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Erzähl’ mal was! – Sprachförderung durch Erzählen

Neue Ansätze zur Sprachförderung: Die Bedeutung von Sprache für den Schul- und Lebenserfolg ist unbestritten. Mittels zahlreicher unterschiedlicher Sprachfördermaßnahmen wird daher versucht, Kinder aus anregungsarmen Familien noch vor Schulbeginn ausreichende Sprachkompetenzen zu vermitteln. Dennoch betrachten Fachpersonen aus unterschiedlichen Disziplinen das bestehende Angebot als unzureichend. Es erscheint erforderlich, nach weiteren, möglicherweise geeigneteren Fördermöglichkeiten zu suchen. Welche dies sein können, ist Thema des nachfolgenden Artikels.

 

Sprachförderung durch Erzählen

© fotolia.com Robert Kneschke

Seit der ersten Pisa Studie im Jahr 2000 entwickelte sich in Deutschland ein steigendes Bewusstsein für Bildung als eine bedeutende gesellschaftliche Ressource. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist die Bedeutung von Sprache für die Teilhabe an erfolgreichen Bildungsprozessen unbestritten. In den meisten Bundesländern wurde inzwischen als Reaktion auf die Ergebnisse der Pisa-Studie die Sprachförderung von sogenannten Risiko-Kindern als verpflichtender Bestandteil in den Vorschulbereich integriert. Entstanden sind zahlreiche Konzepte, Materialien und Programme, die auf die Förderung unterschiedlicher sprachlicher Entwicklungsbereiche abzielen. Die Effektivität dieser Fördermaßnahmen kann derzeit anhand der (noch) wenigen Wirksamkeitsstudien nicht abschließend eingeschätzt werden. Was bisher zutage gefördert wurde, stimmt allerdings eher skeptisch. So erbrachten z.B. Evaluationen von Modellprojekten in Brandenburg, Baden-Württemberg und Berlin, dass die vorschulischen Fördermaßnahmen nicht die gewünschten Ergebnisse hervorrufen (z.B. Beller/Beller 2010).

Und auch in der Praxis bestehen zunehmend Zweifel an der Wirksamkeit derzeitig eingesetzter Sprachförderangebote. So beklagen Kinderärzte die zunehmende Anzahl von Kindern, die vor allem im 5./6. Lebensjahr in der Praxis mit der Forderung nach logopädischer Behandlung vorgestellt werden, obwohl ihre sprachlichen Auffälligkeiten durch soziokulturelle Faktoren bedingt sind, die definitiv nicht in das Medizinsystem gehören. Die logopädische Behandlung scheint Eltern und Erziehern aus Mangel an Alternativen aber dennoch oft die einzige Möglichkeit, den Kindern bis zum Schulsystem eine ausreichende Sprachkompetenz zu vermitteln (vgl. Jansen 2012, Rodens 2013).

Was also muss getan werden, um dauerhaft sicherzustellen, dass alle Kinder bei Eintritt in die Regelschule über Sprachkompetenzen verfügen, die ihnen eine erfolgreiche Teilhabe am Unterricht ermöglichen? Neben der immer wieder geforderten verbesserten Ausbildung pädagogischer Fachkräfte bzw. verstärkten Familienbildung erscheint es auch erforderlich, nach anderen möglicherweise geeigneteren Fördermöglichkeiten zu suchen.

Förderung der Erzählfähigkeiten

Eine Möglichkeit, die kindliche Sprachentwicklung effektiv zu unterstützen, kann eine Förderung der Erzählfähigkeiten darstellen. Die Gründe dafür sind vielfältig:

Zunächst kann das Erzählen von Erlebnissen, Erinnerungen und Geschichten im Gespräch mit einem oder mehreren Zuhörern als ein selbstverständlicher Teil zwischenmenschlicher Kommunikation gelten, der viele Funktionen erfüllt. Erzählen dient z.B. der Unterhaltung, der Information, der Selbstdarstellung, aber auch der seelischen Entlastung. Erzählen zu können ist daher eine wichtige Voraussetzung für soziale Teilhabe, denn nur wer in der Lage ist, seine Sicht der Dinge darzustellen und eigene Annahmen, z.B. zur Ursache eines gesundheitlichen Problems, durch Erzählen zu belegen, kann erfolgreich kommunizieren.

Erzählen stellt aber auch eine Kompetenz dar, die als wesentlich für den Bildungserfolg betrachtet werden kann. Mit dem Erzählen wird die aktuelle Sprechsituation verlassen und eine sprachliche Handlungsfolge erstellt, die jenseits der Gesprächssituation verläuft. Sprache wird aus dem Kontext der Kommunikationssituation herausgelöst, sie wird »dekontextualisiert«. Damit wird ein wesentlicher Grundstein für die Lese- und Schreibfähigkeit gelegt.

Empirische Studien konnten zeigen, dass Kinder, die bereits im Vorschulalter über gut ausgebaute mündliche Erzählfähigkeiten verfügten, diese Fähigkeiten auch für das Verfassen schriftlicher Erzählungen nutzen konnten und so den Wechsel von Mündlichkeit in Schriftlichkeit problemlos meisterten (Ohlhus et. al. 2006). Es bestehen des weiteren Hinweise darauf, dass sich gut ausgebaute Erzählfähigkeiten auch auf mathematische Leistungen positiv auswirken können (O´Neill et. al. 2004).

Letztlich können durch die Förderung narrativer Fähigkeiten auch die sogenannten basalen Sprachfähigkeiten gefördert werden, denn zum Erzählen benötigt man neben spezifischen strukturellen Kenntnissen auch grammatische und phonologische Fähigkeiten sowie einen ausreichenden Wortschatz. Eine Förderung der Erzählfähigkeiten umfasst daher immer auch sprachstrukturelle Kompetenzen.

Nachfolgend wird nun in verkürzter Form das Verfahren Erzähl’ mal was!© 2015 vorgestellt, das seit 2008 erfolgreich bei Kindern im Vor- und Grundschulalter eingesetzt wird. Schwerpunkt dieser Methode ist die Förderung des Erzählens in inszenierten Gesprächen zwischen Erwachsenem und Kind. Den Rahmen für die Gespräche stellen Rollenspiele dar. Das Konzept kann zur Förderung ein- und mehrsprachiger sowie sprachentwicklungsverzögerter Kinder ab 4 Jahren in der Heilpädagogik, im Kindergarten, in Förderschulen, in der Sprachtherapie sowie in der Grundschule eingesetzt werden.

Tipp für die Praxis

Heutzutage finden Kinder in ihrer Umgebung häufig sehr realistisches Spielzeug vor. Das kann in manchen Situationen sehr hilfreich sein, bietet aber andererseits auch wenig Anreiz bereits vorhandene Gegenstände zu Spielzwecken umzudeuten, um damit das für das Lesen und Schreiben so wichtige kindliche Symbolverständnis zu fördern. Pädagogische und therapeutische Fachpersonen sollten daher auch immer zusätzlich Material zur Verfügung stellen, das nicht zum aktuellen Spielthema passt und den Kindern dann modellhaft zeigen, zu welchen Zwecken es dennoch eingesetzt werden kann.

Erzähl’ mal was!

Sprachförderung durch Erzählen im Gespräch am Beispiel des Fördersettings »Besuch beim Arzt«

Zum Einstieg in die Förderung hat sich das Rollenspiel »Besuch beim Arzt« bewährt, das in verschiedenen Variationen wie Kinder- oder Tierarzt gespielt werden kann. Die Gruppengröße sollte 4 Kinder nicht überschreiten. Eine Einzelförderung ist ggf. auch möglich. Die Spieldauer beträgt je nach Anzahl und Alter der Kinder 45–90 min.

Auswahl der Spielmaterialien

Den Fixpunkt des Spiels stellt ein Tisch dar, auf dem sich ein Telefon und unterschiedliche Schreibmaterialien befinden, wie z.B. ein Block für das Ausstellen von Rezepten und Karteikarten, auf denen persönliche Daten der Patienten notiert werden können. Benötigt wird weiterhin thematisches Spielzeug, wie z.B. ein Arztkoffer sowie ggf. Stofftiere.

Durchführung des Spiels

Wenn die Spielumgebung vorbereitet ist, werden die Rollen verteilt. Zunächst sollte die Fachperson die Rolle des Arztes übernehmen, um den Kindern den Ablauf des Spiels modellhaft zu demonstrieren. Ein Kind ist der Arzthelfer, die anderen Kinder sind die wartenden Patienten. Im nächsten Spieldurchgang werden die Rollen getauscht. Für die Kinder bieten sich durch diese Konzeption immer wieder unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligung, je nach ihren sprachlichen und kognitiven Ressourcen (Drick 2015).

Wenn alle Rollen verteilt sind, beginnt das Gespräch. Dieses erfolgt nach einer stets gleichbleibenden Struktur und mit annähernd ähnlichen sprachlichen Äußerungen. Durch die stereotype Aufeinanderfolge von Äußerungen ergeben sich für die Kinder stabile und klar strukturierte Formate, in denen sie wiederholt mit gleichbleibenden kommunikativen Anforderungen konfrontiert werden, was sie dabei unterstützt, das Geschehen vorwegzunehmen und sehr bald die kommunikativen Aufgaben, die an sie gestellt werden, zu verstehen. Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache und sprachlichen Verzögerungen haben sich diese Formate als eine ausgesprochen wertvolle Ressource beim Spracherwerb und Erwerb von Erzählfähigkeiten erwiesen (Drick 2015).

Die anschließende Produktion der Geschichte wird von Kind und Erwachsenem interaktiv vollzogen, d.h. die Fachperson unterstützt das Kind mit sprachlichen Strategien, die sich im Hinblick auf den Erwerb von Erzählfähigkeiten als besonders erfolgreich erwiesen haben (Drick 2015).

Wenn das Gespräch beendet ist, erfolgt die praktische Phase des Spiels, in der die »Patienten« behandelt werden. Nach der Verabschiedung heißt es dann: »Der Nächste, bitte«!

Zur Veranschaulichung der Fördermethode wird im Kasten auf dieser Seite ein Ausschnitt aus einem authentischen Gespräch zwischen Kind und Erwachsenem vorgestellt. Die Daten stammen aus einem Dissertationsprojekt (Drick 2015). Gespielt wird Kinderarzt. Der Ausschnitt setzt nach der Begrüßung und dem Erfragen persönlicher Daten ein.

In diesem Gespräch unterstützt die Fachperson das Kind mit unterschiedlichen Impulsen bei der Produktion seiner Erzählung. Mittels unterschiedlicher Fragen bietet sie dem Kind indirekt Hinweise darauf, an welcher Stelle seiner Erzählung noch Informationen fehlen. Wie auch im ungesteuerten Erwerb von Erzählkompetenzen kann das Kind diese Hinweise speichern und in nachfolgenden Geschichten zunehmend selbstständig einsetzen.

Aufbau der Spielhandlung im Überblick

  1. Gemeinsamer Aufbau der Spielumgebung und Rollenverteilung
  2. Gespräch

    Begrüßung / Erfragen persönlicher Daten

    Klärung des Anliegens

    Anregung zum Erzählen durch Fragen nach der Ursache des Problems

    Gemeinsames Erzählen

  3. Praktische Phase
  4. Verabschiedung und Überleitung zum nächsten Spieldurchgang

 

Besuch beim Arzt

Kind Tom (To) Deutsch als Zweitsprache (4;6 Jahre) / Förderperson (FP)

FP: Wo tut es denn weh?

To: An mein Ellenbogen.

FP: Der Ellenbogen tut weh? Was ist denn passiert?

To: Mein Ellenbogen – (3.0)

FP: Bist du da hingefallen?

To: Ja.

FP: Ohh: Zeig mal her; (schaut sich die »Verletzung« an) Ahja, und wie ist das passiert?

To: Ich war auf (unverständlich, vermutlich Teppich)

FP: Auf dem Teppich bist du hingefallen?

To: Nein, aufm Stuhl.

FP: Achso, du bist vom Stuhl gefallen, ahja, alles klar, und ist das zuhause passiert oder in der Schule oder im Kindergarten oder wo?

To: In der Schule.

FP: Aha, in der Schule, und hat da keiner geholfen?

To: Nein.

FP: Das finde ich aber gemein.

To: Doch, mein Papa.

FP: Ach dein Vater hat dann noch gehOLFen. Ahja, und wann ist das passiert?

To: Heute.

FP: Heute morgen? Naja, dann gucken wir mal.

 

Fazit

Sowohl in der Forschung als auch in der Praxis gilt das bestehende Angebot an Sprachförderung für Kinder im Vor- und frühen Grundschulalter als unzureichend. Eine Möglichkeit zur umfassenden Unterstützung kindlicher Sprachkompetenzen bietet die Förderung kindlicher Erzählfähigkeiten, wie sie etwa im hier vorgestellten Konzept erfolgt.

Die Verbindung von erzählförderndem Sprachverhalten der erwachsenen Bezugsperson im Rahmen eines klar strukturierten Gesprächs sowie der Einbezug von Peers stellen in ihrer Gesamtheit ein didaktisches Setting dar, in denen Kinder mit unterschiedlichen Ressourcen Gelegenheit haben, ihre Sprach- und Erzählkompetenzen auszubauen.

Literatur

Beller, S./Beller, K.E. (2010): Abschlussberichts des Projekts Systematische sprachliche Anregung im Kindergartenalltag. Berlin: FU Internationale Akademie für innovative Pädagogik.

Drick, A. (2015): Sprachförderung im Kindergarten am Beispiel einer Intervention zur Förderung der kindlichen Erzählfähigkeit Schneider Verlag Hohengehren.

Jansen, T. (2012): Anstieg der Ausgaben für Logopädie zeigt die ungenügende Sprachförderung in Deutschland. In: Kinder- und Jugendarzt, Zeitschrift des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jg. 43, Nr. 5, S. 262 ff.

Ohlhus, S. et.al. (2006): Vom Erzählen zum Text. Grundschule. Zeitschrift für die Grundstufe des Schulwesens,12, 30–31. Braunschweig: Bildungshaus Schulbuchverlage Westermann Schroedel Diesterweg Schöningh Winklers GmbH.

O`Neill, D.et.al. (2004): Predictive relations between aspects of preschool children´s narratives and performance on the Peabody Test. First language, 24, S. 149–183.

Rodens, K.(2013): Wir brauchen lebensweltnahe Standards zur Sprachbeurteilung. In: Kinder-und Jugendarzt, Zeitschrift des Berufsverbandes der Kinder-und Jugendärzte, J.44, Nr. 5, S. 206.