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Gekonnt pädagogische Entscheidungen vermitteln

Der Aufbau und die Pflege von Bildungs- und Erziehungspartnerschaften zwischen Eltern und den pädagogischen Fachkräften einer Kindertageseinrichtung ist nicht nur pädagogischer sondern auch rechtlich verankerter Anspruch. Doch nicht selten sind die Vorstellungen der Eltern gegensätzlich zu der Haltung und dem Machbaren in der Kita. Wie können Fachkräfte pädagogische Entscheidungen an Eltern vermitteln, die von deren Ansichten abweichen?

Gesprächssituationen wertschätzend gestalten

Gesprächssituationen wertschätzend gestalten

Eine Bildungs- und Erziehungspartnerschaft hat zum Ziel, durch den vertrauensvollen Austausch über die Entwicklung und Erziehung des Kindes im jeweiligen System eine gute Basis für einen bestmöglichen Bildungs- und Entwicklungsverlauf des Kindes zu schaffen.

Dennoch sind die Erwartungen an die Partnerschaft sehr komplex und stellen pädagogische Fachkräfte immer wieder vor die Herausforderung, einen guten Mittelweg zwischen den elterlichen Ansprüchen und Erwartungen, dem kindlichen Entwicklungsverlauf, Bedürfnissen und Rechten und den in der Einrichtung vorhandenen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zu finden. Nicht selten kollidieren die elterlichen Vorstellungen mit dem Selbstverständnis der Kindertagesstätte, sodass die Einrichtung eine pädagogische Entscheidung entgegen elterlichen Sichtweisen treffen muss. Denn die Erziehungspartnerschaft zieht dort ihre Grenzen, wo Eltern ein völlig individuelles Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungskonzept für ihre Kinder fordern.

Hierbei unterscheiden sich zumeist zwei mögliche Arten von Diskrepanzen:

  1. Pädagogische Entscheidungen, die die in der Konzeption benannte Grundhaltung betreffen

  2. Pädagogische Einzelfallentscheidungen, die im Kindergartenalltag gefällt werden

Präventiv unterschiedlichen Sichtweisen vorbeugen

Um Konfliktsituationen präventiv zu mindern, sollten die Inhalte der Konzeption bereits beim Anmeldegespräch ausführlich besprochen und die jeweiligen Ansichten der Eltern mit denen der Einrichtung abgeglichen werden. Hier ist es empfehlenswert, das Leitbild und die Konzeption auch Bestandteil des Betreuungsvertrages werden zu lassen. Während der Kindergartenzeit ist es zudem hilfreich, die Konzeption auszulegen und wiederholt deren Inhalte im Rahmen von Elternabenden, Aushängen und Elternbriefen zu thematisieren und so immer wieder in Erinnerung zu rufen. Die dadurch entstehende Transparenz bietet eine gute Grundlage, um später darüber in ein Gespräch zu gehen, ohne die Killerphrase »Das steht aber so in unserer Konzeption« zu verwenden.

Aller präventiven Aufklärung zum Trotz, wird es dennoch Situationen geben, in denen Sie gegenüber Eltern ihre pädagogischen Entscheidungen begründen müssen. Hierzu lohnt es sich für pädagogische Fachkräfte, sich mit dem Aufbau und Ablauf solcher Vermittlungsgespräche auseinanderzusetzen.

Verschaffen Sie sich Zeit für eine gute Vorbereitung

Nicht selten überraschen uns die Anliegen aus der Elternschaft mitten im Alltagsgeschehen. Sollten Sie sich unsicher fühlen und nicht direkt antworten können, verschaffen Sie sich Zeit, bevor Sie in der Situation Fragen nur unzureichend beantworten können. Versuchen Sie, das Anliegen der Eltern durch Nachfragen bestmöglich und im vollen Umfang zu erfassen und nutzen Sie Formulierungen wie »Danke, dass Sie mir ihr Anliegen mitgeteilt haben. Ich würde gerne erst Rücksprache mit dem Team dazu halten. Am kommenden Mittwoch haben wir eine Sitzung. Danach komme ich nochmal auf Sie zu.«, um den weiteren Gesprächsverlauf auf ein paar Tage später zu verlegen.

Nutzen Sie die Zeit bis zum nächsten Gespräch, um sich mithilfe der Kollegen /Kolleginnen, Fachberatung, Leitung oder Träger zu dem vorgebrachten Anliegen zu positionieren. Schaffen Sie sich dadurch die Sicherheit und eine gute Basis, auf deren Grundlage Sie später das Gespräch gehaltvoll führen können.

Zur Vorbereitung unterstützen folgende Leitfragen:

  • Wie ist meine/unsere Position zum vorgebrachten Anliegen?

  • Welche Begründungen und Argumente gibt es, die meine/unsere Haltung, Meinung oder Handlungsweise auf fachlicher Ebene erklären? (siehe Kasten)

  • Gibt es einen Spielraum für Kompromisse? Wenn ja, welche Kompromisse können angeboten werden?

  • Wie soll damit umgegangen werden, sollte das Gespräch nicht zielführend sein?

Beginnen Sie das Gespräch – Verständnis als Türöffner

Argumente und Begründungen zu sammeln und vorzubringen klingt im ersten Moment vernünftig, ist aber oftmals nicht ausreichend, um den Eltern Verständnis für pädagogische Entscheidungen zu entlocken. Im Gegenteil: Stupides Aufzählen von Argumenten – und seien sie noch so stichhaltig begründet – kann zu Abwehrreaktionen der Eltern führen. Möglicherweise vermitteln Sie dadurch das Gefühl, dass Sie als pädagogische Fachkraft auf ihr Recht beharren oder mit Ihrem Wissen über dem der Eltern stehen.

Die Kunst im Gesprächsaufbau liegt darin, sich zunächst dem Bedürfnis der Eltern zu widmen und ihr Anliegen allumfassend zu verstehen. Denn erst wenn Eltern sich ernst genommen fühlen und ihnen echte Wertschätzung entgegengebracht wird, öffnen sie sich auch für die Blickweisen und Argumente der pädagogischen Fachkräfte.

Schaffen Sie für das erneute Gespräch eine ruhige und vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre, indem Sie ein gesichertes Zeitfenster freihalten und den Raum entsprechend vorbereiten. Beginnen Sie das Gespräch mit der Begrüßung, einem kurzen Smalltalk und bedanken Sie sich noch einmal für die genommene Zeit.

Dann lassen Sie sich das Anliegen aus dem vorausgegangenen Gespräch nochmals detailliert erklären. Hören Sie Ihrem Gegenüber aktiv zu, indem Sie dem Gespräch durch nonverbale Gesten wie Blickkontakt oder Nicken folgen. Zeigen Sie, dass Sie die Situation verstanden haben, indem Sie die Inhalte in eigenen Worten zusammenfassen und versuchen Sie auch hier, die Gefühle der Eltern zu verbalisieren. Lassen Sie den Eltern immer genügend Raum für Richtigstellungen, indem Sie sich immer wieder durch Sätze wie »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann geht es Ihnen um … Ist dem so?« das von Ihnen Verstandene bestätigen lassen.

Argumente finden auf drei Ebenen

  1. Fachliche Ebene:

    • Welche Argumente finden sich in der Fachliteratur?

    • Was sagt die Entwicklungspsychologie?

    • Wie sieht das Recht des Kindes aus?

  2. Einrichtungsebene:

    • Was beinhalten die Konzeption, Leitbild oder QM-Handbuch zur Thematik?

    • Was steht in den Bildungsrichtlinien zu dem Thema?

    • Was ist aus der Organisationsstruktur heraus machbar oder nicht machbar?

  3. Ebene des Kindes:

    • Wie wirkt sich das Anliegen der Eltern aus meiner/unserer Sicht auf das Kind aus?

    • Welche Beispielsituationen können Argumente unter mauern?

Den pädagogischen Standpunkt vertreten – Argumente im Dreischritt anbringen

Im zweiten Schritt legen Sie Ihren Standpunkt oder die Begründung für Ihre Entscheidung dar. Im Vorfeld sollten Sie hierzu die drei stärksten Argumente aus Ihren Vorüberlegungen auswählen, die Sie gleich im Dreischritt vorbringen. Achten Sie bei der Auswahl und der Darlegung der Argumente darauf, dass sie immer auch aus dem Blickwinkel des Kindes betrachtet werden, denn das Wohl und die Entwicklung des Kindes bilden das Zentrum der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft. Untermauern Sie Ihre Darstellungen mit Beispielen und Wenn-Dann-Hypothesen.

Beginnen Sie Ihre Argumentation z.B. mit folgenden Satzanfängen: »Auch wenn ich Ihr Anliegen/Ihre Sichtweise verstehen kann, so vertreten wir hier in der Einrichtung folgende pädagogische Sichtweisen, die der Umsetzung entgegenstehen. Zunächst geht Ihr Wunsch mit der Arbeitsweise, die wir für unser Haus festgeschrieben haben nicht überein …«

Tragen Sie Ihre Argumente in folgender Reihenfolge vor: Fangen Sie zunächst mit dem zweitstärksten Argument an, gehen Sie dann in das schwächste Argument über und äußern Sie zum Schluss Ihr stärkstes Argument. Fassen Sie im Anschluss an die Darstellung noch einmal alle drei Argumente in Stichpunkten zusammen.

Beidseitiges Verständnis – Das Ende des Gespräches

Nachdem den Eltern nun auch Ihr Standpunkt dargelegt wurde, fragen Sie bei den Eltern aktiv nach, ob sie die Argumente nachvollziehen können und verstanden haben: »Mir ist es wichtig, dass Sie die Beweggründe für die getroffenen Entscheidungen verstehen. Können Sie die Begründung nachvollziehen? Was darf ich Ihnen noch näher erläutern?«

Haben Sie bereits Kompromisse oder Zugeständnisse im Team erarbeiten können, ist hier nun der richtige Platz, um diese den Eltern als Vorschlag zu unterbreiten: »Wir im Team haben uns überlegt, wie wir Ihnen mit Ihrem Anliegen entgegenkommen können. Hier haben wir uns Folgendes überlegt. Könnte das für Sie ein Kompromiss sein?«

Im Idealfall konnte durch den Aufbau der Argumentation ein gegenseitiges Verständnis für die Entscheidung erzeugt werden. Allerdings müssen Sie auch damit rechnen, dass Eltern weiterhin auf ihre Meinung und die Umsetzung ihres Anliegens bestehen. Lassen Sie diesen Eltern Zeit, ein paar Tage über das Gespräch nachzudenken. Ggf. können Sie den Kontakt zu den Eltern noch ein zweites Mal suchen und erneut nachhören, wie es Ihnen nun mit etwas Abstand zu dem Gespräch geht. Auch wenn sich Ihr Standpunkt zwischenzeitlich nicht geändert hat, zeigt die erneute Ansprache Interesse an dem Wohlergehen des Gegenübers und das wirkt in der Regel nach.

Fazit

Nicht immer ist es pädagogischen Fachkräften möglich, die Wünsche und Anliegen der Eltern eins zu eins umzusetzen – vorallem, wenn diese mit den pädagogischen Prinzipien nicht übereinstimmen oder aufgrund der Rahmenbedingungen der Einrichtung nicht umsetzbar sind. Dann ist das Gespräch mit den Eltern unumgänglich. Basis hierfür bildet ein echtes Interesse am Verstehen des Anliegens der Eltern und deren Bedürfnisse.