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Flüchtlingskinder und ihre Eltern - Eine rechtliche und interkulturelle Herausforderung im Alltag der Kinderbetreuung

Oft fallen Flüchtlingskinder als solche gar nicht auf und Leiterinnen von Kitas oder Erzieher/innen nehmen das Thema dann gar nicht wahr. Flüchtlinge bemühen sich oft, nicht aufzufallen. Das ist gut so, denn wer möchte schon stets unter einem bestimmten Label stehen. Aber es ist auch schade, denn mit Aufmerksamkeit auf die besondere Situation von Flüchtlingen wird manches verständlicher und der Zugang leichter.

Flüchtlingskinder und ihre Eltern

© Robert Kneschke

Dieser Beitrag soll die Lage von Flüchtlingen und insbesondere von Flüchtlingskindern in Deutschland beschreiben und Handlungsempfehlungen für Kinderbetreuungseinrichtungen geben.

Zahlen und Fakten

Weltweit steigt die Zahl an Flüchtlingen. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen UNHCR sah sich in 2012 für 35,8 Millionen Flüchtlinge weltweit verantwortlich. Besonders erschreckend ist, dass 46 Prozent aller Flüchtlinge weltweit Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind. Allein 1 Million Kinder und Jugendliche aus Syrien leben inzwischen auf der Flucht.

Nur der geringste Anteil schafft es nach Deutschland, da bis auf wenige Ausnahmen alle Flüchtlinge illegal über gefährliche Fluchtrouten kommen müssen. Egal ob verfolgt oder nicht, egal ob aus Kriegsgebieten oder nicht, Asyl kann in der Praxis nur beantragen, wer die gefährlichen Hürden der europäischen Abschottung überwindet.

Viele Kinder und Jugendliche, die die Flucht nach Deutschland geschafft haben, berichten neben Kriegserlebnissen in ihren Heimatländern auch von anderen traumatischen Erlebnissen, die sie an den Grenzen Europas oder in einem europäischen Land bei ihrer Aufnahme machen mussten. Ein Projekt des Bayerischen Sozialministeriums zur Früherkennung besonders vulnerabler Flüchtlinge ergab laut Abschlussbericht vom 17.12.2012 eine Traumatisierungsrate unter den erwachsenen Flüchtlingen von über 30 Prozent. Die Rate unter Kindern und Jugendlichen dürfte aufgrund ihrer besonderen Verletzbarkeit noch höher liegen.

Im Jahr 2013 gelang es, 109.850 Menschen in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. Das ist weit entfernt von der Höchstmarke aus dem Jahr 1992, als rund 438.000 Menschen Asyl beantragt hatten. Der Tiefststand wurde 2007 mit rund 19.000 Asylanträgen erreicht. Im europäischen Vergleich lag Deutschland bei der Aufnahme von Flüchtlingen auf die Gesamtbevölkerung gerechnet in 2013 im Durchschnitt. Erfahrungsgemäß bleiben letztlich mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge als anerkannte Flüchtlinge, Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz, aufgrund von Arbeit oder aus familiären Gründen dauerhaft in Deutschland.

37,8 Prozent aller Asylsuchenden waren jünger als 18 Jahre, weitere 19,1 Prozent zwischen 18 und 25 Jahre alt. Es gibt keine verlässliche Statistik darüber, wie viele Kinder bis 6 Jahre dabei sind. Mehr als die Hälfte der ankommenden Flüchtlinge in Deutschland ist also jünger als 25 Jahre. Nur 1,7 Prozent der Flüchtlinge waren älter als 60. Es gibt keine verlässlichen Statistiken dazu, wie viele unbegleitet minderjährige Flüchtlinge im Jahr 2012 nach Deutschland einreisten. Der Bundesverband unbegleitet minderjährige Flüchtlinge (BUMF) geht von rund 4.600 aus. Das wären 7 Prozent aller Asylsuchenden im Jahr 2012.

Aus der Praxis ist das Phänomen bekannt, dass kurz nach der Ankunft in Deutschland viele schwangere Flüchtlingsfrauen gebären. Die Strapazen der Flucht und ihr unsicherer Aufenthalt erlaubten ihnen offenbar nicht, dass sie „in Ruhe“ ein Kind zur Welt bringen. Man kann sich in Ansätzen vorstellen, welche Anstrengung für die Frauen, aber auch die ungeborenen Kinder damit zum Ausdruck kommt.

Rechtliche und soziale Rahmenbedingungen für Flüchtlingskinder

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Asylbewerberinnen und Asylbewerber werden durch Bundesgesetze bestimmt. Für Asylbewerber, also auch Kinder im Asylverfahren, gilt als Sozialgesetz das Asylbewerberleistungsgesetz , nicht das SGB II (oft als Hartz IV bezeichnet). Erst nach 4 Jahren Leistungsbezug in Deutschland erhalten sie gemäß § 2 AsylbLG Leistungen, die denjenigen des SGB XII , dem Sozialhilfegesetz für Alte und Arbeitsunfähige, fast gleichgestellt sind. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts in 2012 wurde der Regelsatz des Asylbewerberleistungsgesetzes , der bis zu 35 % unter Hartz IV lag, für verfassungswidrig erklärt. Bis zu derzeit lebten viele Kinder und Jugendliche im Leistungsbezug in purer Armut. Die Regelsätze orientieren sich nun am Regelsatz von Hartz IV, sind aber in manchen Bundesländern immer noch geringer als der Hartz IV-Satz, da es zum aktuellen Zeitpunkt noch keine Vorgabe vom Bund gibt (Stand Mai 2014). Die zusätzlichen Leistungen wie Nachhilfe oder Geld für Klassenfahrten werden nunmehr bewilligt. Dennoch bleibt festzuhalten, dass der Regelsatz in manchen Bundesländern immer noch niedriger als Hartz IV ist und dass Flüchtlinge vor allem Ausgaben haben, die sonst nicht vorkommen (zum Beispiel hohe Rechtsanwaltskosten im Aufenthaltsverfahren oder erhöhte Fahrtkosten zu muttersprachlicher Behandlung).

Deutliche Einschränkungen sieht das Asylbewerberleistungsgesetz in der Gesundheitsversorgung vor. Asylbewerber in den allermeisten Bundesländern erhalten keine Krankenversicherung (erst nach 4 Jahren Leistungsbezug gemäß § 2 AsylbLG ), sondern müssen sich für einen Arztbesuch einen Krankenschein beim Sozialamt abholen. Manche Sozialämter vergeben dafür extra Termine, bei manchen kann man dafür ohne Termin vorsprechen. Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht nur eine Krankenbehandlung bei „akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen“ vor ( § 4 AsylbLG ) und gibt in § 6 AsylbLG unter „Sonstigen Leistungen“ noch Spielraum, dass zum Beispiel chronische Erkrankungen auch behandelt werden können. Allerdings ist bei fachärztlichen Behandlungen oft vorgesehen, dass ein Amtsarzt den Flüchtling begutachten muss, ob die Behandlung unerlässlich ist. Erst dann wird ein Krankenschein vom Sozialamt ausgestellt. So werden Leistungen wie Brillen, Zahnspangen, Psychotherapien oder Krankengymnastik in der Regel nicht übernommen, weil sie in den seltensten Fällen für unerlässlich erachtet werden. Was für Normalbürger eben normal ist, ist für Flüchtlingskinder die Ausnahme. Nur wenige Bundesländer geben auch Asylbewerbern eine Krankenkassenkarte, was die medizinische Behandlung wesentlich erleichtert.

Der Spielraum der Sachbearbeiter in Sozialämtern ist gerade bei der Krankenversorgung weit gefasst. Und es obliegt den einzelnen Behörden zu entscheiden, ob sie das Kindeswohl an erster Stelle sehen oder den Auftrag des Asylbewerberleistungsgesetzes in den Vordergrund stellen, dass Leistungen für Flüchtlinge aus migrationspolitischen Gründen eingeschränkt werden sollen.

Die Bundesländer haben in vielen Bereichen einen großen Spielraum, wie sie diese Gesetze auslegen und ausleben. Der Umgang mit den Asylsuchenden kann deshalb während des Asylverfahrens von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich sein. Die politische Ausgestaltung der Flüchtlingspolitik geschieht im Spannungsfeld zwischen aktiver Flüchtlingshilfe und Abschreckungspolitik.

In der Regel müssen die Asylbewerber in einer Unterkunft für Asylbewerber leben. Nur wenige Bundesländer haben die Möglichkeit zur Wohnsitznahme in Privatwohnungen auch während des Asylverfahrens ermöglicht. Auch Kinder, die mit ihren Eltern als Flüchtlinge ankommen, leben zum Teil über Jahre in einer solchen Unterkunft. Sie müssen sich dann oft ein Zimmer mit ihren Eltern teilen, in dem geschlafen, gegessen und der Tag verbracht wird. Die Häuser sind oft eng und laut, weil sie dicht belegt sind. Kinder und Jugendliche haben keinen Rückzugsraum, um zu spielen oder ihre Hausaufgaben zu machen. Kaum ein Kind kann in diesen Bedingungen um 8 Uhr ins Bett gehen, um am nächsten Tag ausgeschlafen zu sein. Viele dieser Kinder berichten uns, dass sie sich schämen, wie sie wohnen müssen. Deswegen nehmen sie Einladungen ihrer Klassenkameraden nicht an, weil sie dann die Kinder zu sich ins Heim einladen müssten. Vor dieser Schmach fürchten sich viele der Kinder und Jugendlichen. Ein Kind berichtete mir: „Ich steige immer eine Bushaltestelle vor der Asylunterkunft aus, damit man nicht merkt, dass ich dort lebe.“

Die Gemeinschaftstoiletten in den Unterkünften sind oft weit weg vom Zimmer. Die Kinder trauen sich in der Nacht nicht alleine auf die Toilette, Frauen oft auch nicht. Auch die Gemeinschaftsduschen in den Unterkünften sind oft frei zugänglich und lösen bei Vielen Angst aus. Nur in Unterkünften mit abgeschlossenen Wohneinheiten, die Bad und Toilette beinhalten, fühlen sich diese Kinder und Jugendlichen sicher. Leider sind solche Unterkünfte in einigen Bundesländern in der Minderzahl.

Die Leiterin eines bayerischen Jugendamtes sagte einmal zu mir: „Im Grunde müsste ich alle Kinder in Asylbewerberunterkünften in Obhut nehmen, denn das ist keine Unterbringung, die das Kindeswohl berücksichtigt.“

Dies begründete sie zum einen mit der Leistungseinschränkung vor allem im Gesundheitswesen, aber vor allem auch mit der Form der Unterbringung von Asylbewerbern.

Auch wenn sie in Privatwohnungen leben, dann erhalten Flüchtlinge auf dem Wohnungsmarkt oft nur beengte Wohnungen zu einem erhöhten Preis. So manches Kind schläft mit den Eltern im Zimmer zusammen oder teilt sich gar das Bett mit den Eltern. Da diese Flüchtlinge in keiner Asylbewerberunterkunft leben, fallen sie zunächst als Flüchtlinge mit all den belasteten Faktoren gar nicht auf.

Im Umgang mit Flüchtlingskindern und deren Eltern ist es deswegen sinnvoll, ihre rechtlichen und sozialen Bedingungen zu kennen und darauf Rücksicht zu nehmen. Da die Eltern aus Scham häufig nicht selbst ihre Bedingungen erzählen, lohnt es sich nachzufragen und den Rahmen der – auch finanziellen – Möglichkeiten kennenzulernen.

Belastungsfaktoren von Flüchtlingskindern

Flüchtlingskinder kommen in der Regel aus Ländern, in denen der Alltag bereits seit längerer Zeit durch die Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen und innenpolitischer Konflikte geprägt ist. Sie waren häufig aufgrund der politischen Aktivitäten ihrer Eltern oder wegen ihrer ethnischen/religiösen Zugehörigkeit in der Kindheit Opfer von Ausgrenzung und Bedrohung durch ihre Umgebung. Traumatische Erfahrungen als Augenzeugen bei der Inhaftierung, Misshandlung oder Ermordung von Angehörigen sowie als Opfer von Misshandlungen und Vergewaltigung prägen ihre weitere Entwicklung. Da die Flucht nach Europa nur mehr illegal möglich ist, mussten die Kinder oft über Monate in großer Gefahr, Angst und Unsicherheit leben. Kinder berichten uns, wie sie mit ansehen mussten, als Verwandte oder Mitreisende bei der Bootsüberfahrt von Griechenland nach Italien über Bord gingen und starben. Oder ein Kind aus einem Kriegsgebiet sprach zu Beginn der Therapie kaum ein Wort, blieb einfach stumm. In der Kunsttherapie kam nach vielen Monaten heraus: „Auf der Flucht durch die Wälder verbot mir meine Mutter zu sprechen, damit wir von den Soldaten nicht entdeckt wurden. Es ist besser zu schweigen.“

Nach gelungener Flucht ins Exil erleben viele Flüchtlinge zunächst das angenehme Gefühl von Sicherheit. „Es gab kein Geräusch von Schüssen, kein Wegrennen vor den Rebellen mehr“. Migration bedeutet jedoch nicht nur Schutz, sondern immer auch Verlust von Sicherheit durch das gewohnte soziale Gefüge und das kulturelle Bezugssystem des Heimatlandes. Erst mit der Zeit erkennen viele, dass sie trotz Deutschkenntnissen und Bemühungen, sich einzuleben, fremd bleiben in der Exilkultur. Zusätzlich wird das Gefühl des Fremdseins noch verstärkt durch kurzfristige Aufenthaltsgenehmigungen und fremdenfeindliche Reaktionen, die deutlich machen, dass man unerwünscht ist. Das Alleinsein in der Fremde lässt die Trauer über den Verlust der Familie noch schmerzhafter erscheinen.

Vor allem die Unsicherheit des Aufenthalts überträgt sich destabilisierend auf die Kinder. Ein 3-jähriges Kind, dessen Eltern 1-wöchige Verlängerungen der Duldung hatten und denen die Abschiebung drohte, spielte unentwegt Koffer ein- und Koffer auspacken. Die komplette Angst der Eltern hatte sich auf das Kind übertragen, ohne dass das Kind intellektuell die Zusammenhänge erfasst hätte. Das Aufenthaltsrecht kennt keine Rücksicht auf Kinder. Im Zweifelsfall werden auch sie mit abgeschoben.

Die Eltern von Flüchtlingskindern sind häufig auch durch die oben erwähnten Faktoren belastet (Erfahrungen von Gewalt und Verfolgung, schwierige Fluchtphase, Anpassung an die hiesige Gesellschaft bei unsicherem Aufenthalt, Sprachproblemen und sozialer Einschränkung). Es sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt, dass diese Menschen natürlich auch große Ressourcen und Kräfte mitbringen. Trotzdem müssen sie die Kindererziehung oft in einem Spannungsfeld eigener Probleme und den Anforderungen einer neuen Gesellschaft schaffen. Selbst wenn die Kinder in Deutschland bereits geboren sind, so bekommen sie über ihre Eltern die Probleme und schweren Erfahrungen mit, haben noch Verwandte oder Freunde, die sich im Herkunftsland in Gefahr befinden oder sehen Fernsehbilder heimischer TV-Sender, die ihnen die Gefahr des Herkunftslandes ihrer Eltern vor Augen führen.

Da Kinder meist schneller deutsch lernen als ihre Eltern, müssen sie als Dolmetscher in den unmöglichsten Situationen herhalten. Dann kommt schnell der Satz an einen 7-Jährigen: „Erklär mal deinen Eltern, dass sie ...“. Die Kinder werden vermeintlich machtvoll, werden aber auch mit Themen konfrontiert, die sie nichts angehen und die ihre Kindheit nicht belasten sollte. Themen bei Ärzten, Ausländerbehörde oder Gesprächen mit Erziehern gehen die Kinder erst einmal nichts an! Sie werden in eine Erwachsenenrolle gebracht, die die Eltern schwächt und die Kinder mit Themen konfrontiert, die nicht für sie bestimmt sind.

Traumatisierung

Unabhängig von der Schwere der traumatischen Erfahrungen, die sie im Heimatland gemacht haben, verfügen Kinder je nach Entwicklungsstand und Persönlichkeit über unterschiedliche Fähigkeiten, mit diesen Erfahrungen umzugehen. Schutzfaktoren, die sowohl zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung als auch in der Zeit danach dem betroffenen Kind oder Jugendlichen zur Verfügung stehen, können hilfreich bei der Überwindung dieser Erfahrungen sein. Sowohl soziale Unterstützung nach dem Trauma in Form einer stabilen, vertrauensvollen Beziehung zu Bezugspersonen als auch die Fähigkeit, das Geschehene geistig einzuordnen, verstehen und ihm einen Sinn geben zu können stellen wirksame Schutzfaktoren dar, um die Folgen nach Trauma besser zu überwinden. Nicht jedes Kind muss daher nach einer traumatischen Erfahrung unter Symptomen leiden. Dennoch ist die Zahl der Flüchtlingskinder hoch, die unter den Symptomen der sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Dies zeigt sich bei Kindern auch entsprechend in entwicklungsbedingten Problemen.

Typisch für diese Kinder sind (keine abschließende Aufzählung):

  • Angst vor lauten Geräuschen, vor Dunkelheit oder Alleinsein
  • Klammern an Bezugspersonen
  • Berichte über traumatische Erfahrungen sind fragmentiert und nur in isolierten Einzelstücken möglich
  • Berichte und Fantasien über vergangene Ereignisse werden als belastend empfunden und deswegen beim Erzählen abgeschwächt oder ganz ausgelassen
  • Traumatische Erfahrungen werden im sich wiederholenden Spiel ausgedrückt; das Spiel ist dann oft lustlos, zwanghaft und ohne emotionale Erleichterung; dieses Spiel wird aber nicht unbedingt als belastend empfunden.
  • Probleme im Sozialverhalten
  • Somatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen

Vorschulkinder und junge Schulkinder berichten von Fantasien über den eigenen Einfluss auf Ereignisse der Vergangenheit und haben Schuldgefühle („Ich hätte meinen Vater besser schützen sollen, als ihn die Soldaten abholten.“). Aufgrund der Traumatisierung und der damit verbundenen Hilflosigkeit der Eltern sind die Kinder parentifiziert und fühlen sich für ihre Eltern verantwortlich (s. auch Thema Übersetzung). Die Eltern nehmen die Ängste und Probleme der Kinder nicht ausreichend wahr.

Wenn viele dieser Symptome erfüllt sind, ist das Hinzuziehen von psychologischem Fachpersonal dringend angeraten. Eine spezialisierte Psychotherapie kann dann indiziert sein. Sofern das Kind noch unter das Asylbewerberleistungsgesetz fällt und keine Krankenversicherung hat, kann zur Bewilligung der Kosten durch das Sozialamt die Mithilfe einer spezialisierten Asylsozialberatung hilfreich sein, die die Vorgehensweise beim Kostenantrag kennt und unterstützt.

Hilfreiche Ansätze zur Unterstützung der Kinder und Familien

Alle Formen der Kinderbetreuung sind eine wichtige Stütze für Flüchtlingskinder und deren Eltern. Die Kinder kriegen in ihrem unsicheren äußerlichen Rahmen eine Tagesstruktur und können vor allem wieder Kind sein. Das bedeutet auch für sie, dass sie eventuelle trauma- und fluchtbedingte Entwicklungsverzögerungen wieder nachholen können.

Bereits oben wurde ausgeführt, dass es hilfreich ist, wenn professionelle Betreuer etwas über die konkrete Lebenssituation der Kinder wissen. Es hat wenig Sinn, Eltern einen Vorwurf zu machen, wenn Kinder immer wieder müde in den Kindergarten kommen, weil sie in der lauten und engen Asylbewerberunterkunft zu spät ins Bett kommen. Aber es hat Sinn, den Eltern gegenüber für ihre Situation Verständnis zu äußern. Und vielleicht schafft man es, durch Vernetzung mit ihnen Wege zu finden, wie sie aus der Unterkunft ausziehen können.

Immer wieder berichten Flüchtlingseltern, welch große Unterstützung es für sie ist, wenn ihnen Verständnis entgegen gebracht wird. Erzieher sind in anderen Ländern weitaus mehr Autoritätsperson als pädagogischer Partner, wie wir es in Deutschland verstehen. Austausch und Partizipation sind ihnen fremd. Ein Elterngespräch wird oft eher als Bedrohung wahrgenommen, weil es in ihrem Herkunftsland oft nur stattfindet, wenn es Beschwerden vonseiten der Erzieher gibt. Ich hatte einmal eine afrikanische Mutter zu einem Elterngespräch mit der Erzieherin begleitet. Am Ende eines sehr differenzierten Gesprächs über ihren Sohn fragte ich sie, was sie behalten habe: „Die Erzieherin hat nicht geschimpft!“

Das hatte sie nachhaltig beeindruckt und positiv bewegt. Sie konnte aber kaum fachliche Ratschläge wiederholen, die im Laufe des Gesprächs gefallen waren. Dafür war ihr die Erzieherin noch zu unbekannt und eine zu große „Gefahr“.

Eine wichtige Haltung der interkulturellen Erziehung ist es, viel zu fragen:

  • „Wen würden Sie in ihrer Heimat in der Situation um Rat fragen? Was würde diese Person ihnen nun raten?“
  • „Was ist Ihnen wichtig, dass bei uns passiert?“
  • „Was soll Ihr Kind bei uns lernen?“
  • „Was wünschen Sie sich von uns?“
  • „Was können Sie tun, damit es Ihrem Kind besser geht?“

Die Antworten auf solche Fragen entsprechen nicht immer unseren Vorstellungen. Dies hat viel mit den Werten unserer Kulturen zu tun. Dennoch kann es hilfreich sein, diese Antworten ernst zu nehmen und sie in das eigene pädagogische Handeln zu integrieren.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:

Die Erziehung zur Selbstständigkeit ist oft in der Kinderbetreuung eines der vordersten Ziele. Selbstständigkeit ist klar ein Wert der individualistischen westlichen Welt. Flüchtlinge kommen in der Regel aus sogenannten kollektivistischen Gesellschaften. Der Wert der Gemeinschaft steht hier über der individuellen Entfaltung. Das Wort „Selbstständigkeit“ existiert in vielen Sprachen gar nicht und wird meist mit „Unabhängigkeit“ übersetzt. Unabhängigkeit hat in der kollektivistischen Gesellschaft einen negativen Beigeschmack. Es kann deshalb sinnvoll sein, nicht immer wieder die Selbstständigkeit des Kindes einzufordern, sondern an praktischen Beispielen zu arbeiten („Das Kind kann noch nicht alleine seine Schuhe anziehen. Wie geht es Ihnen zu Hause damit, wenn Sie in Eile sind? Was könnten wir denn tun, damit es für uns alle leichter wird? Weil dann sind wir alle entspannter und können natürlich auch besser für das Kind da sein.“)

Tabelle 1 zeigt typische Unterschiede in Haltungen und Wertvorstellungen zwischen kollektivistischen und individualistischen Kulturen auf.

kollektivistisch

individualistisch

Die Menschen werden in Großfamilien oder andere Wir Gruppen hineingeboren, die sie weiterhin schützen und im Gegenzug Loyalität erhalten.

Jeder Mensch wächst heran, um ausschließlich für sich selbst und seine direkte (Kern-)Familie zu sorgen.

Die Identität ist im sozialen Netzwerk begründet, dem man angehört.

Die Identität ist im Individuum begründet.

Kinder lernen in „Wir“ Begriffen zu denken.

Kinder lernen in „Ich“ Begriffen zu denken.

Man sollte immer Harmonie bewahren und direkte Auseinandersetzungen vermeiden.

Seine Meinung zu äußern ist Kennzeichen eines aufrichtigen Menschen.

Übertretungen führen zu Beschämung und Gesichtsverlust für einen selbst und die Gruppe.

Übertretungen führen zu Schuldgefühl und Verlust an Selbstachtung.

Ziel der Erziehung: Wie macht man etwas?

Ziel der Erziehung: Wie lernt man etwas?

Management bedeutet Management von Gruppen.

Management bedeutet Management von Individuen.

Beziehung hat Vorrang vor Aufgabe.

Aufgabe hat Vorrang vor Beziehung.

Tabelle 1: Typische Unterschiede in Haltungen und Wertevorstellungen, Quelle: Maria Gavranidou & Barbara Abdallah-Steinkopff:Brauchen Migrantinnen und Migranten eine andere Psychotherapie? In Psychotherapeutenjournal, 2007/4

Ein Beispiel soll diese interkulturelle Wertdifferenz verdeutlichen. Es ist die Auslegung einer Geschichte der Bibel, von der Hofestede, 1993, berichtet:

Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sprach: Kind geh und arbeite heute im Weinberg! Der antwortete: Ich gehe, Herr. Aber er ging nicht. Da ging der Vater zu dem anderen Sohn und sprach ebenso. Der antwortete: Ich mag nicht; doch nachher reute es ihn, und er ging. Welcher von beiden hat den Willen des Vaters getan? (Matthäus 21, 28 – 31).

Ein ehemaliger Missionar in Indonesien befragte seine indonesischen Gemeindemitglieder, welcher der beiden Söhne richtig gehandelt hätte. Die indonesische Auslegung war, der erste habe korrekt gehandelt, da dieser Sohn die formale Harmonie beachte und seinem Vater nicht widersprach.

Wir erreichen viele der Flüchtlingseltern zum Thema Erziehung nur, indem wir viel fragen, was ihnen wichtig ist. Das bedeutet auch, eigene Wertvorstellungen, die wir für selbstverständlich erachten, infrage stellen zu können. Das heißt nicht, dass wir unsere Werte ablegen sollen. Aber sie sind weltweit gesehen nicht immer so selbstverständlich, wie wir denken.

Fazit

Wer mit Flüchtlingseltern und ihren Kindern in Austausch treten möchte, muss an ihrer Lebenswelt anknüpfen und sie ernst nehmen. Sowohl an ihrer realen Alltagswelt als Flüchtlinge in Deutschland, denn diese bringt eine Vielzahl von Einschränkungen und Sonderregelungen mit sich. Als auch an ihren Werten und Erziehungsvorstellungen, die sich oft von unseren eigenen unterscheiden. Wer in diesen Dialog eintritt, der wird viele neue spannende Seiten dieser Menschen und Kulturen entdecken können.

Literatur

Maria Gavranidou/Barbara Abdallah-Steinkopff: Brauchen Migrantinnen und Migranten eine andere Psychotherapie? In Psychotherapeutenjournal, 2007/4.

Geert Hofstede (1993): Interkulturelle Zusammenarbeit. Verlag Gabler. ISBN 3-409-13157-4.