zurück nach oben

On the road again – Mit Kindern die Stadt erobern

Kindern heute liegt oft nichts ferner als die nahe Umgebung. Durch Sicherheitsbedenken, Mobilität und zunehmend organisierte Freizeit verlieren sie immer mehr den Bezug zum eigenen Lebensumfeld. Michael Fink fordert, mit Kindern vermehrt das eigene Lebensumfeld zum Untersuchungsgegenstand zu machen. Vor allem kreative Methoden bieten sich an, um direkt vor der Haus- und Kitatür Stadtforschung für Kinder zu betreiben.

Lassen Sie die Kinder eine Führung durch ihre Gegend machen

Lassen Sie die Kinder eine Führung durch ihre Gegend machen

Sie gehörten einst fest zusammen, heute entfernen sie sich immer weiter voneinander: Immer rarer werden die Begegnungen von kleinen Kindern mit der Stadt. Zeigten Gemälde vor zweihundert oder hundert Jahren noch ganz selbstverständlich Kinder beim Spiel auf der Straße, ist heute die Präsenz von Kindern auf kurze Momente und bestimmte Orte begrenzt: Wenn sie zwischen Kita oder Schule und zuhause unterwegs sind und ausnahmsweise nicht transportiert werden. Wenn sie in Kitagruppen auf dem Weg zum Zoo, Theater oder Spielplatz sind.

Unbegleitete Kinder unterhalb des Jugendalters sind dagegen selten geworden. Es ist paradox: Unsere moderne Welt gewährt Kindern Rechte, wie vielleicht nie zuvor, und macht gerade in Bezug auf Medien unendliche Welten zugänglich – nur die direkte Lebenswelt außerhalb der eigenen vier Wände oder der Betreuungseinrichtung bleibt weitgehend versperrt. Früher las man auf »Betreten verboten«- Schildern stets den Satz »Eltern haften für ihre Kinder«; heute ist der Satz unnötig und selten geworden, denn: Wann sind heutige Kinder schon unbeaufsichtigt unterwegs, um ohne Wissen von Eltern oder Erziehern bzw. Erzieherinnen Schaden anzurichten?

Schuld ist sicherlich ein gestiegenes Bedürfnis nach absoluter Sicherheit in einer freilich immer risikoärmeren Welt. Dazu kommt wohl, dass immer mehr Eltern und pädagogische Fachkräfte Freizeit als etwas ansehen, was unbedingt von kundiger Hand gestaltet werden muss, um einen Mehrwert zu haben: Der Kurs, das betreute Freizeitangebot und der Indoorspielplatz haben die freie Spielzeit am Nachmittag weitgehend dezimiert.

Was fehlt, wenn Kinder die Stadt nur noch als Kulisse bei der Fahrt zum Gitarrenkurs, zur Kita oder zum Zoo erleben? Wer durfte noch erfahren, wie es sich anfühlt, »jeden Tag draußen zu sein«, kann über eine Menge Erfahrungen berichten: Kindheit draußen bedeutet Dinge wie zufällige Gespräche mit vorbeiziehenden Erwachsenen. Bedeutet ungezielte Besuche in Geschäften. Beinhaltet das Springen über Gehwegplattenritzen, das Erklimmen von Mauervorsprüngen, das Hineinwagen in offene Toreinfahrten und entsprechend ungeahnte Einblicke in fremdes Leben. Wie viel Empathie und Einblick geht Kindern heute eigentlich verloren, weil sie nicht mehr ungeplant im Laufe eines Nachmittages bei der Familie eines Spielgenossen in der Küche aufkreuzen, um ein Marmeladenbrot zu erbetteln?

Die eigene Nachbarschaft zu kennen, sollte also ein wichtiges Bildungsziel sein. Nicht nur, um den Orientierungssinn der Kinder zu trainieren, sondern auch, um sich verwurzelt zu fühlen. Um zu erfahren, welches Potential für selbstgewählte Aktivitäten in der direkten Nähe steckt. Kitas und Horten kommt deshalb zwangläufig der Auftrag zu, diesen Mangel an Erfahrung im Lebensumfeld der Kinder zu kompensieren. Das kann mit scheinbar ziellosen, offenen Erkundungen in den Straßen und Häusern im Umfeld der Einrichtung und einem bewussten Einbringen der Erfahrungen in die Räume der Kita selbst gelingen. Zum Beispiel mit folgenden Aktionen:

Eine Projektwoche oder ein regelmäßiger Aktionstag »Unser Viertel«

Planen Sie eine Woche oder einen wiederkehrenden Tag für Ausflüge in die nächste Umgebung ein. Nehmen Sie sich bewusst viel Zeit, informieren Sie die Eltern, dass keine Attraktionen wie Theater oder Museen besichtigt werden, sondern das Gebiet direkt um die Kita, vielleicht einschließlich der Wohnorte der meisten Kinder. Fragen Sie ab, wer in dieser Gegend arbeitet und besucht werden könnte, erkunden Sie auch, ob jemand Lust und Zeit hat, die Gruppe bei sich zu begrüßen. Ein großkopierter Plan des Viertels könnte im Gruppenraum ausgehängt werden, um nach und nach besuchte Orte dort zu markieren.

Suchbild-Rallye

Ein guter Einstieg ins Projekt ist eine Rallye mit Suchbildern. Am Vortag fotografiert eine Pädagogin bzw. ein Pädagoge dafür im Umfeld der Kita – vielleicht auf den Straßen im Häuserblock – charakteristische, aber eher versteckte Details: Einen besonderen Gullydeckel, ein bestimmtes Klingelschild, ein Ornament an einer Fassade, ein Wasserleitungs-Hinweisschild, den verrotteten Kaugummiautomaten, einen bestimmten Blick auf ein fernes Gebäude. Die ausgedruckten Fotos verteilt er/sie beim Spaziergang mit den Kindern unter diesen, und nun gilt es, den Standort des jeweiligen Fotos zu finden. Wer ihn entdeckt, darf als Beweis ein gleiches Bild knipsen. Wie von selbst ergeben sich Gespräche über die Bedeutung der abgebildeten Dinge. Aus unwichtigen Details werden Anlässe für Fragen und Gespräche.

Plein-Air-Malerei

Lassen Sie die Kinder ihr Viertel vor Ort abmalen und abzeichnen! Wer nicht im Malatelier, sondern vor Ort Dinge abmalt, erlebt Orte auf eine ganz besondere Weise und mit besonderer Intensität. Um das Tor vom Nachbarhaus, den Blick auf den Kirchturm oder ein schönes Auto vor der Tür abzumalen, muss man auf der Straße Platz nehmen – natürlich auf einem Sitzkissen – und nimmt beim Schauen und Zeichnen neben der Aussicht automatisch Geräusche und Gerüche wahr. Kinder-Künstler im Straßenraum werden automatisch von Passanten in Gespräche verwickelt. Durch die lange Aufenthaltszeit an einem Ort erleben sie ziemlich sicher kleine, besondere Alltagsmomente, zum Beispiel das Vorbeihuschen eines Kätzchens oder den Flug eines besonderen Vogels. Und der Blickwinkel, den man zum Zeichnen genutzt hat, bleibt intensiv im Gedächtnis.

Frottage

Lassen Sie die Kinder interessante Strukturen sammeln. Weniger Zeichenkunst ist nötig, um Strukturen per Frottagetechnik abzupausen. Straßen bieten vielfältige Anlässe, um auf grobem Packpapier und mit Kohlestift oder Wachskreiden Strukturen abzupausen: Der Gullydeckel mit Schrift oder eventuell auch Stadtwappen bringen tolle Bilder hervor, genauso wie das Pflaster, die Stollen von Auto- oder Fahrradreifen oder geprägte Hinweisschilder. Unterschiedliche Bäume hinterlassen jeweils einen individuellen Rinden-Abdruck etc. Das entstandene Bildmaterial eignet sich für Ratespiele: »Na, was ist das wohl? Wo habe ich abfrottiert?« Gut ist es auch hier, ein Beweisfoto des abgepausten Gegenstandes zu machen.

Sammeln

Viele Dinge in den Straßen sind absolut unbeweglich. Trotzdem dürften aufmerksame Straßen-Forscher ab und an tolle Artefakte auf dem Boden finden, die Kinder wohl bei jedem Ausflug mitnehmen mögen. Wenn auf die Stadt-Exkursion Zipperbeutel und Handschuhe mitgeführt werden, können die Kinder »Spurensicherung« betreiben und interessante Dinge, die man nun einmal auf Gehweg und Co. findet, mitnehmen. In der Einrichtung können solche Artefakte gereinigt werden, und die Kinder können beginnen, dazu Mutmaßungen anzustellen und Geschichten zu erfinden: Wieso lag ein einzelner Handschuh auf der Straße, wer hat die teure Schokolade gegessen, wer wollte das vor einem Haus gefundene Buch nicht mehr haben?

Filme und Interviews

Ein teures Kita-Tablet taugt genauso wie ein abgelegtes Handy für die mediale Untersuchung der Umgebung: Schließlich haben beide Geräte Kameras und Mikrophone, die auch einzeln über Mikrophon-Apps genutzt werden können, um Interviews zu machen und Geräusche aller Art festzuhalten. Es macht Spaß, Alltagsgeräusche der Stadt zu sammeln und später zu erraten, was da eigentlich aufgenommen wurde: Türquietschen, das Klappern des Müllautos, das Gurren der Tauben? Weil Kinder heute Medien gewohnt sind, bietet es sich an, mit vorher ausgedachten Fragen zufällig angetroffene Passanten oder Ladenbetreiber zu interviewen: Wo gehst du gerade hin, wohnen Sie hier um die Ecke? Was mögen Sie an dieser Gegend, wo ist Ihr schönster Ort?

Vermessen

Überall ist Mathematik – aber besonders viel in den Straßen der Stadt. Wie lang ist ein Meter und wie viele Meterstäbe muss man hintereinanderlegen, um bis zur Straßenecke zu gelangen? Kann man einen Heliumballon an eine ganz lange Schnur binden, um damit die Höhe des Hauses oder gar Kirchturms abzumessen? Wie viele Sekunden dauert es, um bis zur Straßenecke zu rennen oder ganz langsam zu schleichen? Kann man die Gehwegplatten und Mauersteine zählen oder sind das einfach zu viele?

Abschreiben

Überall ist Schrift: Wenn die Kinder mit Block und Stift ausschwärmen, um »Buchstaben zu jagen«, dürfte die Ausbeute gewaltig sein. Lassen Sie die Kinder also mit Klemmbrett, Stift und Papier Beschriftungen abmalen. Es ist spannend, abgemalte Beschriftungen von Läden, Schildern oder auch Autokennzeichen entziffern zu lassen und vielleicht den eigenen Anfangsbuchstaben wieder zu entdecken: Apotheke hat ein A, genau wie Anna! Und nebenbei wird das Erkennen bestimmter Schriftzeichen intensiv gefördert.

Stadtführung

Wohnen die Kinder nah beieinander und doch so fern, dass sie die Lebenswelt des anderen nicht genau kennen, sind kleine Stadtführungen durch einzelne Kinder spannend: »Heute zeigt uns Lea ihre Welt!« Dabei kann das jeweilige Kind die Gruppe zu eigenen Lieblingsecken führen und erzählen, was es daran so mag.

Nicht vergessen: Spielen

Straßenspiele – zum Beispiel Himmel und Hölle – haben eine uralte Tradition. Und sie führen automatisch dazu, dass man auf dem gewählten Stück Gehweg heimisch wird. Natürlich bedürfen sie, wie alle Straßen-Aktionen, gründlicher Verkehrserziehung. Aber genau hier, im Real-Raum, sind diese Ermahnungen ungleich wirkungsvoller als auf dem Verkehrsteppich oder in ohnehin ungefährlichen Zweierreihen auf dem Weg zum Spielplatz.

Nachbauen

Zurück in der Einrichtung lohnt es sich, das Projekt mit all seinen Eindrücken und Ergebnissen aufzubereiten. Dafür ist es eine tolle Methode, den besuchten Straßenraum »nachzubauen«. Dafür braucht es Klebeband, mit dem man die besuchten Wege im verkleinerten Maßstab auf den Boden klebt. Gut ist es dabei, den Maßstab so zu wählen, dass man als Kind durch die Straßen durchgehen kann.

Aus Pappkartons können Gebäude auf der Strecke nachgebaut werden, und all die Souvenirs wie Fotos, Frottagen und Funde können die Kinder an genau den Ort legen, der seinem Fundort entspricht. Besondere Bauten wie den Kirchturm können die Kinder aus Pappkartons nachbauen und bemalen.

Fazit

Kinder brauchen Erzieher/innen als Unterstützer dabei, das eigene Umfeld kennen zu lernen und es als Ort zu erfahren, in dem man aktiv werden kann und etwas entdecken kann. Gerade kreative Methoden eignen sich hervorragend dazu, Kinder für ihre Lebensumwelt zu interessieren. Denn wenn Kinder sich zeichnend, bauend und spielend ihre Umwelt aneignen, erleben sie sich als aktiv und selbstwirksam. Ein guter Gegenpart zum sonst eher passiven Erleben der Stadt, in der außer Konsumieren oft wenig Handlungsmöglichkeiten offenstehen. Darüber hinaus scheint es wichtig zu sein, Kinder an eine genussvolle Erfahrung ihrer Umgebung heranzuführen. Der uralte Begriff »Muße« passt dazu gut: Statt eilig stets nach neuen Erfahrungen zu jagen, sollten pädagogische Fachkräfte Kinder darin unterstützen, längere Zeit an einem scheinbar wenig interessanten Ort zu verweilen und offen für Eindrücke zu werden.

Das Wichtigste scheint bei alldem zu sein: Als Erzieher/in sollten Sie die Umgebung nicht nur als Ort begreifen, wo man eben »vorbei« muss, um irgendwo hin zu gelangen. Nehmen Sie den Spruch »Der Weg ist das Ziel« wörtlich: Kinder brauchen selten das besondere ferne Ziel, das angestrebt wird. Sie brauchen Zeit, Unterstützung und Inspiration, um im Nahraum Erfahrungen zu machen. Wenn Fachkräfte sich mit Kindern aufmachen, um scheinbar ziellos herum zu flanieren, helfen sie Kindern, sich ein Stück weit ihre Straße zurückzuerobern.