zurück nach oben

Bildungsort Mahlzeit: Essen und Trinken als Lernsetting in der Kita

Nie Gemüse oder immer nur Nudeln? Viel-Esser oder Essensverweigerer? Was aber ist normal und wie lassen sich schwierige Ess-Situationen meistern? Um dies besser zu verstehen, kann ein Blick durch die ernährungspsychologische Brille hilfreich sein. Sie zeigt uns, auf welche Weise Kinder Essgewohnheiten entwickeln und wie wir sie für gesundes Essen und Trinken begeistern können. Wie Sie in Ihrer Kita Mahlzeitensituationen gestalten und Kinder beim Essen lernen praktisch unterstützen, erfahren Sie anhand zahlreicher erprobter Praxistipps.

 

Essen mit Kindern in der Kita

Essen mit Kindern in der Kita

Von Geburt an entwickelt und verändert sich unser Essverhalten das ganze Leben lang, hauptsächlich durch die sozialen und kulturellen Bedingungen in unserem Lebensumfeld. Ein Säugling reagiert noch instinktiv auf seine natürlichen inneren Signale wie Hunger und Sättigung. Mit zunehmendem Alter verlieren wir jedoch diese Fähigkeit. Äußere Signale beeinflussen Hunger und Sättigung stärker, z.B. vorgegebene Essenszeiten oder der Duft aus der Bäckerei. Je älter wir werden, umso mehr spielen unsere individuellen Einstellungen und Erfahrungen eine wachsende Rolle (z.B. »Grünkohl vertrage ich nicht«).

Entwicklung des Essverhaltens

Neue Geschmäcker müssen Kinder erst lernen. Das ist oft mit Unsicherheiten und ablehnendem Verhalten verbunden. Sie sind zwar neugierig, akzeptieren aber gleichzeitig nur langsam neue Geschmackseindrücke. Diese sogenannte Neophobie, die Angst vor Neuem, hat uns die Evolution in die Wiege gelegt. Nach dem Motto »Ich esse nur, was ich kenne« kann der Verzehr unbekannter Speisen zunächst Unbehagen und Angst auslösen. Das lässt sich jedoch überwinden.

Kinder lernen neue Geschmackseindrücke deshalb kennen und mögen, weil ihnen unbekannte Lebensmittel immer wieder angeboten werden. Dieses gewohnheitsbildende Hineinschmecken in die Esskultur ihrer Lebenswelt wird als Mere-Exposure-Effekt bezeichnet. Deshalb unterscheidet sich das Essverhalten von Menschen unterschiedlicher Kulturen oder Regionen, z.B. essen Afrikaner anders als Europäer.

Einflüsse auf das Essverhalten: Mit Vielfalt gegen Eintönigkeit

Der Mere-Exposure-Effekt sorgt für dauerhafte Geschmacksvorlieben. Würden wir aber immer nur das essen, was wir mögen, würden wir sicher sehr einseitig essen und wären unserer Lieblingsspeisen schnell überdrüssig. Damit das nicht passiert, steht der Ausbildung von Vorlieben (Mere-Exposure-Effekt) ein anderes evolutionsbiologisches Programm gegenüber, die so genannte die spezifisch-sensorische Sättigung, auch »Vielfalt-Programm« genannt. Niemand isst sein Lieblingsgericht auf Dauer, sondern legt automatisch Pausen ein, damit das Lieblingsgericht weiter eines bleibt.

Tipp

  • Es braucht meistens häufigere Angebote, bis Kinder sich an einen neuen Geschmack gewöhnt haben. Experten und Expertinnen sprechen von bis zu zehn Kontakten, bis ein Lebensmittel akzeptiert wird.
  • Wundern Sie sich nicht, wenn Kinder über mehrere Tage immer nur das Gleiche essen wollen. Es dauert häufig viel länger als bei uns Erwachsenen, bis Kindern ein bestimmtes Lebensmittel zu viel wird.
  • Kinder wollen zwar nur das essen, was sie kennen und mögen, andererseits gestalten sie ihre Lebensmittelauswahl vielfältig und beugen so automatisch einer einseitigen Ernährung vor.

Vorliebe für »süß«

Die Vorliebe für »süß« ist den Menschen angeboren, denn es gibt nichts Süßes auf der Welt, das gleichzeitig giftig ist. Auch Muttermilch schmeckt süß. Doch Vorsicht: Dies ist keine Entschuldigung dafür, dass wir zu viele Süßigkeiten essen. Vielmehr gewöhnen sich Kinder an den Süßgeschmack, wenn sie häufig süße Lebensmittel essen. Durch dieses regelmäßige Gewohnheitstraining steigt die Reizschwelle für den Süßgeschmack, so dass Kinder schwach gesüßte Lebensmittel dann irgendwann ablehnen.

Essverhalten der Mutter während der Schwangerschaft und Stillzeit

Das Essverhalten der Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit kann die Geschmacksentwicklung ihres Kindes beeinflussen. Während der Schwangerschaft werden über Nabelschnur und Fruchtwasser erste Geschmackseindrücke vermittelt. Dies setzt sich beim Stillen fort, denn auch die Muttermilch enthält Geschmacksstoffe der gegessenen Lebensmittel. Gestillte Kinder sind deshalb später für neue Lebensmittel aufgeschlossener. Eine abwechslungsreiche Ernährung der Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit ist also für eine hohe Akzeptanz des Kindes gegenüber neuen Geschmackseindrücken hilfreich.

Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel

Kinder entwickeln Aversionen gegen bestimmte Speisen, wenn sie eine unangenehme Erfahrung zeitnah beim oder nach dem Essen dieser Speise machen. Das können z.B. ein komischer Geschmack, eine anschließende Übelkeit oder Bauchschmerzen sein. Fast alle Menschen kennen eines oder mehrere Lebensmittel, die sie aufgrund einer negativen Erfahrung partout nicht essen.

Beobachtung und Nachahmung

Kita-Kinder lernen vor allem durch Beobachtung. Neben den Eltern haben auch Sie selbst in der Kita als Vorbild großen Einfluss. Allein das gemeinsame Frühstück und ihr eigenes leckeres Pausenbrot nehmen die Kinder als etwas Positives wahr. Die Neugier des Kindes wird geweckt, wenn Sie genussvoll mitessen.

Kinder beim Essen lernen praktisch unterstützen

Essen ist für alle Menschen ein soziales Ereignis. Erst recht für Kinder, die viel über gesunde Ernährung, Esskultur sowie Herkunft und Vielfalt von Lebensmitteln erfahren. Gestalten Sie Mahlzeitensituationen und unterstützen Sie die Kinder beim Essen lernen.

Immer wieder ermutigen

Ermutigen Sie die Kinder immer wieder, ihnen bisher unbekannte Lebensmittel zu probieren und zu entdecken: Wie sehen diese aus, wie riechen oder schmecken sie, wie fühlen sie sich an? Nur durch wiederholtes Probieren wird ein unbekannter Geschmack zu etwas Vertrautem. Bieten Sie neue Lebensmittel mehrfach und ohne Zwang an und akzeptieren Sie die anfängliche Ablehnung des Kindes.

Kinder mitmachen lassen

Selbst kleine Kinder können mithelfen: den Speiseplan und Regeln am Tisch besprechen, den Tisch decken und schmücken, das Geschirr abräumen. Die Mithilfe bei der Vor- und Zubereitung schafft einen engen Bezug zum Essen und damit die Bereitschaft, Neues zu probieren. Denn das Selbstgemachte schmeckt schließlich am besten.

An Neues langsam gewöhnen

Gewöhnen Sie Kinder langsam an unbekannte Speisen. Ermöglichen Sie geschmackliche Übergänge und bieten Sie Neues immer mit Vertrautem an. Übergangsweise können Sie z.B. das Gemüse pürieren und in Suppen oder Soßen »verstecken«. Bedenken Sie, dass die Gewöhnungszeiträume unter Umständen lang sein können.

Nicht durcheinander

»Alles durcheinander« mögen Kinder häufig nicht – sie möchten erkennen können, was neu ist und was sie essen. Vor allem wollen sie selber mischen. Bieten Sie deshalb die Lebensmittel möglichst einzeln an, damit der Eigengeschmack der Lebensmittel erkennbar bleibt. Beispiel: Statt Gemüsereis richten Sie den Reis und die jeweiligen Gemüsesorten einzeln an.

Feste Mahlzeitenstruktur

Feste Essenszeiten strukturieren den Tag und vermitteln den Kindern Sicherheit. So können sich alle auf eine positive Essatmosphäre konzentrieren. Die Mahlzeiten sollten einen festen Beginn und ein festes Ende haben. Essensfreie Zeiten von mindestens 2 Stunden zwischen den Mahlzeiten, in denen nur kalorienfreie Getränke zur Verfügung stehen, unterstützen diesen Rhythmus. Auf der anderen Seite ist es wichtig, den Kindern ausreichend Zeit zum Essen zu lassen. Loben Sie die Kinder deshalb nicht für zu schnelles Aufessen.

Schwierige Ess-Situationen meistern

Manchmal zeigen Kinder auffälliges oder sehr ungewöhnliches Essverhalten, das Sie in der Kita und auch die Eltern verunsichert. Wie gehen Sie gelassen mit solchen Situationen um und ab wann ist fachlicher Rat gefragt? Essen Kinder über längere Zeit nur sehr wenige oder nur bestimmte Lebensmittel oder sie essen extrem wenig oder extrem viel, sollten Sie das genau beobachten. Manche Kinder verweigern konsequent über mehrere Wochen neue Lebensmittel oder bestimmte Lebensmittelgruppen oder sie zeigen plötzlich ein völlig verändertes einseitiges Essverhalten.

Was Sie in schwierigen Ess-Situationen tun können!

  • Ruhig bleiben: Widmen Sie der speziellen Ess-Situation keine übermäßige Aufmerksamkeit. Solange das Gewicht des Kindes stimmt, sich das Kind gesund entwickelt und aktiv ist, besteht kein Anlass zur Sorge. Meistens gehen diese Störungen von allein vorüber.
  • Nicht mit Süßem sanktionieren oder locken: Essen ist keine Leistung. Alle Kinder bekommen das Gleiche und keine Extrawurst. Alle bleiben solange am Tisch sitzen, bis das Essen beendet ist. Üben Sie keinen Druck aus, sondern motivieren und ermuntern Sie die Kinder.
  • Nicht mit Gesundheit argumentieren: Schon Kita-Kinder können Lebensmittel in »gesund« und »ungesund« einteilen. Doch bringen solche Einteilungen wenig, denn das Wissen darum führt nicht zu einem anderen Verhalten. Im Gegenteil: Je »gesünder«, desto mehr wird ein Lebensmittel oft abgelehnt. Besser selber genussvoll mitessen und den guten Geschmack artikulieren: »Hhmm, schmeckt das lecker! Probier´ doch mal.«

Schwieriges Essverhalten: Dauer und Intensität

Meistens handelt es sich bei solchen Störungen um vorübergehende Auffälligkeiten. Dauer und Intensität entscheiden letztlich darüber, ob es sich um eine kurzzeitige Krise handelt oder ob sich tatsächlich eine entwicklungsbezogene Ess-Störung zeigt. Hier ist die Dauer ein guter Marker: Auffälliges Verhalten, das weniger als zwei Monate dauert, ist in der Regel auf vorübergehende Belastungen des Kindes zurückzuführen. Bestehen solche Störungen jedoch fort, können sie sich verfestigen und auch zu Gewichtsabweichungen führen.

Dauert das auffällige Essverhalten schon länger als zwei Monate an oder zeigen sich die Kinder schwach oder antriebslos oder stimmt das Gewicht nicht mehr, sollten Sie handeln. Suchen Sie das Gespräch mit den Eltern. Eine solche Situation sollte mit dem Kinderarzt abgeklärt werden.

Ursachen für Auffälligkeiten

Auch wenn Sie und die Eltern alles richtig machen, reagieren Kinder trotzdem manchmal mit vorübergehenden oder andauernden Essstörungen, deren Ursache sich nicht erklären lässt. Viele Faktoren wie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, genetische Veranlagungen oder sonstige familiäre oder außerfamiliäre Einflüsse können Ursache für Auffälligkeiten im Essverhalten sein. Machen Sie sich selbst und die Eltern frei von Schuld, denn Schuldgefühle sind kontraproduktiv. Und holen Sie sich notfalls Hilfe, z.B. bei Ihrem zuständigen Jugendamt oder anderen Beratungsorganisationen.

Vorbilder sind wichtig

Kinder lernen durch Beobachtung und orientieren sich dabei an engen Bezugspersonen und Vorbildern. Deshalb ist ein kritischer Blick auf das eigene Essverhalten ebenso ratsam wie die enge Zusammenarbeit mit den Eltern.

Durch Beobachtung und Imitation lernen Kinder am meisten. Sie orientieren sich besonders an Vorbildern, zu denen sie einen engen liebevollen Bezug haben oder die ihnen sympathisch sind. Zu diesen Vorbildern gehören natürlich die Eltern, das Kita-Personal aber auch ältere Kita-Kinder. Es ist daher entscheidend, was und wie Sie als Vorbild essen. Am allerbesten ziehen Sie mit den Eltern an einem Strang.

Gemeinsam mit Eltern

Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist eines der wichtigsten Handlungsfelder in der Lebenswelt Kita. Denn Familie und Kita stellen gleichermaßen die Weichen für eine gute körperliche und psychische Gesundheit des Kindes. Gesundheitsfördernde Angebote zur Ernährungsbildung in der Kita können nur dann nachhaltig zum Erfolg führen, wenn die Eltern das neu Gelernte zuhause unterstützen und fördern. Umgekehrt soll die pädagogische Arbeit mit dem Kind dessen Lebenswelt soweit möglich berücksichtigen.

Umgang mit unterschiedlichen Ess-Typen

  • Vorsichtige und zurückhaltende Esser: Bieten Sie nicht zu viele neue Lebensmittel auf einmal an, sondern immer nur eines mit Zeitabstand und in kleinen Mengen. Mischen Sie Neues immer mit Vertrautem. Ein regelmäßiges Angebot und Ihr Vorbild helfen dem Kind bei der Gewöhnung. Geben Sie ihm dafür Zeit. Setzen Sie vorsichtige Kinder neben solche, die mit Neugier und Appetit essen.
  • Wenig- oder Vielesser: Für diese Kinder sind regelmäßige Mahlzeiten wichtig. Beide Ess-Typen sollten nicht zwischendurch essen, vor allem keine Süßigkeiten oder sattmachende Getränke. Achten Sie darauf, dass beim Essen nicht gespielt wird, so dass die Kinder nicht abgelenkt sind. So können sie Hunger- und Sättigungssignale besser wahrnehmen. Gerade für die Vielesser sind essensfreie Zeiten zwischen den Mahlzeiten von mindestens 2 Stunden (ausgenommen Getränkeverzehr) wichtig.

Regelmäßiger Austausch

Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist ein regelmäßiger Austausch zwischen Kita und Eltern. Welche pädagogischen Ziele verfolgt die Kita? Welche Regeln und Rituale prägen den Kita-Alltag? In welcher Familiensituation wächst das Kind auf? Welche Alltagsroutinen bestimmen das Familienleben? Bedenken Sie: Eltern wollen immer nur das Beste für ihr Kind, auch wenn Sie sich aus professioneller Sicht anders verhalten würden. Begegnen Sie daher den Eltern immer wertschätzend und finden Sie geeignete Kommunikationswege.

Fazit

Der wissenschaftliche Blick auf die Entwicklung des Essverhaltens erklärt so manche »Auffälligkeit« beim Essen. Kinder verhalten sich je nach Entwicklungsphase ganz unterschiedlich. So sitzen in der Kita viele »Ess-Typen« am Tisch. Eine tägliche Herausforderung, die Sie am besten mit Gelassenheit und klaren Regeln bewältigen.

Literaturhinweise

Im Rahmen des landesweiten Rezepte-Wettbewerbs (2014) wurden alle Kitas in NRW aufgerufen, ihre vegetarischen Lieblingsrezepte an die Verbraucherzentrale NRW zu senden. Aus allen Einsendungen ist diese vielfältige Rezeptsammlung entstanden: https://projekte.meine-verbraucherzentrale.de/mediabig/240634A.pdf

Ratgeber: »Mit Kindern essen« https://www.ratgeber-verbraucherzentrale.de/mit-kindern-essen https://www.ratgeberverbraucherzentrale.de/DE-NW/mit-kindern-essen-1

Wie Sie eine ausgewogene und gesunde Verpflegung in der Kita umsetzen, erklärt Ihnen der DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Tageseinrichtungen für Kinder. Die Broschüre finden Sie unter www.fitkid-aktion.de/qualitaetsstandard.html. Dort finden Sie viele Empfehlungen zur täglichen Speisenplanung.