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Ich bin ganz OHR!

Die Fähigkeit zum Zuhören ist nicht nur eine zentrale Bedingung für das Gelingen menschlicher Interaktion, sondern genauso Voraussetzung für schulischen Lernerfolg, denn im Unterricht werden Inhalte häufig mündlich vermittelt. Um die Fähigkeiten deutscher Grundschüler zum Zuhören steht es indes nicht gut, wie die Ergebnisse der IQB-Bildungsstudie 2017 offenbarten. Im folgenden Beitrag wird zunächst erläutert, was genau unter Zuhören zu verstehen ist, welche Schwierigkeiten sich manchmal dabei ergeben können und schließlich wie Zuhören bereits im Kindergarten gefördert werden kann.

Zuhör-Fähigkeiten schon in der Kita fördern

Zuhör-Fähigkeiten schon in der Kita fördern

Wir alle kommen von Geburt an als Hörende zur Welt. Hören bedeutet aber nicht automatisch zuhören, was in anderen Sprachen auch bereits durch die Verwendung verschiedener Verben für unterschiedliche Situationen ausgedrückt wird. Im Spanischen wird Musik z.B. nicht »gehört«, sondern mit dem Verb »escuchar« verbunden, das für das Zuhören steht. Das Englische etwa unterscheidet mit »to hear« im Sinne von Hören und »to listen« im Sinne von Zuhören (vgl. Hagen 2004, S. 36).

In der deutschen Sprache werden die Begriffe hören und zuhören im Alltag oft synonym verwendet. Wissenschaftliche Begriffsbestimmungen definieren dagegen das Hören als passiven unspezifischen Vorgang der akustischen Wahrnehmung und Verarbeitung von Schallereignissen. Zuhören wird bestimmt als die bewusste Wahrnehmung von Informationen, die verarbeitet werden, sodass das Gehörte einen Sinn ergibt (vgl. z.B. Spiegel 2009).

Carmen Spiegel (2006, S. 155) definiert Zuhören folgendermaßen: »Kognitiv betrachtet ist Zuhören ein Prozess, der aus mehreren Schritten besteht: Wir hören etwas, nehmen das Gehörte in den Aufmerksamkeitsfokus und versuchen einen Sinn zu konstruieren, den wir mit bereits Gehörtem (Erinnern) und dem, was wir noch hören werden, konsistent zu machen versuchen.«

Zuhören ist aber keineswegs nur als rezeptive Tätigkeit zu verstehen, denn während eine Person spricht, zeigen die Zuhörenden mit unterschiedlichen Aktivitäten an, wie sie zu dem, was der Sprecher gerade äußert, stehen. Sie zeigen etwa durch Nachfragen an, wenn sie etwas nicht verstanden haben oder helfen ggf. bei Formulierungsproblemen. Mit Interjektionen wie »ach«, »oje« usw. zeigen sie zudem ihre emotionale Beteiligung an den Sprecheräußerungen. Die Bedeutung dieses Rückmeldeverhaltens wird oft erst dann deutlich, wenn es nicht auftritt. Sprecher fühlen sich dann irritiert und haben den Eindruck, gegen eine Wand zu reden (vgl. Imhof 2003, S. 176).

Erfolgloses Zuhören

Manchmal kommt es auch vor, dass das Zuhören nicht gelingt. Trotz hoher Aufmerksamkeit und Konzentration ist es dem Zuhörer dann nicht möglich den Sinn des Gehörten zu rekonstruieren. Häufige Ursachen für dieses Problem sind einerseits nicht ausreichendes Vorwissen bzw. nicht ausreichende Sprachkenntnisse, andererseits aber auch Belastungen durch raumakustische Bedingungen. So können hohe Nachhallzeiten des Raumes die Sprachverständlichkeit verringern und eine Erhöhung des Grundgeräuschpegels bewirken. Zuhören wird anstrengender und ermüdender, da mehr kognitive Kapazität aufgewendet werden muss, um das Gehörte zu verstehen (vgl. Hagen 2004, S. 27 ff.).

Besonders für Kinder, die schon an sich Schwierigkeiten mit dem Zuhören haben, sei es durch periphere Hörstörungen oder wegen auditiver Wahrnehmungsstörungen, sind gute raumakustische Bedingungen daher bedeutsam. Gleiches gilt für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen sowie Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache: Akustische Belastungen durch eine ungünstige Gestaltung der Lernumgebung können dazu führen, dass die Aufnahmekapazitäten der Kinder noch schneller erreicht und sprachliche Informationen nur noch unvollständig aufgenommen werden (vgl. Hagen 2004, S. 28). Festzuhalten bleibt, dass Zuhören nicht nur eine zentrale Bedingung für das Gelingen menschlicher Interaktion und Kommunikation im Allgemeinen darstellt, sondern auch für erfolgreiches schulisches Lernen wesentlich ist, da nahezu alle Inhalte mündlich vermittelt werden.

Doch trotz des enormen Stellenwerts des Zuhörens für gelingende Kommunikation sowie schulische Bildungsprozesse scheint es nicht mehr selbstverständlich, einander ein »Ohr« zu schenken. Aus pädagogischer und psychologischer sowie soziologischer Sicht wird daher oft auf eine veränderte Wahrnehmungsfähigkeit hingewiesen, die an Intensität verliert. In Betracht gezogen wird auch, dass die Unverbindlichkeit beim Zuhören bzw. die Möglichkeit des »Weghörens« eine notwendige Strategie geworden ist, um mit der Vielfalt an Reizen und einer immer lauter werdenden Umwelt zurechtzukommen (vgl. Hagen/Huber 2010, S. 183).

In der Schule wiederum scheint das Zuhören in der Muttersprache eine Fähigkeit, die in der Regel als gegeben vorausgesetzt wird, ausgenommen bei Sonderfällen wie z.B. frühkindlichen Hörschädigungen (vgl. Behrens 2010, S. 32). Ein Blick auf die Ergebnisse der im letzten Jahr veröffentlichten IQB-Studie zeigt allerdings, dass diese Annahmen nicht richtig sind. Die Auswertung der Mathematik- und Deutschkenntnisse von 29.259 Viertklässlern ergab für den Bereich Zuhören einen deutlichen Leistungsabfall. So verfehlten bundesweit 10,8% der Kinder bereits den Mindeststandard bei der Aufgabe, aus einem gehörten Text Fragen zu beantworten (Zeit.de 2017).

Es besteht also dringender Handlungsbedarf, die Entwicklung der Zuhörfähigkeiten bei Kindern rechtzeitig zu unterstützen.

Beispiel-Setting: Besuch beim Arzt

Fachkraft: »Erzählen Sie doch mal, Herr Meier, wie sich ihre Tochter den Fuß gebrochen hat.«

Hans-Peter: »Letztes Mal abends war; ich in dem Bett war, meine Tochter noch wach war und Fernsehen geguckt und dann ich so gehört« (macht Trommelgeräusch) »Laute Musik und dann sie, dann sie …« (Hans-Peter gerät ins Stocken)

Ayse: »Du hast dann gesagt: Mach leiser!«

Hans-Peter: »Mach leiser, dann du hast Nein Nein gerufen und dann du mich hier oben getreten.« (zeigt die Höhe mit den Händen, spricht ernst und tief)

[…]

Förderung des Zuhörens

Nachfolgend wird nun in stark verkürzter Form das Verfahren ERZÄHL MAL WAS! © 2015 vorgestellt, das zur Sprachförderung und der Förderung des aufmerksamen Zuhörens bei Kindern ab 4 Jahren eingesetzt werden kann. In inszenierten thematisch unterschiedlichen Gesprächssituationen, die im Rahmen von Rollenspielen stattfinden, werden die Kinder zum Erzählen von Erlebnissen unterschiedlicher Art angeregt. Dabei wird das Kind von der Fachperson mit unterschiedlichen sprachlichen Strategien unterstützt, die sich im Hinblick auf den Erwerb von Erzählfähigkeiten als besonders erfolgreich erwiesen haben (Drick 2015). Durch die dialogische Grundsituation der Förderung erwerben die Kinder die Fähigkeit nicht nur in der Sprecherrolle, sondern lernen auch in der Zuhörerrolle, die Verantwortung für das Gelingen der Sprechhandlung zu übernehmen. Neben der sprachlichen Interaktion spielt aber auch die räumliche Gestaltung der Lernumgebung eine wichtige Rolle für eine erfolgreiche Förderung. Für das Spiel »Besuch beim Arzt« hat sich zum Beispiel folgende Raumgestaltung bewährt:

Ein Tisch mit zwei Stühlen bildet den »Erzählort«. Die Stühle werden so platziert, dass sich Fachkraft und Kind gegenübersitzen und immer Blickkontakt halten können. Das »Wartezimmer« wird nicht wie im realen Leben in einen gesonderten Raum verlegt, sondern wird durch das Aufstellen weiterer Stühle (oder eines kleinen Sofas) in unmittelbarer Nähe zum Erzählort simuliert. Die Teilnehmer/innen interagieren so durchgehend in relativer räumlicher Nähe, wodurch akustische Probleme vermieden werden. Darüber hinaus unterstützt die räumliche Gestaltung des Settings den Wechsel zwischen produktiven und rezeptiven Phasen, d.h. jene Kinder, die gerade nicht aktiv als Erzähler/innen in das Spielgeschehen involviert sind, können zuhörend an den Erzählungen der anderen Kinder teilnehmen und erhalten so die Gelegenheit zum Lernen am Modell.

Wie dies in der pädagogischen Praxis funktionieren kann, zeigt folgendes Beispiel, das im Rahmen der Erprobung von ERZÄHL MAL WAS! entstanden ist. Gezeigt wird das Setting »Besuch beim Arzt«, in dem ein Kind mit einer Sprachentwicklungsstörung (SSES) und ein Kind mit Deutsch als Zweitsprache als »Vater und Tochter« miteinander agieren. Der Ausschnitt beginnt mit der Aufforderung des Arztes an den Vater, er möge vom Unfall der Tochter erzählen.

Ayse zeigt in diesem Beispiel, dass sie bereits gut zuhören kann. Zunächst nimmt sie rezeptiv an Hans-Peters Ausführungen teil. Dadurch erhält sie die Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten und Sinn zu konstruieren. Aus diesem rezeptiven Zuhörerverhalten wechselt sie dann in die Rolle der aktiven Zuhörerin und hilft Hans-Peter bei seinen plötzlich auftretenden Formulierungsproblemen. Sie trägt damit aktiv zum Gelingen der Gesprächssituation bei, sowie es auch bei erwachsenen Zuhörern der Fall ist, wenn ein Erzähler plötzlich Schwierigkeiten bei der Formulierungsarbeit hat.

Fazit

Zuhören können ist eine bedeutende Kompetenz für viele Bereiche des Lebens, aber auch für eine erfolgreiche Teilhabe am Schulunterricht. Eine rechtzeitige Förderung, die (idealerweise) bereits im Kindergarten stattfinden sollte, kann Kinder dabei unterstützen diese Fähigkeit ausreichend zu entwickeln.

Literatur

Behrens, U. (2010): Aspekte eines Kompetenzmodells zum Zuhören und Möglichkeiten ihrer Testung. In: Bernius, V./Imhof, M. (Hrsg.): Zuhörkompetenz in Unterricht und Schule. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 318.

Drick, A. (2015): Sprachförderung im Kindergarten am Beispiel einer Intervention zur Förderung der Erzählfähigkeiten. Schneider Verlag Hohengehren.

Hagen, M. (2004): Förderung des Hörens und Zuhörens in der Schule. URL: https://edoc.uni-muenchen.de/2239/1/Hagen_Mechthild.pdf (Zugriff am 15.05.2018).

Hagen, M./Huber, L. (2010): Wie kann Zuhören gefördert werden? In: Bernius, V./Imhof, M. (Hrsg.): Zuhörkompetenz in Unterricht und Schule. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Imhof, M. (2003): Zuhören. Psychologische Aspekte auditiver Informationsverarbeitung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Spiegel, C. (2006a): Heißt Kommunizieren etwa auch Zuhören? In: Wagner, R./Brunner, A./Voigt-Zimmermann, S. (Hrsg.): Hören-lesen-sprechen. München: Reinhard. S. 153–162.

Spiegel, C. (2009): Zuhören im Gespräch. In: Krelle, M./Spiegel, C.(Hrsg.): Sprechen und Kommunizieren. Schneider Verlag Hohengehren. S. 189–202.

Zeit.de (2017): Mathe, Zuhören, Rechtschreibung: Grundschüler fallen zurück. URL: https:// www.zeit.de/news/2017-10/13/bildung-bildungsstudie-zeigt-niveau-bei-deutschlands-grundschuelern-13050603 (Zugriff am 15.05.2018).