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Lyrik & Prosa in der Kita - Warum Gedichte mehr können, als gut klingen!

An vielen Ecken im pädagogischen Alltag begegnen uns Reime und Gedichte. Nahezu jedes Kind liebt sie. Diese schon früh ausgeprägte Vorliebe für Lyrik & Prosa hat einen durchaus guten Grund. Gedichte klingen gut, sind melodisch, einprägsam und das Rezitieren macht großen Spaß. Aber Gedichte können mehr als gut klingen und sich reimen – sie sind ein nicht zu negierender Baustein kindlicher Sprachförderung und Sprachentwicklung.

 

Gedichte in der Kita

© detailblick

Immer wieder erlebe ich in meiner Arbeit wie angetan Kinder von Gedichten und Reimwörtern sind. Sie sprechen Verse nach oder erfinden sinnfreie Reimwörter, die so ähnlich klingen wie die Vers-Enden des Gedichts. Durch das Reimen und Rezitieren von Gedichten, ebenso wie durch das Hören, wird die prosodische und ebenso die linguistische Kompetenz der Kinder gefördert und ihr Sprachschatz erweitert. Deshalb würde ich der Poesie in Form von Lyrik und Prosa im Spracherwerb von Kindern eine nicht zu unterschätzende Rolle zuschreiben. Denn durch Reimwörter und wohlklingende Verse lernen die Kinder, phonologische Strukturen zu erfassen sowie rhythmische und klangliche Eigenschaften der Sprache wahrzunehmen.

In diesem Zusammenhang spricht man in der Sprachforschung von der prosodischen Kompetenz. »Die Prosodie umfasst Melodie, Tonhöhe, Betonung, Rhythmus, Klang und Lautstärke des Gesprochenen. Die Wahrnehmung und der Einsatz der prosodischen Kompetenzen sind deswegen so grundlegend, weil sie entscheidenden Einfluss auf den Sinn einer Aussage haben. An dem Verlauf der Tonhöhe kann z.B. ausgemacht werden, ob es sich um eine Frage oder eine Antwort handelt. Der Sprachrhythmus, die -betonung und die -melodie entscheiden zudem auch über die Bedeutung eines Satzes. [...] (vgl. Zimmer 2010). Des Weiteren dienen die prosodischen Kompetenzen auch der Sprachverarbeitung sowie dem frühen Grammatikerwerb (Weinert & Grimm 2008).«

Gedichte im Kita-Alltag

Um nun das Medium Gedicht in einen alltagsbezogenen Kontext zu bringen, empfiehlt es sich, an der Lebenssituation der Kinder anzuknüpfen. Der Weg bleibt das Ziel, es geht nicht darum, dass die Kinder das Gedicht perfekt rezitieren können, sondern eine weitere Facette von Sprache kennenlernen und daran Freude finden. Alles andere bleibt ein positiver Nebeneffekt. Dabei konnte ich beobachten, wie die unter 3-Jährigen (scheinbar unbewusst) einige Fragmente des Gedichts ständig wiederholten oder die Sprachmelodie des Gedichts nachahmten. Dies geschieht vor allem dann, wenn sie sich mit all ihrer Aufmerksamkeit einer Tätigkeit wie dem Spielen oder Konstruieren zuwenden. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Merkfähigkeit und welches Lerngenie die Kinder besitzen. Selbst sprachlich anspruchsvolle Gedichte, wie das von Eduard Möhrike (Er ist’s), haben sie nach wenigen Wiederholungen verinnerlicht.

Gezielte Förderung

Kompakter als mit einzelnen Reimen oder ganzen Gedichten lässt sich die infantile Artikulation nicht fördern. Es kommt zu einer nicht irrelevanten Einbeziehung verschiedener Laute, Vokale und Konsonanten, die für den Spracherwerb bzw. die phonetisch-phonologische Kompetenz von wesentlicher Bedeutung sind. Artikuliertes Sprechen und rhythmisches Rezitieren von Gedichten, Versen und Reimwörtern stellt einen nicht zu bestreitenden Vorteil für die kindliche Sprachentwicklung da. Abgesehen von der Diktion findet eine nachhaltige Stärkung des Atemstroms, die Belüftung von Rachen-, Nasen- und Ohrenraum sowie eine intakte Ausformung der Sprachorgane statt.

Verstehen Kinder das Prinzip des Reimens, so entwickeln sie ein Verständnis für Silbentrennung sowie für Anfangsbuchstaben und Wortendungen, die ihnen eine große Hilfe auf dem Weg des Schriftspracherwerbs sind. Mit der Zeit beginnen die Kinder, ungebunden eigene Reimwörter und Verse zu bilden, dabei selektieren sie aus einer Vielzahl von Begriffen jene, deren Beginn oder Ende sich gleichen. Gemessen am Alter der jeweiligen Kinder kann die Reimwortbildung immer differenziertere Formen annehmen. Was einzelne Reime oder ganze Gedichte betrifft, sind der Fantasie keinerlei Grenzen gesetzt. Gerade Reime, die aus Lautmalereien bestehen, sind bei den Kleinen hoch im Kurs. Seien es nun Rätselreime die Hinweise auf einen gesuchten Begriff geben oder komplexe Reimgeschichten: Ganz gleich in welchem Kontext die Lyrik ihren Platz im Alltag der Kinder findet, sie hat nachgewiesenermaßen erheblichen Einfluss auf die Förderung der Gehirntätigkeit.

Durch die lyriktypische Vortragsweise von Gedichten und Versen in Reimform, getragen von einer melodischen Aussprache, wird den Kindern das Merken von Wörtern, Satzstrukturen sowie deren semantischer Inhalt nicht nur vereinfacht, sondern stark erleichtert. Intuitiv wissen die Kinder, wie ein Gedicht weitergeht oder auf welchem Wort der Reim enden wird. Die Kinder erhalten einen spielerischen, lustvollen Zugang zu dem unlängst sperrigen und angestaubten Thema Sprache, ferner beschäftigen sie sich überaus schöpferisch mit ihr. In gewisser Weise agieren sie auf der Metaebene von Sprache und sind sich der für sie immens bedeutsamen Relevanz für die Ausprägung ihrer sprachlichen Kompetenzen bewusst.

Seien es syntaktische Strukturen, die Wiedererkennung von Satzendungen oder die korrekte Produktion und Artikulation von Lauten. Weitere wichtige Bestandteile für den qualitativen Spracherwerb liegen in der Schulung der Konzentration, der Merkfähigkeit, dem Sprachgefühl und einem ausgeprägten Wortschatz. Zuweilen ist es für Kinder um einiges belustigender, je sinnwidriger und aberwitziger Reime daherkommen. Lässt sich doch zum einen herzhaft über die absurden Verse lachen und zum anderen bekommen die Kinder ein Gespür dafür, schöpferisch mit Sprache zu jonglieren und mit deren Fragmenten zu spielen – wodurch sich bei den Kindern ferner autonom von der eigentlichen Funktion der Sprache eine wachsende Kenntnis für Phonetik, Prosodie und Morphologie bildet.

Fazit

Es liegt an uns, den Kindern die Tür zur Welt von Lyrik und Prosa aufzustoßen. Sei es durch das allmorgendliche Begrüßungslied, Fingerspiele beim Wickeln oder dem täglichen Tischspruch. Ganz gleich wie wir ihnen die Wortkunst von Gedichten an die Hand reichen, wir haben dafür Sorge zu tragen dass das kulturelle Erbe unserer Dichter und Denker, Einzug in den Alltag der Kinder erhält. Um deren Sprachkompetenz nachhaltig fördern zu können. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kinder bald in die Schule gehen oder noch über den Teppich krabbeln. Lyrik kennt weder Alter noch Herkunft, im Gegenteil sie bringt zusammen und schafft Gemeinsamkeiten.

Literatur

Guggenmos, Josef (2002): Oh, Verzeihung sagte die Ameise, Gedichte und Geschichten, Beltz & Gelberg, Weinheim.

Ruberg, Rothweiler (2012): Spracherwerb und Sprachförderung in der Kita, Kohlhammer, Stuttgart.

Zimmer, R. (2014): BaSiK Grundpaket. Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen. Freiburg: Herder.

Spengler, B. (2010): Sprach-SIGNAL. Praxisbuch zur Sprachförderung und Integration in Kindergärten. Cornelsen. Berlin.