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Mehrsprachigkeit in Kitas - So unterstützen Sie Kinder beim Erlernen von Deutsch als Zweitsprache

Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland steigt kontinuierlich. In der Altersgruppe der Null- bis Sechsjährigen lag er laut Lagebericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2007 bei 33,7 Prozent, in der Gruppe der Sechs- bis Elfjährigen Kinder bei 28,9 Prozent. Die im Lagebericht 2010 veröffentlichten Erhebungen zeigen, dass inzwischen 34,4 Prozent der Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund haben. Bei den Kindern bis zum Lebensalter von zehn Jahren sind es 32,7 Prozent. Aus diesen Zahlen lässt sich schließen, dass auch der Anteil mehrsprachiger Kinder in den Kindertageseinrichtungen in Deutschland steigt. Auch kommen sprachliche Defizite deutlich häufiger bei Kindern mit Migrationshintergrund vor als bei anderen Kindern.

Mehrsprachigkeit in Kitas - So unterstützen Sie Kinder beim Erlernen von Deutsch als Zweitsprache

© olly

Für mehrsprachige Kinder stellt das Erlernen der deutschen Sprache eine besondere Herausforderung dar, da der Zweitspracherwerb anders verläuft als der Erwerb der Muttersprache. Die Erzieher/innen stehen folglich vor der Aufgabe, immer mehr Kinder bei der Bewältigung dieser Herausforderung zu unterstützen. Häufig fehlt den Fachkräften dabei das notwendige Wissen über den Verlauf des Zweitspracherwerbs und ihnen stehen oftmals keine Konzepte zur Verfügung, mit Hilfe derer sie die Kinder angemessen fördern können.

Der Erwerb der Zweitsprache

Man unterscheidet zwischen simultanem und sequenziellem Zweitspracherwerb. Beim simultanen Zweitspracherwerb erlernt ein Kind zwei Sprachen parallel und verfügt somit über zwei Muttersprachen. Es bestehen nur wenige Unterschiede zum Spracherwerb bei einsprachig aufwachsenden Kindern und es kommt im Vergleich nicht häufiger zu Störungen der Sprachentwicklung.

Der sequenzielle Zweitspracherwerb hingegen ist dadurch gekennzeichnet, dass die zweite Sprache erst zu einem Zeitpunkt erlernt wird, an dem das Kind bereits begonnen hat, eine andere Sprache, seine Muttersprache, zu erwerben. Das Kind kommt in diesen Fällen meist außerhalb der Familie, beispielsweise in der Kindertageseinrichtung mit der zweiten Sprache in Kontakt. Die zweite Sprache wird daher nicht auf die gleiche Weise erlernt wie die Erstsprache. Das Kind bezieht das sprachliche Wissen, dass es sich in seiner Muttersprache bereits angeeignet hat, auf die Zweitsprache. Wenn es bereits kompetent in seiner Muttersprache ist, kann dies hilfreich sein und einen schnellen Erwerb der zweiten Sprache begünstigen. Häufig versuchen die Kinder jedoch zunächst, sich in ihrer Muttersprache zu verständigen. Da dies in der Regel nicht gelingt, ist oft eine Phase des Schweigens bei den Kindern zu beobachten. Sie beginnen, die für sie neue Sprache zunächst rezeptiv zu erwerben. Das bedeutet, dass sie versuchen zu verstehen, jedoch selbst nicht sprechen. Anschließend beginnen sie, sich in einzelnen Wörtern oder formelhaften Äußerungen in der Zweitsprache zu verständigen, bis sie die Zweitsprache schließlich beherrschen. Das Erwerbstempo und die Erwerbsschritte sind dabei individuell sehr unterschiedlich. Häufig ist zu beobachten, dass die Kinder Wörter, Formulierungen oder auch grammatische Regeln aus ihrer Muttersprache in der Zweitsprache anwenden. Solche Transfer-Leistungen, die als kreative Zwischenschritte auf dem Weg zur vollen Sprachkompetenz gedeutet werden können, sind keinesfalls negativ zu bewerten.

Berücksichtigen Sie die unterschiedlichen Lernprozesse

Insgesamt brauchen Kinder mit einem sequenziellen Zweitspracherwerb länger als einsprachige oder simultan zweisprachige Kinder, um die Zielsprache zu erlernen. Auch wenn grundlegende umgangssprachliche Kommunikationsfähigkeiten von den meisten Kindern nach zwei Jahren bereits beherrscht werden, muss davon ausgegangen werden, dass es fünf bis sieben Jahre dauert, bis die Kinder die Fähigkeit beherrschen, eine Sprache als Instrument für Denkprozesse zu benutzen (sog. kognitiv-akademische Fähigkeiten).

Damit den zweisprachig aufwachsenden Kindern der Erwerb der beiden Sprachen gelingen kann, benötigen sie Unterstützung, insbesondere kontinuierlichen und reichen Sprachinput, sowie die Möglichkeit der funktionalen Verwendung beider Sprachen. Nur so können sie eine vollständige Kompetenz in beiden Sprachen erreichen. Da die Kinder in der Familie häufig nur ihre Muttersprache verwenden, liegt es in der Verantwortung der Erzieher/innen, die Kinder beim Erwerb der deutschen Sprache zu unterstützen. Es gibt verschiedene Sprachförderkonzepte, die in den Kindertageseinrichtungen eingesetzt werden können. Jedoch wurden die wenigsten dieser Konzepte wissenschaftlich evaluiert und es ist daher unklar, ob sie tatsächlich dazu geeignet sind, die Kinder angemessen zu fördern.

Weiterbildung für spezielle Herausforderungen in der Zweisprachigkeit

Das Sprachförderkonzept „Language Route“ wurde an der Universität zu Köln nunmehr wissenschaftlich evaluiert und ist nachweislich effektiv. Es handelt sich um ein Konzept aus den Niederlanden, das 2007 vom Verlag Prolog für den deutschsprachigen Raum herausgegeben wurde. Erzieher/innen können eine Fortbildung bei von Prolog geschulten „Language-Route-Trainerinnen“ (bzw. „Max-Trainerinnen“) besuchen und dort die Sprachförderung nach dem Konzept der „Language Route“ erlernen.

Das Konzept wurde zwischenzeitlich dahingehend erweitert, den speziellen Herausforderungen, vor die mehrsprachige Kinder im Zweitspracherwerb gestellt werden, besser begegnen zu können. Ab 2012 erwerben die Trainerinnen spezielle Arbeitsweisen zur Förderung mehrsprachiger Kinder, die sie an die Erzieher/innen in ihren Fortbildungen weitergeben.

Förderung der mehrsprachigen Kinder nach dem Konzept der „Language Route“

Das Konzept der „Language Route“ möchte Sprachförderung durch Interaktion erreichen. Dabei gibt es verschiedene so genannte „Faustregeln“ als Hilfestellungen für die Erzieher/innen, welche die Interaktion mit den Kindern erleichtern sollen und Sprachförderung in alltäglichen Kommunikationssituationen ermöglichen. Sie beziehen sich auf die Gestaltung der Interaktion mit den mehrsprachigen Kindern, auf das Sprachangebot der/des Erziehers/in, auf das Feedback, das sie/er den Kindern gibt sowie auf die Verknüpfung von Sprache mit Handlungen.

Interaktives Vorlesen

Im Konzept der „Language Route“ spielt das interaktive Vorlesen von Bilderbüchern eine zentrale Rolle. Auch hier wird die besondere Situation, in der sich die mehrsprachigen Kinder befinden, berücksichtigt. Die/der Erzieher/in beachtet dabei die Faustregeln zum Sprachangebot. Unter Umständen kann es notwendig sein, die Texte der Bilderbücher zu verändern, um es den mehrsprachigen Kindern zu ermöglichen, ihnen zu folgen.

Der „Erzähltisch“

Ein weiteres wichtiges Element bei der Förderung mehrsprachiger Kinder nach dem Konzept der „Language Route“ ist der so genannte „Erzähltisch“. Es handelt sich um einen Tisch im Gruppenraum, auf dem alle Wörter, welche die Kinder in diesem Zeitraum lernen sollen, durch reale Gegenstände repräsentiert sind. Besonders für die mehrsprachigen Kinder ist es hilfreich, dass sie die Objekte anfassen und sich mit ihnen beschäftigen können, um die Bedeutung der Wörter zu erkennen. Bei der Auswahl der Wörter, welche die Kinder erlernen sollen, sollte darauf geachtet werden, dass es sich um Wörter handelt, die für die Kinder bedeutsam und im täglichen Leben anwendbar sind.

Einbindung der Eltern

In der Sprachförderung mehrsprachiger Kinder ist die Elternarbeit von besonderer Wichtigkeit. Während in der Kindertageseinrichtung an der Förderung der deutschen Sprache gearbeitet wird, sollten die Eltern zu Hause die Muttersprache fördern und dafür sorgen, dass das Kind diese ebenfalls sicher erwirbt. In der Fortbildung erarbeitet die „Language-Route-Trainerin“ gemeinsam mit den Erziehern/innen, wie eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern erreicht werden kann.

Fazit

Es ist einen große Herausforderung für Kinder, in der Kindertageseinrichtung eine andere Sprache lernen zu müssen, als bei ihnen zu Hause gesprochen wird. Sie können diese Aufgabe bewältigen, wenn sie von den Erziehern/innen unterstützt werden. Das Sprachförderkonzept „Language Route“ ermöglicht es den Fachkräften nachgewiesenermaßen, eine effektive Sprachförderung anzubieten, von der die mehrsprachigen Kinder profitieren können.

Nähere Informationen zur „Language Route“ finden Sie im Internet auf der Seite http://www.prolog-therapie.de/max/