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Babyzeichensprache: bewegte Hände - bewegte Sprache (Teil 2)

Im ersten Teil dieses Beitrages wurde Babyzeichensprache dem Grunde nach erklärt. Dabei wurde erläutert, was Babyzeichensprache überhaupt ist und wie sie funktioniert. Der zweite Teil widmet sich den praktischen Aspekten und der Umsetzung im Alltag.

 

Babyzeichen richtig deuten - Wie Kitas mit Gebährden arbeiten

© oksun70

Babyzeichen unterstützen den Lautspracherwerb. Das Kind im vorsprachlichen Alter verfügt bereits über ein großes Sprachverständnis. Bis zum Sprechvermögen ermöglichen es die Babyzeichen, seine Bedürfnisse auszudrücken. In dieser frühen Umsetzungsmöglichkeit des Sprachverstehens in den aktiven Selbstausdruck, sehe ich einen großen Gewinn für das Selbstwirksamkeitserleben und die Kommunikationsfreude des Kindes. Das Kind zeigt durch die Gebärden, welches Thema es gerade beschäftigt. Der Erwachsene nutzt diese Beobachtung als Grundlage für seine pädagogischen Handlungen

Die Kommunikation mit Babyzeichen intensiviert alle vorsprachlichen Fähigkeiten wie bewusster häufiger Blickkontakt, Motivation zum Austausch mit anderen, Beachtung der kindlichen Zeigegeste sowie Herstellen eines gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus unter Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse und Interessen.

Babygebärden sollen kein Einheits-Lernprogramm sein, das künstliche Lehrsituationen schafft, sondern ein Angebot an das Kind, das deren Individualität, Interessen und Bedürfnisse im pädagogischen Alltag in den Mittelpunkt rückt und einen gelungenen Austausch unterstützen möchte. Wichtig ist es, keine Erwartungshaltung dem Kind gegenüber zu zeigen, dass es die Gebärden nachmachen soll, so wie wir es auch nicht zum Nachsprechen drängen.

Bei Kleinkindern unter einem Jahr wird es etwas länger dauern, bis sie die Zeichen selbst anwenden. Sie unterstützen die Kleinen aber schon im ersten Schritt bei der Bildung von Begriffen. Ihre ersten Zeichenversuche werden aufgrund der sich noch entwickelnden Finger- und Hand-Motorik meist auch noch nicht genauso aussehen, wie die Handbewegungen, die die Erzieher/innen vorführen, sondern undeutlicher sein - so wie die Lautsprache am Anfang auch ...

Kinder über ein Jahr nehmen die Gesten oft recht rasch an und wir beobachten, dass die Kleinen die Worte dafür auch relativ bald versuchen lautsprachlich nachzuahmen. Zwei- und dreijährige Kinder übernehmen die Gesten spontan. Dies wird besonders von den jüngeren Kindern der Gruppe intensiv beobachtet, so lernen die Kleinen von den Großen.

Kindermund: Babyzeichen bei den Mahlzeiten: "Es gibt Pfannkuchen mit Rhabarber-Kompott. Mia hat ihren ersten Pfannkuchen vertilgt und nimmt sich noch einen. Auf meine Frage: "Möchtest Du auch noch Rhabarber-Kompott?" sieht sie mich mit großen Augen fragend an und zeigt: "KAPUTT?" "Nein Mia, Kompott, nicht kaputt."

Welche Zeichen helfen im Kita-Alltag?

Begleitende Gesten als sprachliches Angebot geben den Kindern eine sichtbare Orientierung in der täglichen Routine. Gerade der Übergang von einer Situation in eine neue sorgt manchmal für Unruhe. Indem ich zusätzlich durch Gebärden den nächsten Schritt ankündige, helfe ich den Kindern, sich darauf leichter einzustellen und die Veränderung positiv anzunehmen und mitzuwirken.

Beispiele:

  • "Lasst uns gemeinsam AUFRÄUMEN! Danach gibt es das Mittag-ESSEN."
  • "Wir gehen alle ins HAUS. KOMMT mit! ZIEHT drinnen bitte eure Jacke AUS."
  • "Nun gehen wir HÄNDE WASCHEN." "Bist du schon FERTIG? Dann WARTE bitte an der Tür."

Erzieher/innen berichten immer wieder, dass sie nun noch sensibler das Ausdrucksverhalten eines jeden Kindes beobachten und verstärkt beachten, wodurch die vielen kleinen Fortschritte im Lernen der Kinder erkennbar werden. Sie spüren, dass die Kinder aufmerksamer sind und die Babyzeichen ihren Worten noch mehr Bedeutung und Aufforderungscharakter geben.

Da Kinder Wiederholungen lieben, reicht es für den Anfang aus, sich auf wenige Zeichen zu konzentrieren, die in der täglichen Routine und in möglichst verschiedenen Situationen des Alltags vielseitig/häufig eingesetzt werden können.

Wichtig ist, im Team zu erarbeiten, welche Babyzeichen für die jeweilige Altersgruppe, die tägliche Interaktion mit der Gruppe und den Stand der sprachlichen und sozialen Fähigkeiten der Kinder wichtig und hilfreich sein werden.

Diese Fragen helfen Ihnen dabei:

  • Welche Fixpunkte gibt es für die Kinder in welcher Abfolge?
  • Wie können die Kleinen in die Routine einbezogen werden?
  • Welche täglich wiederkehrenden Pflegemaßnahmen, Spiele oder Themen der Gruppenarbeit gibt es?
  • Was erleichtert mir selbst die Arbeit?
  • Wo und wann gibt es am häufigsten Missverständnisse oder Konflikte und Unruhe unter den Kindern?

Mein Menschenbild geht davon aus, dass eine wertschätzende Kommunikation nicht nur mit Kleinstkindern sondern mit jedem Menschen egal welchen Alters und ob mit oder ohne Beeinträchtigungen alle Kommunikationsmöglichkeiten einbeziehen sollte. Wie in der UK (Unterstützen Kommunikation) gehe ich von Voraussetzungslosigkeit aus. Ein Kind muss nicht erst eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht haben, bevor ihm Gebärden an die Hand gegeben werden können. Sobald das Mitteilungsbedürfnis eines Kindes seine Kommunikationsfähigkeit übersteigt, vertraue ich darauf, dass es beginnt, sich zu äußern und Kontakt herzustellen.

Einbezug von Kindern mit Migrationshintergrund

Wie kommunizieren wir mit Menschen im Ausland, deren Sprache wir nicht sprechen? Wir nehmen Hände und Füße zur Hilfe, denn Gesten sind leichter zu erfassen, zu erlernen und nachzuahmen als unbekannte Worte. Eine große Bedeutung haben Babyzeichen daher bei der Unterstützung der Begriffsbildung nicht nur für Kleinstkinder, sondern auch für ältere Kinder oder sogar Erwachsene, die eine Fremdsprache lernen.

Über die Bewegungen der Gebärden sind sie selbst aktiv in den Spracherwerb einbezogen, können rascher teilhaben am Gruppengeschehen, sich äußern und aktiv einbringen. Eine vertrauensvolle Kommunikation, die an den vorhandenen Fähigkeiten ansetzt, stärkt die Bindung und erleichtert es dem Kind, sich zu öffnen und teilzuhaben/einzubringen/"mitzureden".

Die erhöhte Aufmerksamkeit für Bewegungen, die Schulung des genauen Hinhörens (wichtig für Laute, die es in eigener Muttersprache nicht gibt und die auditiv schwer wahrgenommen werden können) und Hinsehens auf das Mundbild der Erzieher/in beim Sprechen, ein intensiverer Blickkontakt sowie die Hilfe bei der Differenzierung im semantischen Bereich sind gerade für Kinder mit Migrationshintergrund weitere wichtige Bausteine zur Integration und Sprachförderung.

Babyzeichen schulen auf spielerische Weise die phonologische Bewusstheit: die Bewegungen der Zeichen für ähnlich klingende Worte wie z.B. HUND-MUND, HASE-NASE oder HASE-HOSE unterscheiden sich deutlich und visualisieren diese, wodurch die Kinder zum aufmerksamen Zuhören angeregt werden. Der nur kurz wahrnehmbare Klang eines Wortes hallt durch die länger zu beobachtende Geste noch nach.

Konkrete Repräsentationen können von kleinen Kindern oder über Sprachbarrieren hinweg leichter verstanden werden als abstrakte Wörter des Sprachsystems. So sind Babyzeichen auch beim Kategorisieren und Lernen von Oberbegriffen eine sichtbare Hilfe.

Aus der Praxis einer Tagesmutter: "Aleesha (zwei Jahre) ist erst vor kurzem mit ihren Eltern aus Nigeria in die Schweiz gezogen. Sie versteht noch kein Schweizerdeutsch. In unserer Spielgruppe nutzen wir Babyzeichen intensiv. Beim Spielen im Garten brennt die Sommersonne und ich sehe, dass Aleesha ihren Hut nicht auf hat. Ich sage es ihr und begleite dies mit dem Zeichen "HUT" am Kopf. Sie versteht sofort, holt ihn und setzt ihn auf. Sie konnte sich bereits nach zwei Wochen in der Zeichensprache mit uns unterhalten und nutzt dies rege."

Was sagen Kitas, die damit (mit Babyzeichen) arbeiten?

Kita Sternschnuppe aus Recklinghausen:

Den ersten Kontakt mit Babyzeichensprache hatten wir Anfang 2009 bei einem Hausbesuch einer Familie, die einen "Zwergensprache-Babykurs" besucht hatte und seitdem die Babyzeichen regelmäßig in der Familie verwendet. Während der Eingewöhnungszeit konnten wir die Erfahrung machen, dass Frieda (ein Jahr) sich im Gegensatz zu den anderen gleichaltrigen Kindern verständigen konnte und von den anderen Kindern beobachtet wurde, die die Zeichen nach kurzer Zeit nachahmten.

Durch Gespräche mit dieser Familie, Recherche im Internet und mit Hilfe des "Großen Buches der Babyzeichen" entschieden wir uns, Babyzeichen regelmäßig in den Krippenalltag einzubinden. Unsere Eltern wurden bei einem Elternabend mit der Kursleiterin über den Umgang mit und den Einsatz der Babyzeichen zu Hause und in der Krippe informiert. Die Eltern erhalten in der Eingewöhnungsmappe Informationen über die Babyzeichensprache. Neue Babyzeichen werden an der Gruppenpinnwand ausgehängt.

Die Gesten und Bewegungen, die wir bereits bei den Liedern und Fingerspielen nutzten, wurden vom Gruppenteam nach und nach in einheitliche Babyzeichen umgewandelt. Die Kommunikation im Freispiel, beim Wickeln, beim Frühstück und Mittagessen und beim Zubettgehen wird seitdem von einigen Babyzeichen begleitet. Auch bei Projektthemen und situativen Anlässen suchen wir uns passende Gesten aus. Die Bilder des großen Babyzeichen-Plakats haben wir ausgeschnitten und in die jeweiligen Bereiche des Gruppenraumes geklebt.

Bei den Jungen und Mädchen konnten wir bisher beobachten wie sie sich, zusätzlich zum Plappern und auf Gegenstände zeigen, durch Babyzeichen besser verständigen können. Sobald die Kinder ein Wort gut aussprechen, lassen sie das Babyzeichen dazu ganz von alleine weg. Auch Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung können sich nun leichter einbringen.

Im Morgenkreis zeigen die Kinder nicht nur, dass sie da sind, sondern auch ob ein Kind im Urlaub oder krank ist. Beim Singkreis nutzen auch die Kinder, die noch nicht sprechen können, die Gebärden um mitzuteilen, welches Lied sie singen möchten.

Die Zeichen werden von den Kindern auch untereinander angewendet und sie helfen sich gegenseitig dabei, wie eine Geste richtig ausgeführt wird. Die Älteren über zwei Jahren zeigen den Jüngeren oft von sich aus Gebärden und erinnern sich auch noch nach einiger Zeit an Zeichen, die wir bei Projekten gelernt haben.

Die Kinder beobachten uns genauer. Und auch wir halten mehr Blickkontakt, auch in hektischen Situationen.

Beim Abholen zeigen einige Jungen und Mädchen oft stolz ihre neu gelernten Zeichen oder die Eltern berichten uns am nächsten Tag davon, dass die Kinder ihnen zu Hause die Gebärden gezeigt haben. Durch einen regelmäßigen Austausch mit den Eltern entstehen keine Schwierigkeiten, dass zu Hause oder in der Krippe neu gelernte Gebärden nicht erkannt werden.

Die beliebtesten und am häufigsten benutzten Gebärden sind: "mehr", "schlafen", "Schnuller", "arbeiten", "spielen", "Musik".

Seit etwa einem Jahr haben wir auch Kinder von zwei Familien mit gehörlosen Eltern in unserer Einrichtung aufnehmen können. Alle Kinder erleben somit nicht nur den Umgang mit Babyzeichen, sondern auch, dass es Menschen gibt, die gehörlos sind und sich mit den Händen unterhalten.

Auch in den Gruppen für Kinder von drei bis sechs Jahren sind Gebärden mittlerweile ein kleiner Bestandteil des Kindergartenalltags geworden. Fast alle Erzieherinnen haben nun einen Gebärdennamen und auch die Gruppennamen (blaue, grüne und rote Gruppe) sind als Gebärden bei den Kindern bekannt. Und einige Kinder wollen nun auch einen eigenen Gebärdennamen haben.

Im nächsten Jahr startet für die Eltern und Kinder im Alter von null bis zwei Jahren im Rahmen des Familienzentrums der "Zwergensprache-Babykurs" in der Einrichtung. Wir planen unsere Vorschulkinder an das Fingeralphabet heranzuführen und weitere Erzieherinnen in DGS schulen zu lassen.

Die vielen positiven Erfahrungen, die wir seit August 2009 mit den Babyzeichen und der DGS (Deutsche Gebärdensprache) gemacht haben, zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind und nicht nur die Kinder in ihrer Sprachentwicklung unterstützen und fördern können, sondern dass wir auch eine Brücke zwischen der hörenden und der gehörlosen Welt gebaut haben.

Auch wenn Langzeitstudien insbesondere im deutschen Sprachraum sowie eine genaue Bezifferung der Wirkungen von Babyzeichen auf den Spracherwerb noch ausstehen, lassen viele Erlebnisberichte aus der Praxis von sowohl pädagogischen Fachkräften, Logopäden als auch Eltern zeigen die Babyzeichensprache als eine Möglichkeit der frühen Verständigung mit Kindern auf dem Weg zur Sprache erscheinen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass diese Methode sich nicht nachteilig auf den Spracherwerb auswirkt. Zahlreiche Beobachtungen zeigen, dass Babys und Kleinkinder mit Hilfe von Babyzeichen beim Sprechen lernen auf leicht umzusetzende und spielerische Weise unterstützt werden können. Insbesondere der frühe aktive Selbstausdruck und das Erleben von Selbstwirksamkeit motivieren die Kinder zum Dialog. Sie bietet sich als pädagogisches Instrument für alle Kinder im U3-Bereich an.

Darüber hinaus ist der Einsatz in integrativen Einrichtungen für Kinder mit Beeinträchtigungen und Verzögerungen des Spracherwerbes (z.B. aufgrund von Down-Syndrom, Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalten, Hörschädigung, Entwicklungsverzögerung, ...) oder bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern während der gesamten Kindergartenzeit eine Hilfe.

Fazit

Zusammenfassend möchte ich mit einem Zitat abschließen:

"Für unsere zwischenmenschliche Kommunikation brauchen wir verbale und nonverbale Sprache. In der Entwicklung des Kleinkindes geht die nonverbale Sprache der verbalen voraus, beginnt mit Blickkontakt, Beobachtung der Mimik des Gegenübers, dann auch der Gestik. Im weiteren Leben ergänzen sich fast immer beide Formen des Sich-Mitteilens. Babyzeichensprache hat seinen Platz in diesem Kontext. Sie bildet eine wertvolle und interessante Erweiterung und Bereicherung, sollte aber nicht isoliert betrachtet werden. Ein neuer, nützlicher Baustein für die kindliche Entwicklung."

(Dr. med. Jean Klingler Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Biel-Bienne)