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Selbstkompetenz als Basis von Lernen

Wie wirken Selbstkompetenzen auf die Entwicklung und das Lernen von Kindern? Anhand des Münchener (Hoch-)Begabungsmodells lässt sich gut auffächern, welche Faktoren die Entfaltung von Begabungen in verschiedenen Leistungsbereichen unterstützen oder aber auch hemmen. Es wird deutlich, wie Pädagoginnen und Pädagogen die Begabungsentfaltung durch die Förderung von Selbstkompetenz unterstützen können.

Begabungsentfaltung pädagogisch unterstützen

Begabungsentfaltung pädagogisch unterstützen

Jeder Mensch, und somit auch jedes Kind, verfügt über Begabungen, die jedoch nicht vollständig ausgebildet sein müssen. Sie können vielfältig und unterschiedlich sein.

Jedes Kind ist begabt! – Was braucht es, damit Begabungen sich auch zeigen?

Begabungen sind ganz allgemein als »Fähigkeitspotenziale« (Heller & Perleth 2007, S. 141) zu verstehen. Demnach beschreiben sie kein Produkt, sondern zunächst einmal die Möglichkeiten. Ist zum Beispiel jemand technisch begabt, bedeutet das nicht zwingend, dass er auch schon komplizierte Maschinen oder Geräte entwickelt hat; oder hat jemand eine körperliche Begabung, wurden nicht zwangsläufig schon sportliche (Höchst-)Leistungen erbracht. Dafür braucht es Entwicklungs- und Lernprozesse. Diese Prozesse werden einerseits stark durch die persönlichen Voraussetzungen und Umweltbedingungen des Einzelnen beeinflusst. Andererseits sind Interaktionsprozesse, also Unterstützung und Förderung, von entscheidender Bedeutung.

Das Münchner Hochbegabungsmodell

Das Münchener (Hoch-)Begabungsmodel macht deutlich, wie Pädagoginnen und Pädagogen die Begabungsentfaltung durch die Förderung von Selbstkompetenz unterstützen können.

Auf der linken Seite des Modells sind unterschiedliche Begabungsfaktoren abgebildet. Hierbei ist anzumerken, dass sich sowohl der Bereich der Begabungsfaktoren als auch der der Leistungsbereiche ergänzen ließe. Aus Kita-Perspektive könnten die Lernfelder oder Bildungsbereiche verwendet werden. Die Begabungsfaktoren könnte man auch Potenziale nennen und sie stellen den Ausgangspunkt dar. Sollen sie beispielsweise in den abgebildeten Leistungsbereichen in Erscheinung treten, müssen sie sich einen Weg bahnen. Diese Anbahnung ist kein Automatismus: ihre Ausbildung kann gefördert oder auch behindert werden.

Auf der Seite der Umweltmerkmale (untere Leiste) können beispielsweise die familiäre Lernumwelt, das Schulklima oder auch das Gruppenklima in der Kita, Lernen und Entwicklung (von Begabungen) beeinflussen. Die Musikalität eines Kindes wird sicherlich ganz unterschiedlich gefördert, je nachdem, ob das Kind in einer musikaffinen Familie aufwächst oder eher nicht. Auch eine anregungsreiche Lernumwelt in Familie, Kita oder Schule beeinflusst die Entwicklung des Kindes maßgeblich. Wenn aber ein Kind beispielsweise durch Flucht, Krankheit, Tod eines nahen Verwandten oder andere kritische Lebensereignisse beeinträchtigt wird, werden viele Potenziale möglicherweise nicht ausgeschöpft.

 

Auf der anderen Seite fungieren aber auch die (nicht kognitiven) Persönlichkeitsmerkmale als Moderatoren (obere Leiste). Eine hohe Leistungsmotivation wird zum Lernen antreiben, Schwierigkeiten in der Stressbewältigung werden hingegen dafür sorgen, dass die Leistungen in bestimmten Situationen hinter den Möglichkeiten zurückbleiben. Leistung ist dabei nicht lediglich als Höchstleistung, Schulleistung oder wirtschaftlich verwertbare Leistung zu denken, sondern auch als Ausdruck oder Produkt persönlichen Wohlbefindens.

Etwas zu schaffen oder Aufgaben übernehmen zu können, steigert das Selbstwertgefühl und ist Voraussetzung für (gesellschaftliche) Teilhabe. Zudem ist es nicht unerheblich, wem Erfolg oder auch Misserfolg zugeschrieben werden (Kausalattribution): Betrachte ich mich als Verursacher, als Akteur? Oder schreibe ich das eher anderen zu? Wenn an meinen schlechten Schulnoten beispielsweise immer der Lehrer Schuld ist, mag das entlastend wirken. Wenn ich gute Noten jedoch nur bekomme, weil ich Glück gehabt habe (in der eigenen Zuschreibung), dann wirkt sich das maßgeblich auf das aus, was ich mir zutraue und somit auch auf das, was ich »anpacke« .

Ein Teil der Umweltmerkmale, wie das Schulklima, Gruppenklima in der Kita sowie die Instruktionsqualität (Dieser Begriff ist in meinem Verständnis etwas unglücklich – daher möchte ich ihn um Dinge wie Gestaltung der Lernumgebung und Interaktionsqualität ergänzen) liegen im Kernbereich der Tätigkeit von Pädagoginnen und Pädagogen. Und auch auf die nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmale können pädagogische Fachkräfte Einfluss nehmen. Sie vermitteln zwischen diesen Moderatoren. Wie – das wird im Folgenden an einem Beispiel skizziert.

Pädagogen gestalten das Zusammenspiel von Persönlichkeits- und Umweltmerkmalen – ein Beispiel

Eine Erzieherin plant ein Bastelangebot, welches sie in der Freispielphase anbieten will. Unter anderem hat sie ein Kind im Blick, bei dem ihr aufgefallen ist, dass es selten an diesen Angeboten teilnimmt. Auch sonst ist es sehr unstet in seinem Spielverhalten. Ihre Vermutung (oder vielleicht auch schon ihr Wissen) ist es, dass dieses Kind Schwierigkeiten hat, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren und sich länger auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Die Erzieherin überlegt sich ein Angebot, das an den Interessen des Kindes anknüpft. Damit verbindet die Pädagogin die Erwartung, dass ausreichend motivierende Kraft von dem Gegenstand ausgeht, damit es dem Kind gelingt, seine Abneigung gegen Bastelangebote zu überwinden. Ihr ist wichtig, dass es seine Feinmotorik schult und, auch mit Hinblick auf die Schule, einen sicheren Umgang mit Stift, Schere und Kleber lernt.

Das Angebot und den Arbeitsplatz arrangiert sie daraufhin so, dass es so wenig wie möglich gibt, das die Aufmerksamkeit von der zentralen Tätigkeit ablenkt: Es stehen nur die notwendigsten Materialien bereit und es ist ein Platz gewählt, der so ruhig wie möglich ist. Alles in allem ist das Angebot so vorbereitet, dass es zwar eine Herausforderung für das Kind darstellt, aber eine, die es bewältigen kann. Wenn das Kind Erfolg hat, wird es eher wieder bereit sein, sich anzustrengen. Es hat eine Hürde genommen und merkt: »Ich kann mir etwas zutrauen!« Das führt zu Selbstwirksamkeitserfahrungen und motiviert. So entsteht die Überzeugung, Herausforderungen gewachsen zu sein.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein Kind sich besonders gut entwickelt, wenn es beispielsweise in der Lage ist, sich auch dann zu motivieren, wenn Aufgaben schwierig oder frustrierend werden, und wenn es mit Fehlern oder Misserfolgen konstruktiv umgehen kann. Diese Fähigkeiten lassen sich mit dem Begriff Selbstkompetenz zusammenfassen.

Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen – Selbstkompetenzen fördern

Selbstkompetenz umfasst also ein Bündel verschiedener Komponenten wie beispielsweise sich selbst zu beruhigen, sich zu motivieren, die Fähigkeit zu planen, Ablenkungen stand zu halten, sich auf Aufgabenrelevantes zu konzentrieren, Widersprüche ernst zu nehmen und zu integrieren oder auch aus Fehlern zu lernen. All jenes ist somit für die Begabungsentfaltung und Lernen wichtig.

Es sind Fähigkeiten, die nicht (lediglich) über eine kognitive Ansprache und Förderung zu erreichen sind. Denn jegliches Handeln, Lernen und Verhalten berührt Gefühle, beziehungsweise löst sie aus. Mit eigenen Gefühlen umgehen zu können ist der Kern von Selbstkompetenz. Es wird auch von Affekt- bzw. Selbstregulation gesprochen (Kuhl 2001; 2011). Extreme Gefühlslagen wirken sich hemmend auf die Handlungsfähigkeit aus. Wir kennen das alle und auch verschiedenste Sprachbilder drücken das aus: »sich in Schockstarre befinden«, »überschäumen vor Glück« oder »vor Angst gelähmt sein«.

Selbstkompetenz bezeichnet also die Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, sich aber nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Es geht darum, Absichten zu fassen und diese auch umzusetzen. Die Fähigkeit auf die eigenen Kompetenzen zugreifen zu können wird durch Selbstwirksamkeitserfahrungen gefördert. Voraussetzung hierfür ist das Vertrauen in sich und die Welt. Auf dieser Basis können Kinder Offenheit und Zuversicht entwickeln, sowie sich neue Handlungsspielräume erschließen.

Diese Grundsicherheit erwächst aus sicheren Bindungen (Ahnert 2011). Bis Kinder gelernt haben ihre Gefühle eigenständig zu regulieren, sind sie auf Ermutigung, Beruhigung und Lob von anderen angewiesen (Künne & Sauerhering 2012). Das sind in der Regel die primären Bezugspersonen, aber auch professionelle pädagogische Fachkräfte nehmen hier eine wichtige Rolle ein. Die feinfühlige Wahrnehmung und Beobachtung (Ainsworth et al. 1978) ist dabei von zentraler Bedeutung. Auf dieser Basis können die Bedürfnisse des Kindes wahrgenommen werden. Das ist entscheidend dafür, dass sich das Kind ernst genommen und verstanden fühlt. Fühlt es sich hingegen nicht angenommen, verfehlen beruhigende oder motivierende Interventionen ihre Wirkung (Kuhl 2001).

Beispielsweise wirkt ein oberflächliches Lob für ein Bild nicht – die Anerkennung einer wirklichen Leistung, die eine Herausforderung darstellte, hingegen schon. Übertragen auf das oben dargestellten Beispiel bedeutet das: Das Kind wird davon profitieren, dass die Erzieherin das Angebot so gewählt hat, dass es an seinen Interessen anknüpft. Und gerade da es sich um ein Bastelangebot handelt, das dem Kind in der Regel Schwierigkeiten bereitet, wird ein authentisches Lob seine Wirkung zeigen und das Kind mit Stolz erfüllen.

Fazit

Pädagoginnen und Pädagogen können Kinder darin unterstützen ihre Selbstkompetenz zu stärken. Die Basis dafür bildet eine gute Beziehung, die auf Interesse und Wertschätzung beruht. Eine gute Beobachtung und angemessene Gestaltung der Lernumgebung trägt im Wesentlichen dazu bei, dass ein Kind die nächste Zone seiner Entwicklung erreichen kann. Dabei gilt es Herausforderungen zuzumuten und nicht Hindernisse aus dem Weg zu räumen.