zurück nach oben

„Ich will das selbst machen!“ – Den Umgang mit kindlicher Selbsttätigkeit gestalten

In der Selbsttätigkeit verwirklichen Kinder ihr Streben nach Autonomie. Geben wir Kindern die Möglichkeit, diesem Bedürfnis nachzugehen und tatsächlich selbsttätig, statt nur selbst tätig zu sein, so geben wir ihnen die Möglichkeit, sich wahrhaftig selbst zu bilden. Was es hierfür braucht, sind achtsame Erzieher/innen und geeignete Alltagsstrukturen.

 

die Selbstständigkeit der Kinder inder Kita fördern

© oksun70

Die Selbsttätigkeit von Kindern stellt aktuell einen zentralen Bezugspunkt der pädagogischen Arbeit mit Kindern dar. Ob in der Literatur, den Konzeptionen oder den Bildungsplänen, überall erfährt die kindliche Selbsttätigkeit eine besondere Beachtung. Mit unserem aktuellen Wissen gehen wir davon aus, dass Kinder vor allem durch Eigenaktivität und soziale Interaktionen lernen, dass sie aufgrund eines inneren Antriebs lernen wollen und dass die emotionale Bewertung, welche durch die Interaktionen entsteht, grundlegend für den Lernprozess ist (vgl. Braun 2012, 20 ff.).

Was es für Kinder bedeutet, selbsttätig zu sein

Doch meint selbsttätig zu sein nicht nur selbst tätig zu sein. Es bedeutet, nicht eine Handlung nur selbst auszuführen. Vielmehr meint selbsttätig sein für Kinder, etwas aus einem inneren Bedürfnis herauszutun, selbst darüber zu entscheiden, welches Ziel sie mit der Handlung verfolgen ebenso wie lange, mit wem, wo und womit sie ihre Tätigkeit ausführen (vgl. Böhm 2005, 583). Diese Elemente einer Handlung selbst bestimmen zu können, bedeutet für Kinder wahrgenommen und geachtet zu werden. Denn wird Bildung als Selbstbildung verstanden, so wird Selbsttätigkeit als ein Bedürfnis von Kindern angesehen und als handlungsleitendes Merkmal ihrer Weltaneignung respektiert  (vgl. Laewen 2002, 60 f.). Dabei bedeutet selbsttätiges Handeln nicht ausschließlich vom Kind initiiertes Handeln. Ebenso sind Erzieher/innen gefordert, Selbsttätigkeit anzuregen, zu ermöglichen und herauszufordern.

Den selbsttätigen Handlungen autonomiefördernd begegnen

Wie wir Erwachsenen mit der kindlichen Selbsttätigkeit umgehen, ist alles andere als unerheblich, denn, wie Schäfer betont, werden Kinder sich erst dann tatsächlich bilden können, wenn Erwachsene die selbsttätigen Handlungen der Kinder bewusst wahrnehmen, aufgreifen, unterstützen und kulturell herausfordern (vgl. Schäfer 2008, S. 125). Einen Hinweis darauf, was es für Kinder bedeutet, wenn Erwachsene ihnen den Raum und die Möglichkeit zur Selbsttätigkeit geben, finden wir in den Forschungen von Deci und Ryan zur Selbstbestimmung von Kindern, welche ein zentrales Merkmal von Selbsttätigkeit ist. Die Untersuchungen heben den entscheidenden Einfluss des Umgangs mit der Selbsttätigkeit von Kindern hervor. Erfahren Kinder eine autonomiefördernde Rückmeldung auf ihre Handlungen so steigert das die Einschätzung ihrer eigenen Kompetenz (vgl. Deci & Ryan 1993). Die Rückmeldung kann sowohl durch positives als auch negatives Feedback erfolgen. Entscheidend dabei ist, dass sie im Sinne der Autonomieförderung als Unterstützung und Motivation erlebt wird. Doch was bedeutet es, der kindlichen Selbsttätigkeit autonomiefördernd zu begegnen? Es bedeutet, den Kindern Zeit, Raum und Anreize für ihre selbsttätigen Handlungen zu geben. Es bedeutet, selbsttätige Handlungen zuzulassen, sie anzuregen und zu unterstützen, statt sie zu lenken, zu unterbrechen, zu verwehren oder die Handlungen selbst zu übernehmen.  Eine solche Unterstützung der kindlichen Autonomie wirkt sich vor allem positiv auf das Empfinden und die Wahrnehmung des Selbst und der sozialen Umwelt aus (vgl. Deci & Ryan 1993). Was es hierfür braucht, ist eine Kita mit Freiräumen für Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit und das nicht nur innerhalb einer begrenzten Freispielzeit.

Alltagsstrukturen bestimmen den Rahmen für Selbsttätigkeit

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir Erwachsene es sind, die mittels ihrer pädagogischen Entscheidungen darüber bestimmen in welchem Umfeld sich Kinder bewegen dürfen. Wir sind es, die durch die Strukturierung des Alltags und den Umgang mit den Handlungen der Kinder in jeder einzelnen Situation die Möglichkeiten ihrer Selbsttätigkeit entweder eröffnen oder begrenzen.

Obwohl die kindliche Selbsttätigkeit derzeit den Ausgangspunkt der pädagogischen Arbeit darstellt, ist zu beobachten, dass ihr innerhalb der Kitas eine je unterschiedliche Bedeutung zukommt. Welcher Stellenwert der Selbsttätigkeit verliehen wird, spiegelt sich u.a. in der Ausgestaltung der pädagogischen Konzeption hinsichtlich der Raumaufteilungen, der Strukturierung des Alltags sowie der Gruppen wider. Dabei gibt es Kitas, in welchen den Kindern nur bedingt Möglichkeiten zur Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung zur Verfügung gestellt werden. Durch die (Fremd-)Bestimmung fester Gruppenstrukturen und räumlicher Eingrenzungen werden die Möglichkeiten für Kinder wo sie wann, mit wem, womit, wie lange tätig sein können begrenzt. Erfahrungsberichte zeigen, dass hiermit meist eine relativ große Gruppengröße sowie eine eng aufeinander folgende Alltagsstrukturierung und Raumbegrenzung einhergeht. Demgegenüber stehen Kitas, in welchen eine solche Organisation des Alltags der Auslöser für eine sogenannte Öffnung war. Aus der Offenheit gegenüber den Bedürfnissen des einzelnen Kindes resultiert eine Öffnung der Raum- und Gruppengrenzen, wodurch auch die Möglichkeiten der Kinder für Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung eine starke Erweiterung erfahren. In diesen Kitas sind die Übergänge zwischen den Phasen des Tagesablaufs für die Kinder und Erzieher/innen flexibel und individuell gestaltbar und es besteht die Möglichkeit zur selbstbestimmten Gestaltung der einzelnen Tagesphasen sowie eine (zumindest zeitweise) Auflösung der fremdbestimmten Gruppenstrukturen. Selbstverständlich bestehen auch hier Begrenzungen der Möglichkeiten, doch sind diese durch die Begrenzung auf die Räume, Kinder, Erzieher/innen, Materialien etc. der einzelnen Kita statt der einzelnen Gruppe stark erweitert.

Verschiedene Alltagsstrukturen = verschiedener Umgang?

Letztlich stellen diese Strukturen jedoch nur einen Rahmen für die Handlungen der Kinder und der Erzieher/innen zur Verfügung. Über die tatsächliche Ausgestaltung entscheidet die einzelne Erzieherin und der einzelne Erzieher in der konkreten Situation. Es stellt sich daher die Frage ob in Strukturen, welche den Kindern mehr Möglichkeiten zum Ausleben ihrer Selbsttätigkeit eröffnen, Kinder auch tatsächlich ihre selbsttätigen Handlungen in größerem Umfang verwirklichen können. Erfahren Kinder also in offenen Strukturen tatsächlich auch einen autonomiefördernderen Umgang? Bedeutet ein stärker begrenzter struktureller Rahmen zugleich, dass weniger autonomiefördernd mit den Handlungen der Kinder umgegangen wird, dass ihre selbsttätigen Handlungen eher verwehrt, unterbrochen oder gelenkt werden?

Diesen Fragen gingen wir im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung nach. Hierbei wurden zwölf Erzieher/innen in sechs verschiedenen Kitas in ihrem Umgang mit kindlicher Selbsttätigkeit beobachtet. Die Kitas unterschieden sich dahin gehend, dass jeweils drei von ihnen in festen bzw. in geöffneten Gruppen- und Alltagsstrukturen arbeiten. Die Ergebnisse der Untersuchung offenbarten einen Zusammenhang zwischen dem Umgang der Erzieher/innen und der Art der Strukturen. Es zeigte sich, dass die beobachteten Erzieher/innen in den Kitas mit geöffneten Strukturen entscheidend häufiger autonomiefördernd mit den selbsttätigen Handlungen der Kinder umgehen. Nahezu dem gleichen Anteil der selbsttätigen Handlungen der Kinder, welchen in den geöffneten Strukturen autonomiefördernd, d.h. durch gewähren, anregen oder unterstützen der Tätigkeiten begegnet wurde, wurde in den begrenzenden Strukturen autonomiehemmend, d.h. durch lenken, abnehmen, unterbrechen oder verwehren der Tätigkeiten begegnet. Ein erweiterter Handlungsrahmen geht in diesen Kitas mit der Erweiterung der tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten der Selbsttätigkeit der Kinder einher. Kontrollanalysen zeigten, dass das Alter der Kinder sowie das Alter, Geschlecht und die Qualifikation der Erzieher/innen als Ursache für die Ergebnisse ausgeschlossen werden konnten. Zwar kann dieses Ergebnis aufgrund seiner vergleichsweise kleinen Untersuchungsanlage zunächst nur als Hinweis angesehen werden, dennoch ist es ein wichtiger Hinweis auf die stärkere Ermöglichung einer zentralen Eigenschaft kindlichen Lernens in bestimmten Formen der Alltagsstrukturierung. Es ist ein Hinweis darauf, dass die selbsttätigen Handlungen von Kindern in offenen Strukturen eine stärkere Autonomieförderung erfahren.

Auch Erzieher/innen brauchen Freiräume

Die Erkenntnis, dass der autonomiefördernde Umgang mit Selbsttätigkeit in Kitas, welche ihre Alltagsstrukturierung nach dem Prinzip der Selbstbestimmung organisieren, offensichtlich in einem höheren Maß geschehen kann als in Kitas, die dieses Prinzip begrenzen, ist eine entscheidende.  Was hierbei offensichtlich wird, ist, dass es nicht nur die Kinder sind, für welche diese Strukturen zur Verwirklichung ihrer Selbsttätigkeit wichtig sind. Ebenso benötigen die Erzieher/innen Freiräume, um den selbsttätigen Handlungen der Kinder tatsächlich autonomiefördernd begegnen zu können. Oft erfahren auch sie durch die Strukturen des Alltags eine Begrenzung. Diese führt dazu, dass Erzieher/innen selbsttätige Handlungen nicht zulassen, unterstützen und anregen können, müssen sie doch bspw. alle Kinder zum Aufräumen bringen, um gemeinsam in den Garten oder zum Essen zu gehen.

Es gilt, daher herauszufinden, ob die bestehenden Strukturen der Kita einen geeigneten Handlungsrahmen für die Selbsttätigkeit der Kinder bieten. Damit einhergeht eine ebenso notwendige Reflexion der Begrenzungen. Wird der Selbsttätigkeit des Kindes nicht autonomiefördernd, sondern durch Lenkung, Unterbrechung, Verwehrung oder Abnahme begegnet, so ist es wichtig, dass dies bewusst und reflektiert geschieht. Es gilt, diese Situationen zu hinterfragen und herauszufinden, ob der Abbruch der selbsttätigen Handlung notwendig war und warum er notwendig war. Statt der Überordnung der erzieherischen Handlungsziele und des eigenen Bedürfnisses muss das zugrunde liegende Bedürfnis des Kindes wahrgenommen werden. Was durch diesen Fokus auf kindliche Selbsttätigkeit geschieht, ist eine stärkere Achtsamkeit für die kindlichen Handlungen.

Fazit

Wird der Umgang mit kindlicher Selbsttätigkeit autonomiefördernd gestaltet, ist Bildung und Erziehung nicht länger ein Ziel der Erwachsenen, sondern wahrhaftig ein Prozess des einzelnen Kindes.  Den Fokus auf die Selbsttätigkeit der Kinder zu richten ist eine große Herausforderung für jede Erzieherin und jeden Erzieher, welcher es sich als Wegbegleiter des Kindes zu stellen gilt – auch und gerade wenn dies bedeutet, das Leben in der Kita neu zu gestalten.

Literatur

Böhm, Winfried (2005): Wörterbuch der Pädagogik. 16., vollständig überarbeitet Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.

Braun, Anna Katharina (2012): Früh übt sich, wer ein Meister werden will – Neurobiologie des kindlichen Lernens.

URL: www.weiterbildungsinitiative.de/uploads/media/Expertise_Braun.pdf .

Deci, Edward L./Ryan, Richard M. (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik In: Zeitschrift für Pädagogik. Heft 2. Jahrgang 39. S. 223 – 238.

Laewen, Hans-Joachim (2002): Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen. In:. Laewen Hans-Joachim/Andres Beate (Hrsg.): Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit. Bausteine zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlag.

Schäfer, Gerd E. (2008): Bildung in der frühen Kindheit. In: Thole, Werner/Rossbach, Hans-Günther/Fölling-Albers, Maria/Tippelt, Rudolf (Hrsg.): Bildung und Kindheit. Pädagogik der frühen Kindheit in Wissenschaft und Lehre. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich. S. 125-140.