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(Religiöser) Dogmatismus als Hemmnis pädagogischer Professionalisierung

Dogmatismus stellt ein grundlegendes Hindernis für Professionalisierungsprozesse von Kindheitspädagoginnen und Kindheitspädagogen dar, da er Bildung im Allgemeinen und einer pädagogischen Mündigkeit im Besondern diametral gegenübersteht. Angehende Pädagoginnen und Pädagogen sollten sich demnach im Kontext ihres Professionalisierungsprozesses proaktiv mit ihren Überzeugungen auseinandersetzen und gegebenenfalls an ihnen arbeiten. Dies kann jedoch ein komplexes und auch kompliziertes Unterfangen sein, denn Überzeugungen konstituierten unser Weltbild und bilden so die Grundlage unserer Entscheidungen. Sie würden nicht ohne Weiteres aufgegeben, selbst wenn sie kognitiv widerlegt werden, da eine Infragestellung die Grundlage des Seins erschüttern würde (vgl. Stosch).

Abb. 2: Gelingensbedingungen für die Entwicklung von Fremdheitskompetenz

Eine Zeitdiagnose zeigt, dass sich aktuell gesellschaftlicher Pluralismus und die Zunahme weltanschaulicher/religiöser Dogmatismen als Problemfeld auftun (vgl. Harz 2014). Dafür gibt es mannigfaltige Gründe, die sich in verschiedenen Konstruktionsmustern1 von Fremdem und Fremden manifestieren. Neben dem Konstruktionsmuster der Fundamentalistischen Ablehnung von Fremdem ist vor allem das Konstruktionsmuster Emotionslose Indifferenz gegenüber Fremdem relevant, dem einer Untersuchung des Religionspädagogen Hans Mendl zufolge das Gros der gegenwärtig Studierenden angehört. Dieses Konstruktionsmuster lässt sich mit vorschnellem Toleranzverständnis als Ausdruck ungenügender Reflexion, sozialer Erwünschtheit und mangelnder Fremdheitskompetenz näher beschreiben (vgl. Mendl 2017). Fremdheitskompetenz wird von dem Religionspädagogen Frieder Harz als »anerkennendes Verstehen von Fremdem, das weder vereinnahmt noch ausgrenzt« bestimmt (Harz 2014, S. 24). Mendl führt diese Definition näher aus und fordert, nicht bei einer schwachen Toleranz stehen zu bleiben, die kritische Momente ausspart. Vielmehr solle eine starke Toleranz entwickelt werden, die respektvollen Umgang mit Fremden und Fremdem anstrebt, Ambiguitätstoleranz2 impliziert und sich nicht mit einem vorschnellen Toleranzbekunden zufriedengibt. Lernprozesse seien folglich so anzulegen, dass das Befremdliche aufgedeckt und bearbeitet wird. Dabei sei Fremdheit als zu bearbeitender Zwischenschritt zu verstehen, um sich der eigenen emotionalen Bewertung bewusst zu werden. Dafür gelte es, den Gründen nachzugehen und eigene Fremdheitserfahrungen sowie Konstruktionsprozesse3 reflexiv zu bearbeiten (vgl. Mendl 2017).

Fragestellung des Forschungsprojektes

Sich der Zumutung eines Professionalisierungsprozesses zu stellen, setzt Fachwissen und eine realistische Einschätzung eigener Ressourcen und Potenziale voraus. Aber wer nicht weiß, wohin er soll, findet auch den Weg dahin nicht. Insofern ist es im Kontext von Professionalisierung unabdingbar, den Studierenden ein Anforderungsprofil des künftigen Berufsfeldes vorzustellen und sie zu ermuntern, reflexiv einen individuellen Entwicklungsbedarf zu diagnostizieren sowie zu bearbeiten. Im Rahmen des Forschungsprojektes ppProfess (Personbezogene4 pädagogische Professionalisierung)5 wird dieses Anliegen mit Studierenden des Studiengangs Pädagogik der Kindheit erprobt. In Anlehnung an Pranges Dreischritt Verständnis – Zumutung – Anschluss (vgl. Prange 2005) wird den Studierenden ermöglicht, ein Verständnis von Anforderungen ihres künftigen Berufsfeldes zu entwickeln, sich der Zumutung von Professionalisierungsprozessen zu stellen und sie personbezogen zu sich ins Verhältnis zu setzen.

Zwei Anregungen sind hierbei bedeutsam: Zum einen relevantes Wissen über die eigene Person, welches die Studierenden einem Persönlichkeitstest (permOt)6 entnehmen und im Seminar multimodal erfahren können. Die gewonnenen Erkenntnisse können die Studierenden der ppProfessgruppe mithilfe des ModiVs (Modell interaktionaler Veränderungsprozesse)7 bearbeiten. Zum anderen wird den Studierenden fachliches Wissen in Form eines Anforderungsprofils ihres künftigen Berufsfeldes zugänglich gemacht. Dieses Profil soll ein Navigationsinstrument darstellen, das den Studierenden den Weg weisen möchte, in welche Richtung sie die Schritte ihres Professionalisierungsweges lenken können.

Da für die charakteristische Heterogenität Studierender des Studiengangs Pädagogik der Kindheit mehrperspektivische Denkanstöße benötigt werden, wird eigens ein Anforderungsprofil auf der Basis einschlägiger Literatur erstellt.8 Fremdheitskompetenz ist eine zentrale Anforderung im Feld. Überwindung von Dogmatismus wird entsprechend als ein Ziel von Professionalisierungsprozessen festgelegt, welches entlang der Entwicklung von Fremdheitskompetenz operationalisiert werden kann.9 Seminardidaktisch wird in einem ersten Schritt die Widerständigkeit von Fremdem ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Das Widerständige soll aufgedeckt werden, indem eigenen Deutungsmustern gegenüber Fremdem nachgegangen und diese reflexiv bearbeitet werden sollen. Thematisch konkretisiert wird die Widerständigkeit von Fremdem am Beispiel Herausforderung religiöser Vielfalt im oben genannten Seminar. Abb. 1 zeigt die Gelingensbedingungen für die Bearbeitung von Dogmatismen sind für die Seminarstruktur und die Seminarinhalte zentral.

Durchführung und Auswertung des Forschungsprojektes

Die in Abb. 1 dargestellten Gelingensbedingungen werden kognitiv, emotional und handlungsorientiert methodisch-didaktisch in zwei Seminarkonzeptionen aufbereitet. Eine Seminargruppe arbeitet an ihrer Fremdheitskompetenz mit Unterstützung des Persönlichkeitstests (permOt) und des Modells interaktionaler Veränderungsprozesse (ModiV), die andere Gruppe ohne diese beiden unterstützenden Elemente. Die Hypothese lautet, dass bei Studierenden, die sich mithilfe dieser Instrumente personbezogen mit ihren Professionalisierungsprozessen auseinandersetzen können, der Effekt eines Anforderungsprofils positiv verstärkt wird und diese folglich eine intensivere Auseinandersetzung mit ihrer Fremdheitskompetenz aufzeigen. Im Sprachspiel Pranges wird also der Frage nachgegangen, wie die Studierenden sich der Zumutung der Fremdheitskompetenz stellen und ob personale Anschlussfähigkeit ermöglicht wird.

Ein erster Einblick in die Datenanalyse11 lässt folgende interessante Erkenntnisse über die Reflexionsbereitschaft hinsichtlich der Widerständigkeit von Fremdem zu: Das Verständnis für das Professionalisierungsziel Fremdheitskompetenz kann mithilfe des Anforderungsprofils bei allen Seminargruppen angestoßen werden. Das Anforderungsprofil wird von ihnen als hilfreiches Navigationsinstrument für Professionalisierungsprozesse empfunden, da es konkrete Vorstellungen erforderlicher Professionalisierungsziele aufzeigt und auf diese Weise Sicherheit für die berufliche Zukunft vermittelt. Die Gruppe, die personbezogen arbeitet, nimmt die Widerständigkeit von Fremdem stärker wahr und sucht aktiv nach einem Weg, konstruktiv mit ihr umzugehen.12

Ausblick

Ziel eines professionellen Umgangs mit (religiöser) Vielfalt ist somit keine Absolutsetzung des eigenen Standpunkts und der aktiv-tolerante Umgang mit verschiedenen Wahrheitsansprüchen. Die dafür notwendige Ambiguitätstoleranz ist keine angeborene Charaktereigenschaft, sondern kann in jedem Alter aktiv erworben werden. Dabei kommt die Bedeutung von beteiligtem leidenschaftlichem Lernen und der subjektiven Relevanz von Themen als unabdingbare Variable für Professionalisierungserfolg unmittelbar zum Tragen und sollte zwingend in Professionalisierungsprozessen Beachtung finden.

Nur wenn zu erwerbende Kompetenzen subjektive Bedeutung erhalten und multimodal bearbeitet werden, können sie auch nachhaltig Professionalisierungprozesse befördern.

Reflexionsimpulse:

  • »Wie gehe ich selbst mit dem Fremden und den Fremden um? Wie ist es um meine eigene Dialogfähigkeit, Konfliktfähigkeit und kulturelle Sensibilität bestellt?«

  • »Kann ich es verkraften, Unterschiede wahrzunehmen und auszuhalten? Kann ich es zulassen, dass andere anders und verschieden sind?«

(Fleck/Leimgruber 2011, S. 79)

Diskussionsimpuls:

These: »Fremdes darf fremd bleiben – Vielfalt/Fremdes verstehen heißt, Spannungen aushalten zu lernen«

(in Anlehnung an Wrogemann 2008)

Fazit

Zwei Aspekte erweisen sich hinsichtlich der im Professionalisierungsprozess geforderten Fremdheitskompetenz als besonders bedeutsam: Die Schlüsselkompetenz Ambiguitätstoleranz und ein personenbezogener Ansatz im Lernprozess. Ambiguitive Personen verfügen über Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit anstatt einer Alles-oder-Nichts-Klassifikation. Insofern ist Ambiguitätstoleranz ein Prädikator für Vorurteilsbildung (vgl. Kinne 2008). Menschen, die höhere Problemlösefähigkeiten für komplexe Aufgaben besitzen, die die Vieldeutigkeit und die Unsicherheit ambiguitiver Situationen zur Kenntnis nehmen und ertragen können, sind Menschen, die die Komplexität und Spannung widersprüchlicher Wahrheitsansprüche aushalten können und somit besser mit der Herausforderung von (religiöser) Vielfalt umgehen können.

Literatur

Denner, L./Wehner, U./Seiler, B./Scheible, A.: Personbezogene pädagogische Professionalisierung – erste Befunde aus dem ppProfess-Projekt, in: Beck, M. u.a. (Hrsg.): Multiperspektivische Analysen auf Lehr-Lernprozessen. Mathematikdidaktische, multimodale, digitale und konzeptionelle Ansätze. Münster: Waxmann-Verlag, im Druck.

Kinne, G.: Ambiguitätstoleranz, München: Compact 2008.

Mendl, H.: Der fremde Andere, in: Büttner, G. u.a.: Religion lernen. Jahrbuch für konstruktivistische Religionsdidaktik, Bd. 8, Babenhausen: Verlag Ludwig Sauter 2017, S. 106–118.

Hinweis

Die vollständige Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage an redaktion@kita-aktuell.de

Fußnoten


1

Konstruktionsmuster sind hier im Sinne einer subjektiven Bewertung und Interpretation der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu verstehen (vgl. zum Konstruktionsbegriff Scheible 2015).

2

Mit Ambiguitätstoleranz wird die Fähigkeit beschrieben, widersprüchliche Informationen zu erkennen und die sich daraus ergebenden widersprüchlichen Handlungsaufforderungen aushalten zu können (vgl. bspw. Kinne 2008).

3

Konstruktionsprozesse führen zu Konstruktionsmustern (vgl. Anmerkung 1).                                                                              

4

Der Personbegriff wird hier in Anlehnung an die Pädagogin Gabriele Weigand verwendet und fokussiert u.a. die personale Mündigkeit und den autonomen Selbststand in pädagogischen Prozessen (vgl. Weigand 2011).

5

Das ppProfess-Projekt an der Pädagogischen Hochschule umfasst eine grundlegende Konzeption, Entwicklung, Erprobung, Evaluation und Erforschung von didaktischen Interventionen, die Prozesse der Professionalisierung im Wechselspiel von fachlichen und personalen Belangen berücksichtigen. Die Umsetzung erfolgt in zwei Seminaren: Im grundlegenden Seminar Professionalisierung und Biografiearbeit und im darauffolgenden Seminar Theologische Grundkenntnisse für die pädagogische Arbeit mit Kindern (vgl. Denner/Wehner/Sailer/Scheible, im Druck).

6

PermOt ist ein onlinegestützter Persönlichkeits- und Motivationstest (vgl. Seiler & Seiler 2018).                                                              

7

ModiV stellt ein Metamodell menschlicher Veränderung dar. Anhand des Modells lassen sich die individuellen, gegenwärtigen Ausgangslagen von Personen differenziert beschreiben, biografisch erworbene Muster im Denken, Fühlen und Handeln erfassen sowie Ziele entwickeln, die zum Erreichen von bestimmten, als professionalisierungstheoretisch erstrebenswert erachteten Anforderungen notwendig sind (vgl. Seiler 2018).

8

Vgl. hierzu: BAG-BEK 2009, DJI 2011, Fröhlich-Gildhoff u.a. 2011, Fröhlich-Gildhoff u.a. 2014, Kultusministerkonferenz/Jugend- und Familienministerkonferenz 2010, Robert-Bosch-Stiftung 2008, VBW 2012.

9

Die Operationalisierung erfolgt in Anlehnung an folgende Themenkomplexe: Auseinandersetzung mit religiösem/weltanschaulichem Fundamentalismus (vgl. Huber 2008), religiöse Reflexivität (Huber 2003), intellektuelle Dimension – kognitive Auseinandersetzung mit Religionen (Huber 2003), Überzeugungen hinsichtlich religiöser Vielfalt (Betz 2018) sowie Ambiguitätstoleranz (Radant/Dalbert 2006).

10

In Anlehnung an Betz 2018.                                                                                                                                                                 

11

Die zentrale Forschungsfrage lautet: Welche Relevanz hat das Anforderungsprofil in Verbindung mit ModiV für den Professionalisierungsprozess 57 Studierender des Studiengangs Pädagogik der Kindheit hinsichtlich ihrer Fremdheitskompetenz? Dieser Frage wird im Kontrollgruppendesign mit zwei Kohorten an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe 2018/19 nachgegangen. Es werden drei erhobene Fragebogen mit deskriptiver und schließender Statistik analysiert. Dabei wird vor allem die Reflexions- und Konfrontationsbereitschaft der Studierenden hinsichtlich der Widerständigkeit von Fremdem untersucht. Die quantitative Auswertung ist im Prozess begriffen und stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Endgültigkeit.

12

Neben weiteren quantitativen und qualitativen Datenauswertungsprozessen ist als Forschungsdesiderat die Überprüfung der nachhaltigen personbezogenen Anschlussfähigkeit des Professionalisierungsziels Fremdheitskompetenz zu bestimmen und zu überprüfen, ob sie als Langzeitprojekt personbezogen verankert werden (vgl. Denner 2016).