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Gemeinsam mit Krippenkindern den Alltag gestalten

Das An- und Ausziehen ist ein fester Bestandteil im pädagogischen Alltag. Ob in der Garderobe, vor oder nach dem Schlafen oder weil ein T-Shirt gewechselt werden muss. Kinder in den ersten 3 Lebensjahren brauchen bei dieser Aktivität noch die Hilfe der Erwachsenen. Gleichzeitig benötigen sie aber den Freiraum und die passende Assistenz, um diese für ihre Selbstständigkeit wichtige Aufgabe, »sich kleiden«, zu erlernen (Daldrop, Stehmeier & Gutknecht 2018a). Besonders die Garderobensituation ist eine stressbelastete Situation (Daldrop 2016) und daher ganz besonders in den Blick zu nehmen, um den Kleinsten auch in dieser Alltagsaktivität Beteiligungsmöglichkeiten zu eröffnen. Denn gerade in diesen immer wiederkehrenden Alltagsaktivitäten steckt ein großes Bildungspotenzial.

 

Garderobensituation gemeinsam gestalten

Garderobensituation gemeinsam gestalten

Die Garderobensituation ist nicht selten eine der stressigsten Situationen des gesamten Tages. Es ist laut und hektisch, vieles geschieht zur gleichen Zeit und den Überblick zu behalten, fällt schwer: Geht Adriano da gerade etwa in seinen Hausschuhen Richtung Gartentür? Und warum sitzt Luisa immer noch in Strumpfhosen auf dem Boden, wenn sie doch als eine der Ersten in der Garderobe war?

Garderobensituation als Herausforderung für alle Beteiligten

Auch für die Kinder kann diese Situation eine echte Herausforderung sein. Sie brauchen die Hilfe der pädagogischen Fachkraft, manche Kinder mehr und andere wiederum nur bei einzelnen Schritten, wie dem Schließen des Reißverschlusses. Neben dem Anziehen oder Ausziehen müssen sie auch den Übergang in die Garderobe hinein und heraus bewältigen (Gutknecht & Kramer 2018). Welchen Weg muss ich dafür nehmen? Wo ist mein Platz? Wer erwartet mich im Garten oder im Waschraum? Die Reaktionen der Kinder auf stressige oder unsichere Situationen fallen sehr unterschiedlich aus: Weinen, das Suchen nach Nähe und vermehrter Unterstützung durch die pädagogische Fachkraft lassen sich beobachten. Andere Kinder werden vom Drumherum in ihren Bann gezogen. Sie schauen gespannt den anderen Kindern zu oder beginnen ganz eigene Spiele, wie herumrennen, Socken werfen usw.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass in der Garderobensituation viele Aktivitäten zur gleichen Zeit ablaufen, meistens viele Akteure beteiligt sind und sich Kinder mitunter auch an unterschiedlichen Orten aufhalten, z.B. dem Waschraum, der Garderobe, dem Flur und dem Gruppenraum. Es bedarf eines Wissens über die unterschiedlichen Aktivitäten, die in dieser Situation ablaufen, genauso wie eine Planung, Beobachtung und Reflexion der Situation, ihrer Gestaltung, der Räumlichkeiten und Wege, damit die nötige Ruhe für abgestimmte Interaktionen und einen Ablauf, an dem die Kinder sich aktiv beteiligen können, entsteht (Daldrop 2017).

Die Lebensaktivität »sich kleiden« – Handlungsmöglichkeiten

An- und Ausziehen gehört, wie Essen, Schlafen usw., zu den sogenannten Aktivitäten des Lebens (Gutknecht, Kramer & Daldrop 2017), die Kleinkinder mit der Hilfe von Erwachsenen nach und nach selbst bewältigen lernen. Sie sind für den pädagogischen Alltag in der Krippe besonders wichtig, weil die Kinder durch sie ihre Selbstpflegekompetenzen aufbauen (Gutknecht 2015) und schrittweise lernen, die Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen. Dazu gehört eine ganze Menge: Nicht nur die motorischen Abläufe vom Anziehen der Hose, der Schuhe oder der Jacke bis hin zum Schließen von Knöpfen und Reißverschlüssen, auch die Verbindung zum eigenen Körperempfinden und zum Wetter oder der geplanten Aktivität gehört dazu. Ist mir kalt oder warm? Brauche ich eine Regenjacke oder Handschuhe?

An- und Ausziehen als Aktivität des täglichen Lebens gehört zu den Pflegeaktivitäten und ist damit als wichtige und exklusive Beziehungszeit zwischen der pädagogischen Fachkraft und dem Kind einzuschätzen. Die Begleitung des An- oder Ausziehens und die Möglichkeiten der Beteiligung, die die Kinder dabei haben, hängen stark von der Interaktionskompetenz der pädagogischen Fachkraft ab. Sie entscheidet wie viel Eigenaktivität dem Kind zugestanden wird und wie viel Zeit und Raum es zum Ausprobieren gibt. Es ist entscheidend, wie gut es der erwachsenen Person gelingt, sich auf das Kind mit seinem jeweiligen Assistenzbedarf und seine Voraussetzungen abzustimmen (Gutknecht 2015). Diese Abstimmung zeigt sich in der Anpassung in das Interaktionsverhalten der pädagogischen Fachkraft. Von Bedeutung ist das sogenannte Handling (Daldrop, Stehmeier & Gutknecht 2018b), die Gestaltung der Berührungs- und Bewegungsinteraktionen: Eine gemeinsame Ebene mit möglichst viel Bewegungsfreiheit für beide Interaktionspartner, eine Verlangsamung der Handlungen und eine abwartende und auf Wechselseitigkeit beruhende Gestaltung sind dabei zentral (Gutknecht, Kramer & Daldrop 2017). Die Möglichkeiten sich aktiv zu beteiligen, die durch eine gute Unterstützung entstehen, fördern die Motivation der Kinder. Sie helfen mit und übernehmen nach und nach immer selbstständiger die verschiedenen Handlungsschritte während dem An- oder Ausziehen. Das Ziel muss sein, dem Kind durch eine passende Unterstützung eine umfassende Idee zu geben, wie es diese Aktivität einmal alleine bewältigen kann (Daldrop, Stehmeier & Gutknecht 2018b).

Verstehen, überblicken, sich beteiligen – Das »Drehbuch-Script«

Zusätzlich zu der Perspektive der Lebensaktivität ist das An- und Ausziehen immer eingebettet in eine Tagesstruktur. Als ein kleiner Übergang von einer Aktivität zur nächsten zählt die Garderobensituation deshalb zu den sogenannten Mikrotransitionen.

Das An- und Ausziehen wiederholt sich normalerweise jeden Tag, manchmal auch mehrmals am Tag. Es läuft dabei in einer ähnlichen Weise ab, an einem festen Ort und in einigen Einrichtungen sogar zu einem festen Zeitpunkt im Tagesverlauf z.B. nach dem Morgenkreis oder dem Frühstück. Dabei bauen die Kinder nach und nach ein sogenanntes Script, einen verinnerlichten Handlungsplan dieser Situation, auf (Gutknecht 2015). Sie lernen durch die ständige Wiederholung in einer immer ähnlichen Weise, dass es einen gewissen Ablauf gibt, dem jede einzelne Schlüsselsituation, so auch das An- und Ausziehen in der Garderobe, folgt. Dazu gehört der Übergang in diese Situation hinein und wieder heraus, die Worte oder Lieder, die zu dieser Situation immer wieder gesprochen und gesungen werden und die Wege und Handlungsschritte, welche absolviert werden (Gutknecht & Kramer 2018). Nach und nach kann dann beobachtet werden, dass die Kinder die Mikrotransitionen immer eigenständiger bewältigen. Sie haben das jeweilige Script verinnerlicht und können es abrufen. Sie wissen also bereits vorher, was als nächstes passiert, können die Situation überblicken und dadurch aktiv daran teilnehmen. Sie wissen: So geht An- und Ausziehen in der Krippe. Um allerdings ein Drehbuch-Script aufzubauen brauchen die Kind Zeit, eine abgestimmte und Sicherheit gebende Begleitung und einen möglichst gleichbleibenden Ablauf.

Was sind Mikrotransitionen?

Mikrotransitionen sind mehrfach wiederkehrende kleine Übergänge im Tagesverlauf. Dazu gehören die Wechsel von einer zu einer darauffolgenden Aktivität, Raumwechsel, oder Wechsel von Spielpartnern oder Bezugspersonen. Sie beanspruchen mehr als die Hälfte des Tagesablaufes mit den Jüngsten und finden vor allem rund um die Alltagsroutinen wie Essen, Schlafen, Wickeln oder An- und Ausziehen statt (Gutknecht & Kramer 2018).

Praktische Ideen für den Krippenalltag

Die Frage, wie die Garderobensituation in der jeweiligen Gruppe oder Einrichtung ablaufen soll, ist daher eine zentrale Frage, die im Team besprochen werden muss. Im Fokus stehen dabei immer eine Stressreduktion und möglichst umfassende Beteiligungsmöglichkeiten der Kinder. Nehmen Sie Ihre aktuelle Situation während dem An- oder Ausziehen in den Blick und planen Sie Veränderungen systematisch, z.B. durch Videoaufzeichnung mit einer anschließenden Analyse und Reflexion, durch Beobachtung und Rückmeldung einer Kollegin oder durch die Fachberatung (Daldrop 2018).

Übergangsstrategien

Bei der Gestaltung des Übergangs in die Garderobe hinein oder zur darauffolgende Aktivität, kann eine vorab festgelegte Organisation hilfreich sein, die das An- und Ausziehen mit wenigen Kindern möglich macht und Verantwortlichkeiten unter den Kollegen klärt.

Gruppieren Sie die Kinder in Kleingruppen. Es kann möglicherweise hilfreich sein, die Gruppen so zusammenzustellen, dass es Kinder mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarf sind, die sich gemeinsam an- oder ausziehen (Gutknecht & Kramer 2018). Je nach vorhergehender Situation kann auch ein fließender Übergang in die Garderobe hinein eine Möglichkeit sein, den Kindern Entscheidungsfreiheit zu geben, z.B. ein bestimmtes Spiel zu beenden oder auf den Freund zu warten, um dann gemeinsam in den Garten zu gehen. Bei dieser Strategie bietet sich an, Raumverantwortlichkeiten unter den Kollegen festzulegen. Auch die Möglichkeit bereits fertig angezogene Kinder mit einer pädagogischen Fachkraft in den Garten oder an einen festgelegten Ort gehen zu lassen, minimiert die Wartezeit für die Kinder und kann stressreduzierend wirken (Gutknecht & Kramer 2018).

Visualisieren und der Aktivität eine Bedeutung geben

Gibt es in Ihrer Einrichtung eine Zusammenkunft mit den Kindern, z.B. einen Morgenkreis vor dem Anziehen, kann mit den Kindern gemeinsam überlegt werden, welche Kleidungsstücke an diesem Tag angezogen werden. Die Verbindung zum Wetter, zur Jahreszeit oder auch zur folgenden Aktivität, wenn diese besondere Kleidung erforderlich macht, hilft den Kindern das An- und Ausziehen in Verbindung zur Sorge um den eigenen Körper und das eigene Wohlergehen zu setzen. Das ist ein wichtiger Punkt, um einmal selbst entscheiden zu können, was sie anziehen und warum. Fotos der Kleidungsstücke, gemeinsames Betrachten des Wetters oder Erspüren der Temperatur sind dabei ebenfalls hilfreich. Ebenso kann zur Unterstützung in der Garderobe eine Wäscheleine oder Fotoleiste entstehen, an der die für den Tag notwendigen Kleidungsstücke visualisiert sind. Hängen Sie die Fotos oder Zeichnungen dabei in eine logische Reihenfolge: Auch das kann für die Kinder zu einer Orientierung werden, was sie anziehen und womit sie beginnen.

Der Garderobenraum als Ort für die Kinder

So selbstständig wie möglich agieren zu können, ist nicht in allen Garderobenräumen selbstverständlich. Betrachten Sie einmal die Garderobe aus der Perspektive der Kinder: Ist das Mobiliar für die Größe der Kinder und den Platz, den sie zum entspannten An- und Ausziehen benötigen, angemessen? Finden sie ihren Platz selbstständig oder bedarf es einer zusätzlichen Markierung, z.B. durch ein Foto in Kinderhöhe oder auf der Sitzbank? Erreichen die Kinder alle ihre Sachen selbstständig?

Fazit

Das An- und Ausziehen in der Garderobe ist eine herausfordernde und komplexe Situation. In jedem Fall ist sie aber mehr als nur der Übergang von einer Aktivität zur nächsten. Die bewusste Planung dieser Situation und ein Fokus auf die Beteiligungsmöglichkeiten der Kinder sind notwendig, um diese Aktivität als Bildungszeit in einem berührungs- und bewegungs-, aber auch sprachintensiven Kontakt gemeinsam mit den Kindern zu gestalten.

Literatur

Daldrop, K. (2016). Die Garderobensituation im Krippenalltag – Mikrotransition und Aktivität des täglichen Lebens. Qualitative Interaktionsgestaltung und Assistenz. Verfügbar unter: https://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_Daldrop_Garderobensituation_2016.pdf

Daldrop, K. (2017). Mitarbeiterinnen fragen – Kita-Leitung antwortet: »Wir können wir die Garderobensituation stressfreier gestalten?« Kindergarten heute. Das Leitungsheft 1/17 (S. 16–17). Freiburg: Herder.

Daldrop, K. (2018). Qualität durch Beobachtung, kritische Reflexion und Erprobung. Die Analyse von Alltagssituationen am Beispiel der Garderobensituation. In: Strätz, R. (Hrsg.). Handbuch Qualitätsmanagement, (S. 347–357). Köln: Wolters Kluwer/Carl Link 2018.

Daldrop, K., Stehmeier S. & Gutknecht, D. (2018a). Kleinstkinder an- und ausziehen – Handling im Kita-Alltag – Teil 2. In: Kleinstkinder in Kita und Tagespflege 7/2018 (S. 18–20). Freiburg: Herder.

Daldrop, K., Stehmeier, S. & Gutknecht, D. (2018b). Responsives Handling in Krippe und Kita: Die Qualität der Bewegungs- und Berührungsinteraktion zwischen Fachkräften und Kindern. Verfügbar unter: https://www.erzieherin.de/responsives-handling-in-krippe-und-kita-die-qualitaet-der-bewegungs-und-beruehrungsinteraktion-zwischen-fachkraeften-und-kindern.html

Gutknecht, D. (2015). Bildung in der Kinderkrippe. Wege zur Professionellen Responsivität (2. überarbeitete Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Gutknecht, D. & Kramer, M. (2018). Mikrotransitionen in der Kinderkrippe. Übergänge im Tagesablauf achtsam gestalten. Freiburg: Herder.

Gutknecht, D., Kramer, M. & Daldrop, K. (2017). Kinder bis drei Jahre in Krippe und Kita. kindergarten heute, praxis kompakt. Freiburg: Herder.