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Kein Kind braucht Grenzen oder gerade doch...?

Das "Bildgedächtnis" als Basis für die Ausprägung des Bildverhaltens. Erzieher/innen sind permanent mit der Aufgabe konfrontiert, das Verhältnis der individuellen Förderung von Kindern und die Vermittlung von sozial akzeptierten Werten und Normen zu balancieren. In der pädagogischen Praxis ist hierbei eine Tendenz zu beobachten, bei der primär die Durchsetzung allgemein gültiger Verhaltensstandards vonseiten der Erwachsenen verlangt wird und dadurch die individuellen Entwicklungsbedürfnisse der einzelnen Kinder zurückstehen.

Grenzen setzen und individuelle Entwicklung ermöglichen in der Kita - ein Modell

© Sport Moments

Das hierbei verfolgte Kalkül der "Gleichmacherei" entbindet damit von der individuellen Differenzierung oder Abweichung von den gültigen Regeln in Bezug auf das einzelne Kind. Dies wurde mir im Gespräch mit einer Erzieherin deutlich, als sie davon berichtete, dass die "Musikschule", als Extra-Angebot in ihrer Kita, grundsätzlich auf zehn Kinder beschränkt ist und von dieser Struktur vonseiten ihrer Kollegin auch nicht abgewichen wurde, als neulich ein weiteres Kind dazu kommen und mitmachen wollte. Diese streng gesetzten Rahmenvorgaben, von denen auch nicht ausnahmsweise zugunsten eines Kindes abgewichen wird, bremsen die Kinder in ihrem natürlichen Entwicklungs-, Erkundungs- und Eroberungsdrang und beschränken sie letztlich in ihrer Kompetenzentwicklung auf die Bewältigung des Angebotes, das die Erwachsenen für sie auswählen bzw. ihnen erlauben. Aus fachlicher Sicht muss hierbei festgestellt werden, dass diese Vorgehensweise die erfolgreiche und umfassende Kompetenzentwicklung der Kinder geradezu verhindert. Schließlich brauchen die Kinder ein "Testfeld" bzw. ein bestimmtes Maß an Freiheit, um überhaupt Grenzen und Regeln akzeptieren zu können. Es geht demzufolge um ein ausgewogenes Verhältnis des kindlichen Ausprobierens eigener Grenzen und der Einhaltung des von außen vorgegebenen Rahmens. Dies ist im Alter von null bis zwei Jahren besonders wichtig, da sich in diesem Zeitraum das sog. "Bild-Gedächtnis" herausbildet.

Diese neue Etappe der Gedächtnisentwicklung des Kindes ermöglicht ihm überhaupt erst, Situationen bewusst wahrzunehmen und zu erinnern. Darüber hinaus entwickelt das Kind damit die Kompetenz, Situationen zu unterscheiden und seine individuellen Bedürfnisse situationsangemessen zu regulieren bzw. zurückzustellen. So wird beispielsweise ein Kind, ohne dass das "Bild-Gedächtnis" entwickelt ist, innerhalb seines Verhaltens auch nicht unterscheiden können, ob das Mittagessen zu Hause oder in der Öffentlichkeit, im Restaurant, stattfindet. Demzufolge benötigt das Kind für diesen Entwicklungsschritt den Erwachsenen als "Modell", an dem es orientieren kann, wie dieser sein Verhalten und damit auch seine Grenzen je nach Situation anders bemisst. Auf dieser Grundlage hat das Kind eine Chance, selbst auch variable Formen der Situationsbewältigung zu trainieren, die ihm für sein weiteres Leben als Basis zur Verfügung stehen. Diesen Vorgang können die Erzieher/innen in ihrer pädagogischen Praxis sehr gut befördern und unterstützen, wenn sie ihre Vorgehensweise an den jeweiligen, individuellen Vorerfahrungen eines Kindes orientieren, da jedes Kind andere Voraussetzungen dafür mitbringt, die Fremdbestimmung durch andere Personen bzw. deren Regeln zu akzeptieren.

Die "Regulative Bild- und Filmtherapie" als Unterstützung Ihrer pädagogischen Arbeit

An diesem Punkt bietet die "Regulative Bild- und Filmtherapie" nach Prof. Dr. Bernd B. Schmidt ein umfassendes Unterstützungsmodell, da diese Methode die entsprechenden Grundlagen für die Einschätzung des aktuellen Entwicklungsstandes eines Kindes zur Verfügung stellt. Innerhalb der drei Verfahrensschritte "Verhaltens-Beobachtung, Verhaltens-Analyse und Verhaltens-Regulation" wird das ausgewählte Kind anhand seines körperlichen und sprachlichen Verhaltens diagnostisch eingeschätzt und anhand dessen ein professionelles Vorgehen für die nachhaltige Verhaltensregulation des ausgewählten Kindes entwickelt und gemeinsam mit dem Kind praktisch erprobt. Hierbei gilt der Grundsatz, dass die Verhaltens-Beobachtung und die Verhaltens-Analyse des Kindes niemals abgeschlossen sind, sondern die Diagnose immer wieder anhand der Verhaltensentwicklung des Kindes überprüft und ggf. korrigiert werden muss. Die konkrete Vorgehensweise dieser Methode soll nun anhand eines Fallbeispiels beschrieben werden.

Verhaltens-Beobachtung

Innerhalb der "Verhaltens-Beobachtung" ist zunächst interessant, welche Verhaltensweisen ein Kind für die Bewältigung der aktuellen Situation entwickelt hat. Dabei orientiert sich die Beobachtung grundsätzlich daran, was das ausgewählte Kind im Vergleich zu den anderen Kindern macht und was bei ihm besonders "augenfällig" ist. In Bezug auf das individuelle "Bild-Verhalten" eines Kindes ist insbesondere zu dokumentieren, ob und wie es in der Lage ist, eigene Grenzen gegenüber anderen Kindern zu offenbaren und zu verteidigen bzw. deren Grenzen zu akzeptieren. Werden bestimmte Verhaltensweisen in Wiederholung beobachtet, so können diese als individuelle Verhaltensregulative des Kindes bewertet werden. Sie sind Sicherheitskonstruktionen des Kindes und dadurch für die Verhaltensanalyse des Kindes von besonderer Bedeutung. Für Marvin lassen sich folgende typische Verhaltens-Regulative feststellen:

  • Marvin hat permanent den höchsten Körperrhythmus und nimmt dadurch massiv Einfluss auf das Spielgeschehen. Er versucht, es zu kontrollieren. Die Spielideen anderer Kinder lässt er nicht zu und sanktioniert diese auch verbal.
  • Er stimuliert sich selbst taktil durch eigenen Körperkontakt und das Berühren der Bausteine. Außerdem veräußert er sich lautstark in der Situation, sodass die Tonalität der Situation stark von ihm bestimmt wird.
  • Es fällt auf, dass Marvin eine ganz konkrete Vorstellung von seinem Haus hat. Auf die Abweichung von seinen Spielideen durch andere Kinder reagiert er mit Wutausbrüchen, die sich bis zur Autoaggression steigern.
  • Marvin ist in der Spielsituation ausschließlich auf sich bezogen und spielt, obwohl er in einer Gruppe von Kindern ist, allein.

Verhaltens-Analyse

An die "Verhaltens-Beobachtung" des ausgewählten Kindes schließt sich die "Verhaltens-Analyse" an. Sie dient dazu, die Ursachen der bisher dokumentierten individuellen Verhaltens-Regulative des Kindes zu erforschen. Da die individuellen Verhaltensweisen eines Kindes immer anhand seiner biografisch erworbenen Erfahrungen zu begründen sind, wird nun versucht, Thesen darüber zu bilden, welche Erfahrungen das Kind bisher gesammelt haben muss. Demzufolge steht nun das "Warum?" im Mittelpunkt. Für die Analyse ist es wichtig, alle individuellen Verhaltens-Regulative des Kindes einzubeziehen und insgesamt nachvollziehbar zu begründen. Nach eingehender Analyse kann für Marvin folgendes angenommen werden:

Marvin sichert sich durch seinen permanent hohen Bewegungsrhythmus die Kontrolle der Situation. Er versucht, das Spielgeschehen maßgeblich zu bestimmen und reglementiert die anderen Kinder. Dadurch, dass er dauerhaft die dominante Position behauptet und damit seine Kontrolle nicht abgeben will, ist anzunehmen, dass die Abgabe von Kontrolle mit sehr starken Verletzungs- und Demütigungserfahrungen zusammenhängt. Er vermeidet den Wechsel in eine andere Position, um sich der Kontrolle bzw. der Dominanz einer anderen Person nicht ausliefern zu müssen, da dies wahrscheinlich ein traumatisches Erlebnis auslösen würde. Diese Annahme findet Bestätigung darin, dass er mit Wutausbrüchen reagiert, sobald er die Kontrolle zu verlieren scheint. Dies ist ein Ausdruck dafür, unter welchem enormen Druck das Kind steht. Marvin hat innerhalb seines familiären Umfeldes wahrscheinlich wenig Akzeptanz für seine Bedürfnisauslagerung von Bewegung und Atmosphäre erfahren und wurde dadurch als Person stark abgelehnt. Diese Nicht-Akzeptanz seiner Person schlägt sich in der Form seiner Beziehungsgestaltung nieder: Er bringt den Anderen auch Ablehnung entgegen, da er selbst nichts anderes erfahren hat. Die Autoaggressionen stehen damit in engem Zusammenhang. Indem sich Marvin selbst schlägt, nimmt er die Sanktionierung durch andere Erwachsene vorweg, wodurch er das Ausmaß seiner Verletzung selbst bestimmen kann. Es kann demzufolge angenommen werden, dass er starke Sanktionierungen erfahren hat und zudem gelernt hat, dass er nur dann Beziehung zu seinen Bezugspersonen bekommt, wenn er sich an deren strengem Grenz- und Normsystem orientiert. Diese starke Fremdrahmung durch andere Personen hat wahrscheinlich dazu geführt, dass er sich selbst in seinen Verhaltensmöglichkeiten sehr stark begrenzt, um keine Sanktionierung hervorzurufen. Dementsprechend steht Marvin unter einem enormen Druck, da er sein Verhalten einerseits stark kontrollieren muss und andererseits nicht alle, ihm zur Verfügung stehenden Kompetenzen nutzen kann. Dadurch entsteht eine Art "Energiestau" in seinem Körper, den er in Form seiner Wutausbrüche zu regulieren versucht. Mit seinen aktuell entwickelten Verhaltens-Regulativen ist er jedoch lediglich ersatzweise in der Lage, seine Verunsicherung zu minimieren. Seine Sehnsucht nach einer stabilen, dualen Bezugsperson, die ihn akzeptiert und wertschätzt, bleibt bestehen. Diese Sehnsucht kann er anhand seiner aktuell entwickelten Verhaltens-Regulative nicht allein befriedigen. Er benötigt für diesen Vorgang professionelle Hilfe.

Verhaltens-Regulation

An dem beschriebenen Einzelfall ist ersichtlich geworden, wie nachhaltig sich die Fremdrahmungskonzepte anderer Personen in das individuelle Verhaltenskonzept eines Kindes einschreiben können. Sie können demzufolge auch zur Verhinderung einer optimalen psychischen, physischen und mentalen Entwicklung des Kindes führen. Deshalb ist für eine professionelle Pädagogik die Konsequenz abzuleiten, dass die individuelle Verhaltens- und Bedürfnisauslagerung eines Kindes zum Maßstab konkreten pädagogischen Handelns erklärt werden sollte. Denn allgemein gilt: Je vielfältiger die Möglichkeiten sind, in denen sich ein Kind testen und ausprobieren kann, umso variabler ist es auch in seinem individuellen Verhaltensrahmen. Dadurch ist es ihm möglich, ein breites Repertoire an Handlungsmechanismen abzurufen und dementsprechend verschiedene situative Anforderdungen zu meistern. Jedes Kind, welches die Akzeptanz der Auslagerung seiner Bedürfnisse durch den Erwachsenen erfährt, wird auch dessen Regeln und Grenzen akzeptieren können. Gelingt es dem Pädagogen in das psychische System des Kindes einzusteigen, von ihm akzeptiert zu werden und eine stabile Beziehung zu ihm aufzubauen, so wird das Kind ihm umgekehrt auch mit Wertschätzung entgegen kommen. Kein Kind würde eine stabile duale Beziehung aufs Spiel setzen, nur um seine individuelle Bedürfnislage permanent zu befriedigen. In diesem menschlich-dualen Grundkonzept liegt damit auch die Chance für die Pädagogik, den Balanceakt zwischen individueller Förderung und sozialer Integration eines Kindes zu gewährleisten.

Die "therapeutische Fremd-Regulation" von Kindern kann demzufolge als Unterstützungssystem für Kinder verstanden werden, deren bisherige Entwicklung beeinträchtigt ist, deren individuelle Verhaltens-Regulation ihr eigenes Sehnsuchtskonzept nur ersatzweise und damit unbefriedigend stillt oder deren individuelle Rahmung immer wieder mit der sozialen Rahmung kollidiert. Auf der Grundlage der analytischen Einschätzung des Verhaltens eines Kindes werden für die therapeutische Verhaltensregulation Ziele formuliert, die mit dem Kind spielerisch bearbeitet werden. Auch hierbei ist der erste und wichtigste Schritt die Beziehungsarbeit. Ohne Akzeptanz für seine, möglicherweise sozial inakzeptablen, individuellen Verhaltensweisen ist die Erreichung der formulierten Regulationsziele ausgeschlossen. Insofern gilt es zunächst, das Kind zu gewinnen, indem man ihm ein Maximum an Wohlwollen, Bestätigung und Wertschätzung entgegenbringt. Dies geschieht primär über den Körper selbst, indem sich der Therapeut auf sämtliche, vom Kind vorgeschlagene Spielangebote einlässt, mitmacht und sie körperlich mitgestaltet. Der Verlauf einer Regulation soll nun für den Einzelfall "Marvin" konkretisiert werden:

Zu Beginn hat sich der Therapeut stark an den Spielvorgaben von Marvin orientiert. Dies war notwendig, um Marvin in seinem Verhaltenskonzept zu sichern. Dadurch durfte Marvin zunächst dauerhaft das Spielgeschehen dominieren. Der Therapeut hat sich folglich von Marvin bestimmen lassen und all seine Spielideen mit umgesetzt, so dass die Beiden zusammen Buden gebaut haben, im Bällebad getobt sind, auf Hüpfbällen fangen gespielt haben usw. Durch das "Mitspielen" des Therapeuten hat Marvin enorme Bestätigung und Akzeptanz seiner Person durch einen Erwachsenen erfahren. Dadurch konnte er eine neue, positive duale Beziehungserfahrung machen. Marvin hat den Therapeuten fortan als stabilen Bindungspartner akzeptiert und eine große Lust daran entwickelt, ihn mit seinen Spielideen immer wieder aufs Neue herauszufordern. Das bedeutet, dass Marvin mit zunehmender Akzeptanz des Therapeuten auch Grenzbereiche getestet hat, indem er beispielsweise den Waschraum der Kita mit Wasser geflutet hat. Diese Verhaltensweisen dienten der Überprüfung, in wieweit die Beziehung des Therapeuten zu ihm stabil war. Diese von Marvin installierte "Provokation" des Therapeuten war ein Zeichen dafür, dass er versuchte, seine "alten" Erfahrungen mit Erwachsenen, i.S.v. Demütigung und Sanktion zu bestätigen und damit auch eine Bestrafung vom Erwachsenen erwartete. In diesen Momenten war es ganz entscheidend, dass der Therapeut nicht sanktionierend eingegriffen hat, sondern versucht hat, Marvin zum gemeinsamen Aufräumen zu bewegen. Darauf hat Marvin in den ersten Einheiten mit viel Abwehr reagiert, sich selbst geschlagen und immer noch mehr Chaos produziert. Dabei ist der Therapeut ihm gegenüber wohlwollend geblieben, hat alles mitgemacht und dann nach und nach das gemeinsame Aufräumen eingefordert. Im Laufe weiterer Regulationen konnte Marvin immer besser mit dieser Grenzsituation umgehen. Dies bildete die Basis dafür, dass er die Regel- und Grenzvorgaben anderer Personen akzeptieren konnte. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Kita ist es gelungen, eine Erzieherin in das therapeutische Setting mit Marvin zu integrieren. Diese hat unter der Anleitung des Therapeuten mit Marvin daran gearbeitet, dass er sie als stabile Bezugsperson akzeptierte. So konnte die Rolle des Therapeuten auf die Erzieherin übertragen werden. Dadurch war es möglich, dass Marvin nach und nach auch ihre Regelvorgaben akzeptieren konnte. Im weiteren Verlauf ist es durch die intensive Arbeit mit den Eltern von Marvin gelungen, seine erworbenen Verhaltenskompetenzen weiter zu stabilisieren. Er konnte den Gruppenalltag fortan erfolgreich bewältigen.

Fazit

Kinder verstehen die Welt vollkommen anders als Erwachsene! Dies ist die Leitidee einer kompetenten Pädagogik, die sich dadurch auszeichnet, dass sie das individuelle Verhaltenskonzept eines Kindes mit den sozialen Rahmenvorgaben so verbindet, dass die psychische, physische und mentale Entwicklung des jeweiligen Kindes in optimaler Weise gefördert wird. Die Methode der "Regulativen Bild- und Filmtherapie" liefert hierfür die entsprechenden Techniken. Damit ist dieses Verfahren höchst praxisrelevant und bildet die Grundlage für eine Pädagogik, die Professionalität in höchstem Maße beansprucht.