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Klischeefreie Frühe Bildung – mehr Handlungsspielräume für Kinder

Geschlechtergerechtigkeit in Kitas umsetzen: Geschlechtsbewusste pädagogische Arbeit zählt zu den Querschnittsaufgaben Früher Bildung in Kindertageseinrichtungen. Im pädagogischen Alltag gibt es eine Reihe von Ansätzen, um Kindern eine Persönlichkeitsentfaltung frei von Rollenklischees zu ermöglichen. Dazu gehören insbesondere Selbstbeobachtung und Eigenreflexion, die Zusammenarbeit mit Eltern, die Raumgestaltung und die eigene pädagogische Arbeit.

Klischeefreie Früherziehung

Die vier Grundpfeiler der klischeefreien Früherziehung.

Notwendigkeit klischeefreier Früherziehung

Die Debatte Nature vs. Nurture dominiert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Geschlecht. Erstere Ansätze gehen von einer biologisch determinierten Differenz zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit aus und werden deshalb als Differenzansätze bezeichnet. Letztere verstehen Geschlecht überwiegend als soziales und folglich veränderbares Konstrukt. Hier wird die gesellschaftliche Gleichheit der Geschlechter angestrebt, weshalb diese Ansätze als Gleichheitsansätze verstanden werden.

Ohne die Debatte an dieser Stelle weiterführen zu wollen, ist zu beobachten, dass aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit Rollen zugewiesen, Verhaltensweisen vorgeschrieben und Bedürfnisse unterstellt werden. Dies schränkt Entfaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume ein. Bildung und Erziehung sollten dagegen die Vielfalt im Blick haben und Möglichkeiten eröffnen. Das heißt konkret: Das Augenmerk auf das Individuum richten.

Kinder sollten ihre Persönlichkeit möglichst frei von Rollenklischees und Erwartungen Erwachsener entfalten können. Klischees im Sinne überindividuell zugeschriebener Vorstellungsbilder negieren die Realität der Vielfalt und grenzen Handlungsspielräume des Individuums ein. Das Negieren von dem, was tatsächlich vorhanden ist, zeugt jedoch von mangelndem Respekt. Unabhängig davon, welche Vorstellungen mit geschlechtsbewusster Pädagogik verbunden sind, herrscht in der Gesellschaft Konsens darüber, dass wir uns mit Respekt und Wertschätzung begegnen sollten.

Dabei ist es wichtig, bereits im frühen Kindesalter auf ein Aufbrechen von Rollenklischees hinzuarbeiten. Denn Kinder nehmen von Geburt an wahr, was in den Augen der Gesellschaft einen Jungen und was ein Mädchen ausmacht.

Rollenmuster werden bewusst und unbewusst an Kleinkinder weitergegeben. Bildung und Erziehung frei von Rollenstereotypen kann nur nachhaltig sein, wenn diese möglichst früh ansetzt. Gleichwohl sollte eine Überbetonung von Geschlecht in der Frühen Bildung vermieden werden, um die Differenz der Geschlechter nicht unnötigerweise zu verstärken.

Selbstbeobachtung und Eigenreflexion

Voraussetzung für eine klischeefreie (Früh-)Erziehung ist es, sich der Wirkung von Stereotypen und rollenkonformen Erwartungen in Bezug auf Geschlecht bewusst zu werden. Selbstreflexion ist der erste und zugleich wichtigste Schritt. Ohne sich selbst zu beobachten und das eigene Handeln zu hinterfragen, wird geschlechtsbewusste Pädagogik keinen Erfolg haben können.

Welche konkreten Fragen1 können sich Erzieherinnen und Erzieher selbst stellen:

  • Welche Entwicklungsschritte und Verhaltensweisen der Kinder halte ich für »normal« bzw. geschlechts(un)typisch?

  • Reagiere ich unterschiedlich auf bestimmtes Verhalten, je nach Geschlecht des Kindes?

  • Gibt es Momente, in denen ich denke, dass das nicht die richtige Verhaltensweise für einen Jungen oder ein Mädchen ist? Wenn ja, warum ist das so und wie bewerte ich das?

  • Gibt es vielfältige Lebensweisen und Familienformen in unserer Kita?

  • Welche Familienformen und Lebensweisen kommen (nicht) in der Kita bzw. im Lehrmaterial vor?

  • Woher kommen meine eigenen Vorstellungen von Geschlecht und wann projiziere ich diese ggf. auf die Kinder in der Gruppe?

Darüber hinaus hilft es, eigene Geschlechtsstereotype auch außerhalb des Settings Kindertagesstätte bzw. Erziehungsarbeit zu beobachten. Die selbstreflexive Auseinandersetzung des Fachpersonals ist Voraussetzung für erfolgreiche geschlechtergerechte Bildung. Allerdings sollte die Kita-Leitung die Mitarbeiter/innen damit nicht alleine lassen. Vielmehr ist eine entsprechende Aus-, Fort- und Weiterbildung des Fachpersonals geboten.

Zusammenarbeit mit Eltern

Die Reflexion eigener Rollenklischees bildet das Fundament einer Erziehungsarbeit, die ohne den Rekurs auf Stereotypen auskommt. Zu den auf dem Fundament liegenden Grundpfeilern gehört die Elternarbeit.

Bei der Zusammenarbeit mit Eltern begegnen sich – wie innerhalb der Kindertagessstätte auch – erwachsene Menschen mit Geschlechterbildern, die über einen Zeitraum von mehreren Jahrzenten verinnerlicht und zum Teil über Jahrhunderte tradiert worden sind.

Die oben genannte Frage nach Lebensweisen und Familienformen ist hier von zentraler Bedeutung, um einen Überblick über tatsächlich vorherrschende Haltungen, Einstellungen und Gegebenheiten zu erhalten. Das Kita-Personal sollte die Lebenswirklichkeiten der Kinder und deren Familien gut kennen. Eltern sollten darüber hinaus nicht nur über das Kita-Konzept informiert worden sein, sondern sich auch mitgenommen fühlen.

Wie können Erzieherinnen und Erzieher Eltern konkret unterstützen?2

  • Sie können darauf hinweisen, wie Eltern ihre Jungen und Mädchen geschlechtstypisch behandeln – oft ohne dies zu beabsichtigen. Wichtig: Machen Sie auf Situationen aufmerksam, ohne zu kritisieren oder zu urteilen.

  • Auf der Grundlage entwicklungspsychologischen Wissens können Sie Eltern beruhigen, die sich Sorgen machen, wenn sich ihr Kind aus ihrer Sicht »unangemessen« verhält.

  • Sie können Eltern positive Rückmeldungen über vielfältiges und nicht stereotypes Verhalten von Jungen und Mädchen geben und damit geschlechtstypischen Klischees und Einengungen entgegenwirken. Machen Sie Eltern deutlich, dass sich auf diese Weise für Kinder Entfaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume ergeben, aus denen Kinder schöpfen können.

  • Kindertagesstätten können eine aktive Rolle darin übernehmen, Väter mehr in die Betreuung und Begleitung ihrer Kinder mit einzubeziehen. Sie können darüber hinaus Vätern ermöglichen, ihre Erfahrungen und Fragen einzubringen, und einen Dialog von Müttern und Vätern anregen und begleiten.

Die häufig fehlende Präsenz von Vätern sollte nicht über »Vätertage« zu kompensieren versucht werden. Väter sollten vielmehr in die Alltagsarbeit eingebunden werden. Mütter könnten sich durch eine derartige Extrabehandlung ausgegrenzt fühlen, gleichzeitig würden Kinder merken, dass Väter im Alltag eben nicht für die Erziehung mitverantwortlich sind.

Raumgestaltung

Klischeefreie Früherziehung fußt nicht nur auf Selbstreflexion und Bewusstmachen vorhandener Stereotypen sowie Elternarbeit. Auch die Gestaltung der Lern- und Spielräume spielt eine wesentliche Rolle und fügt sich in das Gesamtkonzept einer geschlechtsbewussten Pädagogik ein.

Wie bei den vorgenannten Ansätzen geht es beim Raumkonzept darum, die Vielfalt spielerischer Möglichkeiten zu erweitern bzw. Grenzen aufgrund vorhandener Geschlechtsstereotypen zu überwinden. Spielbedürfnisse der Kinder sollten unabhängig vom Geschlecht befriedigt werden. Mädchen und Jungen sollten gleiche Chancen beim Zugang zu Räumen, Spielmaterial und -angeboten bekommen und sich über die Geschlechtergrenzen hinweg ausprobieren dürfen.

Konkret sollte auf die klassisch getrennte Puppen- und Bauecke verzichtet werden. Stattdessen kann das Spielzeug in neutralen Rollcontainern lagern, sodass Kinder ohne Druck Spielsachen entdecken und wählen können.

Welche Fragen3 sollte ein geschlechtsbewusstes Raumkonzept beantworten?

  • Welche Spielbereiche sind aus dem Gruppenraum ausgelagert? Weshalb?

  • In welchen Farben und mit welchen Materialien sind die jeweiligen Bereiche gestaltet?

  • Welche Plätze im Außenbereich werden von Mädchen benutzt, welche von Jungen?

  • Werden Bereiche ohne geschlechtstypisierende Bezeichnungen benannt (Wohnung statt Puppenecke, »grüne Ecke« statt Bauecke etc.)?

  • Wird bei der Materialauswahl beachtet, dass unterschiedliche Interessen ansprechende Materialien besonderen Einladungscharakter haben?

  • Wo werden Mädchen oder Jungen durch die Raumgestaltung möglicherweise auf bestimmte Bewegungen, Spiele und Tätigkeiten festgelegt oder begrenzt?

  • Wo finden Kinder Rückzugsmöglichkeiten und Freiräume?

Zur Beantwortung dieser Fragen ist eine strukturierte und nicht zu kurzfristige Beobachtung der Raumnutzung durch Mädchen und Jungen unentbehrlich. Nur durch eine systematische Analyse kann der entsprechende Handlungsbedarf hergeleitet werden.

Pädagogische Arbeit

Neben Selbstreflexion, Elternarbeit und Raumgestaltung steht und fällt eine erfolgreiche geschlechtsbewusste Pädagogik mit der eigentlichen pädagogischen Arbeit selbst. Wiewohl hier wie in den anderen Bereichen auch ein entsprechendes Konzept notwendig ist, so hilft es sich bewusst zu machen, dass bereits kleine, schnell geänderte Details im Kita-Alltag große Wirkung haben können.

Zu den wichtigsten Ansätzen in der Pädagogik zählt die Arbeit mit Literatur und Musik. Die folgenden Fragen4 bezüglich des eingesetzten Materials erlauben eine kritische Beurteilung im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit:

  • Werden Mädchen/Frauen mit weiblichen Personenbezeichnungen benannt?

  • Wer hält sich vor allem zu Hause auf, wer in der Öffentlichkeit? Wer in geschützten Räumen, wer in offenen, gefährlichen Situationen?

  • Wer steht im Mittelpunkt des Geschehens, männliche oder weibliche Wesen? Wer spielt Nebenrollen? Gibt es hier eine Ausgewogenheit der Geschlechter?

  • Welche Eigenschaften und Gefühle haben die dargestellten Mädchen/Frauen, welche die Jungen/Männer?

  • Welche Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen werden dargestellt?

  • Welche Berufe werden von welchen Personen ausgeführt?

In den verwendeten (Bilder-)Büchern, Spielen, Liedern sollte insbesondere auf die Abbildung von vorhandenen Lebenswirklichkeiten geachtet werden. Bei älteren Kindern im Vorschulbereich kann unter Umständen auch mit negativen Beispielen gearbeitet werden, die dann allerdings aufgegriffen und thematisiert werden müssen.

Fazit

Klischeefreie Früherziehung beruht auf einem Fundament und mehreren Säulen. Das Fundament besteht aus dem Bewusstmachen und Reflektieren eigener Geschlechtsstereotype. Erst wenn das eigene Denken und Handeln kritisch hinterfragt und verändert wird, können die Säulen das Gebäude »Geschlechtsbewusste Pädagogik« tragen. Elternarbeit, Erziehungsarbeit und Raumgestaltung dürfen dabei nicht unabhängig voneinander gedacht werden, sondern müssen in ein Gesamtkonzept gebracht werden, das die Werte des Fundaments mit Leben füllt.

Fußnoten


1 Burghardt, Lars und Klenk, Florian Cristobal: Alles nur Klischee? Verfügbar unter: https://bildungsklick.de/fruehe-bildung/detail/alles-nur-klischee/. Zugriff am 22.01.2018.

2 Rohrmann, Tim: Gender im Kontext der Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren. Verfügbar unter: https://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/FT_Rohrmann_OV.pdf. Zugriff am 22.01.2018.

3 Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (Hrsg.): Geschlechtssensible Pädagogik. Leitfaden für Lehrer/innen und Fortbildner/innen im Bereich Kindergartenpädagogik. Verfügbar unter: https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/pdf/geschlechtssensible-paed-leitfaden.pdf. Zugriff am 22.01.2018.

4 Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (Hrsg.): Geschlechtssensible Pädagogik. Leitfaden für Lehrer/innen und Fortbildner/innen im Bereich Kindergartenpädagogik. Verfügbar unter: https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/pdf/geschlechtssensible-paed-leitfaden.pdf. Zugriff am 22.01.2018. Die Auflistung ist nur ein Auszug aus einer umfassenden Checkliste Kinderliteratur, die sich darüber hinaus auf Spiele, Medien, Software etc. anwenden lässt.