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Flüchtlinge und andere Familien mit Migrationshintergrund in Kindertagesstätten

Eine Kita ist die erste gesamtgesellschaftliche Bildungs- und Erziehungsinstitution in der Kinder in die Gesellschaft eingegliedert werden und sich ihren Platz darin erarbeiten. Dies gilt auch für Migrations- und Flüchtlingsfamilien, die den Weg dorthin oft sehr viel später als Familien ohne Migrationshintergrund finden. Die Gründe hierfür sind vielfältig und die Folgen schwerwiegend für die spätere Bildungslaufbahn.

Flüchtlinge und andere Familien mit Migrationshintergrund in der Kita

© ehrenberg-bilder

Die Kinder erlernen hier oftmals Deutsch, da in den Familien die Herkunftssprache vorherrscht. Auch die kognitiven und sozialen Fördermaßnahmen in Kitas erhalten sie dadurch erst später und somit mit zeitlichem Verzug. Für Kinder aus bildungsnahen Familien ist dies nicht weiter problematisch, hier ist die frühkindliche und kognitive Förderung meist zu Hause noch stärker und erfolgreicher als in Einrichtungen, in denen die Kinder sich mit vielen Anderen arrangieren müssen.

Für zahlreiche Migrations- und Flüchtlingsfamilien gilt dies allerdings nicht. Gerade Flüchtlingsfamilien, die noch nicht lange in Deutschland leben und noch wenig vertraut sind mit dem deutschen Bildungssystem fehlen die Erfahrungen und Informationen, um ihren Kindern die optimale Förderung zu bieten. Denn erfolgreich sollen sie werden - dass die Bildungsaspiration unter allen Migrationsgruppen für ihre Kinder stets hoch ist, wurde mehrfach empirisch nachgewiesen. Gerade deswegen ist es wichtig, den Weg in die Kita für solche Familien zu ebnen und Stolpersteine, die insbesondere am Anfang bestehen, zu entfernen. In dem vorliegenden Text möchte ich einige Anregungen und Themen benennen, die mir für Kitas bei ihrer Aufnahme von Kindern aus Flüchtlingsfamilien wichtig und sinnvoll erscheinen.

Trennungserfahrungen

Bei Flüchtlingen handelt es sich um Personen, die sich unfreiwillig von nahen Bezugspersonen und Lebensräumen trennen mussten. Die fehlende Möglichkeit eines Wiedersehens, stellt sich zunächst wie ein endgültiger Abschied dar, von den Eltern, Großeltern, Geschwistern, Tanten und Onkeln aber auch Freundinnen und Freunden sowie beruflichen Zusammenhängen. Zudem ist es eine Trennung von einem gewohnten Lebensumfeld. Dies ist für alle Personen, die das durchleben müssen, weil sie in der gegebenen Lebenssituation alternativlos ist, traumatisch. Eine solche Trennungserfahrung ist einschneidend und verändert Abschiedsrituale aber auch das Empfinden von Trennung grundlegend. Trennung wird, selbst wenn sie für Außenstehende zunächst als unproblematisch und kurz betrachtet wird, für traumatisierte Personen hochemotional und angstbehaftet. Dies überträgt sich auf Kinder und Kindeskinder. Das Kind also in der Kita zurückzulassen, vielleicht zunächst für 5 Minuten, dann für eine Viertelstunde, um das Kind dann schließlich irgendwann erst nach dem Mittagsschlaf oder Mittagessen abzuholen, stellt für solche Personen zunächst einmal eine unüberwindbare und ungewohnte Aufgabe dar. Wie kann Abschied und Trennung optimal verlaufen? Wie kann der Abschied derart gestaltet werden, dass Angst dabei nicht die Situation beherrscht und jegliches Handeln bremst?

Selbstverständlich ist das pädagogische Personal in Kitas kein spezialisiertes Psychotherapeutenteam. Allerdings sollten sie sich dieses Umstandes bewusst sein und die Eingewöhnungszeiten für Eltern und Kinder bei Flüchtlingsfamilien besonders behutsam und langsam in Absprache und kontinuierlichem Gespräch mit den Eltern gestalten. Traumatische Erlebnisse aber auch kulturelle Unterschiede im Trennungsverhalten sollten nicht fehlinterpretiert werden als mangelndes Vertrauen in die Institution an sich oder in Überbehütung des Kindes.

Rechtlicher Status

Das Personal muss berücksichtigen und in Erwägung ziehen, dass einige Familien über keinen gesicherten oder langfristigen rechtlichen Status verfügen. Manche werden seit Jahren geduldet, bei anderen droht das Ende des Aufenthalts. Dies führt zu vielen anderen rechtlichen und sozialen Schwierigkeiten, die sich auf das Familienklima und somit auf die Kinder übertragen. Dies gilt es, bei der Analyse von Irritationen stets mitzubedenken und eventuell im Gespräch in Erfahrung zu bringen. Ein ungesicherter Status führt auch zu finanziellen Engpässen. Beim Sammeln von zusätzlichen Beiträgen, beispielsweise für einen Zoobesuch, sollte die möglicherweise knappe ökonomische Situation bei Flüchtlingsfamilien mitbedacht werden, um eventuell für die Familie peinliche Situationen zu vermeiden.

Sprache als Ressource

Flüchtlingskinder sprechen üblicherweise zunächst lediglich die Herkunftssprache und erlernen erst in der Kita Deutsch als Zweisprache. Die Herkunftssprache muss respektiert und wertgeschätzt werden und nicht als Hindernis oder Makel betrachtet. Für Flüchtlinge ist die Sprache nicht lediglich ein Kommunikationsmittel, sondern auch ihr zu Hause. Es ist meistens das Einzige, was sie aus ihrer Heimat mitbringen konnten und sollte dementsprechend auch als Ressource behandelt werden. Begrüßenswert und produktiv wäre es daher, das Umfeld des Kindes so zu gestalten, dass das Sprechen dieser Sprache nicht nur möglich ist, sondern auch wertgeschätzt wird. Beispielsweise kann ein Kind in seiner Herkunftssprache den jeweiligen Wochentag benennen oder ein Geburtstagslied singen, sodass diese Sprache seinen Platz im Gruppengeschehen hat. Hierfür können auch die Eltern oder Geschwister mit eingebunden werden.

Regeln und Gewohnheiten im Kitaalltag

Regeln und andere nicht ausgesprochene Gewohnheiten und Umgangsregeln, die für Personen aus anderen Bildungs- und Erziehungssysteme nicht bekannt und vertraut sind, müssen explizit erklärt werden und nicht als selbstverständlich hingenommen werden. Dies gilt insbesondere für Flüchtlingsfamilien, die noch nicht lange hier leben und daher auch nicht auf Erfahrungen aus solchen oder anderen Situationen zurückgreifen können.

Hierzu bedarf es einer reflexiven Betrachtung und Analyse des Kitaalltags aus Sicht des Personals, um solche Stolpersteine zu erkennen. Multiethnische Teams mit Fachkräften mit eigener Migrationserfahrung helfen hier ebenso weiter wie das Gespräch mit den Flüchtlingsfamilien selbst.

Kulturell geprägte Gesten

Es kann sein, dass einige Gesten oder Rituale Widerstand oder Abneigung auslösen können, da sie in den Herkunftsländern anders symbolisch behaftet sind oder weil sie mit einer Negativerfahrung im Fluchtverlauf zusammenhängen und als bedrohend wahrgenommen werden.

Beispielsweise stellt der „stille Fuchs“ (Daumen, Mittel- und Ringfingerspitzen werden zusammengeführt, während Zeigefinger und kleiner Finger aufgerichtet werden, so wird Stille und Ruhe in der Gruppe bewirkt) gleichzeitig die symbolische Wiedererkennungsgeste für die grauen Wölfe aus der Türkei dar. Gerade für Minderheiten, die sich von dieser Gruppierung gejagt und verurteilt fühlen, erleben dies als Affront, wenn ihre Kinder eine solche Geste mit nach Hause bringen und dort einsetzen. Selbstverständlich ist, dass das Kitapersonal nicht alle Gesten kennen kann und muss. Allerdings zeugt es von einem offenen und warmen Umgang, wenn kommuniziert wird, dass Familien sich in solchen Fällen vertrauensvoll an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenden können und ihre Ängste und Bedürfnisse hierbei ernst genommen werden, statt sie zu bagatellisieren. In dem Kontext ist es allerdings wichtig, zu erfahren, welche Erwartungen die Eltern von Kinderbetreuungsangeboten haben.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es wichtig für einen gelungenen Umgang mit Flüchtlingsfamilien und deren Aufnahme in den Kitaalltag ist, dass auch diese von Anfang an in einer kognitiv, sprachlich und kulturell anregungsreichen Umgebung aufwachsen. Es kommt dabei insbesondere auf die Entwicklung einer positiven Kommunikationskultur, die von Sensibilität, Verständnis und Offenheit geprägt ist. Es wird nicht eine Kenntnis über die Sozialisationsbedingungen der Herkunftsländer erwartet, sondern vielmehr eine Offenheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die an Flüchtlingsfamilien ebenso interessiert sind wie an allen anderen Familien und dies deutlich zeigt. Hier ist es wie in jeder Beziehungsarbeit, sie muss auf Vertrauen begründet sein und dies pflegen, dafür ist Authentizität unerlässlich. Versteckte Vorurteile, fehlende Möglichkeiten des Gesprächs aber auch starre Strukturen wirken in diesem Zusammenhang kontraproduktiv.