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Selbstbildungsprozesse von Kindern

Lernlust fördern – Potenziale entfalten. Wie Selbstbildungsprozesse kindliches Lernen beeinflussen und von immer tiefgreifenderer Relevanz im aktuellen Bildungsdiskurs werden. Wie sie gelingen können und welche Rolle Erzieherinnen und Erziehern dabei zufällt.

 

Selbstbildungsprozesse in der Kita unterstützen

© drubrig-photo

Jedes Kind bringt von Geburt an Potenziale mit auf die Welt. Diese Potenziale sind in ihm selbst angelegt und beschreiben die Fähigkeit, sich an seinem eigenen Tun und Handeln bzw. in der sinnlichen Interaktion mit Materialien oder dem eigenen Körper selbst zu bilden. Deshalb verlangen Kinder nach einer anregungsreichen Umgebung, die auf ihre intrinsische Motivation und Lernlust antwortet. Denn jedem Kind liegt ein Lerngenie zugrunde, es liegt an, uns genau hinzusehen, um die Flut an einzigartigen Bildungsprozessen nicht zu übersehen. „Insbesondere dieser eigenaktive, von Erwachsenen nicht berechenbare Vorgang, ist mit dem in der Fachliteratur oft verwendeten Begriff der „Selbstbildung“ gemeint. Selbstbildung bedeutet jedoch nicht, dass Bildung und Lernen in einem abgeschirmten Bereich stattfinden. Sich bildende Kinder sind immer auf andere Kinder, andere Erwachsene und eine anregungsreiche Umgebung angewiesen, mit der sie sich austauschen, d.h. mit deren Hilfe sie sich bilden können. Der Begriff der Selbstbildung beschreibt also auch das Bild eines aktiven, deutenden und gestaltenden Kindes“ (Leu 2012).

Bildung steht immer in unmittelbarer Abhängigkeit zu der Umgebung, die den (Selbst-)Lernenden umgibt. „Selbstbildung erfolgt daher im Rahmen der Möglichkeiten, die dem Kind von außen zugetragen werden“ (Schäfer 2011). Selbstbildungsprozesse sind für die kindliche Entwicklung von elementarer Bedeutung, sie sind gewissermaßen Chronist und Autor frühkindlicher Bildungsbiografien. „In diesem Sinne ist frühkindliche Bildung in erster Linie Selbstbildung und wird entlang den Ereignissen gewonnen, die Kinder in ihren Lebenszusammenhängen erleben. [...] Deshalb ist Selbstbildung immer nur als Selbstbildung innerhalb sozialer Bezüge denkbar“ (Schäfer 2011).

Vorbereitete Umgebung als Schlüssel zur Selbstbildung

Als Loris Malaguzzi vom „Raum als dritten Erzieher“ sprach, machte er deutlich, wie notwendig eine anregungsreiche und vorbereitete Umgebung für kindliche Bildungsprozesse ist. Kinder brauchen Spiel- und Lernräume, sie müssen sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzten können, Gesetzmäßigkeiten hinterfragen dürfen, sich an Umgebung und Material ausprobieren können sowie Hypothesen aufstellen, Phänomene deuten, Schlussfolgerungen wieder verwerfen und sich ihre ganz eigene Welt konstruieren dürfen.

Kinder brauchen eine Umgebung, die sie herausfordert, ihnen ihre Grenzen aufzeigt, sie neue Wege gehen lässt und dennoch vertraut bleibt, um ihnen die nötige Sicherheit zur Exploration zu geben. Dem Kind wird kein vorgefertigtes Wissen eingetrichtert oder ein bestimmtes Spielmaterial vorgegeben, nicht die Erzieherin, sondern das Kind selektiert, was es als wichtig empfindet und wem oder was es seine ganze Konzentration und volle Aufmerksamkeit schenkt. Das Kind darf sich seine Beschäftigung frei wählen sowie sich seiner Tätigkeit nach eigenem räumlichen und zeitlichen Empfinden hingeben.

Was weiß die Neurobiologie über Selbstbildungsprozesse und wie gehen wir damit um?

„Neurobiologische Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen mit einem „Lerntrieb“ geboren werden. Das Gehirn ist von Natur aus darauf angelegt, Anregung und Abwechslung zu suchen, Dinge mit Bedeutungen zu versehen und dadurch Erklärungen zu erstellen. Insbesondere der Vorgang des Verknüpfens von Bekanntem mit Neuem erklärt, warum Ausprobieren, Knobeln, eigenes Entdecken und eigene Erklärungen so viel leichter im Gedächtnis haften bleiben. Inzwischen fordert daher nun auch die Hirnforschung, kleine Kinder in ihren Bildungs- und Lernvorgängen nicht zu stören, Fehler zuzulassen und sich mit bereits fertigen Erklärungen zurückzuhalten“ (Leu 2012). Wir müssen damit aufhören zu meinen, wir wüssten, was für Kinder von Bedeutung sei und was sie unbedingt zu lernen hätten, um in der Gesellschaft von Morgen bestehen zu können. Streckenweise unternehmen wir immer noch den zwar gut gemeinten aber völlig unpassenden Versuch, den Kindern pädagogisch aufbereitete Bildungsangebote als Kontrast zu ihrem augenscheinlich trivialen, sich ständig wiederholendem Spiel zu unterbreiten. Fast so als würden wir deren vermeintlich kognitive Unterversorgung durch zu viel Spiel und selbst gewählte Tätigkeiten fürchten und gerade noch abwenden können, wenn wir sie alle in den Stuhlkreis zitieren, weil wir diesen für ein wichtiges Instrument zur Förderung vorschulischer Kompetenzen halten.

Doch frühkindliche Bildungsprozesse sind kein Abfallkalender, der sich mit Berücksichtigung aller Begleitumstände akribisch 1 Jahr im Voraus planen lässt. Im Gegenteil: Selbstbildung ist ein höchst komplexer und hoch spannender Prozess, der sich in allen Phasen der kindlichen Entwicklung vollzieht. Er passiert immer im Jetzt, was zählt, ist der Moment. Dieser Moment, in dem das Kind sich ganz seiner Tätigkeit hingibt und unendliche Erfahrungsmöglichkeiten aus ihr schöpft, die es als unwiderrufliche Lernerfahrung im Gehirn hinterlegt. „Lernen besteht nicht nur aus dem, was das Kind noch nicht kennt, sondern gleichermaßen aus den Vorerfahrungen, die es als Kontext mitbringt, um neue Erfahrungen zu entziffern und einzuordnen. Damit man sinnvolle Bildungsangebote machen kann, muss man also etwas von diesem individuellen Kontext wissen, den Kinder mitbringen, und nicht nur von Inhalten etwas verstehen. Die wesentliche Frage bei Lernprozessen ist dann nicht, wie man dem Kind etwas beibringen oder erklären kann, sondern welchen Kontext an Wissen und Erfahrungen es braucht, damit es den Sinn dessen, was ihm da erzählt oder beigebracht wird, verstehen kann“ (Schäfer 2011). Es liegt an uns, die Kinder mit ihren unerschöpflichen Potenzialen und ihrer entfesselten Neugier auf ihrem individuellen Weg zu begleiten. Zudem sind wir in der Pflicht, eine Umgebung zu schaffen, die Kinder dazu einlädt und auffordert, sich mit allen Sinnen mit ihr auseinanderzusetzen. „Kinder, die erfolgreich und lustbetont lernen dürfen, sehen sich selbst als kompetent und gehen freudig und aufgeschlossen neuen Bildungs- und Lernmöglichkeiten entgegen“ (Leu 2012).

Die Rolle der Erzieherin als Potenzialentfalterin

Die Fachkraft nimmt primär die Rolle der Begleiterin und Beobachterin ein. Ihre Aufgabe besteht darin, Selbstbildungsprozesse zu begleiten, zu dokumentieren sowie in Schrift und Bild festzuhalten, was momentan die Themen der Kinder sind. Dabei betrachtet sie jedes Kind einzeln mit Rücksicht auf dessen Individualität. „Erwachsenen und auch fortgeschritteneren Kindern kommt die Rolle zu, für das Kind ein erfahrener und kompetenter Partner zu sein, der es unterstützt, herausfordert und weiterbringt. Dabei kommt es entscheidend auf die Art und Weise der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern an. Nicht Vermittlung von Wissen, Normen und Werten an passiv empfangende Kinder ist gemeint, sondern eine zwischen Erwachsenen und Kindern ausgeglichene Aktivität, in der beide Parteien überlegen, wie ein Ziel verfolgt oder eine Aufgabe bewältigt werden kann“ (Leu 2012).

Die Fachkraft ist im engeren Sinne also eine Potenzialentfalterin, die dem Kind dabei hilft, seine mit der Geburt gegebenen Selbstbildungspotenziale voll auszuschöpfen. Sie füllt nach Wilhelm von Humboldt nichts in das Kind hinein, sondern hilft, eine Flamme in ihm zu entzünden. Ihr fällt somit eine Schlüsselrolle in der pädagogischen Interaktion mit dem Kind zu. Zwar macht sie sich in bestimmten Situationen „überflüssig“, doch bleibt sie für das Kind ständig erreichbar. Ihr muss der Spagat zwischen dem Erkennen der Situation, dem Anstoßen des folgerichtigen Impulses und dem Ausharren, Aushalten sowie dem Kind seine Zeit zugestehen gelingen.

Fazit

„Ziel der Bildungsarbeit in der Kindertagesstätte muss es ferner sein, den Kindern Gelegenheiten zu verschaffen, ihre Selbstbildungspotenziale möglichst vielseitig auszuschöpfen und im Zusammenspiel der Kräfte ihre produktiven Verarbeitungsmöglichkeiten zu erfahren. Dies gelingt da, wo Kinder in solchen Situationen unterstützt, gefördert und herausgefordert werden, die für sie selbst [von großer Bedeutung] sind“ (Schäfer 2011). Denn Kinder können sich letztendlich nur selbst bilden, da Bildung nicht vermittelt, sondern nur begreifbar gemacht werden kann.