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Gestaltung pädagogischer Beziehungen zwischen Kindern und Erziehern/Erzieherinnen in Teilzeit

Kontinuität und Stabilität der Betreuung gelten in der frühpädagogischen Fachdiskussion übereinstimmend als Qualitätsmerkmale hochwertiger Kindertageseinrichtungen. Diskontinuitäten z.B. durch ungünstige Personalschlüssel, extrem flexible Betreuungszeiten oder häufigen Erzieher/innenwechsel gelten entsprechend als Qualitätsproblem. Auch die hohe Quote an Teilzeitkräften vor allem im Krippenbereich ist in diesem Zusammenhang zu Recht in die Kritik geraten.

Teilzeitkräfte in der Kita

© micromonkey

Auch diskontinuierlich betreuende Fachkräfte können Kindern wichtige Beziehungserfahrungen bieten. Dieser Beitrag geht daher der Frage nach, wie die Entwicklung des pädagogischen Verhältnisses zwischen Teilzeitkräften und Kindern gelingen kann, wenn zeitliche Abstände zwischen den Begegnungen liegen.

Bezugserzieherinnen und Teilzeitkräfte – Kontinuität und Variabilität in der Betreuung

Krippen und Kindergärten sind mittlerweile für fast alle Kinder zu selbstverständlichen Lebensorten geworden. Anders als frühere Kindergenerationen, die vor allem im Nahumfeld von Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft aufwuchsen, machen heutige Kinder schon frühzeitig Beziehungserfahrungen in Institutionen mit Berufserzieherinnen und Peers in altersähnlichen Gruppen. Die alte auf den Bindungstheoretiker Bowlby zurückgehende Befürchtung, Fremdbetreuung wirke sich negativ auf die Mutter-Kind-Bindung aus und schädige damit die kindliche Entwicklung, ist inzwischen widerlegt. Wie empirische Studien zeigen, wird die Bindungsentwicklung bei einem guten Zusammenwirken von Familie und Einrichtung nicht beeinträchtigt (vgl. NICHD 1997).

Nach wie vor vertreten wird aber die Annahme, dass größtmögliche Betreuungskontinuität durch wenige Bezugspersonen für die Entwicklung psychischer Sicherheit besonders relevant sei. Diese Annahme spiegelt sich in bindungstheoretischen Konzeptualisierungen der Erzieher/innen-Kind-Bindung, die die besondere Bedeutung des emotionalen Verhältnisses von Kind und Bezugserzieher/in für die kindliche Entwicklung hervorheben. So charakterisiert etwa der Bindungsforscher Brisch die Beziehungsarbeit der Erzieher/innen als „emotionale Investition ... in die Entwicklung der Liebes- und Beziehungsfähigkeit einer ganzen Generation“ (Brisch 2014).

Sicherlich ist Brisch zuzustimmen, wenn er die besondere, auch ein Stück weit familienkompensatorische Verantwortung von Erziehern/Erzieherinnen für die seelische Entwicklung von Kindern betont und auf Entwicklungsrisiken verweist, wenn die von Fachleuten empfohlene Betreuungsrelation von eins zu zwei bei Säuglingen und eins zu drei bei Kleinkindern nicht gewährleistet wird. Dennoch unterstellen solche hochgesteckten Erwartungen fälschlicherweise, dass die Qualität des Erzieher/innen-Kind-Verhältnisses letztlich an den Charakteristika der Eltern-Kind-Beziehung zu messen sei. So erwächst unter der Hand das Idealbild einer mutterähnlichen, stabil betreuenden und in Vollzeit arbeitenden Fachkraft .

Nicht hinreichend bedacht wird dabei, dass das Betreuungsverhalten von professionellen Erziehern/Erzieherinnen notwendig gruppenbezogen und daher im Vergleich zu Eltern emotional distanzierter ist. Im Übergang von der Familie zur institutionellen Betreuung müssen Kinder daher eine mit Stress verbundene Anpassungsleistung erbringen: Wird ihnen in der Familie häufig ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt, müssen sie sich nun als Teil einer komplexen Gruppe verstehen, die aus weiteren Kindern und mehreren erwachsenen Betreuungspersonen besteht. Anders gesagt: Sie müssen die „Rolle“ als Krippen- oder Kindergartenkind erwerben. Ihr Bedürfnis nach psychischer und körperlicher Sicherheit können sie nicht mehr nur ausschließlich in der direkten personalen Begegnung mit einer erwachsenen Bezugsperson allein befriedigen, sondern sie müssen sich auch in der Gruppe als ganzer sicher aufgehoben fühlen . So erklärt sich auch ein von Ahnert und Lamb berichteter Forschungsbefund, wonach „konkrete Erzieher/innen im Alltag einer Kindereinrichtung austauschbar und die Beziehungsqualität des Kindes übergeneralisierend auf andere Erzieher/innen der Kindereinrichtung übertragbar sein können, wenn diese die gleiche Betreuungsqualität liefern“ (Ahnert/Lamb 2011, S. 346). Demnach sind gewisse Variabilitäten und Diskontinuitäten in der Betreuung z.B. durch den Einsatz von Teilzeitkräften denk- und vertretbar, wenn eine kontinuierlich hohe Betreuungsqualität sichergestellt bleibt. Wie lässt sich dies erreichen? Mit Blick auf Teilzeitkräfte erscheint hier zunächst ein erweitertes Verständnis von Eingewöhnung notwendig, das ausgehend vom Bezugserzieherinnenprinzip auch die Entwicklung von Beziehungen mit anderen, auch diskontinuierlich betreuenden Personen unterstützt.

Eingewöhnung des Kindes in die Gruppenstruktur der Einrichtung

Kindertageseinrichtungen mit Qualitätsanspruch unterstützen den Übertritt des Kindes von der Familie in die Einrichtung durch eine von den Eltern begleitete Phase der Eingewöhnung. Gemäß klassischen bindungstheoretisch fundierten Eingewöhnungskonzepten gilt eine Eingewöhnung als abgeschlossen, wenn ein Kind seine Bezugserzieherin als sichere Basis akzeptiert, von ihr aus die Einrichtung mutig erkundet und sich bei Kummer von den Erziehern trösten lässt. Die Anwendung dieses Bezugserzieherinnenprinzips dient vor allem der Stressregulation, indem das Kind von der ihm bekannten elterlichen Beziehungslogik abgeholt wird.

Es ist jedoch unzureichend, den Eingewöhnungsprozess gewissermaßen nach dem Vorbild der Eltern-Kind-Beziehung nur auf eine exklusive Bezugserzieherinnen-Kind-Beziehung zu verengen. Um die oben angesprochene kontinuierlich hohe Betreuungsqualität sicherzustellen, muss ein Eingewöhnungsprozess darüber hinaus auf die Integration des Kindes in die Tagesgruppe mit ihren spezifischen Gruppenprozessen, -dynamiken und Bildungsmöglichkeiten zielen. Die Sicherheit der Bindung zur Bezugserzieherin muss also idealtypisch als Brücke begriffen werden, über die die Entwicklung enger Beziehungen zu weiteren betreuenden (Teilzeit-)Erziehern/Erzieherinnen und Kindern verläuft. Gelingt die Integration des Kindes in die Gruppe nicht, werden viele alltägliche gruppenbezogene Prozesse wie etwa Erzieher/innenwechsel, Betreuung durch Teilzeitkräfte oder auch Bildungsangebote unter der Beteiligung mehrerer Kinder (z.B. Projekte, Spiel- oder Vorlesesituationen) möglicherweise als Stress erlebt.

Äußerlich kann sich chronischer Stress z.B. in undifferenziertem Bindungsverhalten oder häufigem Fremdeln zeigen; innerlich in einer Dysfunktion des Stressregulierungssystems . Wie Messungen des Stresshormons Cortisol eindrücklich zeigen, nehmen bei Kindern, die Einrichtungen mit diskontinuierlicher Betreuungsqualität besuchen, die Cortisolwerte im Tagesverlauf zu. Dagegen fällt bei Kindern in qualitativ hochwertigen Einrichtungen, die ausgehend von der sicheren Beziehung zur Bezugserzieherin die Entwicklung enger Beziehungen zu anderen Erziehern/Erzieherinnen unterstützen, der Cortisolspiegel nachmittags ab. Dies entspricht dem normalen menschlichen Stresstagesprofil (Haug-Schnabel 2008, S. 13).

Teilzeitkräfte – Quality Time in der Betreuung

Auch nach der Eingewöhnung stellen die zeitlichen Abstände zwischen den Begegnungen von Teilzeiterzieherinnen und Kindern die Ausgestaltung und Aufrechterhaltung der pädagogischen Beziehung vor besondere Herausforderungen. Soll aus Begegnungen ein „pädagogisches Verhältnis“ erwachsen, ist darauf zu achten, die Aufgabe von Teilzeitkräften nicht auf bloße Aufsichtstätigkeiten zu beschränken. Vielmehr lässt die zeitliche Reduzierung des Betreuungsumfangs die Quality Time , d.h. die intensive Nutzung der verfügbaren Zeit für bewusst gestaltete Interaktionen besonders wichtig werden. Für Teilzeitkräfte gelten damit die gleichen hohen Qualitätsanforderungen an die pädagogische Beziehungsarbeit wie für Vollzeitkräfte – mit dem Unterschied, dass sie diese in zeitlich verdichteter Form erbringen müssen.

Merkmale von Quality Time bzw. ausgeprägter pädagogischer Interaktions- und Beziehungsqualität werden u.a. in Qualitätskatalogen für Kindertageseinrichtungen differenziert beschrieben. Übereinstimmend wird dabei von Fachleuten die Relevanz erzieherischer Feinfühligkeit hervorgehoben. Diese bezieht sich sowohl auf die sensitive Regulierung des Gruppengeschehens (Gruppenmanagement z.B. bei Konflikten) als auch auf die resonante Beantwortung der Bedürfnisse der einzelnen Kinder. Mit Blick auf den frühpädagogischen Bildungsauftrag wird zudem die Bedeutung der empathischen Unterstützung von Exploration und Spiel betont. Danach zeigt sich Feinfühligkeit in der Aufgeschlossenheit einer Erzieherin gegenüber der Weltsicht von Kindern, in ihrer Fähigkeit, die Erfahrungen eines Kindes angemessen in Worte zu fassen und so zu spiegeln, in ihrer Bereitschaft, mit Kindern in Prozesse geteilter Aufmerksamkeit und gemeinsamen Denkens zu treten, ihnen bei kognitiver und emotionaler Überforderung zu helfen und sich auch zugunsten der kindlichen Selbsttätigkeit zurückzunehmen.

Derart hochwertige pädagogische Beziehungsarbeit ist durchaus kräftezehrend; sie erfordert von den Erziehenden ein hohes Maß an emotionalem und kognitivem Engagement. Daher besteht ein großer Vorteil von Teilzeitkräften darin, dass sie etwa in eine Nachmittagsbetreuung neuen Schwung bringen können. Damit tragen sie zur Kontinuität der Betreuungsqualität bei und entlasten zugleich die Vollzeitarbeitenden.

Obgleich also viel dafür spricht, dass sich stundenweise betreuende Fachkräfte voll in das Gruppengeschehen einbringen, müssen aber auch die Grenzen einer solchen pädagogischen Beziehung reflektiert werden. Gute Teilzeitkräfte achten daher besonders auf die Gestaltung einer angemessenen Balance zwischen Nähe und Distanz . Sie zeigen insbesondere in psychisch oder körperlich nähehaltigen Situationen Taktgefühl , indem sie wissen, wann sie sich zurücknehmen müssen, damit die pädagogische Beziehung nicht übergriffig wird. Zurücknahme wird z.B. erforderlich, wenn ein Kind in seinem Verhalten deutlich macht, dass es sich lieber von seiner Bezugserzieherin und nicht von der Teilzeitkraft wickeln, trösten oder füttern lassen möchte.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es gerade in flexibel arbeitenden Einrichtungen, die über ein größeres Betreuungsteam und Teilzeitkräfte verfügen, besonders wichtig ist, Kinder nach und nach an alle Erzieher/innen zu gewöhnen . Die Relevanz der Bezugserzieherin wird durch diesen Ansatz nicht geschmälert, sondern erhöht. Ihre regelmäßige Anwesenheit bildet die Ausgangsbasis für Bindungssicherheit in der Einrichtung. Sie bildet zudem die Brücke von der dyadischen familienähnlichen Betreuungssituation hin zum Vertrautwerden mit der Gruppensituation. Teilzeitkräfte sind im Einrichtungsteam eine wichtige Ressource , um eine hohe Betreuungsqualität über den Tageslauf sicherzustellen und den Kindern zusätzliche Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Von ihnen ist vollwertige Bildungs- und Erziehungsarbeit zu erwarten, aber auch ein besonderes Bewusstsein für allfällig nötige Zurückhaltung und Distanznahme. Personalpolitisch ist auf Struktur- und Prozessebene auf ein angemessenes Verhältnis und eine gute Kooperation zwischen Vollzeit- und Teilzeitkräften zu achten, die diesen fachlichen Ansprüchen genügt.

Literatur

Ahnert, Lieselotte/Lamb, Michael (2011): Öffentliche Tagesbetreuung auf dem Prüfstand entwicklungspsychologischer Forschung. In: Keller, Heidi (Hg.): Handbuch der Krippenforschung. Huber. Bern, S. 330 – 364.

Brisch, Karl Heinz (2014): Das Krippenrisiko. Interview mit Karl Heinz Brisch. In: Die Zeit Nr. 04/2014.

Haug-Schnabel, Gabriele u.a. (2008): Flexible Betreuung von Unterdreijährigen im Kontext von Geborgenheit, Kontinuität und Zugehörigkeit. LVR-Dezernat Schulen und Jugend.

NICHD (1997): The Effects of Infant Child Care on Infant-Mother-Attachment Security. Results of the NICHD Study of Early Child Care. In: Child Development 68, S. 860 – 879.