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Negative Affekte brauchen ihren Platz in der Kita!

Es ist eine komplizierte Mischung aus negativen Affekten wie Emotionen von Wut, Zorn, Ärger und Feindseligkeit, vielerlei Gedanken und Handlungsimpulsen, was »wir als Aggression« von und unter Kindern verstehen. Die Gründe für aggressives Verhalten, sind derart vielschichtig und komplex, dass es in unserem Wirken nicht nur darum gehen darf, Grenzen zu setzen. Vielmehr geht es darum, »Aggressionen« als Mitteilungen zu verstehen und die Grenzen der Kinder zu wahren.

Dem Kind helfen, mit seinen Gefühlen in Kontakt zu kommen.

Dem Kind helfen, mit seinen Gefühlen in Kontakt zu kommen.

Niemand von uns kommt mit der Fähigkeit auf die Welt, seine Gefühle selbstständig regulieren zu können. Das heißt, jeder von uns muss erst lernen, seine Gefühle richtig einzuordnen und angepasste Reaktionen zu zeigen. Das ist für die Kinder eine sehr herausfordernde Entwicklungsaufgabe, denn es gibt eine verwirrende Vielfalt an Prozessen und Faktoren, die in der kindlichen Entwicklung gleichzeitig ablaufen. Dazu zunächst einen groben Einblick:

Das kindliche Gehirn braucht für seine Entwicklung Zeit. Gewisse Dinge, wie die Fähigkeit eigene und fremde Wünsche zu unterscheiden, oder auch das Verständnis, dass Menschen Realitäten unterschiedlich wahrnehmen und dementsprechend unterschiedliche Überzeugungen haben können, sind erst nach gewissen Lebensmonaten beziehungsweise Lebensjahren möglich. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um Denkleistungen im Großhirn. Diese können also erst abverlangt werden, wenn das Gehirn dazu bereit ist. Wie gut, wenn sich dann die Kinder – als Akteure ihrer eigenen Entwicklung – mit ihrer angeborenen Neugier und einem ordentlichen »Appetit auf Aktion« als kleine Weltentdecker selbst auf den Weg machen.

Allerdings verbirgt dieser Explorationstrieb auch Herausforderungen.

Dr. Phil. Heidi Simoni et al. (2008) fand in einem Forschungsprojekt zum Thema »Erwerb sozialer Kompetenzen bei Kindern im Alter von 8 bis 24 Monaten in Interaktionen mit Peers und mit ihren Eltern« heraus, dass es in Konflikten bei Kleinstkindern häufig um ihr natürliches Bedürfnis nach Exploration geht. Daraus lässt sich quasi herleiten, das Toben und Wüten zur natürlichen Entwicklung eines Kindes gehört. Es artikuliert eben seine Bedürfnisse nur deutlich.

Bindungsqualitäten spielen eine große Rolle

Da ein sehr junges Kind entwicklungsbedingt seine Affekte und damit seine Enttäuschung, Wut und Verunsicherung noch nicht selbst regulieren beziehungsweise verstehen kann, ist es von den affektregulierenden Interaktionen mit Bindungspersonen abhängig. Der englische Psychologe und Psychoanalytiker Peter Fonagy hat in seinen Untersuchungen zur Affektregulierung, Erkenntnisse der Theory of Mind-Forschung mit Psychoanalytischen Theorien und Bindungstheorien verknüpft. Er fand heraus, dass das Bindungssystem aufs engste mit der Entwicklung der Affektregulierung zusammenhängt.

Bindung begründet bei Kindern das Vertrauen in die Kompetenz der Eltern und Fachkräfte, beim Abbau von emotionalen Spannungen zu helfen. Das bedeutet, je nachdem welche Bildungsqualitäten Kinder erfahren, werden sie mehr oder weniger lernen können, mit ihren Affekten »sozialverträglich« umzugehen. Wenn einem Kind bei seiner Welteroberung nun Bindungspersonen fehlen, die stark genug sind, seine Gefühle auszuhalten und ihm helfen, seine Gefühle zu verstehen und einzuordnen, wird es seine Gefühle nicht adäquat verarbeiten können. Es wird womöglich negative Ansichten von sich und der Welt entwickeln. Somit können wir es in Kita-Gruppen mit Kindern zu tun haben, die bisher kein »stabiles Selbstgefühl« aufbauen konnten.

Aber auch Kinder, die die Fähigkeit bereits erlangt haben, Affekte zu kontrollieren und über sie nachzudenken, behalten diese Fähigkeit nicht automatisch bei, insbesondere wenn sie sich in Stress- und Belastungssituationen befinden (Beispielsweise: Übergänge im Kita-Alltag, wechselndes Personal, Lautstärke etc.).

Auch haben Kinder mit einem »stabilen Selbstgefühl« ein großes Bedürfnis, sich selbst zu erleben. Aber wenn dieser Wunsch nach Status und Autonomie im Elternhaus und/oder im pädagogischen Konzept einer Kindertagesstätte keine Anerkennung findet, entwickeln selbst diese Kinder Gefühle der Zurücksetzung und Angst sowie der Eifersucht, Trauer, Scham und Schuld. Diese Gefühle können übersetzt werden durch Wut und Ärger, welche sich mit feindseligen Überzeugungen direkt in ein aggressives Verhalten übertragen.

Aggressionen sind ein zu gestaltendes Beziehungsangebot

Nun stehen wir vor der Frage, wie wir auf aggressives Verhalten von Kindern reagieren sollen. Unvermeidlich rückt hier die Wichtigkeit von »Grenzen« in den Fokus. Bei gewalttätigen Angriffen ist dies aus Schutzgründen sicher dringend notwendig. Aber wie sieht es darüber hinaus aus und um welche Arten von Grenzen geht es hier? Sind Grenzen ein Bollwerk?

Wie viel Stress und Ärger bereiten wir, wenn wir Grenzen setzen, die gegen ein Kind arbeiten? Schließlich engen wir das Kind damit ein. Könnte es sein, dass wir weitere Aggressionen züchten, indem unsere Reaktionen die Grenzen der Kinder überschreiten? Unsere Aufgabe ist es, Stress zu reduzieren und den emotionalen Zustand des Kindes zu verbessern. Wir müssen Grenzen setzen, die mit dem Kind arbeiten. Es braucht Grenzen, die ihm Alternativen geben, anstatt sich verteidigen zu müssen. Aggressionen sind ein zu gestaltendes Beziehungsangebot, das von uns die Bereitschaft verlangt, einen Weg zur Verständigung zu finden. Es geht immer darum, mit dem Kind und nicht gegen das Kind zu arbeiten.

Sehen und hören was das Kind uns zu sagen versucht

Es erfordert von uns ein hohes Maß an emotionaler, geistiger und körperlicher Präsenz, wenn wir die Botschaften des Kindes entschlüsseln wollen. Beobachtungen werden oft durchgeführt, weil wir unsere Probleme mit dem Kind lösen wollen. In erster Linie sollte es in der Beobachtung jedoch darum gehen, die Perspektive (Hilfebedürfnis) und Situation (Überforderung, Verunsicherung) des Kindes zu erfassen.

Es fehlt häufiger an Mitgefühl als an Grenzen

Es geht nicht darum, die »Aggressionen« wegzuregulieren. Vielmehr muss dem Kind geholfen werden, mit seinen Gefühlen (Wut, Trauer, Angst, Scham und Schuld) in den Kontakt zu kommen. Ein Kind, was emotional aufgewühlt ist, kann nicht immer mit Worten beschreiben, was in ihm vorgeht. Es ist derart erregt, dass es nicht denken kann. Das Kind reagiert lediglich so, wie es sein Verstand gerade zulässt. Unsere Aufgabe ist es, dem Kind zu vermitteln, was in ihm vorgeht, indem wir stellvertretend Unausgesprochenes aussprechen. Dafür ist es wichtig, dass wir uns auf die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes einlassen. Die Bereitschaft, über alles sprechen zu können und die Freiheit, nicht gleich Lösungen parat zu haben oder etwas Schlaues sagen zu müssen, ist hierbei hilfreich. Wir dürfen gerne Hypothesen wagen. Beispielsweise können wir sagen: »Du bist sehr wütend, weil die anderen Kinder Dich nicht mitspielen lassen. Du bist sehr traurig, weil Du die anderen Kinder gemein findest. Du hast Angst, weil Du jetzt gar nicht weißt, was Du machen sollst.«. Es ist erst einmal nicht entscheidend, ob wir mit unseren Vermutungen richtig liegen. Es geht um Solidarität und Trost von Herz zu Herz. Das Kind kann darauf reagieren. Es kann in sich hineinspüren, wie sein Gefühl tatsächlich ist.

Die Situation und nicht das Kind »begrenzen«

Führen wir ein Kind durch den Prozess der Emotionsregulierung, teilen wir ihm meist sprachlich mit, was es nun zu tun oder zu unterlassen hat. Damit gehen wir das Kind häufig direkt an. Es erlebt Zurückweisung, Rechtfertigungsdruck und befürchtet Beziehungsabbruch. Sicher geht es um Kommunikation mit dem Kind. Jedoch handelt es sich hierbei um eine Kommunikation auf Handlungsebene des Kindes. Es sind zielgerichtete Interventionen, die die individuellen Entwicklungsvoraussetzungen berücksichtigen und das Kind befähigen, prosozial seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Beispiele solcher Interventionen finden wir im Kinder-Psychodrama. Sie tragen Namen wie Außenfeind, Reporter und Selbstgespräch. Sie sind nicht nur Techniken der Erwachsenen, sondern Werkzeuge, die man Kindern auf den Weg geben kann. Sie beanspruchen den Verstand, und helfen dem Kind, neue Verhaltensweisen zu erkennen.

So wenig Herzblut für unerwünschtes Verhalten wie möglich!

Es geht nicht nur darum, was wir besser tun. Es geht auch um das, was wir besser nicht tun. Häufig versteifen wir uns auf die »Unruhestifter«, weil wir Verhaltensänderungen gemäß unserer Logik und Emotion erzwingen wollen. Es sollte uns auffallen, dass in der Kita noch viele andere Kinder sind, die sich gerade konstruktiv und hilfsbereit verhalten. Geben wir unsere ganze Energie in die Korrektur »unerwünschten Verhaltens«, bleibt zu wenig Herzblut für die anderen Kinder übrig. Nach dem Motto: »Die Pflanze wächst zum Licht!«, sollten wir »positives Verhalten« von allen Kindern mit Worten und Herz anerkennen. Ein Kind, was beispielsweise immer wieder durch »aggressives Verhalten« nach Aufmerksamkeit der Erwachsenen verlangt, erfährt so, dass auch ein prosoziales Verhalten Achtung und Bewunderung erfährt.

Fazit

»Aggression« braucht einen Feind zum Wachsen. Wenn wir Kindern Grenzen setzen, begrenzen wir uns ebenso in unseren Möglichkeiten, die Beziehung mit ihnen zu gestalten. Wir dürfen nicht vergessen, dass eben auch die Kinder (unsichtbare) Grenzen festgelegt haben. Über diese können wir nicht konfrontativ »hinwegbrettern«. Sicher werden wir auch immer wieder auf Kinder in schwierigen Situationen treffen, wo wir trotz allen Bemühens auf unsere fachlichen Grenzen stoßen. Aber wir haben immer die Wahl, mit welchen Einstellungen wir diesen Kindern begegnen, die nichts Weiteres wollen, als über sich selbst und ihre Begrenztheit hinauszuwachsen.

Literatur

Aichinger, A./Holl, Walter (2002): Kinderpsychodrama. In der Familien- und Einzeltherapie, im Kindergarten und in der Schule. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag.

Bergmann, Wolfgang (2017): Aggressives Verhalten bei Kita-Kindern. Berlin: Cornelsen Verlag GmbH.

Fonagy, P./Gergely, G./Jurist, E. L./Target, M. (2015): Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. 5. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.

Pereglin, Dijana (2010): Mit Psychodrama Verhaltensproblemen von Kindern kreativ begegnen. Norderstedt: GRIN Verlag GmbH.

Siegel, D. J./Bryson, T. P. (2016): Achtsame Kommunikation mit Kindern. 12 revolutionäre Strategien aus der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes. 5. Auflage. Freiburg in Breisgau: Arbor-Verlag.

Simoni, H./Herren, J./Kappeler, S./Licht, S. (2008): Frühe soziale Kompetenz unter Kindern. S. 15–34. In: Malti, T./Perren, S. (Hrsg.) Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Entwicklungsprozesse und Förderungsmöglichkeiten. Stuttgart: Kohlhammer.