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Angst vor dem Elterngespräch – Bewältigungsstrategien für Erzieher/innen

Ursachen von Angst erkennen und damit umgehen. Im Rahmen von Fortbildungen und Supervisionen von Erzieherinnen schälen sich immer wieder typische Ängste heraus. Die eigene Person mit ihren beruflichen Fähigkeiten wird dabei abgewertet und in ihrem professionellen Handeln eingeschränkt. Der Beitrag zeigt Möglichkeiten auf, Befürchtungen und Ängste gezielt zu adressieren und so zu einem selbstbewussteren Auftreten gegenüber Eltern zu finden.

 

Elterngespräch – Bewältigungsstrategien für Erzieher/innen

© fotolia.com mangostock

Angst ist eine schnelle Reaktion auf Gefahren. Sie warnt und schützt. »Angst gehört unweigerlich zum Leben. In immer neuen Abwandlungen begleitet sie das ganze Leben. Sie gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit« (Riemann 1999, S. 15). Ängste treten aber nicht nur in realen Gefahrensituationen auf, sondern auch, wenn wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Sie ist einmal Signal und Warnung bei Gefahren und sie enthält gleichzeitig einen Aufforderungscharakter, nämlich den Antrieb, die Angst zu überwinden. Ängste engen die eigenen Freiheiten zum Denken und Handeln ein, wenn sie sich auf eine nicht real existierende Gefahr beziehen, sondern sich verselbständigen. Ängste und Unsicherheiten nisten sich ein in den Gedanken und Gefühlen und heischen sich an, das Denken und Handeln lenken zu wollen. Sie gaukeln Gefahren vor, wo es sinnvoller erscheint, sich mit Mut, Vertrauen, Erkenntnis und Hoffnung den Ängsten zu stellen. Ängste schlagen sich auch in sehr starken körperlichen Reaktionen nieder, die den Eindruck persönlicher Hilflosigkeit noch verstärken.

Höflichkeit kann lähmen

Eine zu große Empathie für andere Menschen kann dazu führen, dass die eigenen berechtigten Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund treten und die Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen oft in ungerechtfertigter Weise als vorrangig angesehen werden. Als Leitsatz dient dabei z.B. die Frage: »Bin ich als Erzieherin nicht immer verpflichtet, mir alles anzuhören und wertzuschätzen, was die Eltern sagen?« Es sei, so wird immer wieder argumentiert, eine Frage der Höflichkeit, den Eltern mehr Raum zu geben als sich selber. Es scheint so, als sei die Erzieherin auch dann noch zu wohlwollender Empathie verpflichtet, wenn Eltern mit ihren Äußerungen deutlich machen, dass sie die persönlichen Grenzen – sowohl ihrer Kinder als auch der Erzieherin – missachten und im Gespräch mit der Erzieherin mit offenen und angedeuteten Provokationen Grenzen austesten (Krause 2013). Hier greift der Selbstschutz der Erzieherin.

Eine übertriebene Höflichkeit kann aber auch dazu führen, dass zu früh Grenzen gezogen werden und wesentliche Themen nicht angesprochen werden, weil sie unangenehm sind und eine Lösung erst mühsam erarbeitet werden müsste. Die als Höflichkeit erscheinende Achtung der Grenzen durch die Erzieherin könnte auch als Zeichen des Gehorsams gegenüber den Eltern angesehen werden, die ihrerseits Angst haben, zentrale Probleme in der Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern anzusprechen.

Irrationale Gedanken übernehmen die Handlungssteuerung

Diese selbstauferlegte Maxime der Höflichkeit führt leider nicht selten zu einem Gefühl der Hilflosigkeit, zur Aufgabe der Selbstbestimmung und bis hin zur Kränkung der eigenen Würde (Bieri 2014, 2015). Verstärkt wird die Angst durch die zur Gewissheit erhobenen Vermutung, dass der Träger den Eltern mehr Achtung entgegen bringt als den Erzieherinnen (»Vielleicht verliere ich meine Stelle, wenn sich Eltern über mich beschweren«). Irrationale Ängste überschatten die Fähigkeit zur Selbstreflexion und übernehmen zeitweilig die Handlungssteuerung.

Typisch für Ängste sind kurze Sätze oder Fantasiesplitter (Kast 1996, S. 12), die zu sofortigen heftigen körperlichen Reaktionen führen können. Sätze, oft zu sich selber gesprochen (»Wenn ich ein falsches Wort sage, bin ich beschämt bis ans Ende meiner Tage« – »Wenn ich etwas sage, was den Eltern missfällt, werden sie sich über mich beschweren und dann weiß ich nicht, was ich sagen soll«), sind oft mit Bildern unterlegt, die katastrophale Folgen beschwören, die emotional sehr intensiv erlebt und deshalb für glaubwürdig gehalten werden. Als handlungssteuernd erweisen sich auch typische irrationale Überzeugungen. Ellis fast sie in vier Grundkategorien zusammen (Schwartz 2014):

  1. Absolute Forderungen: Wünsche werden zu absoluten Forderungen (»ich muss …«, »die anderen müssen …«);
  2. Globale negative Selbst- und Fremdbewertungen: Statt einzelner Eigenschaften, wird die ganze Person als minderwertig bewertet (»ich bin wertlos/ein Versager …«, »der andere taugt nichts …«);
  3. Katastrophisieren: Negative Ereignisse werden überbewertet (»es wäre absolut schrecklich, wenn …«);
  4. Niedrige Frustrationstoleranz: Es besteht der Glaube, negative Ereignisse nicht aushalten zu können (»ich könnte es nicht ertragen, wenn …«).

In ihrer professionellen Rolle obliegt es der Erzieherin, die Qualität der elterlichen Äußerungen und Haltungen zu überprüfen und aktiv korrigierend einzugreifen, wenn dies zum Wohle des Kindes und zur Aufrechterhaltung der persönlichen Autorität notwendig ist. Manchmal ist es auch hilfreich, eine zu stark ausgeprägte Höflichkeit im Kontakt mit den Eltern langsam zurückzunehmen und einen sachlicheren Umgang anzustreben.

Der Status der Eltern

Auch der soziale Status der Eltern oder eines Elternteils kann die Bereitschaft der Erzieherin, ihre Handlungsbereitschaft einzuschränken, erhöhen. Unsicherheit kann entstehen, wenn eine Erzieherin einem Arzt, Architekten oder gar einer Psychologischen Psychotherapeutin gegenüber sitzt. Im Kontakt mit den Eltern geht es jedoch nicht in erster Linie um den sozialen Status der Eltern. Eltern haben grundsätzlich den Anspruch, als Eltern wahrgenommen und angesprochen zu werden. Das Erleben als Mutter/als Vater ist qualitativ anders als das Erleben in einer gesellschaftlichen oder beruflichen Rolle. Eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, die selber täglich Umgang mit schwierigen Kindern und deren Eltern hat, muss sich in ihrer Rolle als Mutter darauf verlassen können, dass eine eventuell gleichaltrige oder jüngere Erzieherin sie auf Verhaltensauffälligkeiten ihres Kindes hinweist und mit ihr angemessene Hilfsangebote bespricht. Angstmindernd wirken ermutigende Gedanken (»In meiner professionellen Rolle als Erzieherin verfüge ich über die Kompetenz, den Entwicklungsstand eines Kindes einzuschätzen, die Mutter hierüber zu informieren und auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen«).

Zweifel an der Wirksamkeit

Selbstzweifel und Zweifel an der eigenen Kompetenz können verstärkt auftreten, wenn Eltern einen Mangel an Kooperation aufweisen. Es kann Ängste und Zweifel verstärken, wenn die Erzieherin das Verhalten der Eltern als Botschaft an sich selber ansieht und unüberprüfte Fantasien über die vermuteten Gedanken der Eltern aufblühen lässt. Es besteht die Gefahr, dass diese Fantasien als gegeben angesehen werden und schnell zu grundsätzlichen Zweifeln an der eigenen Person führen (»Der Vater hat so kritisch geguckt. Sicherlich lehnt er mich ab. Da ist es besser, wenn ich jetzt gar nichts mehr sage, weil der Vater mich wahrscheinlich gar nicht ernst nehmen wird. Das halte ich dann nicht aus. Es ist so beschämend, wenn ich mir vorstelle, dass das, was ich hier vorbringe, gar nicht ernst genommen wird.«). Es ist hilfreicher und sicherlich angemessener, das Verhalten des Vaters als Selbstaussage zu werten (»Vermutlich denkt er, dass er meine Äußerungen für sich noch einmal überdenken will. Das ist sein gutes Recht. Um sicher zu sein, kann ich ihn ja jetzt darauf ansprechen«). Durch das offene Ansprechen (»Ich habe den Eindruck, dass Sie mit dem, was ich sagte, nicht so einverstanden sind. Wären Sie bereit, Ihre Einwände offen auszusprechen, so dass wir miteinander darüber reden können?«) können die Fantasien auf ihren Realitätsgehalt überprüft werden und der Vater wird im Kontakt gehalten. Im aktiven Handeln kann sich die Erzieherin als kompetent und wirksam erleben. Die Realität korrigiert die ängstlichen Zweifel, die nur im Verstummen gedeihen.

Der kritische Dialog mit der Angst

Angstgedanken zeichnen sich dadurch aus, dass sie unkonkret und überzogen sind. Es ist hilfreich, mit den Ängsten in einen Dialog zu gehen und die Angstgedanken rational zu überprüfen. Dies kann durch einen »Dialog mit der Angst« geschehen, bei dem abwechselnd die eigene Rolle (»Erzieherin kurz vor einem Elterngespräch«) und die der Angst eingenommen wird (Rollentausch).

Das Erleben der eigenen Rolle ist dabei oft viel emotionaler als die Rolle der Angst. Der Rollentausch mit der Angst bedeutet, für einen Moment von sich selber Abstand zu nehmen und damit von den momentanen Gefühlen der Lähmung und Hilflosigkeit, den oft heftigen Körperreaktionen (Angstschweiß, Herzrasen, Kloß im Hals) und den die Ängste begleitenden Gedanken. Ein Hineinschlüpfen in die Rolle der Angst zeigt recht schnell: Die Angst selber hat keine Angst. Sie zittert nicht. Sie fühlt sich nicht hilflos, sondern oft klar und machtvoll. Der Rollentausch mit der Angst hilft auch, diese genauer zu identifizieren und sie so verstehbarer zu machen. Im Dialog kann die Erzieherin die Angst fragen: »Wer bist Du? Wie heißt Du? Warum kommst Du jetzt zu mir? Was willst Du mir mitteilen? Warum wählst Du die Form der Angst, um mir etwas zu sagen?«

Die Konkretisierung im Handeln hilft, die Identität des Quälgeistes zu entlarven und zu hinterfragen (Bach/Torbet 1987, S. 74). »Angst, Du verwendest Redewendungen, die ich von meinem Vater kenne, der mir nie etwas zugetraut hat. So nenne ich Dich jetzt die ›Grabesstimme meines Vaters‹. Kannst Du mir eine gute Begründung nennen, warum Du mir eigentlich jetzt immer noch nichts zutraust? Oder denkst Du noch immer, dass ich ein kleines Kind bin?« Im Rollentausch mit der Angst kommt es dann nicht selten vor, dass die Angst sich bedrängt fühlt, weil sie nicht gewohnt ist, hinterfragt zu werden, und verstummt. Sie verliert ihre Macht.

Die biographisch erworbene Angst

Kinder ängstlicher Mütter und Väter laufen Gefahr, ihrerseits die immer wieder erlebte Ängstlichkeit ihrer Eltern in sich aufzunehmen und als eigene Lebensängstlichkeit zu bewahren. Während eines Elterngespräches kann es durchaus vorkommen, dass Eltern ein ähnliches Verhalten wie die Eltern der Erzieherin zeigen und dadurch uralte Ängstlichkeiten bei der Erzieherin aufsteigen. Langfristig wird es sinnvoll sein, wenn die Erzieherin selber professionelle Hilfen in Anspruch nimmt und sich mit den lebensgeschichtlichen Hintergründen ihrer Ängste im Rahmen einer Lebensberatung, einer Selbsterfahrungsgruppe oder einer Psychotherapie auseinandersetzt (Kast 2012).

In der konkreten Gesprächssituation selber kann folgende Überlegung hilfreich sein: »Inwieweit unterscheiden sich die Eltern, die jetzt vor mir sitzen, von meinen Eltern? Existiert in der von mir erlebten Ähnlichkeit, die mich so vertraut ängstlich werden lässt, eine Unterschiedlichkeit? Und bin ich in der Lage, jetzt als erwachsener Mensch anders zu reagieren als damals, als ich selber noch klein war? Welche sozialen Kompetenzen habe ich mir angeeignet, die ich jetzt anwenden kann?« Diese Überlegung soll dabei helfen, trotz einer aufkeimenden Ängstlichkeit im Elterngespräch handlungsfähig zu blieben.

Grenzen ausloten und überschreiten

Ängste und Unsicherheiten können auch entstehen, wenn grundsätzlich noch keine Klarheit darüber besteht, wie deutlich Themen in Elterngesprächen angesprochen werden dürfen. Als Richtschnur bieten sich hier praxisbezogene Lehrbücher an, die anhand konkreter Beispiele modellhaft verdeutlichen, wir klar und offen Erzieherinnen in den Gesprächen mit den Eltern auftreten und formulieren dürfen und wo die Grenzen der eigenen Kompetenz zu ziehen sind. Ängstliche Erzieherinnen werden die Grenzen eher zu früh ziehen. Gute Fachbücher können eine eher erlaubende Wirkung aufweisen und ermutigen, die eigenen Grenzen auszuloten und langsam mehr Sicherheit in der Führung der Elterngespräche zu gewinnen (Krause 2013).

Workshops und Fortbildungen bieten die Möglichkeit, in Rollenspielen schwierige Situationen mit Eltern in geschütztem Rahmen zu durchdenken und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. Das aktive Probehandeln und die ehrliche Reflexion des eigenen Erlebens führen dazu, das eigene ängstliche Zögern zu verstehen und zu überwinden. Die Aufstellung von Familienskulpturen hilft, die Familien aus verschiedenen Perspektiven und auf verschiedenen Ebenen zu durchleuchten, die unbewussten Beziehungsbotschaften in den Familien zu verdeutlichen und z.B. zu verstehen, wie bestehende persönliche Probleme der Erwachsenen und Probleme der Paarbeziehung die Elternrollen und damit die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern beeinflussen. In der Supervision kann geklärt werden, inwieweit das Anerkennen eigener Ängste zu mehr Verständnis für sich selber und die Eltern führen kann. Eine Erzieherin, die selber Mutter ist, wird verstehen, wie schwer es einer Mutter fallen kann, sich langsam von ihren kleinen Kindern zu lösen und diese in die Obhut anderer Menschen zu geben.

Fazit

Das abschließende Zitat macht noch einmal deutlich, wie wichtig eine aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten ist: »Würden wir uns der Angst mehr stellen, dann bekämen wir mehr Zugang zu dem, was geändert werden muss, aber auch zu dem, was uns Halt gibt. Damit würden wir echter werden, mehr mit unseren Gefühlen verbunden, damit würden auch unsere mitmenschlichen Beziehungen wieder echter und damit lebendiger« (Kast 2013).

Literatur

Bieri, P. (2014): Wie wollen wir leben? DTV: München.

Bieri, P. (2015): Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. Fischer TB: Frankfurt am Main.

Hüther, G. (2009): Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen.

Kast, V. (1996): Vom Sinn der Angst. Wie Ängste sich festsetzen und wie sie sich verwandeln lassen. Herder: Freiburg.

Kast, V. (2012): Konflikte anders sehen. Die eigenen Lebensthemen entdecken. Herder: Freiburg im Breisgau.

Krause, M. (2013): Elterngespräche Schritt für Schritt. Praxisbuch für Kindergarten und Frühpädagogik. Reinhardt: München.

Riemann, F. (1999): Grundformen der Angst. Ernst Reinhardt: München.

Schwartz, D. (2014): Vernunft und Emotion: Die Ellis-Methode – Vernunft einsetzen, sich gut fühlen, mehr im Leben erreichen.