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Beziehungsorientierte Pädagogik: ein Grundpfeiler für Bildung und Bindung

Bildungsarbeit geschieht alltäglich sowohl ungesteuert als auch bewusst in Gang gesetzt durch ein dialoges Bindungserleben, getragen von Nähe, Aufmerksamkeit, Zuneigung, Interesse, Staunen, Neugierde und Zutrauen. Dabei ist es immer wieder der zwischenmenschliche Kontakt, der Kinder und Erwachsene motiviert, Kontakt zu sich selbst herzustellen. Wenn dies gelingt, ist der wichtigste und zugleich unvermeidbare Schritt zur Selbstbildung in Gang gesetzt.

 

Bindung ist ein wichtiger Faktor in der kindlichen Entwicklung

© solovyova

Prof. Dr. Wilhelm Schmid (Universität Erfurt) spricht in seiner Betrachtung der Bildungsprozesse im Rahmen der Kinder- und Jugendzeit von einer »dynamischen Lebenskunst«, die es aufzubauen gilt: »Sich um sich zu kümmern und doch nicht die Unbekümmertheit dabei zu verlieren – das stellt das dynamische Zentrum der kindlichen Lebenskunst dar ... « (2003, S. 40). Dazu gehören beispielsweise entwicklungsförderliche und bindungserfüllte Erfahrungsräume, in denen Kinder/Jugendliche die Möglichkeiten erhalten,

  • gegenwärtige, positive Erlebnisse in all ihrer Vielschichtigkeit genießen zu können;
  • immer wieder über eigene Entwicklungen und Stärken staunen zu können;
  • mit Offenheit, Interesse und Neugierde die Herausforderungen des Alltags suchen und sich ihnen mit Engagement zu stellen;
  • alte, lebenseinengende Fühl-, Denk- und Handlungsmuster zu erkennen und sich von diesen lösen zu können;
  • Zusammenhänge von Ereignissen erkennen und herstellen zu können, um aus der Erkenntnis heraus neue Handlungsstrategien zur Lösung von Problemen zu entdecken;
  • neue, unbekannte Spielräume im Rahmen eigener Verhaltensvielfalten zu entwickeln;
  • alte, bis weit in die Vergangenheit zurückliegende Geschichten zu klären, um aus belastenden Verstrickungen herauszufinden;
  • in möglichst vielen bedeutsamen Situationen identisch mit sich umgehen zu können und sich selbst zu sagen: "Wie schön, dass ich geboren bin, dem Leben schenk ich einen Sinn."

Was ist eigentlich "Bildung"?

Im sogenannten "Delors-Bericht" definiert dieser UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert, der sowohl von der Europäischen Union im Amsterdamer Vertrag beschlossen und in Göteborg verabschiedet wurde, in angemessener Kürze und in treffender Inhaltsprägnanz das wichtigste Ziel der Bildung. Dort heißt es:

"Bildung ist der Kern der Persönlichkeitsentwicklung und der Gemeinschaft. Ihre Aufgabe ist es, jeden von uns, ohne Ausnahme, in die Lage zu versetzen, all unsere Talente voll zu entwickeln und unser kreatives Potenzial, einschließlich der Verantwortung für unser eigenes Leben und der Erreichung unserer persönlichen Ziele, auszuschöpfen."

Bei dieser UNESCO-Begriffserläuterung wird "Bildung" als Fundament einer Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen Menschen und einer sozial miteinander verbundenen Gruppe verstanden:

  • Gemeint ist nicht eine Vermittlung kognitiver Fakten, sondern vielmehr die Entwicklung und der Ausbau der lebensbedeutsamen Kompetenz, neugierig zu sein und dies ein Leben lang zu bleiben.
  • Gemeint ist nicht primär, den kognitiven Bereich zu »fördern« sondern den Menschen zu befähigen, das eigene Leben selbstständig und aktiv, verantwortungsvoll gestalten zu können.
  • Gemeint ist nicht, sich anderen Menschen weitestgehend erwartungsorientiert unterzuordnen oder das zu tun, was andere erhoffen, sondern Autonomie zu entwickeln und Partizipationskompetenzen zu zeigen.
  • Gemeint ist nicht, Aufgaben, die von anderen an einen selbst gestellt werden, zu erfüllen, sondern die Fähigkeit zu entdecken und zu nutzen, sich selbst für Aufgaben zu interessieren und zu motivieren, Leistungsbereitschaft zu entwickeln und Leistungsfähigkeit zu demonstrieren.
  • Gemeint ist nicht, einzelne Teilleistungsaufgaben zu sehen und zu erfüllen, sondern die Dinge der Welt vernetzt miteinander zu betrachten, Sinnzusammenhänge zwischen unterschiedlichen Aspekten zu entdecken und Interdisziplinarität zu realisieren.
  • Gemeint ist nicht viel zu lernen, sondern gelernt zu haben, wie Wissen selbstständig zu erwerben ist und entsprechende Anstrengungen zu unternehmen, um aus einer breiten Allgemeinbildung (!) selbstaktiv vertiefende Kenntnisse zu suchen und zu erwerben.
  • Gemeint ist nicht, die Dinge der Welt so zu betrachten wie sie in der Vergangenheit und Gegenwart betrachtet wurden, sondern mit einem weltoffenen, kreativen Blickwinkel zu sehen, um neue Perspektiven zu entwickeln bzw. Innovationen zu initiieren.
  • Gemeint ist nicht, Arbeitsstrategien anderer Menschen zu kopieren, sondern selbst hilfreiche Planungs- und Umsetzungsstrategien zu beherrschen, die entscheidend dazu beitragen werden, eigene Talente immer wieder aufs Neue auszubauen.
  • Gemeint ist nicht, theoretisch über Konflikte zu reden, sondern eine Konfliktkompetenz zu beherrschen, die zu einer tiefen Kommunikationskultur mit anderen Menschen beiträgt.
  • Gemeint ist nicht, eigene Egozentrismen zu pflegen (Verhalten nach dem "Lustprinzip"), sondern Empathie und Solidarität zu entwickeln.
  • Gemeint ist nicht, die Urteile anderer Menschen zu übernehmen, sondern ein eigenes Urteilsvermögen zu besitzen.
  • Gemeint ist nicht, ein passives Lernverhalten zu zeigen, sondern eigenständige Lernaktivitäten an den Tag zu legen, um beispielsweise Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden zu können.

Bildungsarbeit in Kindertagesstätten kann daher nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn Fachkräfte, Fachberater/innen und Träger darauf achten, dass sich die Erwachsenenlogik (vor allem aus wirtschaftsgeleiteten und politisch motivierten Interessen) nicht der Kinderlogik bemächtigt und diese dann verkümmern lässt.

Die Macht der Gefühle

Über viele Jahrhunderte sahen Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen (auch der Psychologie) ebenso wie Laien die "Rationalität und Intelligenz des Menschen" als die "Perle der Schöpfung" an. Das hat sich inzwischen durch vielfältige Untersuchungen relativiert, ist doch demgegenüber bekannt, dass stets vor allen kognitiven Prozessen und Handlungsimpulsen die Emotionen  die entscheidenden Impulse dafür geben, in welche Richtung gedacht und wie gehandelt wird. Es ist die »Macht der Gefühle« (Ochmann, 2003), die unser Leben steuert und inzwischen haben führende Neurobiologen (vor allem A.F. Zimpel, G. Roth, M. Spitzer und G. Hüther) vielfältige Belege dafür vorgelegt, wie Emotionen das gesamte Leben bestimmen. Dabei sei an dieser Stelle auch auf den in Iowa City lehrenden Professor für Neurowissenschaften, Antonio Damasio sowie den in New York lehrenden Joseph LeDoux, der einer der wichtigsten Erforscher der Amygdala (= des evolutionsgeschichtlich uralten Hirnteils, der einen zentralen Einfluss auf das Gefühlsleben des Menschen hat) ist, hingewiesen.

Bindungen provozieren Bildungs- und Entwicklungswünsche

In Anbetracht dieser für die Pädagogik und Psychologie außergewöhnlich bedeutsamen Erkenntnisse sind die Ergebnisse der Bindungsforschung eng mit diesen vernetzt und besitzen für elementarpädagogische Fachkräfte einen besonders hohen Bedeutungswert. Einfach ausgedrückt heißt das: Eine liebevolle, vertrauensvolle und verlässliche Bindung, die Kinder in ihren ersten (und auch weiteren) Lebensjahren mit ihren Eltern sowie anderen Erwachsenen erfahren, ist die Grundlage für die Entstehung der o.g. »Lebenskunst des Menschen« und gleichzeitig die Basis für ein tiefes Selbstvertrauen, ein entwicklungsunterstützendes Selbstwertgefühl, Autonomie und Selbstständigkeit. Nur durch eine tief erlebte Geborgenheit und Annahme sind Kinder in der Lage, ihre »Lebenswurzeln« in Form von Sicherheit und Lebensfreude zu entwickeln und gleichzeitig vor einer Reihe seelischer Irritationen und lebenseinschränkender Ängste geschützt. So vielfältig die Verhaltensirritationen bei Kindern und Jugendlichen ausgeprägt sind – vor allem Ängste, gewaltbereites Handeln, aggressiv gesteuertes Verhalten, Anstrengungsvermeidungsverhalten, oppositionelles Widerstandsverhalten gegenüber Anforderungen oder eine generelle Antriebslosigkeit – und damit auch Selbstbildungsprozesse blockieren, so deutlich haben unterschiedliche, epidemiologische Studien unter Beweis gestellt, dass diese und weitere problematischen Verhaltensweisen häufig direkt oder indirekt auf fehlende Bindungserfahrungen zurückgeführt werden können (vgl. Grossmann, K & Grossmann, K.E., 2012). So kommt immer wieder zum Ausdruck, dass eine als sicher erlebte Bindung ein wesentlicher Schutzfaktor gegen seelische Irritationen und die Grundlage für alle nachhaltigen Lern- und (Selbst)Bildungsprozesse sind.

Grundannahmen und damit Ausgangspunkte für Bildungsprozesse

In der Bindungstheorie, die ein "umfassendes Konzept für die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen als Folge seiner sozialen Erfahrungen" darstellt (Ainsworth & Bowlby, in Grossmann, K. & Grossmann, K.E. 2012, S. 65), gibt es fünf Postulate (= Grundannahmen):

"1.  Für die seelische Gesundheit des sich entwickelnden Kindes ist kontinuierliche und feinfühlige Fürsorge von herausragender Bedeutung.

2. Es besteht die biologische Notwendigkeit, mindestens eine Bindung aufzubauen, deren Funktion es ist, Sicherheit zu geben und gegen Stress zu schützen. Eine Bindung wird zu einer erwachsenen Person aufgebaut, die als stärker und weiser empfunden wird, sodass sie Schutz und Versorgung gewährleisten kann. Das Verhaltenssystem, das der Bindung dient, existiert gleichrangig und nicht etwa nachgeordnet mit den Verhaltenssystemen, die der Ernährung, der Sexualität und der Aggression dienen.

3. Eine Bindungsbeziehung unterscheidet sich von anderen Beziehungen darin, dass bei Angst das Bindungsverhaltenssystem aktiviert und die Nähe der Bindungsperson aufgesucht wird, wobei Erkundungsverhalten aufhört (das Explorationsverhaltenssystem wird deaktiviert). Andererseits hört bei Wohlbefinden die Aktivität des Bindungsverhaltenssystems auf und Erkundungen sowie Spiel setzen wieder ein.

4. Individuelle Unterschiede in Qualitäten von Bindungen kann man an dem Ausmaß unterscheiden, in dem sie Sicherheit vermitteln.

5. Mithilfe der kognitiven Psychologie erklärt die Bindungstheorie, wie früh erlebte Bindungserfahrungen geistig verarbeitet und zu inneren Modellvorstellungen (Arbeitsmodellen) von sich und anderen werden." (Grossmann, K. & Grossmann, K.E., 2012, S. 67 f.)

Bindung kann durchaus als ein imaginäres Band verstanden werden, das zwei Personen verbindet und das dabei selbst in angenehmen Gefühlen verankert ist – als ein Erlebnis über einen längeren Zeitraum hinweg (vgl. Bowlby, 2014). Da sich Bindung erst im Laufe des ersten Lebensjahres eines Kindes entwickelt, werden Kinder im Laufe ihrer Entwicklung mehrere Bindungspartner suchen. Dabei nimmt gleichzeitig jedes Kind eine »innere Hierarchie der Bindungspersonen« vor, und je mehr sich ein Kind verlassen oder geängstigt fühlt, desto intensiver sucht es die apriorierte Bindungsperson.

Sichere Bindungserfahrungen machen Kinder stabil und lernaktiv

Kennzeichen einer sicheren Bindung kommen vor allem dadurch zum Ausdruck, wenn Kinder

  • die Bindungsperson als einen »grundsätzlich sicheren Hafen« erleben, den sie bei Verunsicherungen, Ängsten und Verlassenheitsgefühlen gerne, freiwillig und selbstmotiviert aufsuchen,
  • durch die Verhaltensweisen der Bindungspersonen Sicherheit und Hilfe erleben dürfen,
  • bei Sorgen, Kummer und Trennung Nähe zu ihrer Bindungsperson erleben,
  • motiviert und freiwillig über ihre Gefühle berichten und dabei emotionale Belastungen ebenso "ungehemmt und unkontrolliert" zum Ausdruck bringen wie Augenblicke der Freude und des tiefen Glücksempfindens.

Fazit

Kinder brauchen feste Beziehungen und sichere Bindungserfahrungen. Wenn sichere Bindungserfahrungen bei Kindern vor allem ein Gefühl der tiefen Geborgenheit auslösen und gleichzeitig eine Schutzfunktion gegen Über- und Unterforderungen, Kränkungen und Hoffnungslosigkeit, Verlassenheitsängste und Ohnmachtsgefühle bilden, dann kann die schon lange existierende Ausgangsthese des schwedischen Kindergarten- und Schulcurriculums nur mit großer Zustimmung aufgenommen werden: »Bildung geschieht nur durch Bindung .« Kinder brauchen daher einen Bildungsrahmen, in dem sie erfahrungsorientiert statt bildungsbelehrend, gemeinsam erkundend statt hierarchisch vermittelnd, alltagsorientiert statt künstlich in funktionalisierten Einheiten lernen können. Dazu gehören im Rahmen kindzentrierter Welterkundungen bindungsorientierte Mitforscher/innen, geduldige, aufmerksame Zuhörer/innen, staunende und engagierte Mitspieler/innen sowie interessierte Gesprächspartner/innen, selbsterfahrungsorientierte, lernfreudige, wahrnehmungsoffene, psychisch stabile sowie zuverlässige, Vertrauen vermittelnde Bezugspersonen, die mit ihnen gemeinsam den vielen unentdeckten Geheimnissen der Welt auf die Spur kommen wollen.

Literatur

Bowlby, J. (2014): Bindung als sichere Basis. München: Reinhardt, 3. Aufl.

Damasio, A.R. (2003): Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München: List.

Graf, J. (2006): Erst Wurzeln, dann Flügel. In: PSYCHOLOGIE HEUTE, Februar 2006, S. 46 – 51.

Gebauer, K. (2012): Klug wird niemand von allein. Düsseldorf: Patmos.

Grossmann, K./Grossmann, K.E. (2012): Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett-Cotta, 6. Aufl.

Krenz, A. (2008): Kinder brauchen Seelenproviant. München: Kösel, 5. Aufl.

Krenz, A./Klein, F. (2013): Bildung durch Bindung. Göttingen: Vandenhoeck + Ruprecht, 2. Aufl.

Ochmann, F. (2003): Die Macht der Gefühle. In: STERN, Nr. 35, S. 96-107

Roth, G. (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Frankfurt: Suhrkamp.

Schmid, W. (2003): »Ich hab’ mich selbst so lieb ... « – Über die Lebenskunst der Kinder. In: PSYCHOLOGIE HEUTE, Oktober.

Suess, G.J. (2006): Neue Erkenntnisse aus der Bindungsforschung. In: Manuskripte im Rahmen der didacta in Hannover, S. 1 – 2.

Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (DUK) (Hrsg.) (1997): Lernfähigkeit – unser verborgener Reichtum. UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert. (Delors-Bericht). Bonn.

Zimpel, A.F. (Hrsg.) (2010): Zwischen Neurobiologie und Bildung. Göttingen: Vandenhoeck + Ruprecht