zurück nach oben

Kinder mit Fluchterfahrung in der Kita: Der gemeinsame Alltag

Jedes Kind bringt mit dem Besuch der Kita seine eigene Persönlichkeit und Lebensgeschichte mit. Insbesondere Kinder mit Fluchterfahrung sind dabei von den Eindrücken ihres bisherigen Lebens geprägt und in vielerlei Hinsicht belastet. Daher ist es die Aufgabe der Kita, ihnen einen »normalen« Alltag zu ermöglichen und sie für ihr zukünftiges Leben zu stärken.

Kinder mit Fluchterfahrung in der Kita: Der gemeinsame Alltag

Es ist schwer vorstellbar, was die Kinder während ihrer Flucht erlebt haben – welche Bilder tragen sie in ihren Gedanken mit sich? Welche Gefühle haben sie verspürt – Trauer, Sorge oder gar Todesangst? Welche Geschichte prägt ihr Leben? Dies sind Fragen, welche die Kinder in die Kita hinein tragen. Fragen, die häufig nicht beantwortet werden können.

Der Verlust von Sicherheit und Halt

Solche Erlebnisse führen bei den Kindern dazu, dass sie das Gefühl der Sicherheit verloren haben. Das Vertrauen in die Welt und die Hoffnung auf ein »normales« Leben werden überschattet von den Gedanken und Gefühlen, die ihnen die Flucht bereitet hat. Diese Unsicherheit hemmt die Entwicklung des Kindes enorm. Um ein Bild von sich selbst und der Welt und eine starke Persönlichkeit entwickeln zu können, braucht das Kind Selbstvertrauen und stabile Beziehungen, denn nur wenn es sich geborgen und sicher fühlt, kann es sich positiv entwickeln (vgl. MIFKJF RLP 2014, S. 28 f.).

Die Kita als sicherer Ort

Unabhängig von den Erfahrungen, die ein Flüchtlingskind mit seinen Eltern auf seinem bisherigen Weg gemacht hat, ist der Besuch der Kita erst einmal eine unbekannte Situation. Versetzt man sich in die Kinder hinein, lässt sich eine große Unsicherheit und Fremdheit nachvollziehen. Die eigenen Gefühle und Ängste sowie die der Eltern treffen aufeinander. Eine Situation, die für ein Kind eine große Herausforderung darstellt.

Um an Sicherheit zu gewinnen, muss das Kind mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen wahrgenommen werden und eine stützende Konstante zur Seite gestellt bekommen. Durch diese Zuwendung wird es in seiner Selbstwirksamkeit bestärkt und lernt durch die Beziehungen zu anderen Menschen, sich selbst und anderen zu vertrauen.

Durch ein vielfältiges Angebot erhalten die Kinder in der Kita die Möglichkeit, ihren Gedanken und Gefühlen auf unterschiedlichste Weise einen Ausdruck zu geben. Sie können z.B. aufgestaute Wut in Bewegungen auslassen, Gesehenes auf Papier bringen und Erlebnisse, die sie beschäftigen, nachspielen. Dies wirkt sich positiv auf den Verarbeitungsprozess des Kindes und dessen Selbstbild aus. Bei diesem Prozess wird das Kind von der Erzieherin sensibel begleitet – es findet bei ihr Ansprache, Trost, Wertschätzung und eine herzliche Umarmung. Die vertrauensvolle Beziehung zu sich selbst und dem Gegenüber ist die Grundlage für das Gefühl von Rückhalt und Sicherheit.

Sicherheit durch Rituale

Das Kind spüren zu lassen, dass es mit seiner Lebensgeschichte, Kultur und Religion, seiner Persönlichkeit, seinen Wünschen und Träumen, seinen Hoffnungen und Ängsten, unabhängig von seiner Sprache und Herkunft, herzlich willkommen geheißen wird, ist das wichtigste Fundament dafür, dass es sich sicher und geborgen fühlt.

Die Entwicklung dessen ist ein Prozess, der Zeit und Zuwendung braucht. Infolge der Fremdheit, die die Flüchtlingskinder in der ersten Zeit ihres Kita-Besuchs verspüren, fällt es ihnen nicht leicht, sich zugehörig und angenommen zu fühlen.

Deshalb versuchen die frühkindlichen Einrichtungen ihr bestmöglichstes zu tun, um ihnen diesen Prozess zu erleichtern. Die Kinder brauchen dafür die Möglichkeit, persönliche Rituale zu schaffen oder einen »Seelentröster« zu finden. Alles, was das Kind anspricht, kann als »Seelentröster« dienen. Dies kann ein Gegenstand wie z.B. ein Kuscheltier von Zuhause sein, das ihm Halt gibt. Eine verständnisvolle Haltung der pädagogischen Fachkräfte zeigt sich hier darin, dass sie dem Kind ausreichend Zeit geben, sich an seinem Ritual festzuhalten und ein Verständnis für die Wichtigkeit dieser Verbindung aufzubringen.

Die Wichtigkeit des Rituals

Durch das wiederkehrende Ritual, eine sich wiederholende Handlung, wird den Kindern Sicherheit gegeben und vereinfacht das Ankommen in der Kita. Es gibt den Kindern Struktur und Orientierung und trägt zur Verarbeitung der Erlebnisse bei (vgl. Vollmer 2012, S. 133). Durch das Ritual, das die Kinder ganz individuell für sich persönlich finden, werden sie zu einem sinnorientierten Leben zurückgeführt.

Praxisbeispiel: Rabbi und sein Ritual

Rabbi besucht seit zwei Monaten die Kita. In der Eingewöhnungszeit hatte er große Schwierigkeiten, sich von seinem Vater zu trennen.

Durch den intensiven Kontakt zu der Bezugserzieherin und einem kindorientierten Zeitrahmen konnte eine gute Beziehung aufgebaut werden, sodass sich Rabbi in der Einrichtung wohl fühlt. Seit zwei Monaten beginnt er den Tag in der Kita immer auf dieselbe Weise - mit seinem Ritual. Bevor er in die Gruppe geht, zeigt er auf sein Garderobensymbol; ein Bild, auf dem er selbst zu sehen ist. Danach geht er zu dem Haken, an dem seine Matschhose hängt, und dem, an dem sein Handtuch hängt. An beiden Haken ist ein Bild von ihm befestigt. Erst, wenn er alle drei Bilder angesehen und sich versichert hat, dass alle da sind, kann er beruhigt den Gruppenraum betreten.

Kontakte zwischen den Kindern fördern

In der Kita treffen die Flüchtlingskinder schließlich auf eine Vielzahl von anderen Kindern, die sie im Alltag begleiten. Sie nehmen die Vielfalt in ihrer Wahrnehmung auf und sehen die anderen Kinder als Ihresgleichen an – als Normalität. Dass sie sich untereinander auf diese Weise wahrnehmen können, erfordert allerdings eine Unterstützung durch die Gegebenheiten in der Einrichtung. In einer interkulturell geöffneten Kita wird die Vielfalt als Bereicherung und Unterschiede als Normalität vermittelt.

Durch das Einbinden der Flüchtlingskinder in den Alltag der Kita erfahren sie, dass sie dort in einer Gemeinschaft mit vielen anderen Kindern leben. Sie sehen, wie die anderen ihre Zeit verbringen, wie sie miteinander spielen, kommunizieren und sich beschäftigen. Dabei fungieren sie unbewusst als Vorbild. Das Kind mit Fluchterfahrung lernt, dass der zwischenmenschliche Umgang und die Struktur des Tagesablaufes Halt und Orientierung geben können.

Die Beziehungen unter den Kindern sind nicht nur für den gemeinsamen Umgang in der Einrichtung wichtig, sondern sind gleichzeitig fördernd für das kindliche Vertrauen in sich selbst und seine Umwelt - und somit wesentlicher Bestandteil zur Bewältigung seiner gegenwärtigen und zukünftigen Lebenssituation.

Fazit

Durch den Verlust von Sicherheit und Halt sind Rituale und ein strukturierter Alltag besonders wichtig für die Flüchtlingskinder. Als sicherer Hafen bietet die Kita einen Ort, an dem die Kinder ihre Erlebnisse auf individuelle Weise und in sensibler Begleitung verarbeiten können. Aus diesem Grund ist die wichtigste Aufgabe der Kita in der Arbeit mit Flüchtlingskindern, ihnen auf der Basis von vertrauensvollen Beziehungen Sicherheit zu geben und sie in den Kita-Alltag wertschätzend einzubinden.

Literatur

Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen Rheinland-Pfalz (MIFKJF RLP) (2014): Bildungs- und Erziehungsempfehlungen für Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz. plus Qualitätsempfehlungen. Berlin: Cornelsen Schulverlage GmbH.

Vollmer, Knut (2012): Fach Wörterbuch für Erzieherinnen und pädagogische Fachkräfte. 10. Aufl. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder GmbH.

Fattah, Volker Abdel (2016): Flüchtlingskinder in der Kita: Praxishandbuch zur Aufnahme und Betreuung von Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund. Kronach und Köln: Carl Link Verlag.