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Kreativitätsförderung pädagogischer Fachkräfte

Den Begriff Kreativität verbinden viele mit künstlerischen und gestalterischen Tätigkeiten. Jedoch beinhaltet die Möglichkeit zum kreativen Tun viel mehr. Sie trägt sowohl zur Motivation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als auch zur Weiterentwicklung der Kindertagesstätte bei.

Kreativität als Gewinn für Ihre Kita

Kreativität als Gewinn für Ihre Kita

»Das Hobby zum Beruf machen?« Wäre das nicht schön? Bei Betrachtung der Aufgabenbereiche pädagogischer Fachkräfte fällt auf, dass es kaum einen Beruf mit einem vielfältigeren und abwechslungsreicheren Alltag gibt. Er erstreckt sich von der unmittelbaren Arbeit mit dem Kind, über pflegerische und verwaltungstechnische Aufgaben, bis hin zu Projektmanagement und anderen qualitätsfördernden Maßnahmen. Ein Feld, in dem jede pädagogische Fachkraft Aufgaben finden kann, die sie mit Leidenschaft erledigt und ganz in ihnen aufgeht. Dennoch fühlen sich viele ausgelaugt und verlieren die Lust an ihrem Beruf.

Welche Möglichkeiten gibt es, dass Mitarbeiter/innen gerne ihren Aufgaben nachgehen und die Arbeit als eine Bereicherung ihres Lebens empfinden?

Ein Schlüssel hierfür liegt im kreativen Tun

Aber, was bedeutet eigentlich Kreativität? Der Begriff Kreativität lat. »creare« bedeutet »schaffen«, »erschaffen«, »hervorbringen«, »gebären«. Er steht im Zusammenhang mit dem Begriff »neu«. Etwas Neues zu erschaffen scheint ein wesentliches Merkmal von Kreativität zu sein (vgl. Braun 2011, S. 12). Die Fähigkeit, etwas zu erschaffen wurde in der ursprünglich christlichen Tradition nur Gott (= creator) zugesprochen. Erst später wurde der Begriff schrittweise auf »geniale« Menschen und in den 50er und 60er Jahren auch auf unscheinbare Handlungen des Alltags angewendet (vgl. Brodbeck 2007, S. 18). Ein Anlass für kreatives Handeln ist die Möglichkeit, sich selbst zum Ausdruck zu bringen (vgl. Knoche 2000, S. 3). Dies bezieht sich nicht nur auf materielles Schaffen, sondern auch auf das kreieren von Problemlösungsstrategien (vgl. Braun 2011, S. 13). Dabei bezieht sich Kreativität nicht nur auf ein neues Produkt, sondern auch auf einen neuen Weg, der zu einem alten Produkt führt (vgl. Brodbeck 2007, S. 18). D.W. Winnicott erklärt Kreativität als eine Tönung der gesamten Haltung gegenüber der äußeren Realität. Er beschreibt Kreativität als Lebenssinn.

Eine kreative Wahrnehmung ist das, was dem Einzelnen das Gefühl gibt, dass sein Leben lebenswert ist (vgl. Winnicott 2006, S. 78). Diese Auffassung teilt auch Mihalyi Csikszentmihalyi. Er erklärt: »Erstens sind die meisten interessanten, bedeutsamen und menschlichen Phänomene ein Ergebnis der Kreativität […]. Zweitens ist die Kreativität so faszinierend, weil sie uns aus dem Alltag heraushebt, weil sie uns das Gefühl gibt, intensiver zu leben als sonst.« (Csikszentmihalyi 2010, S. 9).

Bei Betrachtung des Kreativitäts-Begriffes wird deutlich, dass dieser einerseits schöpferische Auswirkungen auf die Umwelt hat, andererseits auch mit einer individuellen Bereicherung des Lebens der schöpferisch tätigen Person einhergeht. Das heißt, wenn ein Mensch in seinem Berufsleben die Möglichkeit hat, kreativ tätig zu sein, beeinflusst dies sein Umfeld im Sinne von Weiterentwicklung und stellt sogleich einen Faktor zur eigenen Arbeitszufriedenheit dar. Dies unterstreichen besonders die Aussagen von Winnicott, der Kreativität als Sinnquelle, Lebenselixier und von Csikszentmihalyi, der Kreativität als Sinnquelle bezeichnet. Folglich ist davon auszugehen, dass kreatives Handeln Kraft gibt und zur Gesundheitsförderung beiträgt.

Mit dem Wissen, welche Möglichkeiten »Kreativität« sowohl für die Weiterentwicklung einer Kindertagesstätte als auch zum Erhalt der Arbeitszufriedenheit der pädagogischen Fachkräfte bietet, sollten sich Träger und Leitung mit den Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Kreativität auseinandersetzen.

Jeder Mensch ist kreativ

Bei der Fähigkeit zur Kreativität handelt es sich um eine Grunddimension der kognitiven Fähigkeiten aller Menschen (vgl. Braun 2011, S. 17). Das bedeutet, dass es grundsätzlich jedem Menschen möglich ist, kreativ zu werden. Ausschlaggebend dafür, ob jemand Kreativität entfalten kann, sind folgende Faktoren.

Zugang zum bevorzugten Tätigkeitsbereich

Csikzentmihalyi geht davon aus, dass ein Mensch durch eine genetische Präposition über besondere kreative Fähigkeiten in einem Bereich verfügt. Ausschlaggebend dafür, ob er diese Fähigkeit weiterentwickeln kann, ist der Zugang zu diesem Bereich (vgl. Csikszentmihalyi 2010, S. 80). Im Hinblick auf Personalentwicklung bedeutet dies, dass jede pädagogische Fachkraft nur in den Bereichen kreativ werden kann, in denen ihre Fähigkeiten liegen. Zum Beispiel kann jemand mit besonderen Begabungen im musischen Bereich, genau darin besonders schöpferisch tätig sein. Daher ist es sinnvoll, dieser Person auch innerhalb ihres Dienstes Zugang zu dem bevorzugten Bereich zu ermöglichen. Für Träger und Leitung der Kindertagesstätte heißt dies, die persönlichen Fähigkeiten der Mitarbeiter/innen zu beachten und diese im Sinne einer ressourcenorientierten Personalentwicklung in die Dienstplanung miteinzubeziehen.

Rahmenbedingungen beeinflussen Kreativitätsentwicklung

Das Umfeld/System steht mit in der Verantwortung, ob ein Mensch sein kreatives Potential entfalten kann oder nicht. »Damit das Individuum kreativ sein kann, muss es das gesamte System, das Kreativität ermöglicht, verinnerlichen.« (Csyksentmihalhyi 2010, S. 80). Mihalyi Csikszenthmihalyi geht davon aus, dass die Kreativität eines Menschen eventuell durch eine genetische Prädisposition für eine bestimmte Domäne begünstigt ist, diese dann durch den Zugang zu dieser Domäne sowie auch durch den Zugang zum Feld weiterentwickelt werden kann (vgl. Csiksentmihalyi 2010, S. 81 ff.). Der Begriff Domäne steht für einen bestimmten Bereich, zum Beispiel den der Kunst oder der Wirtschaft. Das Feld beschreibt das Umfeld im Einflussbereich dieser Domäne z.B. im Bereich der Kunst Galerien, Kritiker oder potentiellen Käufer.

Übertragen in den Kindertagesstättenbereich kann das bedeuten, dass eine pädagogische Fachkraft, die besondere Begabungen im sportlichen Bereich hat, Zugang zu einer Turnhalle benötigt, um ihre Kreativität entfalten zu können. Außerdem könnte die Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen Sportverein oder eine Vernetzung mit Institutionen des Deutschen Sportbundes ihre Kreativität anregen. Wenn es ihr dann noch ermöglicht wird, Fortbildungen in diesem Feld zu besuchen, kann dies zur Weiterentwicklung ihrer beitragen.

Csikzentmihalyi erklärt, dass es ist leichter ist, Kreativität durch eine Veränderung äußerer Bedingungen zu fördern als das Individuum anzuregen, kreativ zu denken (vgl. Csikzentmihalyi 2010, S. 9). Damit macht Csikzentmihalyi den entscheidenden Einfluss äußerer Bedingungen auf die Kreativitätsentwicklung des Einzelnen deutlich. Dies vermag im Hinblick auf Personalentwicklung wie eine Mahnung anmuten. Sollten Führungskräfte in Kindertagesstätten zuerst äußeren Bedingungen im Hinblick auf Entwicklungsmöglichkeiten für das pädagogische Fachpersonal überprüfen?

Synergiepartner finden

Auch Axel Burow beschreibt den Einfluss des Umfeldes auf die Kreativität des Einzelnen. Er erklärt, dass es nicht nur vom Einzelnen abhängt, was er aus seinem kreativen Potential macht, sondern sein sozio-kulturelles Umfeld dies mit beeinflusst (vgl. Burow 2000, S. 14). Er erklärt, dass erst in der Beziehung mit anderen eigenes unerschlossenes kreatives Potential freigesetzt werden kann. Axel Burow ist der Meinung, dass in einem entsprechend gestalteten kreativen Feld selbst Schwächen zu Stärken werden können. Seiner Ansicht nach kann jeder zu kreativen Leistungen beitragen, wenn es ihm gelingt, ein Feld mit günstigen Synergiepartnern zu finden oder zu schaffen (vgl. Burow 2000, S. 7 f.).

Der Alltag in Kindertagesstätten bietet besonders in diesem Bereich vielfältige Möglichkeiten. Pädagogischer Alltag wird im Dialog geplant und gestaltet. Es müssen nicht immer große konzeptionelle Teamseitzungen oder Konzeptionstage sein, die zum kreativen Schaffen anregen. Viel mehr sind es die kleinen Impulse, die im Alltag zu Ideen anregen. Sei es das kurze Gespräch mit der Kollegin oder dem Kollegen, die Beobachtung eines Kindes oder auch mal ein Tür- und Angelgespräch im Rahmen der Elternpartnerschaft. Kommunikation regt an. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass hemmende Faktoren ausgeschlossen sind.

Hemmende Faktoren ausschließen

Was bedeutet das? Daniela Braun beschreibt, dass verschiedene Faktoren den Ablauf kreativer Prozesse negativ beeinflussen können. Dazu zählen:

  • vorschnelle Bewertung durch andere Menschen

  • Autoritätsfurcht

  • Konformitätsdruck

  • Rollenfixierung

  • Sanktionen von innen und außen (vgl. Braun 2011, S. 20).

Hier spielt die Arbeitsplatzkultur eine wichtige Rolle. Ist es möglich, dass pädagogische Fachkräfte sich in ihrer Arbeit entfalten können, oder fühlen sie sich durch Druck oder Bewertung innerhalb des Teams oder von außen in ihrer Kreativitätsentfaltung gehemmt? Einschränkungen können allerdings nicht nur durch äußere Faktoren einhergehen. Auch die Erwartungen an die eignen Fähigkeiten und Leistungen können Druck auslösen und kreative Prozesse blockieren. Hier legt die Verantwortung einerseits bei der Leitung, die Arbeitsplatzkultur zu beobachten und darauf einzuwirken, wenn hemmende Faktoren deutlich werden. Andererseits trägt auch jedes Teammitglied selbst Verantwortung, zu einer kreativitätsfördernden Teamarbeit beizutragen. Außerdem sollte sich jede pädagogische Fachkraft reflektieren, welche hemmenden Faktoren in ihrer Persönlichkeit eventuell auch durch ihre Biographie begründet sind.

Selbstwert beeinfluss Kreativität

Das eigene Selbstwertgefühl ist ausschlaggebend für den Einsatz von Kreativität. Brodbeck sieht die Selbsteinschätzung des Einzelnen als Grund dafür, weshalb manche Menschen nicht so kreativ sind. Sie glauben nicht an sich (vgl. Brodbeck 2007, S. 24). Er erklärt, dass kreative Menschen an ihre Fähigkeiten glauben (vgl. Brodbeck 2007, S. 24). Mit dem Wissen, dass Kreativität in engem Zusammenhang mit dem Selbstwertgefühl der pädagogischen Fachkräfte steht, kann die Leitung einer Kindertagesstätte ihre Mitarbeiter/innen durch eine wertschätzende Führungs-Haltung unterstützen.

Belohnung von außen ist sinnlos

Kreative Menschen sind von einer Belohnung unabhängig. Sie sind alleine durch die Tätigkeit selbst motiviert.

Die Belohnung als Folge von kreativem Tun ist nennt sich »Flow«. Der Flow ist ein Glückgefühl, dass über das pure Empfinden der intrinsischen Motivation hinausgeht. Sie bewirkt, dass man alleine der Tätigkeit wegen, zweckunabhängig aktiv ist. Dieses Gefühl entsteht, wenn die zu bewältigende Aufgabe weder zu leicht ist, so dass sie den Mitarbeiter langweilt, noch zu anspruchsvoll ist, so dass sie eine Überforderung für ihn darstellt (vgl. Csikszentmihalyi 2005, S. 16).

Flow als Belohnung des Tuns

Mihalyi Csikszentmihalyi sieht einen deutlichen Zusammenhang von Kreativität, Selbstwert und Lebensfreude. Seiner Ansicht nach steigern sich das Selbstvertrauen eines Menschen, seine Zufriedenheit und das Gefühl der Solidarität mit anderen durch die selbst erfahrene Freude im Rahmen einer Tätigkeit. (vgl. Csikszentmihalyi 2005, S. 13). Äußerer Druck und Belohnung führen seiner Ansicht nach zur Verunsicherung und einem Gefühl der Entfremdung (vgl. ebd.).

Reflexionsfragen für Leiter/innen und Träger:

  • Wünsche ich mir kreative Mitarbeiter/innen?

  • Welche Haltung wird durch meinen Führungsstil deutlich?

  • Lässt die Arbeitsplatzkultur innerhalb der Kindertagesstätte Kreativität zu?

  • Kann jede pädagogische Fachkraft ihre Ressourcen zum Einsatz bringen?

  • Bietet der Alltag Möglichkeiten zum kreativen Austausch?

  • Haben die pädagogischen Fachkräfte die Möglichkeit, sich in ihren Interessensgebieten fortzubilden?

  • Gibt es innerhalb der Einrichtung oder durch Stakeholder Faktoren, die die kreative Entwicklung von Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern hemmen?

  • Haben Auszubildende Möglichkeiten, im Rahmen der pädagogischen Arbeit ihre Ressourcen kennenzulernen und erfahren sie darin Unterstützung?

Fazit

Eine kreativitätsfördernde Personalführung stellt einen Gewinn für die gesamte Kindertagesstätte dar. Sie eröffnet Möglichkeiten der Organisationsentwicklung und beeinflusst positiv die Arbeitszufriedenheit und die Gesundheit der pädagogischen Fachkräfte. Die Verantwortung im Hinblick auf die Entfaltungsmöglichkeiten von Kreativität innerhalb einer Kindertagesstätte tragen sowohl Träger und Leitung, als auch jede einzelne pädagogische Fachkraft.

Literatur

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage unter redaktion@kita-aktuell.de.