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Der offene Ansatz

Teams von Kindertageseinrichtungen werden immer stärker mit Veränderungen der Rahmenbedingungen konfrontiert. Fachkräftemangel, Überhangplätze, Bauvorhaben, um nur einige Veränderungen zu nennen, belasten Träger, Leitung und Team ungemein. Doch nicht nur die Leitungen und Fachkräfte der Kindertageseinrichtungen werden von bildungspolitischer Seite beeinträchtigt, sondern auch das Kind selbst. Die viergruppige Evangelische Kita Friederike Fliedner hat mit den wachsenden Veränderungen der Gesellschaft und der Bildungspolitik auch die pädagogische Konzeption weiterentwickelt. Offene Arbeit war hier der Schlüssel zum Glück.

Die Ausarbeitung eines Raumkonzepts ist auch eine neue Herausforderung.

Insbesondere die Altersmischung der Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren, die der Gruppenform I des Kinderbildungsgesetzes NRW entspricht, führte zu steigenden Schwierigkeiten im Kita-Alltag, weshalb sich das Team auf den Weg gemacht hat, vorhandene Strukturen zu überdenken.

Mit Hilfe von Inhouse-Schulungen sowie externen Fortbildungen, wurde dem Team sehr schnell bewusst, dass die Konzeption entsprechend der offenen Arbeit weiterentwickelt werden sollte.

Welche Bedingungen für das Team an einer erfolgreichen Ausarbeitung dessen geknüpft waren, werden in diesem Artikel aufgeführt.

Es gibt nicht »den« offenen Ansatz

Der offene Ansatz oder auch das offene Konzept ist kein geschützter Begriff. Jede Einrichtung hat individuelle Rahmenbedingungen wie die Raumstrukturen, Gruppenanzahl, Träger, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein vorgegebenes Konzept würde in der Praxis nicht aufgehen. In der offenen Arbeit wird das Kind mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt gestellt und es werden die vorhandenen Ressourcen effizient überprüft und genutzt. Dem Konzept liegt der Partizipationsgedanke zu Grunde, wodurch alle Betroffenen, insbesondere die Kinder, sich aktiv mit der eigenen Entwicklung sowie der Umwelt auseinandersetzen können.

Wer denkt, dass der offene Ansatz eine »neue Modererscheinung« sei, liegt falsch, denn die offene Arbeit entstand bereits Ende der 70er Jahre.

Mit seinem kindzentrierten Grundgedanken kommt der Ansatz dem aktuellen Bildungsgrundsatz der Länder sehr nahe.

Offen zu arbeiten verlangt eine offene Haltung des Teams

Im Mittelpunkt der offenen Arbeit steht das Kind mit seinen individuellen Fähigkeiten und seinem ganz persönlichen Entwicklungsinteresse. Offene Arbeit ist damit mehr als nur eine Öffnung der Räumlichen und den damit verbundenen Möglichkeiten. Es ist also erforderlich, dass das Team zunächst ein gemeinsames Bild vom Kind entwickelt, was diesem Grundsatz der offenen Arbeit entspricht. Versteht das Team das Kind als Akteur seiner eigenen Entwicklung, wie es in unzähligen Konzeptionen beschrieben wird, dann lässt sich daraus ableiten, dass dem Kind unzählige Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Entwicklungspotentiale entgegengebracht werden müssen. Die Bildungspläne der Bundesländer setzen ein entsprechendes Bildungsverständnis und Bild vom Kind voraus. So wird in den Bildungsgrundsätzen NRW beispielsweise festgehalten, dass das Kind aus sich selbst heraus bestrebt ist, die Welt zu verstehen und Handlungskompetenz zu erwerben (vgl. mfkjks 2016, S. 16).

Ein weiterer wichtiger Klärungspunkt mit Blick auf die pädagogische Haltung stellt das Rollenverständnis der pädagogischen Fachkraft dar. Das Team muss für sich geklärt haben, wie es seinen Auftrag versteht. Verstehen sich die Fachkräfte als Begleiter des sich selbst bildenden Kindes so wird deutlich, dass das Kind (als Auftraggeber) eine wechselseitige und vertrauensvolle Bindung für seine Entwicklung benötigt. Eine Fachkraft, die für sich noch nicht verinnerlicht hat, dass Bildung primär von dem Bildungsinteresse des Kindes abhängig ist, wird sich mit offenen Arbeit vermutlich nicht identifizieren können.

In der Evangelischen Kita wurde die pädagogische Haltung gemeinsam diskutiert, vereinbart und dann verschriftlicht. Teamfortbildungen und externe Fortbildungen einzelner Teammitglieder zum Thema Konzeptionsentwicklung oder zur offenen Arbeit sowie gemeinsame Teamsitzungen zu Themen der entwicklungspsychologischen Grundlagen und Hirnforschung (z.B. ein Vortrag von Manfred Spitzer, Erfolgreich lernen in Kindergarten und Schule) haben zu einer gemeinsamen und in der Praxis gelebten Grundhaltung geführt. Eine gemeinsame Haltung bildet damit die Basis.

Bildungsräume/Funktionsräume sind überall möglich

In der Regel sind die Baupläne einer Kita bereits längst vor der Konzeption festgelegt und in den seltensten Fällen haben Leitung und Team so viel Planungsfreiheit und Budget, dass die Einrichtung mit entsprechend vielen Räumen ausgebaut werden kann.

In der Praxis muss man daher mit den räumlichen Strukturen vorlieb nehmen, die vorhanden sind. Um die Einrichtung für die Kinder zu öffnen und um damit das bestmögliche Potential des Gebäudes und der Ausstattung zu ermöglichen, sollte sich das Team einig darüber werden, welche Bildungs- oder auch Funktionsräume es den Kindern zu Verfügung stellen möchte. Für diese Überlegungen bietet es sich an, die Kinder miteinzubeziehen.

Auch gilt es gemeinsam zu überprüfen, welche räumlichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Externe Moderationen oder Referenten können hier eine Hilfe darstellen, da dieser Punkt große Spielräume für Diskussionen zulässt. Damit die Leitung nicht zwischen drei Rollen (Leitung, Moderator/in und pädagogische/r Mitarbeiter/in) schwimmt, stellt dies eine sinnvolle Möglichkeit dar. Auch die Fachberatung könnte diese Rolle übernehmen.

Ist geklärt, welcher Bildungsbereich wo angesiedelt werden soll, gilt es die Räume mit den Kindern einzurichten.

Die Evangelische Kita arbeitete zunächst als zweigruppige Kita offen. Der Grundriss des Gebäudes wirkte zunächst alles andere als geeignet für die offene Ausrichtung, dennoch gelang es dem Team das Gebäude mit den Kindern effizient zu nutzen.

Offene Arbeit benötigt sichere Strukturen

Wie die Bereiche durch das Personal abgedeckt werden und welche Systeme und Reglungen es dazu gibt, muss mit dem Team verabredet werden. Einige Teams nutzen dazu Rollsysteme, so dass alle Fachkräfte mal in den einzelnen Bereichen eingesetzt werden. Generell gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Tabellen oder große Tafeln verhelfen dazu zu einer Struktur und Übersicht.

Auch andere Systeme, wie ein Sammelort für Informationen können hilfreich sein. In der Evangelischen Kita stellt der »Info-Punkt« ein elementares Instrument für die Übersicht und Information für die Mitarbeitenden und Eltern dar. An dem zentralen Pult im Eingangsbereich finden die Mitarbeitenden das »Black-Book« (ein Kalender), in welchem alle wichtigen Informationen für die Woche festgehalten werden. An- und Abmeldungen von Kindern werden ebenfalls dort gesammelt und um 09.00 Uhr an das Personal der Stammgruppen weitergegeben. Auch Eltern profitieren von dem Info-Punkt, da sie in der Bringphase immer eine/n Ansprechpartner/in vorfinden und andere Mitarbeitende nicht unnötig in der Interkation mit anderen Kindern stören müssen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die vielen kleinen Informationen in dem Black-Book festgehalten werden. Die Anregung haben die Mitarbeitenden der Evangelischen Kita aus einer Fortbildung zum Thema offene Arbeit ins Team gebracht.

Damit die Entwicklung der Kinder beobachtet und dokumentiert werden kann, gibt es in der Evangelischen Kita ein Bezugskindsystem.

Stammgruppen

Es gibt Einrichtungen, die über gar keine festen Gruppenstrukturen mehr verfügen und es gibt Einrichtungen, die die Kinder in sogenannte Stammgruppen eingeteilt haben. Die Stammgruppen in der offenen Arbeit sind nicht zu verwechseln mit den »Regelgruppen«, in welchen die Kinder vor allem an die Raumstrukturen gebunden sind.

Wie sich das Team hier festlegen möchte, hängt von den Rahmenbedingungen und Überlegungen des Teams ab.

In der Evangelischen Kita gibt es vier Stammgruppen, welche entsprechend des Entwicklungsalters der Kinder unterteilt sind:

  • Blaue Gruppe: 10–12 Kinder im Alter von 0–2 Jahren,

  • Grüne Gruppe: 15–18 Kinder im Alter von 2–3 Jahren,

  • Gelbe Gruppe: 22–25 Kinder im Alter von 3–4 Jahren,

  • Rote Gruppe: 25–28 Kinder im Alter von 4–6 Jahren.

Die beiden U3-Gruppen haben ihre eigenen Räumlichkeiten und die Kinder der Ü3-Gruppen nutzen die Funktionsräume, welche sich verteilt in der ganzen Einrichtung in den Funktionsräumen wiederfinden. Das Team hat für sich festgelegt, dass die Übergänge, wann die Kinder in die nächste Gruppe wechseln, vom Kind abhängig sind und nicht vom Kindergartenjahr oder Geburtsdatum. Dies erfordert zwar eine hohe Professionalität bei den Absprachen der an dem Prozess beteiligten Personen sowie einen erhöhten bürokratischen Aufwand, aber das Kind (der eigentliche Auftraggeber) erfährt eben genau die Rahmenbedingungen, die es für seine individuelle Entwicklung benötigt.

In NRW hat der Gesetzgeber Gruppenformen in dem Kinderbildungsgesetz festgelegt, die aber nicht dem pädagogischen Gruppen entsprechen müssen. Dennoch machen sich nur wenige Teams bereit, den vermeintlichen Mehraufwand einzugehen.

Chancen und Grenzen

Hat sich das Team auf den Weg gemacht und seine pädgogische Konzeption so ausgearbeitet, dass es gemeinsame Standards mit Blick auf die Haltung verfügt und wurden alle systemischen Grundlagen, Abläufe und Absprachen gemeinsam vereinbart und verinnerlicht, so kann die Arbeit nach dem offenen Ansatz die Lösung für viele Probleme des Kita-Alltags bedeuten.

Die Kinder zeigen sich zufriedener, glücklicher und vor allem selbstständiger. Durch die aktive Außeindersetzung mit den eigenen Lern- und Entwicklungsfeldern sowie der anregenden Umwelt findet ein intensiveres und oft auch in sich ruhigeres Spiel statt. Das sich selbst bildenende Kind wird über den offenen Ansatz insbesondere in seiner kreativen Kompetenz sowie in seiner Selbst-, Sozial-, Sach- und Umweltkompetenz gefordert und gefördert. Laut der NUBBEK Studie von 2012 weißt die offene Arbeit in Kindertageseinrichtungen eine höhere Prozessqualität als in Gruppenbezogener Arbeit (Tietze u.a. 2012, S. 8).

Aber auch die pädagogischen Fachkräfte können sich in ihren persönlichen Fähigkeiten weiterentwickeln und eben genau in den Bildungsbereichen eingesetzt werden, in denen sie ihre eigenen Fähigkeiten sehen.

Auch unterstützt die offene Ausrichtung, also die Öffnung der Einrichtung, die Gesundheit der Kinder und Mitrabeitenden. Die Bildungsräume sind deutlich weniger starkt besetzt als der Gruppenraum inklusive Nebenraum einer Regeleinrichtung. Das bedeudet weniger Lärm und weniger Konflikte.

Schwierigkeiten bringt die offene Arbeit mit sich, wenn die pädagogische Haltung nicht von allen Teammitgliedern getragen wird. Hier würde es im Alltag immer wieder zu Diskussionen kommen, welche zu Unsicherheiten für alle Betroffenen führen würde.

Auch stellt die Ausarbeitung eines Raumkonzeptes sowie die Festlegung von sicheren Strukturen und Absprachen mit Blick auf die Gestaltung des Tagesablaufs das Team immer wieder vor neue Herausforderungen.

In der Evangelischen Kita wird das pädagogische Konzept daher in regelmäßigen Abständen evaluiert. Die Konzeption wird hier als kontinuierlicher Weiterentwicklungsprozess angenommen. Dennoch gibt es ein ausgearbeitetes Schriftstück, welches jedes Jahr ein »Update« erfährt.

Fazit

Die Ausrichtung der pädagogischen Konzeption zum offenen Ansatz kann eine große Chance für viele Einrichtungen darstellen. Stress, Lärm und überfüllte Gruppen führen derzeit zu großen Spannungen in den Kitas. Die Kindheit hat sich verändert. Ebenso haben sich die Bedarfe der Eltern verändert. Folglich muss sich auch das Konzept der Kita weiterentickeln, wenn man die Freunde an dem Beruf behalten möchte. Es empfielt sich, externe Hilfen an die Hand zu nehmen und Zeit in die Weiterentwicklung der Konzeption zu inverstieren. Für die Evangelische Kita Friederike Fliedner war dieser Entwicklungsprozess gewinnbringend auf allen Ebenen.

Literatur

Tietze W./Becker-Stoll, F./Bensel J./Eckhardt, A. G./Haug-Schnabel, G./Kalicki, B./Keller, H./Leyendecker, B. (Hrsg.). NUBBEK. Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit. Fragestellungen und Ergebnisse im Überblick. http://www.nubbek.de/media/pdf/NUBBEK%20Broschuere.pdf (eingesehen am 10.04.2018, MEZ: 17.30 Uhr).

MGFFI (Hrsg.) (2016): Mehr Chancen durch Bildung von Anhang an – Entwurf – Grundsätze zur Bildungsförderung für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Kindertageseinrichtungen und Schulen im Primarbereich in Nordrhein-Westfahren. Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder.