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Das kompetente Kind bedarf keiner Kompetenzorientierung

In der Frühpädagogik wird gerne vom sogenannten »neuen« Bild des Kindes ausgegangen, also vom Kind als aktivem Gestalter seiner eigenen Bildungsprozesse. Die kommenden Ausführungen sollen zum Nachdenken darüber anregen, dass mit der zurzeit beliebten Formel der Kompetenzorientierung genau dieses Bild vom Kind nur unzureichend berücksichtigt wird.

Das Kind als kompetent ansehen

Das Kind als kompetent ansehen

Im Zeitalter der sozialen Medien genießt das Wort »Trend« einen nicht gerade unwichtigen Stellenwert. So wird beispielsweise mit dem Ausdruck »Trend Topic« im digitalen Netzwerk »Twitter« auf die Themen und Begriffe hingewiesen, welche in den aktuellen Tweets am häufigsten erwähnt und diskutiert werden. Trend – ein Wort, welches seinen Ursprung im englischen Sprachgebrauch hat – lässt sich dahingehend übersetzen, dass mit dessen Verwendung die beherrschende Richtung einer Entwicklung in einem bestimmten Bereich benannt werden möchte. Hinsichtlich des Bilds vom Kind ist eher kein Trend festzustellen, da dieses seit den 1990er Jahren in unveränderter Form besteht: Man geht fest davon aus, dass der junge Mensch von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent sei wie ein Erwachsener.

In diesem Zusammenhang hat sich auch die schöne Formulierung vom sogenannten »Forschergeist in Windeln« etabliert. Aktuell bedeutende pädagogische Persönlichkeiten wie z.B. Jesper Juul sind darüber hinaus ebenfalls der Ansicht, dass diese Kompetenz dem Kind weder durch Erziehung noch durch (frühpädagogische) Institutionen vermittelt werden kann (vgl. Thomas-Photiadis 2014, S. 45).

Erstaunlicherweise findet sich diese Denkweise aber genau in dem Trend wieder, welcher seit Beginn des 21. Jahrhunderts die inhaltlichen Diskussionen und Debatten in Schulen, Hochschulen und auch den Kindertageseinrichtungen bestimmt: die Kompetenzorientierung. Daher ist bereits an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass mit dem Wort »Kompetenzorientierung« keine Orientierung am kompetenten Kind gemeint ist, sondern damit ein Trend verfolgt wird, welcher der festen Überzeugung folgt, man müsse die Mädchen und Jungen so früh wie möglich mit Kompetenzen versorgen, die diese für ihren weiteren Lebensweg unbedingt benötigten.

Die Wiederbelebung der Instruktionspädagogik

Überspitzt formuliert ließe sich demnach die Aussage treffen, dass die Vertreter/innen der Kompetenzorientierung davon ausgehen, dass das Kind inkompetent geboren wird. Von dieser Grundlage ausgehend sehen sie es deshalb als eine der zentralen Aufgabe der pädagogischen Einrichtungen – beginnend mit den Kindertagesstätten – an, die jungen Menschen mit gewissen Kompetenzen auszustatten. Dadurch wiederum wird ein Trend bzw. eine Form der Pädagogik reanimiert, welche eigentlich alle »Bildungsexperten« als unzeitgemäß erachten, nämlich die sogenannte »Instruktionspädagogik«, welche vereinfacht formuliert für ein Konzept steht, in dem man tatsächlich noch davon ausgeht, dass Kinder Wissen in genau der Form aufnehmen, wie es vom Erwachsenen vermittelt wird. Nun geht es jedoch der Kompetenzorientierung nicht um die Vermittlung von Wissen, sondern um die Anweisung von Kompetenzen, da die Befürworterinnen und Befürworter dieses Trends der Auffassung sind, dass in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts das Wissen immer schneller veralte und man infolgedessen Kompetenzen benötige, um sich in einer immer schneller wandelnden Welt noch halbwegs zurechtfinden zu können. Folgerichtig sei daher noch erwähnt, dass innerhalb des Trends »Kompetenzorientierung« dann auch die Inhalte, mit denen eine Kompetenz vermittelt werden soll, einen eher geringeren Stellenwert einnehmen.

Reflektiert man die soeben gelesenen Ausführungen, so darf dann schon die Frage gestattet sein, inwieweit hierbei eigentlich noch das Kind im Mittelpunkt der pädagogischen Bemühungen steht. Besonders sieht man sich – beispielsweise im Hinblick auf den Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan – der Problematik ausgesetzt, wie die darin bestimmenden Schlüsselwörter »Kompetenzen« und »Ko-Konstruktion« miteinander in Einklang gebracht werden können, da Ko-Konstruktion die gemeinsame Sinnerforschung von zwei, sich auf Augenhöhe befindenden aktiven Akteuren (Kinder, Erwachsene) bedeutet, Kompetenzorientierung jedoch die einseitig ausgerichtete Kompetenzvermittlung von der pädagogischen Fachkraft zum jungen Menschen anstrebt.

Kindzentrierte Pädagogik innerhalb der Kompetenzorientierung

Das Bild vom kompetenten Kind, also eines von Geburt an intrinsisch motivierten Menschen, welcher sich im Laufe seiner Entwicklung selbstbestimmt in der Welt zurechtfindet, wird innerhalb des Trends der Kompetenzorientierung in gewisser Weise nicht wirklich ernstgenommen, da man dem jungen Menschen darin eher unzureichend zugesteht, sich in der gegenwärtigen und zukünftigen Arbeits-, Gesellschafts- und Lebenswelt sicher zu bewegen, ohne vorher ganz gewisse Kompetenzen ausgebildet zu haben. Diese Denkweise erinnert ein wenig an die Pädagogik Jean-Jacques Rousseaus (1712–1778), der zwar glaubte, dass der Mensch von Natur aus gut sei und dennoch eine Erziehung in gesellschaftlicher Abgeschiedenheit für notwendig erachtete, damit die Mädchen und Jungen nicht gleich durch die Gesellschaft verdorben werden.

Analog zur heutigen Zeit gehen die Vertreterinnen und Vertreter der Kompetenzorientierung in ähnlicher Weise vom eigenaktiven Kind aus, welches sich aber erst dann selbstbewusst in der Welt bewegen kann, wenn es von den pädagogischen Fachkräften mit gewissen Kompetenzen ausgestattet wurde. Infolgedessen ist damit eine Entwicklung vorangetrieben, welche sich von einer kindzentrierten Pädagogik prinzipiell verabschiedet und das aus zweierlei Hinsicht:

  • Zum einen steht innerhalb dieses Kontextes nicht das Kind mit seinen je eigenen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Fokus der pädagogischen Bemühungen, sondern die im Bildungsplan festgelegten Kompetenzen sollen dem jungen Menschen im Zuge des Kita-Alltags von den Erzieherinnen und Erziehern nahegebracht werden.

  • Zum anderen findet die Entscheidung darüber, welche Kompetenzen vom Kind als erstrebenswert zu erachten sind, völlig unabhängig von diesem statt, sondern richtet sich nach den aktuellen gesellschaftlichen Trends.

So formulierte Wassilios Fthenakis, der am Bildungs- und Erziehungsplan in Hessen und dem darin enthaltenen »Kompetenzkatalog« federführend mitwirkte, im Rahmen der Didacta, dass er die »digitale Kompetenz« noch zusätzlich in die Bildungspläne mitaufnehmen würde.1 Dahingehend stellt die Kompetenzorientierung eine Entwicklung dar, welche sich dem aktuell beherrschenden Zeitgeist unterordnet und diesem in nahezu blinder Gefolgschaft treu ergeben ist. Insofern ist die Begriffsbezeichnung »Trend« in diesem Falle definitiv korrekt adressiert.

Bildung ist weder Trend, noch Kompetenz

Die zentrale und sehr bedeutsame Fragestellung, mit welcher sich die Pädagogik und die in ihr handelnden Akteure auseinandersetzen müssen, ist jene, ob man weiterhin dem Trend der Kompetenzorientierung folgen möchte und somit akzeptiert, dass fachfremde Entwicklungen darüber entscheiden, wie sich die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertageseinrichtungen im Wesentlichen vollzieht. Der Trend diesbezüglich wurde bereits offengelegt: An die Stelle einer kindzentrierten Pädagogik, welche den jungen Menschen als den alleinigen Gestalter seiner Lern- und Bildungsprozesse akzeptiert und respektiert, tritt im Kontext der Kompetenzorientierung eine schon überwunden geglaubte Instruktionspädagogik in den Vordergrund, welche als ihren Adressaten kein kompetentes Kind vor Augen hat, sondern ein – man möge den Ausdruck verzeihen – »leeres Gefäß«, welches von Seiten der pädagogischen Fachkräfte mit ganz bestimmten Kompetenzen zu füllen ist.

Eine Pädagogik, die den jungen Menschen wieder ins Zentrum ihrer Bemühungen stellen möchte, darf sich daher nicht auf die Vermittlung von gerade angesagten und daher auch beliebig austausch- und veränderbaren Kompetenzen konzentrierten, sondern darauf, dass dem Kind in der frühpädagogischen Einrichtung die Chance eingeräumt wird, ganzheitliche Bildungsprozesse vollziehen zu können. Dazu bedarf es – wie es beispielsweise Gerd Schäfer vorschlägt – einer sogenannten »Pädagogik des Innehaltens«, d.h. dass die Erwachsenen eben nicht wie bei der Kompetenzorientierung im Vorhinein schon wissen, was gut für das Kind ist und was es benötigt, sondern diesem die Zeit einräumen, dass sich dessen Handlungen und Reflexionsprozesse auch in aller Ruhe und Sorgfalt entwickeln können. Denn einzig durch die je eigene Betrachtungsweise auf und die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik entstehen Bildungsprozesse, die es dem jungen Menschen nicht nur ermöglichen auf aktuelle Trends zu reagieren, sondern von Beginn an sein Leben selbstbestimmend zu gestalten.

Fazit

Das »neue« Bild vom Kind als kompetentes Kind steht dem Trend der Kompetenzorientierung insofern gegenüber, da dieser den jungen Menschen als »Mängelwesen« auffasst, dem irgendetwas beigebracht werden müsse. Wünschenswert wäre hingegen eine Pädagogik der Kompetenzorientierung, die sich dahingehend definieren würde, das kompetente Kind bei dessen selbständigen Bildungsprozessen zu unterstützen.

Literatur

Thomas-Photiadis, A. (2014): Aktive-Projekt-Schule. Ein innovatives Gemeinschaftsschulmodell für Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert. Norderstedt: Books on Demand, S. 45.