie sowohl Alltagsgebärden aus, die die Verständigung im Freispielen erleichtern, als auch projektbezogene Gebärden, die das gemeinsame Lernen in Angeboten unterstützen.

Über regelmäßige videogestützte Beobachtungen können wir feststellen, ob die Maßnahmen erfolgreich im Sinne gelingender Dialoge und Interaktionen waren. Bilder- und Liederbücher, die neben dem Text auch Darstellungen von Gebärden enthalten, werden für die Gruppe angeschafft.

Im Unterschied zum Trainieren isolierter Fähigkeiten in Einzeltherapien wird hier die ganze Gruppe in den Blick genommen: Welche Strukturen und Hilfen brauchen M. und die anderen Kinder, um gemeinsam zu lernen?

Dieses Vorgehen setzt voraus, dass Erzieher und Therapeuten ausreichend Kooperationszeiten miteinander haben. Erst durch den Kompetenztransfer und multiprofessionelle Team-Arbeit ist ein solcher Ansatz realisierbar. Eine Anforderung an die Organisation des Tagesablaufs der pädagogischen Fachkräfte ist es folglich, solche Besprechungszeiten regelmäßig sicherzustellen.

Inklusion erhebt den Anspruch, nicht mehr zwischen Kindern mit besonderem Förderbedarf und solchen mit unauffälligen Entwicklungsverläufen zu differenzieren (vgl. Caby 2012, S. 129): Jedem Kind soll die Unterstützung zukommen, die es braucht. Von diesem Anspruch sind wir noch weit entfernt. Es ist ein Widerspruch, dass einerseits die Aufhebung der stigmatisierenden Zuschreibung von Beeinträchtigung gefordert wird, und andererseits alle Rechtsansprüche auf einen zusätzlichen Unterstützungsbedarf an den Terminus "behindert" gebunden sind.

Tagesstrukturen

Wiederkehrende Sequenzen im Tagesablauf sind Stützpunkte, an denen wir uns orientieren, und die uns Halt geben. Daraus entsteht Handlungssicherheit: Wenn ich weiß, was gleich kommt, kann ich mich aktiv einbringen, ich erlebe mich als initiativ und selbstwirksam.

Der Kindergartenalltag besteht aus mehreren aufeinander folgenden Sequenzen, die mit für sie typischen Räumen verbunden sind: Ankunftszeit, Morgen- und Abschlusskreise, Mahlzeiten, Aktivitäten und Freispielen drinnen und draußen sind die wesentlichen Elemente eines Tages in der Kita. In inklusiv arbeitenden Gruppen ist das nicht anders:

"Nicht die einzelnen Sequenzen als solche stehen zur Disposition, wohl aber deren Ausgestaltung."

Beispielhaft werden in den folgenden Abschnitten Aspekte benannt, die in inklusiven Einrichtungen beachtet werden müssen.

Früh- und Spätdienste

Gesellschaftliche Heterogenität drückt sich auch in z.T. sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen aus. Die Idee, dass alle Kinder einer Gruppe ungefähr gleichzeitig in die Kita kommen, ist schon lange nicht mehr überall Realität. Viele Familien nehmen sowohl Früh- als auch Spätdienste in Anspruch, um ihrer Berufstätigkeit nachkommen zu können. In der Regel spielen die Frühdienstkinder gemeinsam in einem Gruppenraum, bis die reguläre Kindergartenzeit um 8 Uhr anfängt, für den Spätdienst werden die Kinder in der Regel ebenfalls zu Gruppen zusammengefasst. Bislang ist es politisch noch nicht durchsetzbar gewesen, die Kostenübernahme für die persönlichen Assistenzen an diese Bedarfe anzupassen: Kinder, die nicht ohne persönliche Begleitung anwesend sein können, sind somit meistens noch von Früh- und Spätdiensten ausgeschlossen, was eindeutig eine Barriere ist.

Ankunfts- und Abholzeit

Eltern von Kindern, die nicht selber über ihre Erlebnisse in der Kita berichten können, sind darauf angewiesen, dass wir ihnen davon berichten. Wenn ein Personalwechsel im Laufe des Tages stattgefunden hat, kann dies allein mündlich nicht geleistet werden. Hilfreich ist dann ein kleines Tagebuch, in das wichtige Momente, Fotos oder Bemerkungen eingetragen werden. Das Buch kann auch wechselseitig benutzt werden: Eltern können wichtige Infos über die Nacht/das Wochenende eintragen und damit für alle Erwachsenen, die im Laufe des Tages mit dem Kind zu tun haben, verfügbar machen.

Auch wenn in der Regel die Frühstückszeit erst später beginnt kann es Sinn machen, bereits einen Frühstückstisch zu decken: Immer häufiger kommen Kinder in unsere Einrichtungen, die zu Hause noch nichts zu essen bekommen haben. Darauf müssen wir unseren Tagesablauf einrichten.

Morgen- bzw. Begrüßungskreis

Der Morgenkreis stellt die erste gemeinsame Aktivität des Tages dar: Ein eindeutiges Signal (z.B. Gong oder Klangspiel) eignet sich gut als Aufforderung, das Spielen zu beenden, aufzuräumen, und zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen. Solche Signale helfen auch den Kindern, sich zu orientieren, die eine rein verbale Ansage nicht verstehen können.

Das Setting im Morgenkreis ist von den aktuellen Kindern der Gruppe abhängig zu machen: Der Kreisleiter sollte immer denselben Platz haben. Kinder, die sich überwiegend an Gebärden orientieren, sollten dem Kreisleiter gegenüber sitzen; anderen Kindern hilft es eher, neben einem Erwachsenen zu sitzen. Das kann auch für Kinder mit anderer Herkunftssprache gelten, z.B. wenn kurze Wiederholungen beim Verstehen helfen.

Ein wesentliches Moment von Morgenkreisen ist die Orientierung auf den Tagesablauf. Eine Zeitleiste mit Bildern, die die geplanten Sequenzen visualisieren, unterstützt dabei das Vorstellungs- und Erinnerungsvermögen der Kinder.

Durch die tägliche Wiederholung können Abläufe verinnerlicht und ein Zeitverständnis im Sinne von vorher - nachher und von Abfolgen erreicht werden. Das ist wichtig, damit ein Kind sich aktiv einbringen kann: Wenn ich weiß, was gleich kommt, kann ich Kommendes vorwegnehmen, mich darauf einstellen und initiativ werden.

Die Dauer des Morgenkreises sollte an der Konzentrationsfähigkeit und den Vorerfahrungen der Kinder ausgerichtet werden. Das bedeutet auch, dass sich Inhalt und Umfang von Kreisen im Laufe eines Kindergartenjahres ändern (müssen).

Wenn die Bedarfe und Möglichkeiten der Kinder einer Gruppe extrem unterschiedlich sind, kann es sinnvoll sein, den Morgenkreis zusammen zu beginnen und sich dann aufzuteilen. Dadurch können Kinder, die gerne viel erzählen möchten, zu ihrem Recht kommen, ohne dass andere Kinder sich langweilen oder überfordert sind.

Frühstück

Nach dem Morgenkreis ist das gleitende Frühstück eine gut geeignete Struktur, unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden: An ein oder zwei Tischen können Kinder frühstücken, während andere Kinder, die noch keinen Hunger haben, zunächst noch spielen. Schön ist es, wenn für das Frühstück ein Differenzierungsraum zur Verfügung steht.

Damit die Erzieherin den Überblick behalten kann, wer schon gegessen hat, tragen sich die Kinder mit ihrem Zeichen an einer Magnettafel ein: Jedem Zeichensymbol ist ein Kind oder Erwachsener aus der Gruppe zugeordnet. Die Zeichen der Kinder, die nicht da sind, hängen ganz oben. Die Zeichen der Kinder, die da sind, hängen im Bereich "Spielen". Wenn ein Kind frühstücken geht, bringt es sein Zeichen im Bereich "Frühstück" an.

Garderobensituation

Die Situation beim Anziehen zum Draußen spielen stellt oft eine besondere Herausforderung für Kinder und Erwachsene dar: Es ist in der Regel relativ eng und besonders im Winter hängen viele Sachen an den Haken.

Ein Mädchen, das gut alleine zurecht kommt beim Anziehen, aber wesentlich mehr Zeit braucht, als alle anderen Kinder der Gruppe, kann entscheiden, ob sie eher anfangen und dadurch gleichzeitig fertig sein möchte, oder ob sie lieber mit den anderen zusammen anfängt und dann später rauskommt. Mit einem Mädchen, dass aufgrund einer spastischen Lähmung nur sehr wenig mithelfen kann, und dann auch sehr lange braucht, kann ich aushandeln, was heute Vorrang hat: Dass sie mithilft, sich als selbstwirksam und kompetent erlebt, oder dass sie schnell mit ihren Freundinnen nach draußen kann. Wo immer es geht, müssen Kinder an den sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden.

Für einige Kinder ist es eine Hilfe, wenn sie sich über die Reihenfolge, in der sie ihre Kleidungsstücke anziehen müssen, immer wieder selbst versichern können: Eine Fotoreihe kann ihnen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Erwachsenen ermöglichen.

Freispielen

Dem Freispielen wird mit dem heutigen Verständnis des aktiv an seinen Bildungsprozessen beteiligten Kindes große Bedeutung zugemessen. Kinder mit spezifischen Lernausgangslagen müssen hier subjektiv passende Strukturen vorfinden, damit sie möglichst eigenständig und unabhängig von Erwachsenen ihren Themen und Interessen nachgehen können. Dazu gehört z.B., dass für Kinder, die noch nicht stehen können, alle für sie wichtigen Spielmaterialien in erreichbarer Höhe angeboten werden. Fotos auf den Materialkisten können dabei die Orientierung erleichtern.

Kinder aus anderen Herkunftsländern müssen Materialien vorfinden, mit denen sie sich identifizieren können (Bücher, Rollenspielmaterial etc.). Für Kinder auf sehr jungem Entwicklungsniveau müssen entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen werden: Sehr kleine, verschluckbare Einzelteile dürfen nicht ungesehen in ihre Hände gelangen.

Freispielen in einer Gruppe mit 20 - 25 Kindern ist strukturell eine sehr komplexe Situation, die Kinder überfordern kann. Klar definierte Funktionsecken, eine gute Schallisolierung und Differenzierungsräume ermöglichen eine Reduktion von Komplexität, die konzentrierte und vertiefte Auseinandersetzung mit Angeboten erleichtern.

Beobachtungsverfahren LEUVENER Engagiertheits-Skala

Trifft der Tagesablauf, so wie wir ihn organisieren, die Bedürfnisse der Kinder? Von Zeit zu Zeit sollten wir das überprüfen, und gegebenenfalls den Tagesablauf bzw. die Struktur der einzelnen Sequenzen verändern. Eine gute Hilfe kann dabei das Arbeitsbuch zur Leuvener Engagiertheits-Skala (Vendenbussche/Laevers 1999) sein. Mithilfe verschiedener Beobachtungsbögen können die Engagiertheit und das emotionale Wohlbefinden der Kinder eingeschätzt werden. Insbesondere der Bogen LES-K Formblatt 4 (ebd., S. 75) kann Aufschluss darüber geben, wie viele Kinder sich in bestimmten Situationen wohlfühlen und wie engagiert sie sind. Beides sind Grundvoraussetzungen für gelingende Bildungsprozesse.

Fazit

In inklusiven Gruppen variieren die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen der Kinder mehr als in sog. Regelgruppen. Auch der Hilfebedarf zur Teilhabe einzelner Kinder kann erheblich größer sein. Um dem gerecht zu werden muss der systematischen Beobachtung der Kinder und dem Austausch im multiprofessionellen Team mehr Zeit eingeräumt werden. Der Ansatz zur alltagsintegrierten Förderung ist ein wesentliches Element inklusiver Pädagogik: Im bedeutungsvollen Kontext von Aktivität und Gruppe unterstützt sie die Teilhabe aller Kinder.