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Eigensinnige Kinder

Sei nicht so stur! Du willst immer deinen Willen durchsetzen! Musst du immer das letzte Wort haben? – Solche Sätze haben wir wohl alle schon mal in unserer Kindheit und Jugend zu hören bekommen. Eigensinn wird in unserer Gesellschaft immer noch als negative Eigenschaft bewertet. Dabei kann Eigensinn in der heutigen Zeit eine wertvolle Ressource sein.

Eigensinn bei Kindern als Ressource erkennen

Eigensinn bei Kindern als Ressource erkennen

Als der kleine 4-jährige Bogdan mit seinen Eltern von Polen nach Deutschland übersiedelte, organisierten seine Eltern für ihn eine Kindertagesstätte u.a. mit der Zielsetzung, dass der Junge rechtzeitig umfassend und kompetent Deutsch lernen sollte. Der erste Tag in der Kita und auch die folgenden gerieten zur Katastrophe. Das Kind klammerte sich an seine Mutter, fing an zu weinen, ließ sich nicht trösten und zwang die Mutter, den ganzen Vormittag in der Kita zu verbringen – ohne dass sich der Junge von der Mutter lösen wollte. Da sich diese Abläufe nicht veränderten, die Mutter also jeden Tag zur Verfügung stehen musste, suchte man Hilfe von außen. Das Kind fiel als eigensinnig auf.

Meine Untersuchung der Entwicklungssituation des Kindes ergab u.a., dass die Mutter zu Hause und auch außerhalb mit diesem Jungen nur noch Deutsch sprach, obwohl dieser sich in solcher Sprachumgebung als vollkommen fremd empfand. Zudem sprach sie nur gebrochen Deutsch, sodass der Junge weder auf der sachlichen Ebene kompetente sprachliche Orientierung erhielt, noch auf der sozial-emotionalen Ebene Vertrautheit erfuhr (die Muttersprache ist die Vertrauen bildende Kommunikationsform). In der Kindertagesstätte war er deshalb vollkommen isoliert. Da der Junge keinen fremden Sinn erlebte, blieb ihm nur der Weg des eigenen Sinns. Für die Förderung bedeutete dies, dass das Kind die emotionale Muttersprache zur Überwindung seiner Isolation angeboten bekommen musste. Entsprechende Erfolge stellten sich dann auch ein.

In einem zweiten Beispiel manifestierte der Eigensinn des Kindes bereits verhärtete Strukturen. Im Sonderkindergarten fiel ein Junge mit 5 Jahren durch ein Verhalten auf, das die Betreuenden als Aggression bezeichneten. Er erschien ihnen im extremsten Sinne als eigensinnig. Er verweigerte nicht nur seine Teilnahme an diversen Gruppenaktivitäten, sondern boykottierte diese mit destruktiven Mitteln. Er zerstörte das Spielen anderer Kinder, entzog sich jeder Aufforderung zur Beteiligung und vor allem, er ließ die Betreuenden im wahrsten Sinne des Wortes auflaufen. Zwangsläufig entstand dadurch eine nahezu feindselige Atmosphäre zwischen ihm und seinen Betreuenden. Die Lösung der Problematik bestand darin, dem Jungen Aufgaben anzubieten, die sowohl seinem Entwicklungsniveau wie auch seinem Bedürfnis nach Sinnerleben entsprachen, was in diesem Alter das Rollenspiel ist. Dies gelang auch im Rahmen der Betreuung im Sonderkindergarten. Der Junge begann, dabei sein zu wollen, schien zufriedener und wirkte sympathisch. Damit war aber nicht der Entstehungszusammenhang seines Eigensinnes begriffen.

Auch hier führte die Kenntnis seiner Entwicklungsbedingungen zum Verständnis seiner Eigensinnigkeit. Der Junge wurde von seinem Vater von 3 bis 5 Jahren sexuell missbraucht. Er erfuhr also in diesem bedeutsamen Zeitfenster der kindlichen Entwicklung nicht nur keinen Sinn in der Beziehung zu notwendigen Bezugspersonen, sondern den Verlust der Sinnhaftigkeit kindlichen Lebens. Er musste erleben, dass man keinem Erwachsenen vertrauen darf.

An beiden Beispielen, und in allen anderen Fällen, kann man also feststellen, dass Eigensinn nicht angeboren ist, nicht vom Himmel fällt, sondern vom Leben verursacht wird. Im ersten Beispiel steht dahinter der Verlust der Vertrautheit in der verbalen Kommunikation, im zweiten der Verlust der körperlichen Kommunikation. In beiden Beispielen ist es der Verlust des Sinnes von Beziehung zu andern Menschen, die Sinnlosigkeit im Vertrauen auf wichtige Menschen.

Eigener Sinn und fremder Sinn

Eigensinn wird in der heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit vorwiegend als negative Eigenschaft bewertet. Begriffe wie »Dickkopf«, »sturer Bock«, »Rechthaber«, »unbelehrbar« usw. spiegeln diese Bedeutung wider, eine Bedeutung, die gerade bei Erziehungsabsichten sehr viel Missfallen auslöst. Dabei wird in der Regel nicht zur Kenntnis genommen oder gewusst, dass Eigensinn nur ein Pol in einer Widerspruchsbeziehung darstellt. Hinter dem anderen Pol wirken Forderungen, Anforderungen, Reglementierungsansprüche und Anpassungszwänge, was aber bei Erziehungsproblemen selten diskutiert wird. Ein Kind ist also nicht per se eigensinnig, sondern nur in der Konfrontation mit unerwünschten oder ungewollten Ansprüchen an seine Person. Die Wahrscheinlichkeit des Widerstandes gegen solche Ansprüche ist bei Kindern unter 6 Jahren besonders groß, weil im Entwicklungsalter der Vorschulzeit und früher allgemein noch keine emotional positive Bewertung von Umgangsregeln aufgebaut ist.

Kinder im Vorschulalter denken noch anschaulich und benötigen für die Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit und Konzentration die Orientierung an konkreten Personen. Nur dann empfinden sie ihre Beziehung zur sachlichen und personalen Umwelt als sinnvoll – genau das fehlte den oben beschriebenen Jungen. Eigensinn in der Bedeutung von »eigener Sinn« ist also eine sinnvolle Erlebnisform der eigenen Befindlichkeit zur Erhaltung einer konstruktiven und emotional sicheren Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Warum ist das so?

Eigener Sinn als sinnvolle Erlebnisform

Zur Beantwortung der Frage, müssen wir einen kurzen Blick auf das Wesen des Psychischen werfen. Jede Kontaktaufnahme mit der äußeren Wirklichkeit wird durch psychische Prozesse gesteuert und kontrolliert – sei es in der Wahrnehmung der Welt (wir nehmen Eigenschaften von Sachen und Lebewesen wahr), sei es im aktiven Zugriff auf die Welt (wir bauen oder verändern etwas). Diese psychischen Prozesse existieren in zwei Formen. Wir verwirklichen einerseits eine gewisse sachliche Systematik, in der wir theoretische und/oder praktische Bedeutungen konstruieren (z.B. Brief schreiben, Haus bauen, Kuchen backen usw.).

Auf der anderen Seite erleben wir alles, was wir tun mehr oder weniger stark emotional – weniger intensiv, wenn die Ereignisse trivial sind (z.B. langweilige Dinge), zunehmend intensiv, wenn sie außergewöhnlich ausfallen (z.B. Überraschungen). Gleichzeitig können Emotionen als positiv oder negativ erlebt werden. Positive Gefühle aktivieren uns (z.B. Freude oder Begeisterung), negative veranlassen uns zu Rückzug oder Verteidigung (z.B. Angst, Enttäuschung, Aggression). Das Insgesamt aller Emotionen, die bei der Kontaktaufnahme mit der Wirklichkeit im Verlauf von Aktivitäten erlebt werden, nennen wir Sinn. Der Sinn orientiert uns also darüber, ob wir Aktivitäten weiter verfolgen sollen und dabei Lernerfahrungen machen können oder Schutzmaßnahmen ergreifen sollen, weil unsere Integrität bedroht sein könnte. Der Sinn ist also entscheidend für die Stabilisierung und Entwicklung der Persönlichkeit.

Wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeit ist nun die Möglichkeit, mit dem erlebten Sinn in soziale Beziehungen eintreten zu können, also Gefühle mitteilen zu dürfen, seien es positive oder negative. Unter dieser Voraussetzung bekommt der Sinn eine kommunikative Gestalt (durch Sprache, Mimik, Gestik usw.) und stellt die Verbindung zu anderen Menschen her. Man ist dann nicht mehr allein, und die Emotionen beruhigen sich, was im Fall von Angst oder Aggression unmittelbar einsichtig ist. Das, was die positive Seite betrifft, geteilte Freude doppelte Freude ist, dürfte den meisten Menschen bekannt sein. Unter diesen Bedingungen findet ständig und umfassend Entwicklung statt. Der eigene Sinn erweist sich somit als eine existenzielle Gestaltungsfunktion. Für den erzieherischen Umgang mit Kindern (selbstverständlich auch für den alltäglichen Umgang mit Erwachsenen) ist deshalb die Kultivierung von Emotionen wesentlich wichtiger als die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Denn, wer mit seiner Emotionalität wahrgenommen wird und damit in Beziehung treten darf, der geht selbst bestimmt auf die Welt zu.

Folgen für den Umgang mit eigensinnigen Kindern

Die Frage ist also nicht, ob Eigensinn zugelassen oder gebremst, auch nicht, in welchem Ausmaß geduldet werden soll, sondern wie damit umzugehen ist, damit er im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung wirksam wird. Wie bereits diskutiert, geht es dabei im Kern um seine Mitteilung an andere Personen, wofür Kinder insbesondere im Vorschulalter Artikulationsangebote unterbreitet werden müssten. Wird das Gegenteil praktiziert in Form von Anforderungen, Anweisungen, Reglementierungen, Prinzipien usw., degeneriert der eigene Sinn zur Eigensinnigkeit. Diese Gefahr lauert vor allem auch in der oft gehörten Sichtweise, Kinder bräuchten Grenzen (Welche?). Kinder brauchen stattdessen stabile Orientierung und sichere Modelle.

Zum Schluss ein schönes Beispiel für die falsche Richtung in der Entwicklung. Während meines Studiums berichtete ein renommierter Professor von seinem Enkel, der, wenn man ihn auch nur mit seinem Vornamen, rief, lapidar antwortete: »Nein«. Welch eine Peinlichkeit für einen sog. Experten. Wenn eben Kinder zu oft »nein« hören, fangen sie an, selbst nur »nein« zu sagen. Kindlich berechtigte Aggression kann dann in Trotz umschlagen. Und, Trotz ist die rücksichtslose Form von Eigensinnigkeit, weil ein Kind ohne Rücksicht betrachtet wurde.

Fazit

Positiv betrachtet ist allerdings eigener Sinn wie musikalisch erlebtes Gefühl, wenn man mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorhaben auf die Welt zugehen darf. Dies wäre allen Kindern im Interesse ihrer Persönlichkeitsentwicklung von ganzem Herzen zu wünschen.