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Sozial-emotionales Lernen in der Kita

Wer fragt heute noch nach dem sozialen Klima? In Familie, Schule, Beruf, Medien und Politik scheinen soziale Beziehungen mehr und mehr nur bloßer Zweck, die von ökonomischer Zielsetzung, Gewinn und schnellem Funktionieren bestimmt werden.

Soziales Lernen in der Kita

© olesiabilkei

Auch der Kindergarten scheint dieser Funktionalisierung ausgesetzt, obwohl sein Auftrag entgegengesetzt lautet. Das Sozialgesetzbuch, SGB VIII regelt bundesweit, was in der Jugendhilfe beabsichtigt ist. Leitend heißt es der dort zu Anfang:

§ 1 SGB VIII Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe

(1)   Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.  

(2)   Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.  

(3)   Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere  

1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,  

2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,  

3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,  

4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.  

Der Kindergarten besitzt demnach einen eigenständigen, an Familie, Persönlichkeit und Gemeinschaft des Kindes orientierten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag. Kita muss also nicht vorwiegend der Schule oder der Berufswelt zuarbeiten. Die einzelnen Länder haben zur Ausführung zum Teil unterschiedlich formulierte gesetzliche Vorschriften, Pläne, Akzente und Detailregelungen.

Der Zugriff der Grundschulen auf Inhalte und Abläufe in Kindergarten und Elternhaus hat in den letzten Generationen erheblich zugenommen (etwa bei Sprache, Einschulungsalter). Umgekehrt blieb aber eine seit Jahrzehnten beabsichtigte flächendeckende Sozialpädagogisierung zum Wohl der Kinder in Grundschulen aus. Dennoch sind sich viele altersgemischte Kindertageseinrichtungen ihres eigenständigen Auftrags und ihres wichtigen sozial-emotionalen Profils bewusst.

Dort wissen die Fachkräfte, dass Jungen und Mädchen im Kindergartenalter vier zentrale Persönlichkeitsbereiche entwickeln:

  1. Kinder stärken ihr Selbstvertrauen
  2. bauen ihr Gruppenverhalten aus
  3. lernen, mit Konflikten umzugehen und
  4. lernen, ihre Gefühle auszudrücken und zu verstehen.

Diese sozialen und emotionalen Dimensionen werden stärker über den künftigen Lebensweg entscheiden als schulische Fertigkeiten.

Leider haben viele ehrgeizige Eltern davon nichts gehört und kaufen vielsagend ihrem Säugling Strampler mit der Aufschrift: „Abitur in 18 Jahren!“ Langzeituntersuchungen haben jedoch immer wieder bestätigt: Entscheidend für Lernprozesse des Kindes sind sein Gefühl und seine sozialen Beziehungen. Daher war sozial-emotionales Lernen bereits in den 70er Jahren ein besonderer Schwerpunkt elementarer Bildungsforschung (Vgl. Verlinden/Haucke: „Einander annehmen. Soziale Beziehungen im Kindergarten ...“ Köln, 1995).

Gut, wenn ich weiß, wo ich gern mit den Kindern hin und wo ich nicht hin möchte!

Schauen wir aufmerksam auf diese jungen Menschen, bevor sie in die Schule geraten. Nehmen wir wahr, wie Kindergartenkinder sozial-emotional wachsen. In kleinen Beziehungssituationen, Fragen und Kommentaren können sie unsere Herzen berühren und unsere Augen für Wesentliches öffnen. Wir erleben, wie lebhaft, ausdauernd und vielfältig Mädchen und Jungen in altersgemischten Gruppen ihr Selbst entdecken, wie ernsthaft sie soziale Verantwortung übernehmen, wie sie sich gegenseitig befähigen, Konfliktlösungen auszuprobieren und um Verständnis für Gefühle ringen. Im Gegensatz dazu erleben wir auch Verhalten, das einzelne Kinder einschüchtert, isoliert und bloßstellt oder Kinder, die wenig Rücksicht nehmen, aggressiv und unsensibel für Gefühle auftreten.

Achten wir mehr darauf, was Fachkräfte dazu beitragen können, um Kindern zu einer selbstbewussten und verantwortungsbereiten, konfliktfähigen und gefühlvollen Persönlichkeit zu verhelfen.

Zurückhaltung nützt, wenn Kinder voneinander lernen

Gespräch und Spiel unter den Kindern sind für das kindliche Selbstvertrauen und Sozialverhalten von herausragender Bedeutung. Denn was ein Kind in freier Interaktion mit anderen Kindern lernt, das gewinnt nachhaltigen Einfluss. Kinder ahmen einander nach, fordern, messen und orientieren sich aneinander! Sie bemerken, welche Worte, Taktiken und Strategien zum ersehnten Erfolg in der Gruppe führen. Erzieherinnen tun gut daran, sich als beobachtende Begleiterinnen dieser informellen und spontanen Lernprozesse zu verstehen. Kaum ein Verhalten von Erwachsenen kann diese wertvolle Interaktion der Kinder ersetzen, in denen ein Kind authentisch erlebt: von Spielgefährten bewundert zu werden, aus freien Stücken anderen helfen zu können, einen Interessenskonflikt zu verstehen und zu lösen oder Gefühle zu benennen und damit von anderen Kindern ernst genommen zu werden.

Es gibt einige sehr gute Geschichten, Bilderbücher, Lieder, Kreis-, Brett-, Puppen- und Rollenspiele, die sich didaktisch solchen Themen widmen. Doch bevorzugt sollten Kinder genug Freiheit, Spiel-Raum erhalten, ihre eigenen sozial-emotionalen Potenziale und Grenzen, Erfolge und Holzwege zu erforschen. Wenn Fachkräfte Kinder beobachten, um Verhaltensweisen und Fortschritte eines Kindes zu verstehen (statt zu bewerten oder zu benoten), dann geben die folgenden Gegenüberstellungen nützliche Anhaltspunkte im Universum sozial-emotionaler Prozesse. Derartige Fragen heben Gefühle und soziale Beziehungen in Kindergruppen und Einzelner hervor, die bei Besprechungen zwischen Erziehenden häufig auftauchen. Sehen und hören wir genauer und mehrmals hin. Fragen wir nach typischen, alltäglichen Verhaltensweisen (statt Ausnahmesituationen) und ziehen bei der Suche nach Antworten insbesondere auch Eigenarten mit in Betracht, die durch Kultur, Alter, Geschlecht und Milieu eines Kindes bedingt sein können!

Woran kann ich Selbstvertrauen eines Kindes erkennen?

  • Wie vielseitig interessiert und aufgeschlossen gibt es sich, oder wie sehr hat es Angst vor unbekannten Situationen?
  • Wie entschieden will es unabhängig sein, selbstständig handeln oder verlässt es sich auf die Initiative anderer?
  • Wo setzt es sich längerfristige Ziele und verfolgt sie ausdauernd, statt sich überwiegend mit zufälligen Dingen zu beschäftigen und diese mit geringer Ausdauer?
  • Wo interessiert es sich für die Entwicklung eigener Fähigkeiten , statt Herausforderungen aus dem Wege zu gehen?
  • Wie mutig und zuversichtlich steigt es in Vorhaben ein, oder zweifelt es meist schon im Vorhinein am eigenen Erfolg?
  • Wie bewältigt es Misserfolge , ohne darunter zu leiden?
  • Wie geht es mit verschiedenen Möglichkeiten zur Entscheidung um, kann es sich entscheiden?
  • Woran sieht man, dass es die Andersartigkeit anderer Menschen akzeptiert, statt abzulehnen?
  • Akzeptiert es sich selbst, oder lehnt es sich selbst eher ab?
  • Kann es vorausplanen oder unterschätzt es seinen Einfluss auf künftige Situationen?
  • Wie sehr glaubt es an eigene Lernmöglichkeiten oder zweifelt es an seinen Potenzialen?
  • Wann neigt es dazu, eigene Leistungen zu akzeptieren oder Erfolge abzulehnen?
  • Wo kann es eigene Schwächen einräumen, statt sich zu überschätzen?
  • Vertraut es eher eigenen Maßstäben oder ist es mehr auf das Urteil anderer angewiesen?

Woran kann sich Gruppenverhalten zeigen?

  • Wie beteiligt sich das Kind in einer Gruppe oder geht es gemeinsamem Handeln – auch Gesprächen – eher aus dem Weg?
  • Vermag es mehr oder weniger, Freundschaften zu schließen?
  • Möchte es mit anderen teilen oder eher alles für sich allein haben?
  • Schlägt es Absprachen und Vereinbarungen mit anderen vor oder misstraut es solchen eher?
  • Wie kann es sich gegen Mehrheiten stellen oder passt es sich eher an?
  • Kann es eigene, vereinbarte Regeln einhalten oder will es sie übertreten, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen?
  • Sucht es bestehende Regeln und Gewohnheiten kritisch zu überprüfen oder sich willig unterzuordnen?
  • Welche guten Seiten erkennt das Kind im gemeinsamen Handeln, in Kooperation mit anderen?
  • Wie versucht es, eigene Interessen und Gruppenziele in Einklang zu bringen, oder ignoriert es Gruppenziele, um eigene Interessen rücksichtslos durchsetzen?

Woran kann ich sehen, wie ein Kind Konflikte zu lösen vermag?

  • Legt das Kind bei der Auseinandersetzung mit Problemen eher Ausdauer und Geduld statt Hektik und Ungeduld an den Tag?Wie offen und mutig oder vermeidend setzt es sich mit neuen Situationen auseinander?
  • Wie verkraftet es ablehnende Haltungen anderer – statt hilflos oder aufdringlich zu werden? Sucht es nach angemessenen Lösungen für Konflikte oder neigt es eher zu übertriebenen, weniger wirkungsarmen Ansätzen? Schätzt es im Voraus die Möglichkeit von Konflikten ab und bezieht sie mit ein – statt zu leugnen? Wie sehr vermag es, seine eigene Wirkung bei Konflikten einzuschätzen, statt verzerrt wahrzunehmen? Wird es sich über seine Gefühle bei Stress und Spannungen bewusst? Interessiert es sich für Ursachen von Problemen , statt Belastungen passiv hinzunehmen? Wie sehr unterscheidet es begründete Ängste von unbegründeten?

Woran zeigt sich, dass ein Kind Gefühle ausdrücken und verstehen kann?

  • Wie nimmt es eigene Gefühle wahr oder verleugnet sie?
  • Erkennt es Gefühle anderer oder übersieht es diese eher? Ist es bereit, Gefühle anzunehmen oder lehnt und wertet es sie lieber ab?
  • Sucht es, Ursachen und Entwicklung von Gefühlen zu verstehen oder als Zufall abzutun? Kann es eigene Gefühle anderen mitteilen oder verbirgt es Gefühle eher vor anderen? Versteht es, dass es mehr oder weniger großen Einfluss auf Gefühle anderer hat? Toleriert es Unterschiede von Gefühlen oder glaubt es, alle fühlen in gleichen Situationen gleich?
  • Kann es dasselbe Gefühl (Trauer, Schmerz) an verschiedenen Ausdrucksmustern erkennen oder nur an einem bestimmten Ausdruck (z.B. Tränen)? Wie angemessen respektiert es Gefühle anderer oder missachtet sie? Wie vielfältig kann es eigene Gefühle ausdrücken ?

Wie gestaltet die Fachkraft ihre sozial-emotionalen Beziehungen?

Ihr eigenes Vorgehen und Auftreten kann die Fachkraft ebenfalls auf diese Dimensionen beziehen, etwa:

  • Wie sehr sind mir Begriffe dieser sozial-emotionalen Dimensionen geläufig? Und welche Bedeutung haben sie in meiner konkreten Kita-Arbeit?
  • Wie selbstbewusst und gefühlsklar sind meine Gespräche mit Kindern?
  • Wie wertschätzend kommuniziere ich mit Kindern?
  • Welche kooperativen und konfliktlösenden Spiele bevorzuge ich mit ihnen?
  • Wie selbst(un)sicher, kooperativ, verantwortungsbereit, konflikt- und gefühlsorientiert trete ich im Team oder in der Elternschaft auf?
  • Wie ist meine Berufseinstellung – wie zuversichtlich oder pessimistisch sehe ich meinen Arbeitsplatz, meinen pädagogischen Beruf, meine Alltagserfolge?

Gemeinsam mit Eltern über diese Dimensionen reden

Mithilfe dieser Fragen können Zusammenhänge zwischen Gefühlen und Beziehungen von Kindergartenkindern verständlicher gemacht werden und mehr Anerkennung bei Eltern und Team finden.

Im Einzelgespräch können solche Fragen hilfreich sein. Verhalten nur beschreiben und Worte für Beobachtungen finden, ist der erste Schritt bei solchen Gesprächen. Kühne Motivanalysen haben wenig Sinn! Sie überschreiten oft das Anliegen und Verständnis einzelner Eltern. Es interessiert zwar auch: „Warum macht das Kind das?“, aber dazu kommt man erst, wenn man sich einig wird: „Was das Kind macht“. Besonders in Gesprächen mit Eltern sollten Fachkräfte versuchen, am sichtbaren Verhalten der Kinder zu beginnen. Deutungen und pädagogische Schlussfolgerungen fallen umso treffender aus, je angemessener das tatsächliche Verhalten des Kindes und die Folgen aus dem Verhalten benannt sind.

Dabei wird mitunter klar, dass Eltern nicht die gleichen, aber doch viele andere Möglichkeiten haben, die Gefühle und sozialen Beziehungen ihrer Kinder wahrzunehmen, zu beschreiben, zu verstehen und bewusst zu unterstützen.

Fazit

Die Kernbereiche der Jugendhilfe scheinen angesichts zunehmender „Verschulung“ in Vergessenheit zu geraten. Eine erneute Besinnung auf sozial-emotionale Grundsätze in der Kindergartenarbeit ist nötig. Es geht insbesondere darum, unsere Wahrnehmung zu schärfen für Selbstvertrauen, Gruppenverhalten, Umgang mit Konflikten und Gefühlen.