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Kulturelle Vielfalt als Bereicherung erleben

Kulturelle Vielfalt ist Alltag in vielen Kindertagesstätten. Pädagogische Fachkräfte, die diese Situation wertschätzen und als Bereicherung verstehen, leisten einen wichtigen und positiven Beitrag für die Werteorientierung der Kinder hin zu mehr Achtung, Toleranz und Respekt fremden Kulturen gegenüber.

 

Kulturelle Vielfalt in Kitas - fremde Feste feiern

© dnaveh

Im Internationalen Kinderhaus Augsburg (IKA) treffen viele verschiedene Kulturen aufeinander. Mehr als die Hälfte der etwa 100 betreuten Kinder hat Wurzeln außerhalb Deutschlands. Ihre Eltern kommen aus 21 Ländern rund um den Globus. Bei ungefähr einem Viertel der Kinder stammt ein Elternteil aus dem Ausland, bei einem weiteren Viertel sogar beide. Aufgrund des zweisprachig, englisch-deutschen Konzepts der Einrichtung handelt es sich dabei vorrangig um englischsprachige Länder mit ähnlichen kulturellen Hintergründen wie z.B. England, Irland, USA, Kanada, Australien. Aber es gibt auch Familien mit Wurzeln in Kulturkreisen, die sich stärker von unserem unterscheiden, z.B. aus Indien, Jamaika, Vietnam und aus afrikanischen Ländern wie Kamerun, Uganda oder Südafrika.

Sprache als Schlüssel für Partizipation und Teilhabe

Der Aspekt Sprache nimmt im interkulturellen Kontext einen wichtigen Stellenwert ein. Nur wer versteht und sich selbst verständlich machen kann, hat auch die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe und Partizipation. Aufgrund des zweisprachigen Ansatzes, den das Kinderhaus verfolgt, gibt es hier glücklicherweise meist keine größeren sprachlichen Barrieren: In jeder Gruppe arbeitet mindestens eine Fachkraft mit deutscher und eine mit englischer Muttersprache und mit nahezu allen Kindern und Eltern funktioniert die Kommunikation in der einen oder der anderen Sprache. »Es ist natürlich ein entscheidender Vorteil, dass wir mit unseren beiden Sprachen in der Regel alle erreichen. Das ist sicherlich nicht in allen Einrichtungen so einfach möglich.«, weiß Sarah Nowotny, Vorstandsvorsitzende des Trägervereins.

Damit alle wichtigen Informationen auch wirklich bei allen Beteiligten ankommen, legen das Team und der Träger des Elternvereins viel Wert darauf, grundsätzlich alle Aushänge, E-Mails und Informationsschriften in deutscher und in englischer Sprache zu veröffentlichen. »Nur so haben alle die Möglichkeit, aktiv am Kita-Leben teilzuhaben«, findet Sarah Nowotny. Kommt es doch einmal vor, dass die Kommunikation mit einer Familie in keiner der beiden Sprachen möglich ist, dann ist Geduld und Kreativität vonseiten des pädagogischen Personals gefragt. Mit Händen und Füßen, durch Mimik, Gestik und Veranschaulichung gelingt die Kommunikation meistens dann doch – mit Eltern und Kindern gleichermaßen. Eventuell helfen einzelne Wörter aus der jeweiligen Muttersprache als Türöffner und Basis für die Beziehungsbildung. Für das jeweilige Kind kann es sehr hilfreich sein, wenn es bereits ein anderes Kind in der Einrichtung gibt, das die Heimatsprache ebenfalls spricht und somit als »Patenkind« und Übersetzer fungiert. Mit dieser Vorgehensweise hat das Team im IKA bislang sehr gute Erfahrungen gemacht.

Kulturelle Diversität wertschätzen

Die kulturellen Besonderheiten, die Kinder mit ausländischen Wurzeln in den Gruppen mitbringen, empfindet das Team im Internationalen Kinderhaus Augsburg als Bereicherung für den Alltag und das Miteinander in den Gruppen. Soweit möglich werden sie im Alltag z.B. in Form von Projekten oder in die Jahresplanung mit integriert. »Wir arbeiten situations- und lebensorientiert und sind deshalb immer bemüht, die Kinder in ihrer aktuellen Lebenssituation und ihrem sozialen Umfeld zu begreifen.

Dazu gehört natürlich auch das jeweilige kulturelle Umfeld«, berichtet Natalie Faller, die als englisch-muttersprachliche Erzieherin bereits seit Gründung der Kita im Jahr 2004 im IKA arbeitet. Dem pädagogischen Team im IKA ist es wichtig, dass die Kinder andere Kulturen und Traditionen kennenlernen. So soll die Grundlage für Toleranz zu anderssprachigen Menschen und fremden Kulturen gelegt werden und den Kindern Achtung, Unvoreingenommenheit und Sensibilität gegenüber Anderen vermittelt werden.

Und es ist wichtig, damit sich alle wohl und angenommen fühlen. Kinder mit ausländischer Herkunft dürfen von ihren Traditionen und Festen erzählen oder etwas aus ihrem Land mitbringen, z.B. Fotos oder Essen. »Bereits beim ersten Kennenlerngespräch mit ausländischen Eltern fragen wir, ob es in ihrem Heimatland irgendwelche Besonderheiten gibt, die wir im Alltag einbringen können, beispielsweise besondere Feste oder Traditionen«, erzählt Natalie Faller. Nicht alle Eltern gehen auf dieses Angebot ein, aber auch das ist in Ordnung, denn es soll nicht als Zwang verstanden werden.

Traditionelle Feste feiern im Jahresablauf

Trotz der Wertschätzung fremder Bräuche und Traditionen ist es dem pädagogischen Team auch ein Anliegen, eigene traditionelle Werte, Bräuche und Traditionen zu pflegen und zu vermitteln. Im IKA werden die traditionellen christlichen Feste wie Ostern und Weihnachten im Jahresablauf gefeiert. Im Stuhlkreis wird dann – wie in vielen anderen Kitas auch – die Weihnachtsgeschichte erzählt oder sich darüber unterhalten, warum wir Ostern feiern. Zwar spielt Religion im Kinderhaus keine Rolle und die Glaubensvermittlung bleibt den Eltern überlassen, jedoch gelten auch religiöse Bräuche als Teil unseres Kulturkreises und sollen den Kindern als solche vermittelt werden. »Nachdem es in unserer Gruppe in diesem Jahr relativ viele Kinder mit ausländischen Wurzeln gibt, haben wir uns als kleines Projekt damit beschäftigt, ob und wie Weihnachten in den Herkunftsländern der Kinder gefeiert wird und welche Unterschiede und Besonderheiten es gibt«, erzählt Natalie Meyer, die ebenfalls als englischsprachige Erzieherin seit vielen Jahren im IKA beschäftigt ist. Zunächst wurden die Eltern der Kinder in der Vorweihnachtszeit befragt. Einige haben spontan besondere, traditionelle Süßigkeiten mitgebracht und im Stuhlkreis wurden dann die unterschiedlichen Traditionen besprochen. »Wir zeigen den Kindern damit, dass wir sie ernst nehmen und ihnen zuhören. Das ist sehr wichtig«, findet Natalie Meyer.

Auch ein Laternenumzug zum Martinsfest mit St.-Martins-Spiel und anschließendem Feuer findet jedes Jahr im IKA statt. Dem Team ist es nicht nur wichtig, von fremden kulturellen Bräuchen und Traditionen zu erfahren, es möchte den ausländischen Familien auch eigene Traditionen näher bringen. Vor dem Hintergrundgedanken des Teilens ist das Martinsfest sicherlich eine schöne Tradition, bei dem wichtige Werte vermittelt werden. Bereits in den vergangenen Jahren wurden Spielsachen für sozial benachteiligte Familien gesammelt und Essen für die Augsburger Tafel gespendet. In diesem Jahr gingen die Spenden an Flüchtlingskinder. Ergeben hatte sich dies aus einem Projekt zum Thema Flüchtlinge in der Gruppe von Natalie Faller. Im Stuhlkreis hatten sich die Kinder gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften über mehrere Wochen hinweg mit dem Thema befasst. Es wurde darüber gesprochen, warum die Familien fliehen müssen, aus welchen Ländern sie kommen und wie der Fluchtweg aussieht. Am Ende stand die Frage, wie man helfen kann. Spontan hatten die Kinder die Idee, Spielsachen und Stofftiere zu spenden – ganz im Sinne des St.-Martin-Gedankens.

Dass in einem internationalen Umfeld auch Platz für typisch Bayerisches ist, hat das letzte Sommerfest der Kita gezeigt: Es wurde im Stile eines bayerischen Volksfestes gefeiert und war ein voller Erfolg. Das komplette Team und einige der Besucher waren im traditionellen Dirndl gekleidet und am Büffet gab es bayerische Schmankerl. »Zusammen mit einigen ausländischen Familien, die an diesem Tag traditionelle Kleidung aus ihrer jeweiligen Heimat trugen, ergab sich insgesamt ein buntes und sehr fröhliches Bild,« fand Sarah Nowotny.

Auch fremde Feste in den Jahresablauf integrieren

Aufgrund einer Vielzahl von indischen Kindern wird in einigen Gruppen in den letzten Jahren außerdem auch Diwali, das indische Lichterfest, immer wieder gefeiert. Die Kinder bringen dann von zu Hause typisch indische Süßigkeiten mit, die es traditionell zu Diwali gibt. Im Stuhlkreis wird über die Bedeutung des Fests gesprochen und warum es gefeiert wird. Und natürlich brennen an diesem Tag ganz besonders viele Lichter in der Gruppe. »Für unsere indischen Kinder ist dies immer eine schöne Sache, denn sie stehen an diesem Tag im Mittelpunkt und können den anderen Kindern etwas Neues zeigen. So erfahren sie die Wertschätzung ihrer eigenen Kultur und merken, dass sie etwas Besonderes beizutragen haben«, berichtet Natalie Meyer, die auch in diesem Jahr das Fest wieder mit ihrer Gruppe gefeiert hat. »Und auch für uns Erwachsene ist es toll, immer wieder etwas Neues zu erfahren und so die Familien mit ihren unterschiedlichen Kulturen besser kennenzulernen. Gleichzeitig hilft es uns auch dabei, das jeweilige Kind in seinem Lebensumfeld besser zu verstehen.«

Gemeinsam Feste – Integration kultureller Bräuche

Für Natalie Fallers Gruppe gab es im letzten Jahr außerdem die Anfrage der Deutsch-Indischen Gesellschaft Augsburg, bunte Windlichter für das Diwali-Fest zu basteln. Diese wurden dann bei der Feier des Vereins verkauft und das Geld für ein soziales Projekt in Indien gespendet. »Die Kinder der Gruppe und auch einige der Hortkinder waren mit großer Begeisterung beim Basteln dabei. Sie haben gleichzeitig ein wenig über die indische Kultur gelernt und sich für andere Menschen engagiert. Alles in allem eine schöne und runde Angelegenheit,« freut sich Natalie Faller. Nicht immer muss man zum Feiern im IKA übrigens so weit über die Landkarte reisen: Natalie Meyers Gruppe feiert auch St.-Patrick’s-Day, den irischen Nationalfeiertag, nachdem die muttersprachliche Assistentin der Gruppe aus Irland stammt. Schließlich soll man Feste feiern, wie sie fallen und Hauptsache, alle haben Spaß dabei.

Beim Feiern spielt immer auch das angebotene Essen eine wichtige Rolle. Zum Kennenlernen und Wertschätzen fremder Kulturen ist ein internationales Büffet, bei dem jeder Speisen aus seinem jeweiligen Kulturkreis mitbringt, eine schöne Sache. Es bringt Menschen ins Gespräch und fördert das Miteinander. Noch besser geeignet ist dafür sicherlich das gemeinsame Kochen internationaler Speisen. Doch dazu muss die Einrichtung entsprechend mit einer Küche ausgestattet sein.

Ideen zum wertschätzenden Umgang mit fremden Kulturen in der Einrichtung

  • Märchen und Geschichten aus verschiedenen Ländern erzählen
  • Besuch von interkulturellen Theaterstücken
  • Länderkunde: Kinder und Eltern berichten aus ihrem Land
  • Gemeinsames Kochen internationaler Speisen
  • Internationales Büffet bei Festen
  • Aufhängen einer Weltkarte, in der die Herkunftsländer der Kinder, markiert sind

Das Team im interkulturellen Umfeld

Die Arbeit in einem Umfeld, in dem verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, stellt das pädagogische Team oftmals vor besondere Herausforderungen. Diese lassen sich jedoch meist mit ein wenig Fingerspitzengefühl und Kreativität lösen. Empathie und Wertschätzung sind weitere wichtige Schlagworte in diesem Zusammenhang. Insgesamt sollte die Einrichtungskultur geprägt sein von Offenheit, Respekt und Toleranz gegenüber fremden Kulturen.

Die Fachkräfte sollten eine positive Grundeinstellung gegenüber Menschen aus anderen Ländern und ein gewisses Interesse an fremden Kulturen, Bräuchen, Traditionen mitbringen.

Wichtig ist auch die Entwicklung eines kulturellen Diversitätsbewusstseins innerhalb des Teams, bei dem bestehende Unterschiede zwar erkannt, aber als normal verstanden werden. Insbesondere auch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Situation anderer einzufühlen, deren Einstellungen und Haltungen zu verstehen und zu tolerieren, ist eine ausschlaggebende Eigenschaft für pädagogische Fachkräfte in einem multikulturellen Umfeld. Hilfreich dabei ist es sicherlich, wenn es im Team pädagogische Fachkräfte mit eigenem Migrationshintergrund gibt. Sie haben in der Regel sowie Augen und Ohren offen für vorhandene Diversitäten in den Gruppen und sind sehr bewusst und meist auch froh, wenn sie die kulturelle bzw. interkulturelle Identität der Kinder fördern können.

Fazit

Es ist normal, dass wir alle verschieden sind. Wir alle benötigen Werte, die uns selbst und für das Leben in der Gemeinschaft wichtig sind. Kinder brauchen vertrauensbildende Grunderfahrungen wie das Miterleben von Gemeinschaft und feste Rituale, um sich eigene und fremde Werte zu erschließen. Neben den Eltern sind die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas Vorbilder, die bestimmte Werte vorleben und deren Verhalten Kinder prägt. Wichtig ist in den Kitas deshalb eine Einrichtungskultur des wertschätzenden Umgangs – auch im Hinblick auf das jeweilige kulturelle Umfeld der Kinder und ihrer Familien.