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Sexuelle Bildung und Kinderschutz in der Kita

Kindliche Sexualität ist aktuell einem Gefahrendiskurs ausgesetzt, der das pädagogische Personal in der Kita und auch die Eltern verunsichert. Nicht nur der gesellschaftliche Diskurs zum sexuellen Missbrauch, sondern auch die Warnung einer Frühsexualisierung von Kindern in den Medien, trägt zu dieser Verunsicherung bei. Es ist heute offenbar leichter, sich kindlicher Sexualität unter den Perspektiven ihrer Gefährdung zu nähern. Dies bleibt nicht ohne Folgen: Die Fragen des Eingreifen-Wollens haben sich massiv vermehrt und der Kinderschutz überlagert das Bedürfnis der Kinder nach Körpererkundungen und Lusterfahrungen.

 

Sexuelle Bildung im Kindergarten

© Andrey Kiselev

Sexualität speist sich aus einer Lebensenergie, die von Geburt bis ins hohe Alter wirksam ist. Sexualität umfasst verschiedene Ausdrucksformen und Sinnaspekte, – Identität, Beziehung, Lust und Fruchtbarkeit, – die eng miteinander verbunden sind und aus verschiedensten Quellen gespeist werden. So stehen beispielsweise der Lust- und Identitätsaspekt bei Mädchen und Jungen des Kita-Alters eher auf der »Vorderbühne« (vgl. Rohrmann/Wanzeck-Sielert, 2014, S. 64 ff.). Auch Kinder machen schon früh mit Sexualität Erfahrungen, die bis ins hohe Erwachsenenalter relevant bleiben, wobei die sexuelle Entwicklung von Kindern nicht von der allgemeinen körperlichen und seelischen Entwicklung getrennt werden darf.

Die sexuelle Sozialisation entwickelt sich in erster Linie in nichtsexuellen Bereichen, eingebettet in die Bedürfnis-, Körper-, Beziehungs- und Geschlechtsgeschichte, die sich als Teilsegmente eines frühkindlich subjektiven Erfahrungfeldes zeigen und an einzelnen Alterstufen orientiert sind. Dieser Aspekt muss berücksichtigt werden, denn er zeigt, dass eine stabile, zuverlässige und sinnliche Beziehung zu den Eltern von großer Bedeutung ist und eine nur auf Sexualität ausgerichtete Aufklärung nur begrenzt die sexuelle Entwicklung von Kindern beeinflusst.

Sexuelle Ausdrucksformen von Kindern, so zum Beispiel der sichtbare Körpergenuss von Kindern beim Nacktsein im Sommer im Außengelände der Kita, lösen bei Erwachsenen unterschiedliche Reaktionen aus. Häufig betrachten Erwachsene diese Nacktheit mit ihrer Brille und interpretieren sie als Teil einer sexuellen Situation, die möglichst schnell unterbunden werden soll. Erwachsene neigen grundsätzlich dazu, ihre sexuellen Fantasien und Erfahrungen auf Kinder zu übertragen. Auch wenn sich in den sexuellen Ausdrucksformen von Kindern und Erwachsenen Parallelen zeigen, ist kindliche Sexualität von Erwachsenensexualität zu unterscheiden. Kinder leben ihre Sexualität egozentrisch, d.h. wesentlich auf sich selbst bezogen. Es dominieren eine gewissen Unbefangenheit, Spontaneität und Entdeckungslust, Neugier, Selbsterkundungen am Körper, Selbstbefriedigung, die Suche nach immer neuem Lustgewinn mit allen Sinnen. Diese Lustsuche bei Kindern ist jedoch nicht zielgerichtet und beziehungsorientiert. Der Forscherdrang und die Entdeckungslust sind auf die eigenen Körpererkundungsspiele gerichtet, verknüpft mit der Neugier und dem Interesse »Wie sehe ich aus?« »Wie sehen die anderen aus?« »Was fühlt sich gut an?« In der Tat müssen sich diese Erkundungen in einem Schonraum bewegen, der von Erwachsenen zu garantieren ist. Sie zu unterbinden bedeutet jedoch, ihre sexuelle Selbstentwicklung zu blockieren.

Kindliche Sexualität im Kita-Alltag

Es gibt wenige empirische Studien zur kindlichen Sexualität. Die Hürden einer direkten Befragung von Kindern sind hoch, sodass die Ergebnisse hauptsächlich auf Beobachtungen von Eltern oder Erinnerungen von Erwachsenen beruhen. Dennoch ist es wichtig, die Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen. »Nach den Berichten der Eltern gibt es große Unterschiede in der Aktivität, sowohl zwischen den Kindern als auch im zeitlichen Verlauf, d.h. Kinder sind nicht ständig gleich interessiert, sondern es gibt Phasen größerer und geringerer Aktivität« (Schuhrke, 2015, S. 4) Die Bandbreite kindlicher Ausdrucksformen von Sexualität entwickelt sich in kleinen Schritten. Zunächst dominieren auf sich selbst bezogene Aktivitäten, z.B. Selbstberührungen und Selbstbefriedigung. Später erweitern sich die Aktionen auf andere Kinder z.B. durch »Doktorspiele« und andere Rollenspiele, erstrecken sich in der Regel über einen kurzen Zeitraum und gehen häufig nicht über Zeige- und Anguckspiele hinaus (vgl. Quindeau & Brumlik, 2012, Schuhrke, 2005). Ein Elternfragebogen ermittelte sexuelles Verhalten vor dem Schulalter. Er wurde aus verschiedenen Studien zusammengestellt und einem Ranking unterzogen (vgl. Schuhrke 2015, S. 7 ff.). Die fünf häufigsten von Eltern wahrgenommenen Verhaltensweisen sind: Berührt die eigenen Geschlechtsteile zu Hause; berüht die Brüste weiblicher Personen; spielt mit Spielzeug, das für das andere Geschlecht typisch ist; versucht, Menschen beim Ausziehen zu beobachten; ist am anderen Geschlecht interessiert. Andere körpernahe und lustvolle Aktivitäten werden oft vor Eltern verborgen.

Im Zentrum des sexualpädagogischen Kita-Alltags stehen die sogenannten Doktorspiele. Diese sind für die Identitätsentwicklung von großer Bedeutung und können als Baustein der kindlichen sexuellen Entwicklung angesehen werden. In den Doktorspielen erkunden sie nicht nur ihren eigenen Körper, sondern entdecken sich selbst mit ihren Gefühlen, Wünschen und Grenzen. Nun sind diese Körpererkundungsspiele ohne körperliche Interaktionen und Berührungen nicht möglich. Kinder brauchen Räume, den selbstbestimmten Umgang mit sich und ihrer Sexualität zu lernen und die Möglichkeiten des verantwortungsvollen und doch eigensinnigen Ausdrucks in Interaktionen mit ihrer Umgebung einzuüben. Dazu gehören spontaner Ausdruck und Grenzerfahrungen ebenso wie Lust und Lustverzicht. Erst allmählich lernen sie, ihr Begehren zu steuern, denn dies können sie nicht von Anfang an. Dazu sind sie auf die Begleitung und Unterstützung Erwachsener angewiesen.

Das pädagogische Personal zwischen Förderung kindlicher Sexualität und Kinderschutz

Sexualität gehört zum Alltag in Kitas. Dabei berühren die sexualpädagogischen Herausforderungen verschiedene Ebenen: die Rolle der pädagogischen Fachkräfte, die Auseinandersetzung im Team, die konkrete Arbeit mit den Kindern, die Elternarbeit sowie die Kooperationen mit anderen Institutionen. Jedoch wird sexuelle Bildung in Kitas bisher nur zögerlich umgesetzt. Erzieherinnen und Erzieher sind verunsichert im Umgang mit den lustvollen Aspekten kindlicher Sexualität, mit der Folge einer stärkeren Orientierung an Gefahren und Defiziten. Der Schutz der Kinder ist wichtig, doch im Sinne der Kinderrechte gehört die Entwicklung von sexueller Selbstbestimmung im Kindesalter dazu, die Entwicklung des Selbst durch Eigensinn und Grenzerfahrung.

Selbstbestimmung »fällt nicht vom Himmel«, sondern kann mühsam und zugleich lustvoll erlernt werden. Kinder sind noch sehr verführbar durch Erwachseneninteressen und müssen vor Vielem geschützt werden, das die Zunahme ihrer eigenen Selbstbestimmung be- oder verhindert. Zur Entwicklung von sexueller Selbstbestimmung im Kindesalter ist vor allem der »Schutz vor Fremdbestimmung« von Bedeutung. Dies bezieht sich jedoch nicht nur auf den Schutz vor sexuellen Übergriffen, sondern auch auf die Einschränkung und Verweigerung von Erfahrungs- und Lernumgebungen. »Kinder müssen lernen, sich selbstbestimmt zu entscheiden für alte und neue Bindungen, müssen Nein und Ja sagen können auf dem Hintergrund eines inneren Gespürs, eines Sensors für das Eigene, das selbstbestimmt Gewollte. Dieser Sensor wächst nur durch Tun und Grenzerfahrungen. Schon Kinder entwickeln ein »Spürbewusstsein« für das, was Glück und Selbstwirksamkeit nährt, wenn es ihnen gelingt, Grenzen zu überschreiten und Folgen abzuschätzen, das dabei Erfahrene zu besprechen, Rat zu holen und alles in das neue Tun einfließen zu lassen.« (Sielert, 2015, S. 115)

Soll sexuelle Bildung gelingen, so müssen Eltern ebenso ins Boot geholt werden. Die Kommunikation zwischen Eltern und Erzieherinnen zu kindlicher Sexualität war immer von Unsicherheit geprägt, jedoch hat die »Missbrauchsdebatte die Sorge verstärkt, etwas zu übersehen oder falsch zu machen und damit dem eigenen oder dem anvertrauen Kind einen großen, womöglich nicht wieder gut zu machenden Schaden zuzuführen. Die Fragen nach dem Eingreifen-Müssen (wann, wobei, wie deutlich?) haben sich auf beiden Seiten vermehrt« (Philipps, 2014, S. 127). Dieser Tatbestand erschwert einerseits, die sexuelle Selbstbestimmung der Kinder zu unterstützen, andererseits kann dies als Chance begriffen werden, die Entwicklung positiv zu begleiten. Das heißt, die Stärken und Ressourcen der Kinder zu betonen wie auch den Umgang mit Grenzen einzuüben. So kann Eltern vermittelt werden, dass Offenheit Kinder stärkt und der Austausch über Doktorspiele und gegenseitiges Erkunden durch eine schützende Umgebung zugelassen werden kann. Dabei sind zwei Regeln zu beachten: Keine Gegenstände in Körperöffnungen und wenn ein Kind »nein« sagt, muss das andere Kind das akzeptieren. Diese Selbstwirksamkeit müssen Kinder in kleinen Schritten lernen. Dabei geht es nicht um Allmacht oder Ohnmacht, sondern darum, partiell mächtig zu sein. Das schließt ein, dass Selbstbestimmung auch an Grenzen stößt, die von anderen gesetzt werden, an denen sich Kinder – auch trotzend – abarbeiten dürfen.

Fazit

Der Austausch und die Positionierung im Team sind dazu unabdingbar und stellen zudem einen Qualitätsrahmen im Kontext professionellen Handelns dar. Dazu gehört, die Themen rund um Sexualität im Team zu besprechen und zu reflektieren, die Erfahrungsräume kindlicher sexueller Aktivitäten pädagogisch zu begleiten und die Eltern im Umgang mit der Sexualität ihrer Kinder zu unterstützen. Wenn dann noch sexuelle Bildung im pädagogischen Konzept einer Kita verankert ist, stärkt dies alle Akteure – das pädagogische Personal, die Eltern, der Träger und nicht zuletzt die Kinder.

Literatur

Rohrmann, Tim/Wanzeck-Sielert, Christa (2014): Mädchen und Jungen in der Kita. Körper, Gender, Sexualität. Stuttgart, Kohlhammer-Verlag.

Schuhrke, Bettina (2015): Kindliche Ausdrucksformen von Sexualität. Zum aktuellen Wissensstand und dessen Relevanz für Eltern und Institutionen bei der Sexualaufklärung.

Zeitschrift für Sexualforschung, 2015;28, Stuttgart, Georg Thieme Verlag.

Sielert, Uwe (2015): Einführung in die Sexualpädagogik. Weinheim, Beltz-Verlag.

Phillipps, Ina-Maria (2014): Kindliche Sinnenfreudigkeit. Reaktionsmuster Erwachsener und pädagogische Aufgaben. In: Menne, Klaus/Rohloff, Jacqueline (Hrsg.): Sexualität und Entwicklung. Beratung im Spannungsfeld von Normalität und Gefährdung. Weinheim.