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Qualität, Humanität und Professionalität im Beruf

Eine qualitätsorientierte Elementarpädagogik zeichnet sich durch unverzichtbare Eckwerte aus. Einerseits muss es für die Elementarpädagogik eine Selbstverständlichkeit sein, Qualität im Innenbereich zu leben. Andererseits wird sie nur durch Qualität den hohen Stellenwert in der Gesellschaft erreichen, der ihr gesellschaftspolitisch zusteht.

Qualität, Humanität und Professionalität im Beruf

© contrastwerkstatt

Ein Blick in die Vergangenheit macht deutlich, dass in vielen Kitas der anspruchsvolle Begriff "Qualität" häufig nicht mehr bedeutet[e] als ein Zierbegriff für einen hohen Anspruch und gleichzeitig eine inflationär genutzte Bedeutung. Doch seit dem Jahre 2004 gibt es in Deutschland einen gemeinsamen Rahmen aller Bundesländer für die frühe Bildung in Kindertagesstätten. Gleichzeitig hat die Bundesregierung eine "Qualitätsoffensive für den Elementarbereich" ins Gespräch gebracht. Damit bekam der Qualitätsbegriff auch eine politische Bedeutung.

Seit vielen Jahren arbeiten Wissenschaftler, Forschungseinrichtungen, Trägerverbände, politische Gremien und Berufsvertreter an ganz unterschiedlichen Qualitätsmanagementverfahren für die Elementarpädagogik. Spezifische Evaluationsprogramme sollen dabei helfen, die Organisationsstruktur der Einrichtung und die Einstellung der Beschäftigten zu ihren Aufgaben sowie die Arbeitsqualität im Innen- und Außenverhältnis zu verbessern.

Qualitätsschwächen schwächen!

Seit Mitte der 1990er Jahre haben unterschiedliche Wissenschaftler/innen und wissenschaftlich orientierte Praktiker, die im Arbeitsfeld der Elementarpädagogik Forschung betreiben, deutlich machen können, dass die unterschiedlichen Arbeitsfelder innerhalb der Elementarpädagogik deutliche Qualitätsdefizite aufweisen: vor allem in der Zusammenarbeit mit den Eltern, der grundlegenden elementarpädagogischen Didaktik und der Methodenkompetenz der Fachkräfte. Kaum ein Arbeitsbereich erwies sich dabei als von Qualitätsdefiziten verschont. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kindertagesstättenwesens wurde deutlich, dass eine qualitätsgeprägte Neu- bzw. Umorientierung erforderlich ist und als dringlich eingestuft werden musste.

Die häufigsten "Qualitätssünden"

Eine Analyse der häufigsten "Qualitätssünden" brachten folgende Schwächen zutage:

  1. Viele Kindertageseinrichtungen hatten kein eigenes Profil!
  2. Die Didaktik war entweder überfüllt oder lückenhaft!
  3. Die Pädagogik war in Theorie und Praxis widersprüchlich (z.B. in der Nennung des Ansatzes und dessen Umsetzung)!
  4. Die pädagogische Praxis war in ihrer Didaktik verworren!
  5. Qualitätsansprüche wurden entweder gar nicht oder nur punktuell formuliert!
  6. Die pädagogischen Zielsetzungen wurden kaum bzw. ineffizient überprüft.

Diese Umstände verhindern Qualität von Anfang an.

Qualität von Anfang an

Sowohl die Bundes- und Länderpolitik als auch die unterschiedlichen Träger von Kitas, Fachberater/innen und Berufsverbände von Erzieher/innen öffneten sich aufgrund der offenkundigen Qualitätsmängel sehr schnell für die Forderung nach einer dringlich angezeigten Qualitätsoffensive. Diese Hinwendung zur Qualität hatte vor allem zwei Ursachen. Zum einen belegte eine empirische Studie, die im Auftrag der Bundesregierung ausgeführt wurde und die erste ihrer Art war, dass die pädagogische Qualität in mehr als zwei Dritteln der deutschen Kindergärten nur mittelmäßig oder gar schlecht war. Zum anderen schienen die Studien PISA und IGLU gravierende Qualitätsmängel in der Frühpädagogik aufzudecken. Und so waren sich politische Mandatsträger, Wissenschaftler mit dem Arbeitsschwerpunkt Elementarpädagogik, Einrichtungsträger, Berufsvertreter und engagierte elementarpädagogische Fachkräfte darin einig, die Kindertagesstätten mit (mehr oder weniger) geeigneten Evaluationsverfahren zur zielorientierten Qualitätsverbesserung zu verpflichten und in den Qualitätsentwicklungsprozessen zu begleiten. Einerseits gab und gibt es elementarpädagogische Fachkräfte, die diese neue Aufforderung und Verpflichtung als eine willkommene Möglichkeit ansahen, endlich ihren Beruf und ihre Tätigkeit anhand beschriebener Qualitätsmerkmale auch öffentlich zu dokumentieren. Andererseits gab und gibt es auch heute noch Erzieher/innen, die es als eine persönliche und fachliche Beleidigung erleben, "Beweise für ihre qualitätsgeprägte Tätigkeit liefern zu müssen". Doch eines ist unbestritten: endlose Supervisionssitzungen, ineffiziente Teambesprechungen, fehlende Qualitätsstandards und ebenso fehlende Dokumentationssysteme trugen/tragen zu einer individuellen Qualitätsbeurteilung subjektiver Prägung bei, die objektiven Maßstäben nur selten standhalten konnten. Leittragende waren bzw. sind Kinder (und deren Eltern), weil Entwicklungschancen übergangen wurden und entwicklungshinderliche Strukturen einen ungünstigen Einfluss hatten.

Seit Mitte der 90er Jahre sind in Deutschland sehr unterschiedliche Evaluationsverfahren für Kitas entwickelt worden, beispielsweise:

  • Total Quality Management in Kindertagesstätten,
  • Qualitätskonzept Kronberger Kreis
  • Qualitätsmanagement für Kindertagesstätten nach DIN EN ISO 9000 ff.,
  • QMHindividuell für Kindertagesstätten
  • Qualitätsentwicklung für Kindertagesstätten (QfürK)
  • Qalitäts-Check KiTa plus der Paritätischen Gesellschaft für Qualität (PQ)
  • QM-elementar, Qualitätsmanagement in Kindertageseinrichtungen,
  • Qualitäts-Check KiTa PQ sys plus
  • Total-Quality-Management (TQM)
  • Kieler Instrumentarium für Elementarpädagogik und Leistungsqualität, (K.I.E.L.).

Darüber hinaus haben einige große Träger von Kindertagesstätten eigene, trägerspezifische Verfahren zusammengestellt, die entsprechend ihren Vorstellungen die besonderen Merkmale des Trägerprofils berücksichtigen.

Zähes Ringen um Qualität

Nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heutzutage sind in Deutschland ungezählte Kindergärten damit beschäftigt, ihr fachliches Profil zu schärfen. Meist beginnen sie damit, die unterschiedlichen Qualitätssicherungsverfahren kennenzulernen und deren spezifische Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen, um sich dann für ein bestimmtes Verfahren zu entscheiden und in Absprache mit dem Träger in die Praxis zu installieren. Das ist auch grundsätzlich der richtige Weg! Erst ein fachlicher Vergleich lässt Qualitätsunterschiede erkennen und Mitarbeiter/innen sollten am Entscheidungsprozess grundsätzlich beteiligt sein. Dabei steht zunächst der interne Organisationsentwicklungsprozess mit seinen drei Hauptteilen im Vordergrund:

  1. Beschreibung der Vision und Ethik der Organisation (das normative Konzept).
  2. Beschreibung der Tätigkeitsbereiche, Ziele und der Art und Weise, wie diese erreicht werden sollen (das strategische Konzept) und
  3. die konkrete Umsetzung (das operationale Konzept).

Anhand des selbst gewählten Leitziels "Identitätsführung nach innen, Erkennbarkeit nach außen", bei dem es um verbindliche Grundsätze, die zielgerichtete Festschreibung von Zielen und deren effiziente Umsetzung und langfristige Verwirklichung geht, zeigen sich aus den unterschiedlichen Qualitätssicherungsverfahren und deren Qualitätsbereiche konkrete Ansatzpunkte, die für eine Innen- und Außenqualität verantwortlich sind. Eine grundlegende Qualität wird am besten erreicht, wenn zunächst eine Evaluation der Innenqualität, dann in der Folge eine Evaluation der Außenqualität und schließlich eine Herstellung/Sicherung der gesetzten Qualitätsmaßstäbe in Angriff genommen wird.

Schon hier zeigen sich in den unterschiedlichen Qualitätsverfahren auch unterschiedliche Vorgehensweisen. So gibt es Qualitätsverfahren, die zunächst mit der Erhebung und Verbesserung der Innenqualität beginnen. Es steht z.B. das berufliche Selbstverständnis der Erzieher/innen ebenso im Mittelpunkt wie die Überprüfung der Grundlagenqualität, der Teamqualität oder der Leitungsqualität. Andere Verfahren beginnen mit einer Überprüfung der pädagogischen Qualität, ohne die Personqualitäten der Fachkräfte zum Ausgangspunkt zu erklären. Und wiederum andere Verfahren überlassen es den Mitarbeiter/innen, subjektiv auswählen und bestimmen zu können, mit welchem Qualitätsbereich die Evaluation begonnen werden soll.

Neben der inhaltlichen Basis eines Leitbildes und einer fachlich fundierten Konzeption entsteht ein neues Verständnis von qualitätsgeprägter Pädagogik, sodass sich Vertrauen in die Stärken und eine gemeinsame Identität entwickeln. Dies ist die wichtigste Basis für einen gelingenden Alltag. Die Mitarbeiter/innen der Kindertagesstätten bemerken, dass sich mit der Qualitätsevaluation und der Erstellung eines Qualitätshandbuches ein neuer, umfassender Standard für die Einrichtung entwickelt, der gemeinsam definiert und anhand von Beispielen mit Leben gefüllt wird. Strukturen werden völlig neu geordnet und eigene pädagogische Ziele und Inhalte exakt aufeinander abgestimmt.

Dabei wenden sich die Mitarbeiter/innen von Kindertagesstätten in der Regel vier Schwerpunkten zu:

  1. Zunächst geht es immer mit einer sorgsamen Institutions- und Umfeldanalyse los, um alle soziokulturellen Strukturen zu erfassen
  2. Es folgt eine Klärung der professionellen Grundlagen unter besonderer Berücksichtigung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, der UN-Charta Rechte des Kindes, des Kindergartengesetzes und der Bildungsrichtlinien aus dem entsprechenden Bundesland mit all seinen bedeutsamen Ausführungen, aktuellen Ergebnissen aus der elementarpädagogischen Forschung in Hinblick auf die Auswirkungen einer Neuorientierung und -gestaltung der Arbeit, der Analyse aktueller Daten heutiger Kindheiten und ihrer Bedeutung für die praktische Didaktik, des professionellen Selbstverständnisses als Erzieher/in und bedeutsamer humaner Qualitäten, die für eine wirksame Pädagogik unerlässlich sind.
  3. Dann stehen die acht Eckwertebereiche der täglichen Arbeit und deren Umsetzung im Fokus: altersgemischte, feste und/oder offene Gruppen, Kinderkonferenzen, entwicklungsförderliche Projekte, Werteerziehung in einer pluralistischen Gesellschaft, gesunde körperliche, seelische und soziale Entwicklung; Sprach- und Kulturförderung, Raumgestaltung als "dritter Erzieher" sowie die qualitätsgeprägte Zusammenarbeit mit Eltern.
  4. Schließlich geht es um die pädagogisch bedeutsamen Rahmenbedingungen: die Arbeit im Kollegium, Ansprüche für eine qualitätsgeprägte, kontinuierliche Fort- und Weiterbildung, qualitätsgeprägte Anleitung und Beratung von Praktikantinnen und Praktikanten, effektive Zusammenarbeit mit dem Träger und effiziente Zusammenarbeit mit den Institutionen, die mit dem Kindergarten in Kooperation stehen.

Schon der Prozess fördert Qualität

Das professionelle Fachwissen während der Qualitätsevaluation und -sicherung wird dabei beständig erweitert, die kollegiale Zusammenarbeit verbessert sich häufig sehr. Auch können sich neue Kolleginnen und Kollegen umfassend orientieren und schnell einarbeiten bzw. im Vorwege erkennen, welche Erwartungen und unveränderlichen Ansprüche in dieser Einrichtung bestehen. So werden schließlich die Items (= Qualitätsmerkmale) Punkt für Punkt in regelmäßig stattfindenden Treffen durchgearbeitet. Qualität ist dabei nicht "einfach nebenbei" herzustellen. Hier sind Träger unmissverständlich und direkt aufgefordert, für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen. Ergebnisse werden dabei entsprechend in einem Qualitätshandbuch festgehalten.

Die Kindertagesstätte bietet mit dem Qualitätshandbuch eine hohe Transparenz über die geleistete und zu leistende Arbeit. Den Kindern und Eltern garantieren die Mitarbeiter/innen spezifische, erlebbare Qualitätsstandards und damit eine große Verlässlichkeit. Das Qualitätshandbuch wird ständig überprüft und fortgeschrieben. Dabei wird es mit einem Anhang, in dem Verfahrensanweisungen, Stellenbeschreibungen, Aufnahmebögen, Einstellungsverfahren und Beobachtungsbögen standardisiert werden, ergänzt.

Im Folgenden finden Fachkräfte eine Auswahl grundlegender Fragen, die eine erste Bestandsaufnahme zur aktuellen "Qualitätssituation" im Kollegium zulassen. Dabei geht es vor allem um zwei Ausgangssituationen: zum einen ist es erforderlich, dass sich alle Fachkräfte ehrlich zu den Fragen äußern, zum anderen geht es darum, die Aussagen stets mit vielen praktischen Beispielen zu belegen.

Fragen zum Personal

  • Welche Visionen und Perspektiven bezüglich der Arbeit haben die Fachkräfte zurzeit?
  • Wie hoch sind Engagement, Arbeitsmotivation, Lebendigkeit und Freude im Umgang mit den Kindern ausgeprägt?
  • Wird die Arbeit regelmäßig und strukturiert reflektiert? Auf welche Art und Weise?
  • Welche Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen haben die Mitarbeiter/innen in den letzten zwei Jahren besucht und welche praktischen Auswirkungen haben sie gehabt?
  • Durch welche Erkenntnisse aus den Bereichen der Entwicklungspsychologie, der Bindungsforschung, der Bildungsforschung und der Neurobiologie lassen sich die Fachkräfte in ihrer Sichtweise leiten?

Fragen zur Praxis der Elementarpädagogik

  • Wie sieht der Tagesablauf aus und wie begründet sich diese Aufbaustruktur?
  • Wie entstehen pädagogische Projekte? Wie werden sie aufgebaut, durchgeführt und ausgewertet?
  • Welche pädagogischen Projekte wurden im letzten Jahr durchgeführt und welche pädagogischen Projekte sind für das kommende Jahr vorgesehen?
  • Beziehen sich die Projekte auf reale Lebenssituationen der Kinder?
  • Wie werden Selbständigkeit, Autonomie, Verantwortlichkeit und Initiative der Kinder praktisch angeregt und unterstützt?
  • Geschieht die Arbeit aufgrund didaktischer Planung und methodischer Schrittfolgen? Welche Beispiele können hier genannt werden?
  • Welche Regeln bzw. Normen bestimmen den Kindergartenalltag?
  • Wie werden pädagogische Ziele überprüft?

Fragen zur Zusammenarbeit mit den Eltern

  • Werden regelmäßige Beobachtungsbögen zur Entwicklung der Kinder eingesetzt und werden die Ergebnisse regelmäßig mit Eltern besprochen?
  • Wie werden Widersprüche und kritische Äußerungen der Eltern von den Erzieher/innen aufgenommen?
  • Können die Erzieher/innen ihre Handlungsschritte fachlich begründet darlegen?
  • Stehen alle Erzieher/innen den Fragen, Anregungen und kritischen Äußerungen der Eltern offen und interessiert gegenüber?
  • Erfahren die Eltern praktische Hilfestellungen bei Erziehungsfragen?
  • Werden alle wichtigen und notwendigen Informationen für Eltern regelmäßig und umfassend weitergegeben?
  • Schaffen es die Erzieher/innen, die Eltern für den Kindergarten, die (Mit-)Arbeit zu begeistern? Wenn ja, wie?

Fazit

Frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung kann nur erfolgreich sein, wenn sich die Praxis einer Qualitätsüberprüfung stellt. Das ist die Pädagogik den Kindern und ihrer gesamten Persönlichkeitsbildung in den ersten Jahren schuldig, weil Kindertageseinrichtungen - neben den Eltern - ebenfalls einen grundlegenden Einfluss auf die gesamte Entwicklungsgeschichte des einzelnen Kindes haben. Gleichzeitig sorgt die Elementarpädagogik dafür, dass sie im Feld der Wissenschaftsdiziplinen ein eigenes, unverwechselbares Profil erhält, das sie nur mit Qualitätsmaßstäben erreichen und erhalten kann.

Literatur

Amerein, Bärbel + Amerein, Kurt (2011): Qualitätsmanagement in Arbeitsfeldern der Frühen Bildung. Troisdorf.

Denning, Thomas (2010): Gut. Besser .Kita! Das Teampraxisbuch zur pädagogischen Praxis. Troisdorf.

Krenz, Armin (2001): Qualitätssicherung in Kindertagesstätten. Kieler Instrumentarium für Elementarpädagogik und Leistungsqualität, K.I.E.L. München.

Nordt, Gabriele (2005): Methodenkoffer zur Qualitätsentwicklung in Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder. Weinheim/Basel.

Rugor, Regina + von Studzinski, Gundula (2003): Qualitätsmanagement nach der ISO Norm. Eine Praxisanleitung für MitarbeiterInnen in sozialen Einrichtungen. Weinheim/ Basel.

Schlecht, Daena et al (2008): Kita - Wie gut sind wir? Skalen zur Einschätzung der pädagogischen Qualität nach internationalen Standards unter Einbeziehung aller Bildungspläne in Deutschland. Berlin/ Düsseldorf/Mannheim.

Ziesche, Ulrike et al. (2003): Qualitätswerkstatt Kita - Zusammenarbeit von Kita und Familie. Weinheim/Basel.