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Eine Art zu leben – Wahrung der Würde in schwierigen Situationen

Wertschätzung, Echtheit, Wärme und Verständnis, Selbstreflektion und Authentizität, soziale Kompetenz, Klarheit im Denken und im Handeln, eine stimmige Selbstwahrnehmung, eine fachlich durchdachte Wahrnehmung der Kinder sind u.a. Grundlagen professionellen Handelns einer pädagogischen Fachkraft. Die Wahrung der menschlichen Würde wird in diesem Zusammenhang als zentrales Element im pädagogischen Alltag angesehen.

Würdevoll miteinander umgehen in der Kita

Würdevoll miteinander umgehen in der Kita

Die folgenden Ausführungen möchten den Blick auf den Wert der Würde und der wechselseitigen Verantwortung füreinander lenken. Es gibt drei Dimensionen, aus denen menschliche Würde betrachtet werden kann: (1) die Wahrung der Würde des anderen, (2) die Wahrung meiner eigenen Würde, (3) Lebenserfahrungen, die die eigene Würde stärken.

Die Wahrung der Würde ist dabei eng verbunden mit der Verantwortung für sich selbst und der Verantwortung füreinander. Es ist Aufgabe einer Führungskraft, darauf zu achten, dass alles richtig gemacht wird und dass die Standards eingehalten werden (Sachverantwortung). Sie muss darauf achten, dass das erwartete Handeln in spezifischen Rollen auch umgesetzt wird (soziale Verantwortung). Es obliegt ihr, alles so auszurichten, dass die Grundrechte aller Beteiligten gewahrt sind (moralische Verantwortung). Ihr Handeln muss der Aufgabe und den berechtigten Interessen der Betroffenen in einer konkreten Situation angemessen sein (Buer 2008, S. 138, 156).

Das Konzept der wechselseitigen Verantwortung unter Wahrung der eigenen Würde und der Würde meines Gegenübers eröffnen neue Perspektiven im Umgang miteinander.

Würde als menschliche Haltung

Die menschliche Würde wird in diesem Zusammenhang als grundlegende Haltung betrachtet, die durch aktives Handeln geschützt und gewahrt wird. Die Würde kann durch Entwürdigung, Erniedrigungen, Demütigungen, Beschämungen und Kränkungen beschädigt werden (Weber-Guskar 2017, S. 211). Die Verantwortung für den Erhalt der Würde haben Menschen für sich und füreinander. Die Wahrung der Würde lässt sich als schützendes Wertesystem verstehen. Sie bildet die Grundlage für ethisch vertretbares professionelles Handeln als pädagogische Fachkraft.

Gleichzeitig dienen Erzieherinnen, die ihre Würde wahren, den Kindern als Modell und stärken deren Resilienz.

Drei Grundfragen zur Würde

Drei Dimensionen können in Bezug auf die Würde unterschieden werden, die im Folgenden näher beleuchtet werden:

  • Wahrung der eigenen Würde durch andere Menschen.

  • Wahrung der eigenen Würde durch mich selbst.

  • Verhaltensweisen, die mir Würde verleihen (vgl. Bieri 2013, S. 12).

Würde bedarf der Übereinstimmung mit dem eigenen Selbstbild (vgl. Weber-Guskar 2017, S. 219 ff.) sowie Mitverantwortlichkeit im Kontakt mit anderen Menschen (vgl. Weber-Guskar 2017, S. 227 ff.).

1. Dimension: Wie sorge ich dafür, dass die anderen meine Würde wahren?

Die erste Dimension ist die Art, wie andere Menschen mich behandeln. Sie können mich so behandeln, dass meine Würde gewahrt und geschützt wird. Sie können aber auch darauf abzielen, meine Würde zu kränken oder danach trachten, sie zu zerstören. Die Verantwortung liegt zunächst bei dem/der anderen. Es scheint so, als sei man dem Wohlwollen der/des anderen ausgeliefert.

Im Kontakt mit diesen Menschen lautet die Grundfrage, die meine eigene Verantwortung betrifft: »Wie kann ich dafür sorgen, dass der/die andere meine Würde wahrt?« Die Wahrung der eigenen Würde hilft, sich nicht als Opfer anzusehen und in Hilflosigkeit zu erstarren, sondern sich als aktiv handelnde Person zu verstehen, die in der Kommunikation ihre eigene Qualität beibehält. Angesprochen sind u.a. die eigene Souveränität, die Selbstachtung, die Fähigkeit, die Arbeitsbeziehungen in einem Team und mit der Leitung offen anzusprechen und zu reflektieren, aber auch die Notwendigkeit, sich im geeigneten Moment selber zu schützen.

Das folgende Beispiel soll verdeutlichen, dass das bewusste Denken hilft, die eigenen Emotionen und das Verhalten zu regulieren, sodass der weitere Handlungsverlauf in eine positive Richtung geht. Hierbei geht es um eine willentliche Handlungskontrolle durch bewusste Steuerung der eigenen Gedanken (vgl. Lohaus/Glüer 2019, S. 101–116). Hier liegt die Wahrung der persönlichen Würde darin, sich nicht auf die angebotene Kommunikationsebene des anderen einzulassen, sondern mit eigener Gelassenheit die selbstgewählte Qualität der Kommunikation beizubehalten (Reflexion statt ungesteuerte Emotionen).

Beispiel: Entscheidung zur Souveränität:

Eine sehr emotionale Erzieherin N. ärgert sich und überfällt ihre Kollegin L. mit Vorwürfen. Eine typische Reaktion ist oft, selber emotional zu reagieren. Dies führt dann nicht selten zu einer symmetrischen Eskalation, bei der ein Wort das andere gibt und beide Seiten ihre Souveränität verlieren. Der innere Dialog lautet dann »Ich lasse mich doch nicht kränken! – Angriff ist die beste Verteidigung«. Eine Alternative im Denken könnte sein: »Ich lasse mich nicht kränken. Ich bleibe souverän und ruhig. Meine Kollegin zeigt sich gerade von ihrer emotionalen Seite. Das kenne ich. Sie wird sicherlich gleich wieder ruhiger. Darauf baue ich dann auf.«

Würde muss geschützt werden

Das Beispiel weist auch noch auf einen anderen Aspekt hin: Dadurch dass die Kollegin L. steuernd eingreift, sorgt sie dafür, dass die Erzieherin N. sich nicht in ihren Emotionen verliert, auf ihren Selbstschutz verzichtet und sich dadurch emotional verletzbar macht. Hier zeigt die Kollegin L. ihre Verantwortung für die Erzieherin N. Sie sorgt dafür, dass die Würde ihrer Kollegin gewahrt bleibt.

Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang von einer Selbstoffenbarung, die sowohl eine gewollte Selbstdarstellung als auch eine ungewollte Selbstenthüllung einschließt (Schulz von Thun 2013, S. 29).

Die Würde des Gegenübers wird gekränkt, wenn die ungewollte Selbstenthüllung in beschämender Weise hervorgehoben wird: »Ach, du bist ja mal wieder sehr emotional. Denk mal darüber nach, wieso du so emotional bist!« Beschämte Menschen verlieren ihren Selbstschutz bzw. die »Macht der Tarnung und ihre Autorität in den Augen anderer« (Bieri 2013, S. 170).

Die Würde des anderen auch in Konfliktsituationen zu wahren, zeugt von persönlicher Reife, Verantwortungsbewusstsein und sozialer Verantwortung. Soziale Verantwortung zu übernehmen bedeutet, das Wohlergehen anderer zu unterstützen und eigene Ziele zu verfolgen, ohne andere zu schädigen (Wirtz 2018, S. 1584).

Würde ist das Recht, nicht beschämt zu werden

Würde ist das Recht, nicht beschämt zu werden (Bieri 2013, S. 172) bzw. nicht gedemütigt zu werden (Bieri 2013, S. 35). Die Würde kann gewahrt werden, wenn die ungewollte Selbstenthüllung eben nicht in den Fokus gestellt wird, sondern dem Gegenüber das Recht zugebilligt wird, als Person auch emotional zu handeln.

Eine mögliche Variante bezogen auf das o.g. Beispiel könnte so lauten: »Ich erlebe dich als sehr emotional (persönliche Rückmeldung bzw. Bestätigung des Gegenübers). Kann es sein, dass ich wesentliche Wünsche, die du an mich hast, übersehen habe? (Selbstreflektion). Ich bin bereit, jetzt mit dir darüber zu reden und ich verspreche dir, dass ich dir zuhören werde« (Angebot zum gemeinsamen Gespräch und Zusicherung einer kooperativen Haltung). Diese Formulierungen basieren auf dem Gedanken der gemeinsamen Verantwortung für die Arbeitsbeziehung unter Kolleginnen und der gemeinsamen Verantwortung für die Qualität der Kommunikation.

Selbstschutz aus Verantwortung für die eigene Person

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass andere Menschen sich dazu verpflichten, die Würde ihres Gegenübers zu wahren. Hierzu passen Äußerungen wie z.B. »Ich mache, was ich für richtig halte. Wenn es meiner Kollegin nicht passt, kann sie ja den Mund aufmachen.« Gedanken wie diese dienen als Legitimation, sich mit dem eigenen Denken, Handeln und Erleben über das Denken, Handeln und Erleben einer anderen Person zu stellen und diese potenziell in ihren Grenzen und in ihrer Person zu missachten. Hier sind eine aktiv gezeigte Verantwortung für die eigene Person und der mit dieser Verantwortung verbundene Selbstschutz angesprochen.

Vorgetäuschte Fürsorge: Ein Beispiel aus der Literatur zeigt, wie demütigend es ist, wenn Vorgesetzte aus einem Gefühl der Macht heraus berechtigte Wünsche und Forderungen missachten und durch einen stetigen Wechsel der Rollen emotionale Verwirrung schaffen: Schulz von Thun (2013, S. 186) beschreibt, wie ein männlicher Vorgesetzter seine Sekretärin, der ein Fehler unterlaufen ist, herabwürdigt und sie beschämt, indem er ihr persönliche Belastungen vorwirft: »Ihnen ist mal wieder ein Fehler unterlaufen! … Haben Sie Sorgen? Ist etwas mit Ihrer Familie? Sie können offen mit mir sprechen …« Hier werden Rollen angeboten, die einander widersprechen: der »kritisierende Vorgesetze« (Hierarchie) und der »Vertraute«. Die Rolle des »Vertrauten« wird aufgedrängt; aufgrund der Hierarchie ist es schwer, dieses Ansinnen offen zurückzuweisen. Eine souveräne Reaktion könnte sein: »Es steht Ihnen das Recht zu, mich auf einen Fehler aufmerksam zu machen. Allerdings haben Sie kein Recht, so unangemessene Mutmaßungen über mein Leben zu äußern.« Diese Äußerung dient dem Selbstschutz, setzt dem Gegenüber seine Grenzen und sorgt für Rollenklarheit. Hierzu kann es notwendig sein, selber so früh wie möglich sein Gegenüber zu unterbrechen, anstatt aus Höflichkeit dem Gegenüber den Raum zu überlassen, sich mit verwirrenden, subtilen Demütigen im Tarngewand der Fürsorge auszubreiten.

Neben der vorgetäuschten Fürsorglichkeit existiert noch eine weitere Falle, die dazu verführen kann, sehr Persönliches preiszugeben. Gerade bei sehr guten persönlichen Beziehungen untereinander kann es passieren, dass schützenswerte persönliche Angelegenheiten nicht mehr in dem Maße geschützt werden, wie es ihnen zusteht. Auch wenn die Beziehungen untereinander als »freundschaftlich« bezeichnet werden, haben die beruflichen Rollen und der Rechtsrahmen, in dem die Arbeit stattfindet, Priorität. Die Aufforderung »Wir können hier einander alles sagen!« findet ihre Grenzen in rechtlichen Rahmenbedingungen (Persönlichkeitsschutz).

Die beschämende Offenbarung: Die Würde eines Menschen wird geschützt, wenn die Grenzen seiner innersten Persönlichkeit gewahrt bleiben (»Das, was nur ich von mir wissen darf«) und der innerste Bezirk seines Denkens und Fühlens nicht bedenkenlos für jedermann geöffnet wird (Bieri 2013, S. 186).

Die Würde kann verspielt werden, wenn Menschen sich unter Druck dazu gezwungen glauben, sehr Persönliches preiszugeben. Im beruflichen Alltag kann dies z.B. geschehen, wenn eine erkrankte Erzieherin ungefragt offenbart, woran sie erkrankt ist und dabei Krankheitssymptome oder ihren körperlichen Zustand detailliert schildert. Mit dieser entwürdigenden Offenbarung (Bieri 2013, S. 191) verzichtet sie auf ihren Selbstschutz. Es obliegt in diesen Momenten der Verantwortung der Leitung, die Kollegin zu schützen, indem ihre Krankmeldung ohne jeglichen Kommentar akzeptiert wird.

Menschliche Würde als tragender Grundgedanke bedeutet aber auch, Verantwortung nicht nur unter dem Aspekt der Verantwortung für sich selber, sondern auch unter dem Aspekt der Verantwortung für das jeweilige Gegenüber wahrzunehmen. Die Leitfrage hierzu lautet: »Wie sorge ich im Kontakt mit meinem Gegenüber dafür, dass ich dessen Würde wahre?«

Wahrung der Würde als Türöffner für einen gelingenden Dialog: Die Wahrung der Würde hilft, emotionale Distanz zu sich selber und zum jeweiligen Gegenüber zu wahren. Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht: Eine Leiterin ärgerte sich sehr über eine Mitarbeiterin, die wiederholt eine Aufgabe nicht erledigt hatte. Im Kontext eines Coachings erhielt sie den Auftrag, das Personalgespräch einzig mit der Absicht zu führen, die Würde dieser Mitarbeiterin zu wahren. Anstelle eines hierarchischen Monologs (»Der werde ich mal zeigen, wer hier das Sagen hat!«) entwickelte sich ein offenes Gespräch zwischen Leitung und Mitarbeiterin über die Motivation und die Hintergründe, die zu dem Verhalten der Mitarbeiterin geführt hatten. Dies führte zu mehr Verständnis füreinander und wechselseitiger Achtung.

2. Dimension: Wie handle und denke ich, um meine eigene Würde zu wahren? Mit welchem Handeln verspiele ich meine Würde?

In der zweiten Dimension liegt die Verantwortung bei mir selber. Ich selbst habe es in der Hand, ob mein Leben in Würde gelingt oder nicht. Ein Element zur Wahrung der Würde ist die Wahrhaftigkeit zu sich selber (Bieri 2013, S. 213) und die Dinge respektvoll beim Namen zu nennen (Bieri 2013, S. 228) sowie eine tragende Selbstachtung.

Selbstständigkeit: Zur Wahrung der eigenen Würde gehört die Selbstständigkeit im Handeln und im Denken.

Es geht darum, das eigene Leben nicht nur einfach geschehen zu lassen, sondern uns aktiv darum zu kümmern (Bieri 2013, S. 67). Hierzu zählen die beruflichen Fähigkeiten und die Bereitschaft, diese soweit wie möglich aktiv im beruflichen Alltag einfließen zu lassen und verantwortlich mitzudenken. Arbeit trägt zur Würde nicht nur durch Selbstständigkeit und Anerkennung bei. Es geht auch darum, seine Fähigkeiten zu entfalten und sich als Person zu entwickeln.

Wahrhaftigkeit: Zur Wahrhaftigkeit gehört z.B. die Fähigkeit, eigene Fehler offen anzusprechen und die Verantwortung hierfür zu übernehmen. Diese Offenheit kann einerseits befreiend, aber auch gefährlich sein. Gefährlich ist die Offenheit, wenn die Definition, was ein Fehler ist, von einer Leitung willkürlich festgesetzt wird. In diesem Kontext wird die persönliche Würde durch Schweigen geschützt. Wahrhaftigkeit kann dann nur gelebt werden, wenn im Team ein gemeinsames Einverständnis darüber herrscht, was als Fehler angesehen wird (Verbindlichkeit für alle). Für ein Team können offene Berichte über vermeintliche oder tatsächliche Fehler einzelner Personen wichtige Hinweise bieten, welche Vorgehensweisen gangbar sind und welche Fallstricke lauern könnten (Fehlerfreundlichkeit/angstfreie Atmosphäre).

3. Dimension: Welche Art mich selbst zu sehen, zu bewerten und zu behandeln gibt mir die Erfahrung der Würde?

In der dritten Dimension geht es um meine Haltung mir selbst gegenüber. Hierzu gehören prägend die jeweiligen persönlichen Lebenserfahrungen der pädagogischen Fachkräfte und die Art, wie sie über sich selber denken, welches Selbstbild sie von sich entwickelt haben (aktiver Prozess der Selbstbildung). Diese Bilder können verengend, starr und übermächtig werden oder ermutigen, neugierig zu sein, sich auf Neues einzulassen, neue Gedanken zu wagen, sich auf neue Erfahrungen einzulassen und überlieferte Überzeugungen zu hinterfragen und eigene Überzeugungen und Visionen zu entwickeln (Hüther 2009).

Eigenes Denken und eigene Einschätzungen stärken die persönliche Würde. Pädagogische Fachkräfte können mit Entscheidungen und Vorgehensweisen ihrer Vorgesetzten konfrontiert sein, die sie selber nicht teilen. Die Frage »Wie würde ich handeln, wenn ich alleine verantwortlich wäre?« hilft, die eigenen Gedanken und Handlungsentwürfe zu würdigen und dies als Möglichkeiten guten Handelns im Blick zu behalten.

Ein weiteres Moment ist die Wahrhaftigkeit oder die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Dies erfordert Mut, sich nicht vor sich selber zu verstecken. Es mag hilfreich sein, sich in diesen Momenten die persönliche Würde als Gestalt vorzustellen, die den Rücken stärkt.

Eine gute Selbstachtung hilft, eigene Grenzen zu schützen. Die Erkenntnis, eigene Gedanken bewusst formen zu können (»Ich entscheide, wie ich über mich denke«), stärkt die eigene Würde. Die Wahrnehmung von sich selbst lässt sich mit einer einfach anmutenden Übung verändern: »Bitte denken Sie den Rest des heutigen Tages in respektvollen Gedanken über sich selbst.« Es gilt, sich selbst als Schöpfer der eigenen Gedanken zu erleben (Mulford 1989, S. 154).

Wenn Menschen sich spontan auftauchenden Affekten hingeben, laufen sie Gefahr, ihre Würde zu verlieren. Die Würde wird gewahrt, wenn es gelingt, auftauchende Gefühle zu überdenken: »Ist das starke Gefühl in mir angemessen für die Situation, in der ich mich befinde? – Wie verändert sich mein Denken, wenn ich mich dem starken Gefühl überlasse?« – »Verstehe ich das Motiv und die Absicht, aus dem heraus mein Gegenüber handelt?« – »Warum denke ich so wie ich denke?«

Der Affekt spiegelt sich in der Sprachwahl wider. Äußerungen wie »So wie der Vater mit mir gesprochen hat, war ich völlig fertig« verstärken das emotionale Erleben, ohne es zu reflektieren. Eine sachlichere Sprache hilft, emotionalen Abstand zu wahren, zu sich selber auf Distanz zu gehen und das Gegenüber aufmerksam im Blick zu halten. »Der Vater schien mit dem, was ich ihm vortrug, nicht einverstanden zu sein. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einer etwas festeren Stimme …«. Diese Sprachwahl bewahrt vor einem tiefen Fall in unangemessene Emotionen und hilft, die eigene Selbständigkeit zu wahren und die Situation im Lichte des eigenen Urteils neu zu bewerten.

Es ist ein Zeichen geistiger Wachheit, Selbstverständliches immer wieder anzuzweifeln: »Was genau bedeutet das?« und »Woher weiß ich das eigentlich?« (Bieri 2013, S. 66). Diese geistige Wachheit bildet die Grundlage jeder Pädagogik: Neugierig zu sein, Fragen zu stellen und Antworten einzufordern.

Fazit

Würde ist kein abstrakter normativer Wert, sondern lässt sich als tragende Grundhaltung für den pädagogischen Alltag verstehen. Die Wahrung der eigenen Würde und der Würde des Gegenübers bildet die Grundlage für vertraute Werte wie z.B. Wertschätzung, Respekt, Authentizität, Klarheit im Denken und im Handeln. Das Bewusstsein für die Würde bedeutet, Menschen eine grundsätzliche Daseinsberechtigung als individuelle Persönlichkeit zuzugestehen. Die Wahrung der Würde dient auch als Selbstschutz bei Angriffen durch Dritte und hilft, in Konfliktsituationen auf emotionale Eskalationen zu verzichten und einen vertrauensvollen, sich um Verständnis bemühenden Dialog anzustreben. Die Wahrung der Würde ist eng verbunden mit dem Konzept der wechselseitigen Verantwortung füreinander. Zum Schluss bitte ich Sie, sich auf ein kleines Experiment einzulassen: Bitte beobachten Sie einige Tage lang in Ihrer Kita, in welchen alltäglichen Situationen Würde mit im Spiel ist. Bitte überlegen Sie sich, was Sie konkret unternehmen können, um in ihrem pädagogischen Alltag die Würde Ihrer Kolleginnen, der Kinder und der Eltern zu wahren. Stellen Sie sich dabei immer vor, dass Ihre persönliche Würde Sie auf Schritt und Tritt begleitet und niemals von Ihrer Seite weicht.

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Literatur

Bieri, P. (2103): Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde.

Buer, F. (/2008): Verantwortung übernehmen. In: Buer, F./ Schmidt-Lellek, C. (Hrsg.): Life-Coaching. Über Sinn, Glück und Verantwortung in der Arbeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Hüther, G. (2009): Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Lohaus, A. /Glüer, M. (2019): Selbstregulation bei Kindern im Rahmen der Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. In: Kracke, B./Noack, P. (Hrsg.): Handbuch der Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. Berlin: Springer.

Mulford, P. (1989): Unfug des Lebens und des Sterbens. Frankfurt a. M.: Fischer TB.

Schulz von Thun (2013): Miteinander reden: 1 Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbek bei Hamburg: Rororo.

Weber-Guskar, E. (2017): Menschenwürde: Kontingente Haltung statt absoluter Wert. In: Brandhorst, M./Weber-Guskar, E. (Hrsg.): Menschenwürde. Eine philosophische Debatte über Dimensionen ihrer Kontingenz. Berlin: Suhrkamp.

Wirtz, M. A. (2017): Dorsch. Lexikon der Psychologie. Hogrefe. Göttingen.