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Den Wert von Mikrotransitionen im Kita-Alltag erkennen und nutzen

Kinder müssen verschiedene Übergänge bewältigen. Die wirklich stressigen Zeiten im Kita-Alltag sind oft die, in denen eine Veränderung der Situation ansteht: die Mikrotransitionen. Vom Freispiel zum Morgenkreis, von drinnen nach draußen, vom Spielen über das Händewaschen zum Essen – gerade diese Situationen können wertvolle Bildungsmomente sein, die es zu nutzen gilt.

Mikrotransitionen wertvolle Bildungsmomente sein.

Mikrotransitionen können wertvolle Bildungsmomente sein.

Wir unterscheiden große und kleine Transitionen sowie Transfersituationen, die die Kinder bewältigen müssen.

Die großen Transitionen bezeichnen tiefere Einschnitte in das Leben des Kindes, wie z.B. der Übergang vom Elternhaus in die Krippe oder den Kindergarten oder auch der Wechsel vom Kindergarten zur Schule. Ebenso sind Umbrüche, die das Lebens manchmal mit sich bringt und die einen Einschnitt bedeuten, große Transitionen: Ein Umzug in eine andere Stadt, die Trennung der Eltern o.ä.

Die kleinen Transitionen, die sogenannten Mikrotransitionen, meinen diejenigen kleinen Übergänge, die die Kinder im Laufe des Tages bewältigen müssen: Alle Wechsel von Räumen, Aktivitäten und Personen, die von der einen Alltagsroutine in die andere leiten.

Typische Raumwechsel sind zum Beispiel der Gang zum Waschraum oder der Wechsel von drinnen nach draußen. Raumwechsel finden aber manchmal auch zum Essen, zum Mittagsschlaf oder für die Betreuung in Randzeiten statt.

Aktivitätenwechsel meint beispielsweise vom Spiel zum Aufräumen oder vom Essen zum Wickeln zu kommen.

Wechsel der Personen finden im Kita-Alltag üblicherweise in Bring- und Abholsituationen oder auch bei Beendigung der Arbeitszeit eines Pädagogen/einer Pädagogin statt (vgl. Gutknecht/Kramer 2018).

Manchmal bedeutet ein Wechsel auch einen zweiten. So kann es sein, dass z.B. die Krippenkinder in Randzeiten in den Kindergarten wechseln und dort eine andere räumliche Umgebung und andere Pädagogen/Pädagoginnen vorfinden.

Darüber hinaus werden in der Literatur (vgl. Gutknecht/Kramer 2018) auch Transfersituationen beschrieben: Dieser Begriff meint jene Übergänge, die in einer schon bekannten Umgebung stattfinden, aber dennoch einen Neuanfang bedeuten. Dies kann zum Beispiel der Übergang von der Krippe zum Kindergarten in einem Haus für Kinder sein. Dieser Einschnitt ist zwar weniger tief als der vom Elternhaus in die Krippe, aber trotzdem für das Kind bedeutsam. Auch diese Transfersituationen sollten wie die großen und kleinen Transitionen behutsam vor- und nachbereitet und begleitet werden.

Das innere Skript als Drehbuch für wiederkehrende Situationen

Im Alltag zeigt sich, dass besonders die vermeintlich kleinen Übergänge sehr viel Stresspotenzial haben. Deshalb stellt sich die Frage, wie wir diese Situationen so gestalten können, dass wir das Bildungspotenzial nutzen und den Stress reduzieren können.

Kinder erklären sich die Welt, indem sie innere Skripte anlegen, an denen sie sich orientieren. Das bedeutet, dass sie sich eine Reihenfolge aneignen, nach der einzelne Handlungsschritte vollzogen werden - wie ein Drehbuch für Situationen.

An einem Beispiel erklärt bedeutet dies: Das Kind weiß, dass es nach dem Händewaschen in die Mensa zum Essen geht. Dort setzt es sich auf seinen Platz. Danach legt der/die Erzieher/in dem Kind das Lätzchen an. Wenn alle Kinder ein Lätzchen haben, wird ein Tischspruch gesagt und das Essen gemeinsam auf den Teller geschöpft.

Dieser Ablauf passiert jeden Mittag, den das Kind in der Kindertagesstätte verbringt. Es kann sich darauf verlassen, dass eins nach dem anderen passiert. Die Kinder nehmen sich die Sicherheit nicht nur aus den wiederkehrenden Handlungen, sondern auch indem sie die äußere Umgebung im Rahmen ihrer Möglichkeiten entsprechend ihrem Skript gestalten: Sie setzen sich bevorzugt auf denselben Platz, sie geben die Schüssel gern der Reihe nach rum, sie wünschen sich häufig denselben Tischspruch.

Kontinuität vs. Flexibilität

Wenn sich diese Abläufe immer wieder wiederholen, vermittelt dies den Kindern Struktur, Orientierung und Verlässlichkeit - sie erleben Kontinuität. Dies führt dazu, dass sich die Kinder emotional besser regulieren können und sich in ihren Handlungen sicherer und zunehmend auch mutiger fühlen. Wenn die Kinder ein inneres Skript aufgebaut und internalisiert haben, sind sie in der Lage, darauf aufbauend auch Abweichungen zu akzeptieren.

Auch das Erleben von Diskontinuität ist - zur richtigen Zeit - ein wichtiger Bildungsmoment, in dem die Kinder lernen, flexibel mit Veränderungen umzugehen. Oft verändern die Kinder auch selbst Abläufe, wenn sie sich in ihren Skripts sicher genug sind. Sie ändern die Reihenfolge beim Anziehen oder setzen sich auf einen anderen Platz. Die Reaktion der anderen (Pädagogen/Pädagoginnen und Kinder) zu beobachten bedeutet Spannung für das Kind. Es ist Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte, diese Entwicklung zu erkennen und feinfühlig zu begleiten (vgl. Gutknecht/Kramer 2018, S. 26).

Denn zu viel Veränderung, wenn die Kinder noch nicht bereit dafür sind und sich ihre Skripte noch aufbauen müssen, kann sie überfordern, sodass es zu sogenannten Alltagskrisen kommen kann. Ist das einzelne Kind irritiert, kann es zu einem "Verlust der emotionalen Selbstregulation" kommen und durch die Gefühlsansteckung weitere Kinder irritiert werden. Dann liegt der Fokus der Pädagogin/des Pädagogen nicht mehr auf der Situation, die jetzt eigentlich stattfinden sollte, sondern auf der Regulation der Gruppe (vgl. Gutknecht 2018). Dieser veränderte Fokus ist das, was für die pädagogischen Fachkräfte herausfordernd ist - denn nun sind zwei Situationen zu bewältigen: die Regulation der Kindergruppe sowie die eigentliche Aufgabe.

Alltagsskripte bewusst erarbeiten

Die Aufgabe der Erzieherinnen und Erzieher ist es folglich, ganz bewusst Skripte zu erarbeiten, die die Kinder übernehmen können und zunächst möglichst viel Kontinuität anzubieten. Dies bedeutet, Abläufe erst einmal immer gleich zu gestalten und darauf Wert zu legen, keine großen Veränderungen einzubauen. Dafür ist es unumgänglich, sich im Team darüber auszutauschen und gemeinsame Skripte zu erarbeiten, die von allen mitgetragen werden können. Selbstverständlich müssen diese Abläufe regelmäßig überprüft werden, da sie sich am Entwicklungsstand und den Interaktionsmustern der Kinder orientieren. Gutknecht (vgl. 2018) weist darauf hin, dass bei der Erarbeitung und Überprüfung die "Orientierung an Stressreduktion besonders bedeutungsvoll" ist.

Mikrotransitionen sind wertvolle Bildungsmomente

Die Abstimmung im Team braucht selbstverständlich Zeit und manchmal erscheint es in der Fülle unserer Aufgaben vielleicht etwas banal, über diese Alltagssituationen zu sprechen, die jede Fachkraft schon tausendfach erlebt hat. Diese Zeit ist allerdings gut investiert! Mikrotransitionen sind wichtige, aber oft nicht als solche erkannte, Bildungsmomente, deren sich auch Pädagoginnen und Pädagogen oft nicht bewusst sind. Dies erfordert mindestens ebenso viel Zeit, wie die Planung gezielter Angebote. Es muss unter der Berücksichtigung aller Einflussfaktoren (Personal, Zeit, Räumlichkeiten etc.) bewusst geplant und anschließend reflektiert werden.

Geben wir den Kindern die Hilfestellung, diese Situationen zu meistern, unterstützen wir grundlegende Fähigkeiten, die sie immer wieder brauchen werden. Haben sie einmal gelernt, Skripte aufzubauen und später zu erweitern, können sie dies immer wieder anwenden. An dieser Stelle werden die Grundlagen gelegt, alltägliche Situationen selbstständig zu bewältigen (vgl. Gutknecht 2013).

In gut gestalteten Mikrotransitionen können die Kinder vielfältige Lernerfahrungen machen. Da sie im Abspielen des Skripts immer sicherer werden, werden zunehmend Kapazitäten frei, sich auf anderes zu konzentrieren: den Reißverschluss der Jacke selbst zu schließen oder ganz allein den Seifenspender zu bedienen. So können wir in diesen Situationen verschiedene Entwicklungsbereiche fördern.

Damit ist gar nicht das Ziel, den Übergang möglichst schnell zu bewältigen, um anschließend etwas "Richtiges" zu machen - im Gegenteil: Den Übergang als Bildungsmoment zu erkennen und so zu gestalten, ist die Herausforderung, die es zu meistern gilt.

Stressregulation durch Responsivität

Die Bewältigung der Mikrotransitionen erfordert nicht nur von den Kindern viel, auch die Pädagoginnen und Pädagogen sollten mit ihrer Aufmerksamkeit nicht woanders sein. Dies bietet die Möglichkeit, mit den Kindern in einem responsiven Dialog zu sein. Das bedeutet, dass der/die Erzieher/in dem Kind zugewandt ist und auf dessen Signale feinfühlig und angemessen reagiert. Kinder brauchen abgestimmte Resonanz ihrer Bezugspersonen auf die Signale, die sie senden. Dies funktioniert über alle Wege der Kommunikation: sprachlich, durch Mimik und Gestik, durch Berührung und Stimmmodulation. Durch das responsive Verhalten der pädagogischen Fachkraft kann die emotionale Regulation des Kindes unterstützt und Stress abgemildert werden (vgl. Gutknecht 2018).

Sprachbildungspotenzial

Da die Pädagoginnen und Pädagogen hier in einem intensiven Dialog sind, werden besonders die sprachlichen Kompetenzen gefördert. Speziell, wenn die Kinder noch viel Unterstützung bei Selbstpflegehandlungen brauchen, können pädagogische Fachkräfte hier die Gelegenheit nutzen und ihre Handlungen (Self-Talking) und die Handlungen der Kinder (Parallel-Talking) sprachlich begleiten und den Kindern damit Worte für ihr Erleben geben. Solche Gelegenheiten als solche zu erkennen und bewusst als Bildungsmoment zu nutzen, entspricht der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung.

Die Erzieher/innen haben bei den Mikrotransitionen die Gelegenheit, Sprache in eine für die Kinder relevante Alltagssituation einzubetten. Das sprachliche Angebot der Pädagogin/des Pädagogen kann an den Entwicklungsstand des Kindes angepasst und mit der Zeit erweitert werden. Dadurch, dass die Situationen und Abläufe sich wiederholen, können die Kinder ihre sprachlichen Fähigkeiten festigen und sukzessive erweitern.

Begleitung durch Reize

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die beachtet werden sollten, wenn sich Fachkräfte damit beschäftigen, kleine Übergänge im Tagesablauf so zu gestalten, dass sie möglichst harmonisch verlaufen.

Grundlage ist die Kontinuität. Die Kinder lernen durch immer gleiche Abläufe, was sie erwartet. Kontinuität aber nicht nur in der Situation, sondern auch in Bezug auf die Organisationsstruktur: Ein vorhersehbarer Tagesablauf regt das Zeitgefühl der Kinder an. Die Kinder wissen, was sie als nächstes erwartet. Dies ist insbesondere hilfreich, wenn die Kinder ins Spiel vertieft sind und dieses nun beenden müssen, weil es Zeit ist. Hier bieten sich Klänge, Töne oder Lieder an, die die nächste Phase einleiten und den Übergang deutlich markieren. Die Kinder zeigen oft eine wesentlich höhere Kooperationsbereitschaft, da ein Klang oder ein Lied ihnen hilft, sich zu fokussieren und so das innere Skript leichter abgerufen werden kann.

Auch visuelle Reize, wie z.B. Fußspuren am Boden auf dem Weg ins Bad, können die Kinder unterstützen, den Fokus nicht zu verlieren und den Weg ohne Umwege zu meistern (vgl. Gutknecht 2018).

Verringerung von Wartezeiten

In vielen kleinen Transitionen kommt es zwangsläufig zu Wartezeiten, z.B. bis auch das letzte Kind angezogen ist und alle in den Garten gehen. Diese Wartezeiten sollten allerdings so gering wie möglich gehalten werden, da die Kinder auf die Unruhe mit Bewegung reagieren und die pädagogischen Fachkräfte dann die Gruppe emotional regulieren müssen. Es bietet sich beispielsweise an, die Kindergruppe zu teilen und kleinere Gruppen zu bilden, sodass Bewegungen der gesamten Großgruppe gering gehalten werden. Dafür ist es unvermeidbar, dass sich die Erzieher/innen abstimmen und die Situationen geplant werden: Müssen alle gleichzeitig in den Garten und somit in die Garderobe? Kann jede/r Erzieher/in mit der Hälfte der Gruppe gehen? Kann ein/e Erzieher/in schon mit den ersten angezogenen Kindern vorausgehen? Können größere, wartende Kinder zum Mithelfen angeregt werden? (vgl. Gutknecht 2013)

Insgesamt ist es empfehlenswert, im Team zu überlegen, wie viel Zeit die Kinder in der Einrichtung täglich damit verbringen, zu warten. Selbstverständlich ist es in einer größeren Gruppe kaum möglich, nicht warten zu müssen - wir sollten uns dabei jedoch die Frage stellen, was die Kinder entsprechend ihrer Entwicklung leisten können.

Fazit

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass wir als Pädagoginnen und Pädagogen den kleinen Übergängen des Alltags viel Bedeutung zumessen sollten und sie ebenso gut und viel planen und besprechen sollten wie sonstige Bildungsangebote auch. Diese wiederkehrenden Herausforderungen im pädagogischen Alltag, sollten anregende, dialogische und schöne Momente sein, die wir aktiv zu solchen machen, damit die Kinder in einem möglichst angenehmen Setting lernen können, denn "hochwertige Transitionen machen den Unterschied zwischen einem anstrengenden und schwierigen oder einem harmonischen Tag!" (Gutknecht 2013) - sowohl für die pädagogischen Fachkräfte als auch die Kinder.

Literatur

Gutknecht, D./Kramer, M. (2018): Mikrotransitionen in der Kinderkrippe. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder GmbH.

Gutknecht, D. (2018): Responsive Gestaltung von Mikrotransitionen in der inklusiven Kita. URL: https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen//KiTaFT_Gutknecht_2018_MikrotrabsitioneninderinklusivenKita.pdf (Zugriff am 07.08.2020).

Gutknecht, D. (2013): Kleiner Wechsel, große Wirkung. Übergänge im Krippenalltag sensibel gestalten. In: Entdeckungskiste 1/13.