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Das überwachte Kind

Es fällt auf, dass immer mehr Eltern aus Sorge um das Wohlergehen Ihrer Kinder zu besonderen Methoden greifen. Mittlerweile werden Kinder beispielsweise immer häufiger mit sogenannten GPS-Tracking-Systemen ausgestattet. Diese erlauben es den Eltern, jederzeit nachzuvollziehen, wo sich ihr Kind gerade befindet. Selbst in der Kita endet die Überwachung nicht. Ist das der richtige Weg? Nein, meint Gabriele Pohl.

Ein Plädoyer für mehr Mut in der Erziehung

Ein Plädoyer für mehr Mut in der Erziehung

»Angst ist die Stimmung der Stunde und wird nur noch übertroffen von der Beharrlichkeit, ihr nicht auf den Grund zu gehen«, so der Kommentar eines Redakteurs zur Messe für Sicherheitstechnik 2018. Ja, die Angst geht um in Deutschland, die Welt wird als gefährlich erlebt, 4 Mrd. € wurden 2017 in Deutschland für elektronische Sicherheitstechnik ausgegeben, in einem Land, das heute so sicher ist wie seit 30 Jahren nicht mehr. Sicherheit steht auf Platz 1 der Themen, die den Menschen in Deutschland besonders wichtig sind.

Fakt ist allerdings, dass es zunehmend weniger Gewaltdelikte, weniger Überfälle, weniger Entführungen gibt. Auch die Menschen, die aus anderen Ländern bei uns Schutz gesucht haben, haben an diesen Zahlen nichts geändert, obwohl das die landläufige Meinung ist. Kontinuierlich nehmen die Gefahren ab, Jahr für Jahr. Laut polizeilicher Kriminalstatistik gilt das insbesondere für Kindesentführungen. Aber Fakten helfen nicht – das subjektive Empfinden, geschürt durch die Medien (»bad news are good news«) ist ein anderes. Welche Auswirkungen das auf die Kinder hat, sei an einem kleinen Beispiel verdeutlicht: Nach einer Umfrage in England durften 1971 80% der 7- bis 8-jährigen Kinder allein zur Schule gehen, 1990 waren es nur noch 9%. Heute, fast 20 Jahre später dürfte das Sicherheitsnetz, das um die Kinder gespannt wurde, noch enger sein. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins in einer als zunehmend feindlich empfundenen Welt durch ständige Katastrophenmeldungen von Pandemien, Umweltkatastrophen, Terroranschlägen und Weltuntergangszenarien wird verstärkt durch das Fehlen eines grundlegenden Vertrauens in das Leben.

Krisen und Unsicherheiten aufgrund äußerer Lebensbedingungen nehmen zu, verbunden mit Einsamkeitsgefühlen durch mangelnde soziale Kontakte, fehlende familiäre Bindungen oder schwierige und instabile Familiensituationen. Fehlende Spiritualität wirkt sich hier ebenso gravierend aus wie der Verlust von Tradition, Kultur und Ritualen. Das alles trägt nicht zum Sicherheitsempfinden des heutigen Menschen bei.

Die neue Überwachungskultur

Dieses Gefühl von Unsicherheit und Ausgeliefertsein schlägt sich auch in der Erziehung nieder. In keiner Zeit wurden Kinder in diesem Ausmaß überwacht. Und nicht nur, weil es früher diese Möglichkeiten durch Handys, Kameras über dem Kinderbettchen und in den Kinderzimmern und GPS-Tracking-Systeme, gar nicht gab. In keiner Zeit waren Kinder so wenig ohne Aufsicht von Erwachsenen. Die Angst der Erwachsenen, dass ihren Kindern etwas zustoßen könnte, hat deutlich zugenommen.

Die größte Angst, neben der vor dem Straßenverkehr, ist die Angst vor Entführung und Vergewaltigung. Der »böse Mann« scheint – in den Augen der Erwachsenen – hinter jedem Busch zu lauern (Dass der »böse Mann« weitaus häufiger im familiären und bekannten Umfeld zu suchen ist, soll hier nicht unerwähnt bleiben).

Nun kann jeder, der selbst Kinder hat, das Sicherheitsbedürfnis der Eltern verstehen. Wer möchte schon, dass seinem Kind etwas zustößt? Aber ist die Totalüberwachung das richtige Mittel? Mal von allem anderen abgesehen: Würde das denn im Ernstfall wirklich helfen? GPS-Tracking-Systeme am Schulranzen oder um den Hals gehängt? Ist das Kind einmal ausgerückt und dabei, eine gefährliche Straße zu überqueren, kann man nur darauf vertrauen, dass es das, was es geübt hat (Zebrastreifen benutzen, nach rechts und links schauen etc.), auch anwenden kann. Denn selbst der Notrufknopf kann Mutter oder Vater nicht schnell genug herbeizaubern, um ein mögliches Unglück zu verhindern. Wird das Kind im schlimmsten und unwahrscheinlichsten Falle tatsächlich entführt, welcher Entführer würde nicht als erstes den Tracking-Anhänger des Kindes in den nächsten Busch werfen? Da hilft nur der implantierte Chip hinter dem Ohr für die SIM-Karte, das Ladekabel im Ohr. Ist es das, was wir unseren Kindern wünschen? Schalten wir dadurch nicht vielmehr unser eigenes Warnsystem ab, diesen elterlichen Seismographen, der uns eigentlich ganz gut einschätzen lässt, was wir dem Kind zutrauen können?

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Und das Kind selbst? Offen und interessiert gehen Kinder von klein auf auf die Welt zu – vertrauensvoll dem Leben und anderen Menschen gegenüber. Sie glauben, dass die Welt es gut mit ihnen meint. Kinder lernen im Tun, vorsichtig zu sein, sie können sich, wenn sie gelernt haben, auf ihre eigenen Gefühle zu vertrauen, dann wenn es brenzlig wird, in den allermeisten Fällen richtig verhalten: Nein sagen, weglaufen, Hilfe holen. Dazu brauchen sie ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das nur entsteht, wenn sie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und eigene Urteilsfähigkeit entwickeln konnten.

Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es doch, die Kinder auf das Leben vorzubereiten, sie ins Leben zu entlassen, ausgerüstet mit den nötigen Erfahrungen, wie das Leben zu meistern ist, mit Vertrauen, Zuversicht und Lebensfreude. Rauben wir ihnen nicht alles das, wenn wir sie nicht für überlebensfähig halten ohne uns? Wenn wir unsere Ängste an sie weitergeben, ihre Ängste schüren, sie verunsichern und ständig überwachen?

Zitat

»Deine Kinder sind nicht deine Kinder, sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht.« Kahlil Gilbran, syrischer Dichter

GPS-Tracking-Systeme – wirklich sinnvoll?

Angst schwächt die Lebenskräfte. Unselbständigkeit, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Abhängigkeit sind die Folgen. Für Demenzpatienten, deren eigenes Warnsystem außer Kraft gesetzt ist, die womöglich manchmal orientierungslos umherirren, kann ein Tracking-Anhänger sicherlich sinnvoll sein. Ursprünglich für Hunde entwickelt, kann man auch verirrte Schafe damit wiederfinden. Aber ist das für Kinder angebracht? Haben Sie sich schon einmal erzählen lassen, was Kinder erleben, wenn sie einen neuen »Geheimweg« von der Schule nach Hause ausprobiert haben? Haben Sie gesehen, wie ihre Augen glänzen? Selbst wenn sie dabei zwischendurch ein mulmiges Gefühl hatten, weil sie den Weg nicht gleich gefunden haben? Was ist das schon gegenüber dem Gefühl, eine schwierige Situation gemeistert zu haben, weil sie sich zu helfen wussten!

Reale Gefahren vs. eigene Ängste

Es muss unterschieden werden zwischen der Erziehungsverantwortung bei realen Gefahren und den Ängsten, die mehr mit dem Erwachsenen selbst zu tun haben. Wir müssen den Kindern Hilfe gewähren, da, wo sie sie wirklich brauchen und ihnen ansonsten Zutrauen vermitteln, damit sie sich selbst ausprobieren können und eigene Wege gehen lernen. Dazu brauchen wir Mut und das Vertrauen in die Widerstandskraft der Kinder. Kinder müssen sich erproben. Risiken gehören zum Leben dazu. Und eine Mutter oder ein Vater weiß im Zweifelsfall doch, was altersentsprechend einem Kind zumutbar ist.

Deshalb sollten wir die Eltern ermutigen: »Vertrauen Sie Ihren eigenen Instinkten und erinnern sie sich gelegentlich an die eigene Kindheit. Vielleicht fällt Ihnen wieder ein, welche Erlebnisse für Sie in Ihrem Kinderleben wichtig waren, auf welche Sie gerne zurückschauen, von denen Sie gerne noch erzählen.«

Die Verunsicherung der Erwachsenen darf nicht an die Kinder weitergegeben werden. Wenn wir sie übermäßig schonen und vor jedem kleinsten Kratzer bewahren, den das Leben so bietet, wachsen sie zwar in weitgehend körperlicher Sicherheit auf. Nur hilft ihnen das nicht, um später ihr Leben meistern zu können.

Unsichere Kinder sind immer viel gefährdeter als Kinder, die sich etwas zutrauen. Eltern müssen sich daran gewöhnen, dass Kinder sich in selbständige Wesen verwandeln. Loslösung von den Eltern ist die Bestimmung der Kinder von klein auf. Wir haben Verantwortung für unsere Kinder zu tragen, aber wir dürfen sie nicht aus egoistischen Motiven an uns binden.

Info

Mehr zu diesem Thema von der Autorin in:

  • Pohl, G. (2011): Kindheit – aufs Spiel gesetzt. Springer.

  • Pohl, G. (2016): Angsthasen, Albträumer und Alltagshelden. Springer.

  • Pohl, G. (2017): Familie – Basislager für Gipfelstürmer. Oberstebrink.

Fazit

Lauern die wirklichen Gefahren nicht an ganz anderer Stelle? Kinder sind viel eher seelisch gefährdet. Sie sind heute einer Informationsflut ausgesetzt, die sie – je jünger, desto weniger – weder verstehen noch verkraften können. Ihr Anteil an der Erwachsenenwelt ist gerade in dieser Hinsicht groß. Unverarbeitete Eindrücke durch hohen und oft unbeaufsichtigten Medienkonsum tun das ihre. Die Eltern wissen oft nicht mehr, was sie ihren Kindern zumuten dürfen und was nicht. Oft werden Themen, die sie noch nicht verstehen können, Kriege, Umweltverschmutzung, nukleare Bedrohung, Probleme der Erwachsenenwelt eben, an sie herangetragen in einem Alter, in dem sie noch die Sicherheit brauchen, dass die Welt es gut mit ihnen und den Menschen, die sie lieben, meint. Das schwächt ihre Zuversicht, das Leben meistern zu können.