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Ein Jahreskreis für alle Kinder

Wie Sie unterschiedlichen Traditionen Raum geben können. Im Kindergarten kommen Kinder und Erwachsene mit verschiedenen kulturellen Wurzeln und religiösen Haltungen zusammen. Die Gestaltung des Jahreskreises kann den unterschiedlichen Traditionen Raum geben und die Vielfalt im Kindergarten selbst zum Fest werden lassen.

Ein Jahreskreis für alle Kinder

© dnaveh

Der Jahreskreis ist von vielen unterschiedlichen Festen geprägt. Viele von den in Deutschland gefeierten Festen entspringen dem Christentum. Feste bereichern das Leben, auch in Kindertagesstätten. Schon seit alters her nutzen die Menschen gemeinsame Feste, um sich im Jahresrhythmus Halt und Geborgenheit zu verschaffen.1 Den Jahreskreis heute so zu gestalten, dass alle Kinder und Erwachsene sich angesprochen fühlen, ist ein wichtiges Ziel im Kindergartenalltag.

Aber, interreligiöse Bildung, was ist das? Welche Ziele hat sie? Biesinger, Schweitzer und Edelbrock verstehen interreligiöse Bildung als Friedenserziehung - und umgekehrt.2 Das Kennenlernen unterschiedlicher kultureller und religiöser Standpunkte, das Erlangen sprachlicher Möglichkeiten über Vielfalt zu kommunizieren und die Fähigkeit, mit Andersheit umgehen zu können, sind wichtige Bildungsinhalte für ein gelingendes Leben in unserer globalen Welt. In Art. 3 GG ist festgehalten, dass niemand wegen seiner Abstammung, seiner Sprache, seiner Herkunft, seines Glaubens oder seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Erzieher/innen leisten einen wichtigen Beitrag, wenn sie Kinder in der Entwicklung eines Bewusstseins für diese Werthaltung unterstützen. Als bedeutsames Vorbild können sie kontinuierlich erkennen lassen, dass sie Unterschiede wahrnehmen, bejahen und im Kindergartenalltag berücksichtigen.

Festen verschiedener Religionen im Jahreskreis Raum zu geben, bereichert den Kindergartenalltag auf vielfältige Weise: Kinder, die nicht der christlichen Religion angehören, fühlen sich in ihrer Religion wahrgenommen und wertgeschätzt. Familien spüren, dass sie mit ihrem individuellen Hintergrund gesehen werden. Und genauso, wie nicht-christliche Kinder bei der Erkundung christlicher Feste wertvolles Wissen erlangen, ist es für die christlichen Kinder eine wichtige Bildungserfahrung, anderen Traditionen und Wissensbeständen begegnen zu dürfen. Für alle Kinder werden so Prozesse der Weltaneignung angeregt.3

Stephan Leimgruber und Carola Fleck, die ein sehr anschauliches und praxisnahes Buch zum interreligiösen Lernen für Erzieher/innen geschrieben haben, veranschaulichen drei mögliche Modelle: das liturgische Modell der Gastfreundschaft, multireligiöse Feiern und interreligiöse Feiern4.

Das Modell der Gastfreundschaft

Das Modell der Gastfreundschaft ist ursprünglich aus der christlich-ökumenischen Suche nach gemeinsamen Möglichkeiten der Feier entstanden. Ausgeweitet auf die religiöse Vielfalt der Welt, liegt diesem Vorgehen der Gedanke zugrunde, dass interreligiöses Lernen sich in einer dynamischen Bewegung aus Begegnung und Beheimatung vollzieht5. Die Idee dabei ist, dass Angehörige einer bestimmten Religion eine Feier gestalten, bei der Angehörige anderer Religionen als Gäste teilhaben. Wenn es als passend empfunden wird, können auch die Gäste an symbolischen Handlungen beteiligt werden (etwa dem Entzünden von Kerzen). Ansonsten bleiben sie in der beobachtenden, teilnehmenden Position, so dass die religiösen Gefühle sorgsam geachtet werden - es wird zum Beispiel nicht gemeinsam gebetet, auch weil das Gefühl, zu einem Gott zu beten, an den man nicht glaubt, prekär sein kann.6

Das Modell der Gastfreundschaft eignet sich für sehr viele Feste: So kann beispielsweise Ostern als christlich-religiöses Fest gefeiert werden, ohne, dass nicht-christliche Kinder klar religiöse Praxen (wie Gebete und religiöse Lieder) mitvollziehen müssen.7

Das Modell multireligiöser Feiern

Auch multireligiöse Feiern orientieren sich an der Idee, gegenseitig Gast zu sein. Der Unterschied ist, dass eine gemeinsame Feier ausgerichtet wird, etwa zum Thema Frieden. Vertreter/innen der einzelnen Religionen bringen Gebete oder andere Beiträge ihres Glaubens ein, allerdings nacheinander. Auch hier geht es darum, gemeinsam in den Dialog zu treten, ohne, dass die Religionen sich vermischen.8

Im Kontext von Weihnachten können multireligiöse Feiern besonders sinnvoll sein, wenn in der Kindergruppe viele christliche und muslimische Kinder sind. Gemeinsam können die biblische Weihnachtsgeschichte und der Bericht über Jesu Geburt im Koran gelesen werden.

Das Modell interreligiöser Feiern

Interreligiöse Feiern dagegen zielen darauf, das Gemeinsame der Religionen zu entdecken und auch gemeinsam zu zelebrieren. Dieses Vorgehen kann besonders dort bereichernd sein, wo Menschen aus Judentum, Christentum und Islam zusammenkommen, da diese drei Religionen gemeinsame Wurzeln haben.9 In der frühkindlichen Bildung in England sind Modelle interreligiöser Feiern weit verbreitet.10 In Deutschland sind die Vorbehalte gegenüber dieser Praxis dagegen größer. Häufig wird vor allem von Seiten der Religionspädagogik die Sorge formuliert, es könne zu einer Vermischung der einzelnen Religionen kommen, der die Kinder nicht gewachsen sind.11 Als Themen eignen sich vor allem solche, die die einzelnen Religionen verbinden.

Kinder ohne Religionszugehörigkeit?

Das Erleben von Verbindendem, Gemeinsamen tut gut. Aber dann gibt es da noch eine Gruppe an Kindern und Erwachsenen, die nicht aus dem Blick geraten darf: Menschen, die (zumindest offiziell) keiner Religion angehören. Interessant ist, dass sowohl die frühpädagogische Forschung, als auch die Praxishilfen kaum nach Antworten auf die Frage suchen, welche Position Menschen ohne Religionszugehörigkeit bei der interreligiösen Ausgestaltung des Kindergartenalltags einnehmen können. Dabei ist ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland, nämlich 33%, nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft12. Auch diese Kinder und Familien haben ein Recht darauf, in ihrer Individualität gesehen und geachtet zu werden. Gibt es etwa im Kindergarten ein Projekt, bei dem die Kinder sich gegenseitig ihre unterschiedlichen Religionen vorstellen, ist es wichtig, auch Kindern ohne Religionszugehörigkeit die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen. Eine gute Methode findet sich im Philosophieren mit Kindern13. Ebenfalls eine gute Möglichkeit ist es, nicht-religiöse Feste in den Festkalender aufzunehmen.

Feste feiern, Alltag leben

Feste eigenen sich gut, um mit der Kindergruppe Zugang zu verschiedenen Religionen, Sinn- und Wertorientierungen zu finden. Im Kindergarten zu Gast bei Festen verschiedener Traditionen zu sein, kann Hemmschwellen abbauen und die Vertrautheit von Erzieher/innen, Kindern und Eltern wachsen lassen.

Ein liebevoll geplantes gemeinsames Fest der Religionen kann auch für bisher Ungeübte in Sachen Interreligiosität eine motivierende neue Erfahrung sein. Werden die unterschiedlichen Feste im Jahreskreis festgehalten, kann dies außerdem als Erinnerungsstütze dienen, interreligiöse Themen im Alltag immer wieder gemeinsam aufzugreifen.

Erzieher/innen sind mit ihrer Haltung im Alltag ein bedeutsamer Orientierungspunkt für die Kinder. Das heißt, dass der eigene Umgang mit Vielfalt das Lernen der Kinder und das Wachsen von Werthaltungen mit prägt. So ist beispielsweise ein achtsamer Umgang mit Sprache von Bedeutung. Lieder, Bücher und Spiele, die einzelne Kulturen oder Personengruppen lächerlich machen sollten vermieden werden oder kritisch aufgegriffen werden.14 Beim Vorlesen, im gemeinsamen Spielen und Singen können zudem Materialien genutzt werden, die die Vielfalt der Welt und die Schönheit dieser Vielfalt verdeutlichen. Schweitzer, Biesinger und Edelbrock regen in diesem Zusammenhang an, entsprechende Materialien in der Kindertagesstätte so zu platzieren, dass sie für Kinder und Eltern sichtbar sind, so dass die interreligiöse Offenheit für alle spürbar wird und sich ein leichter Einstieg in die gemeinsame Kommunikation zu den entsprechenden Themen findet.15

Fazit

Feste bereichern den Alltag. In der Kindertagesstätte geben sie Anlass, genussvolle Bildungsmomente zu initiieren. Neben dem Eintauchen in die Kulturgeschichte Deutschlands bringt ein interreligiös gestalteter Jahreskreis auch die Chance, vielfältigen Religionen und Kulturen im Kindergartenalltag zu begegnen. Neben den Festen aus Religionen, sollten auch solche Feste aufgenommen werden, die in staatlichen bzw. demokratischen Anlässen wurzeln, etwa der Weltkindertag. So gelingt es, auch Kindern ohne Religionszugehörigkeit einen angemessenen Raum in der Gestaltung der Feste im Jahreskreis zu geben. Ein interreligiöser Festkalender inspiriert für einen Kindergartenalltag, der der Individualität der Kinder und ihrer Familien ressourcenorientiert begegnet und religiöse Begegnung und Beheimatung gleichermaßen ermöglicht.

Fußnoten

1 Vgl. Herzke, Katja und Schmoll, Friedemann: Feste - Abwerfen der alltäglichen Last. Über Geschichte, Funktion und Bedeutung des Feierns. In: ZeT. Zeitschrift für Tagesmütter und -väter Nr. 5/11. S.2-5.

2 Vgl. Schweitzer, Friedrich; Biesinger, Albert und Anke, Edelbrock: Religiöse Vielfalt in der Kita: So gelingt interreligiöse und interkulturelle Bildung in der Praxis. Berlin/Düsseldorf/Mannheim 2012.

3 Vgl. Lischke-Eisinger, Lisa: Sinn, Werte und Religion in der Elementarpädagogik. Wiesbaden 2012.

4 Fleck, Carola und Leimgruber, Stephan: Interreligiöses Lernen in der Kita. Grundwissen und Arbeitshilfen für Erzieher/-innen. Köln 2011.

5 Vgl. hierzu: Feininger, Bernd: Interreligiöses Lernen als ein Feld des Lernens an Differenzen. In: Kirchhoff; Rupp: Expertise "Religiöse und philosophische Bildung". Freiburg 2008, S. 151-169.

6 Vgl. Fleck, Carola und Leimgruber, Stephan 2011.

7 Ein guter Überblick findet sich bei Claudia Emmendörfer-Brößler: Feste der Welt - Welt der Feste. Ein interkulturelles Lesebuch. Bad Homburg ²2012.

8 Vgl. Fleck, Carola und Leimgruber, Stephan 2011.

9 Vgl. Kuschel, Karl-Josef: Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt - und was sie eint. Düsseldorf 52006.

10 Vgl. Dommel, Christa: Religions-Bildung im Kindergarten in Deutschland und England. Frankfurt und London 2007.

11 Etwa Fleck, Carola und Leimgruber, Stephan 2011, S. 102.

12 Vgl. Dommel 2007, S. 21.

13 Vgl. Lischke-Eisinger, Lisa: Sinn, Werte und Religion in der Elementarpädagogik. Wiesbaden 2012.

14 Weiß, Karin et. al: Qualifizierung in der Kindertagespflege. Das DJI-Curriculum "Fortbildung von Tagespflegepersonen". Kallmeyer 2008.

15 Vgl. Schweitzer, Friedrich; Biesinger, Albert und Anke, Edelbrock: Religiöse Vielfalt in der Kita: So gelingt interreligiöse und interkulturelle Bildung in der Praxis. Berlin/Düsseldorf/Mannheim 2012.