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Sprache bewegt – Zur Bedeutung der Bewegung für den Erwerb sprachlicher Kompetenzen

Kinder erschließen sich ihre Umwelt über ihren Körper, über ihre Sinne. Indem sie vom ersten Tag ihres Lebens an selber tätig werden, gewinnen sie Erfahrungen, die ihnen ein zunehmendes Wissen über sich selbst, über ihre Mitmenschen und über die dinglich-räumliche Umwelt ermöglichen. Auch der Spracherwerb ist ein Lernprozess, der durch die aktive Auseinandersetzung des Kindes mit seiner materialen und sozialen Umwelt geprägt ist.

Bewegung und Sprache hängen zusammen

© kristall

Kindliche Entwicklung ist als Einheit von Wahrnehmen, Handeln, Fühlen und Denken zu verstehen. Sie ist geprägt durch die Merkmale der Selbsttätigkeit und Eigenaktivität, die sich sowohl in der Bewegungsentwicklung des Kindes als auch in seiner Sprachentwicklung äußern.

Der aktive Gebrauch der Sprache – im Dialog mit Erwachsenen und auch mit anderen Kindern – ist entscheidend für den Erwerb sprachlicher Kompetenzen (vgl. Zimmer 2013). Welche Bedeutung in diesem Zusammenhang der Körper und die Bewegung haben, soll in folgendem Beitrag aufgezeigt werden.

Bewegungshandeln als Ausgang für sprachliche Prozesse

Sprache baut auf dem Handeln auf: Zuerst kommt das körperlich-sinnliche Erkunden eines Objektes, dann erst erfolgt die sprachliche Begleitung. Das Kind spielt z.B. mit dem Ball, lässt ihn auf den Boden prellen. „Ball springt“ sagt es, aber nicht bevor , sondern nachdem es sich mit ihm beschäftigt hat. Im Tun, im handelnden Umgang mit Gegenständen und Objekten entdeckt es die Sprache als nützliches Medium, als Werkzeug des Handelns. Erst im Laufe der Zeit werden Handlungen verinnerlicht, das Kind kann die Handlung reflektieren. Sprache ermöglicht dann eine gedankliche Vorwegnahme („ich will Ball spielen“) oder rückblickende Reflexion des Tuns („ich habe das Tor getroffen“) und damit eine Distanz zur aktuellen Situation.

Bevor sich das Kind verbal mitteilen kann, verfügt es bereits über ein Wissen über die Beschaffenheit von Gegenständen oder die Funktion von Objekten. Dass ein Ball rund ist, auf dem Boden rollt oder hochspringt, wenn man ihn fallen lässt, hat das Kind in Bewegungssituationen erfahren.

So werden durch das Handeln gewonnene Erfahrungen in Verbindung mit der Sprache zu Begriffen. Diese Begriffe ermöglichen dem Kind die innere Abbildung der Welt (Zimmer 2014, 93 f.). Zeitliche Begriffe wie „langsam“ und „schnell“, räumliche Begriffe wie „hoch“ und „tief“ erfährt das Kind z.B. in Bewegungshandlungen, die es in Raum und Zeit variiert. Es erweitert seinen Wortschatz und erwirbt die Voraussetzung für das Verständnis sprachlicher Klassifizierungen.

„Eingebunden in sinnvolle, bedeutungsvolle Handlungssituationen, in denen verbale und nichtverbale Handlungsteile ineinandergreifen, lernt das Kind, sich seines Körpers und der Sprache als Werkzeug zu bemächtigen“ (Zimmer 2013, 14).

Spielhandlungen sind komplexe Sprachlernsituationen

Sprache wird nicht der Sprache wegen erlernt, sondern aus einer kommunikativen Absicht heraus. Sich mit jemandem verständigen zu können, seine Wünsche zu entziffern, die eigenen Botschaften zu übermitteln, mit ihm zu verhandeln, etwas zu erreichen – das benötigt ein gemeinsames System. Hier geht es zunächst einmal nicht um die grammatikalische Richtigkeit, die Vielfalt der Wörter, es geht vielmehr darum, dass man sich über Sprache mitteilen, etwas bewirken kann.

Sprache ist ein Mittel zur Herstellung von Beziehungen und unterstützt die Kinder bei der Planung und Durchführung ihrer Spielaktivitäten (vgl. Jampert u.a. 2006, 43). Bewegungsspiele erfordern z.B. die Absprache von Regeln, das Verteilen von Rollen, die Festlegung der Spielhandlung. Fragen und Antworten, Zuhören und Erklären werden in der Spielsituation geübt.

Situative, aber auch bewusst inszenierte Bewegungsangebote können für die Kinder Anlässe zum Sprechen, zum Erweitern und Differenzieren ihres Sprachvermögens sein. Eine Spielidee liefert den Anlass für Bewegungshandlungen wie auch für Sprachhandlungen. Situationen werden „versprachlicht“. Damit sind Spielhandlungen zugleich komplexe Sprachlernsituationen.

Ebenso können umgekehrt Sprachhandlungen zu Bewegungsanlässen werden: Die Beschreibung einer Situation wird durch Gestik begleitet, ein Rollenspiel lebt zwar durch die sprachliche Kommunikation der am Spiel Beteiligten, es wird gleichzeitig aber auch körperlich inszeniert.

Sprachliche Kompetenzen

Der Erwerb der Sprache ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe, bei der viele Teilfertigkeiten auf unterschiedlichen Sprachebenen erlernt werden müssen. Sprache umfasst sowohl die Produktion von Lauten, das Sprachverständnis und das Erkennen der Wortbedeutung, die Anwendung grammatikalischer Regeln als auch die Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren. Im Alltag der Kindertagesstätte können diese Bereiche der Sprache in vielfältigen Spiel- und Bewegungssituationen geübt werden.

Bereits das Sprechen selbst ist eine motorische Aktivität : Die Funktionsfähigkeit der Artikulationsorgane ermöglicht, dass die Aussprache des Kindes verständlich ist. Um ganze Sätze zu sprechen, Laute korrekt bilden zu können und die Stimme variabel zu gestalten, ist die Regulation der Atemtätigkeit erforderlich. Die Muskulatur sorgt dafür, dass die Atmung, die Stimmgebung und die Aussprache funktionieren (vgl. Wendlandt 2006).

Der Aufbau des aktiven und passiven Wortschatzes ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe des Kindes. Wenn es das „Benennen“ von Gegenständen entdeckt hat, nimmt sein Wortschatz in rasantem Tempo zu. Für die Entwicklung des Wortschatzes sind einerseits Lern- und Gedächtnisprozesse nötig, andererseits sind aber auch Anregungen durch die soziale Umwelt des Kindes unerlässlich. Sie sind wichtig sowohl für das Verstehen von Wörtern als auch für die eigene Produktion.

Bewegungsspielsituationen sind ideale Gelegenheiten für den Aufbau eines aktiven und passiven Wortschatzes und auch für den Erwerb von Wortbedeutungen. Objekten werden Wörtern zugeordnet, im Umgang mit Objekten und Materialien können Begriffe erfahren werden, in Bewegungsspielsituationen werden Begriffskategorien gebildet (Wie kann man sich fortbewegen? Welche Formen des Gehens gibt es? Wie werden Objekte klassifiziert?). Sinnliche Erfahrungen erweitern den Wortschatz: Was ist rund, was ist eckig, hart, weich? Durch das Anfassen, Ertasten, Ergreifen und Benennen werden taktil wahrgenommene Eigenschaften der Objekte zu Begriffen (vgl. Zimmer 2013, 43).

In Bewegung zu den Regeln der Sprache finden

Die Grammatik ist ein System, dessen Gesetzmäßigkeiten das Kind erkennen muss. Es wird also nicht durch Nachsprechen gelernt. Erst mit der Kenntnis grammatikalischer Regeln ist es möglich, etwas aus der Vergangenheit zu berichten oder über Ereignisse, die man zukünftig erwartet.

Das Kind muss die kognitiven Voraussetzungen zur Regel- und Analogiebildung besitzen: Wie wird z.B. ein Plural gebildet (Seil – Seile aber Ball – Bälle)? Das Kind erkennt selbst wiederkehrende Muster, von denen es dann die Regeln selbst ableiten kann, ohne die eigentliche Regel zu erkennen. In komplexen Spielsituationen gibt es viele Gelegenheiten, in denen die Kinder z.B. den Plural bilden (Gib mir die Bälle), die Wortstellung beachten (Ich baue ein Haus. Ich brauche den Kasten) und Kausalsätze formulieren: Ich brauche den Kasten, weil ich ein Haus bauen will. Die Kinder erleben sich als Subjekt oder Objekt, d.h. es wird auf der sprachlichen Ebene die Unterscheidung in aktive und passive Modi vorgenommen: Sie fangen die anderen oder werden gefangen, sie schieben das Rollbrett oder werden geschoben. Bewegung ermöglicht ihnen, mit Zeit und Geschwindigkeit zu experimentieren, dabei erleben sie auf sensomotorischer Ebene die Bildung und Bedeutung des Komparativs (schnell – schneller laufen, hoch – höher klettern).

Es gibt Gelegenheiten für den Artikelgebrauch und für Flexionen der Verben (Ich habe gebaut) – auch hier können Bewegungsanlässe zu Sprachanlässen werden, die auf der grammatikalischen Ebene den Spracherwerb des Kindes unterstützen (vgl. hierzu Zimmer 2013, 179 ff.).

In den Alltag integrierte Sprachbildung

Durch die bewusste Inszenierung von bewegungsorientierten Sprachlernprozessen eröffnet sich die Möglichkeit, alltagsnah und doch didaktisch und methodisch reflektiert die Kinder in ihren sprachlichen Kompetenzen zu unterstützen. Eine regelmäßige und in den Alltag integrierte Sprachförderung ist vor allem für die Kinder besonders wichtig, die aufgrund ihrer sozialen und kulturellen Herkunft und ihrer individuellen Voraussetzungen einer besonderen Unterstützung bedürfen.

Insbesondere bei Kindern mit Migrationshintergrund spielt es eine wichtige Rolle, dass sie sich zunächst in einem Medium ausdrücken können, in dem sie sich sicher fühlen. Über Bewegung fällt es ihnen oft leichter, mit anderen Kindern zu kommunizieren, sich mitzuteilen. Sie beherrschen die nonverbalen Anteile der Sprache oft sehr gut und können sich über Gestik und Mimik, über Gebärden und über ihren Körper verständlich machen. So üben sie den Kontakt mit anderen, fühlen sich anerkannt und wahrgenommen, die Teilnahme am verbalen Austausch der anderen Kinder trägt zu ihrem Sprachverständnis bei und gibt ihnen Gelegenheit, sich schrittweise auch in der verbalen Sprache zurechtzufinden.

Bewegung besitzt ein entwicklungsförderndes Potenzial, das sich insbesondere in den ersten Lebensjahren positiv auch auf die Sprachentwicklung auswirken kann. Die sprachfördernde Wirkung beruht insbesondere auf den vielfältigen Sprechanlässen, die sich beim gemeinsamen Spiel ergeben, beim Bauen und Konstruieren, beim Aushandeln von Rollen und Regeln, im spontanen, spielerischen Umgang mit der eigenen Stimme bei Rollen- und Symbolspielen. Sie entfaltet sich insbesondere in dem motivierenden, lustbetonten Kontext, in dem Bewegungshandeln sich zwanglos mit sprachlichem Handeln verbinden lässt. – Sprache wird so am eigenen Leib erfahren (Zimmer 2013, 16).

Fazit

Sprache und Bewegung – beides sind bei Kindern wesentliche Mittel der Erkenntnisgewinnung, des Ausdrucks und der Mitteilung. Das Grundanliegen einer bewegungsorientierten Sprachförderung von Kindern sollte darin bestehen, eine anregungsreiche, zur Aktivität und zum Handeln auffordernde Umwelt zu schaffen, in der das Kind seinen Körper, Bewegung, Sprache und Stimme gleichermaßen einsetzen darf, um sich mit sich selbst und anderen auseinanderzusetzen. Bevorzugtes Mittel ist dabei das Spiel. Es schafft Bewegungs- und Sprechanlässe, die dazu beitragen, das sprachliche und körpersprachliche Handlungsrepertoire ebenso zu erweitern wie das Bewegungsrepertoire.

Literatur

Bruner, J. (2002): Wie das Kind sprechen lernt. Bern: Huber.

Jampert, K./Leuckefeld, K./Zehnbauer, A./Best, P. (2006): Sprachliche Förderung in der Kita. Berlin: Das Netz.

Wendlandt, W. (2006): Sprachstörungen im Kindesalter. Stuttgart: Thieme.

Zimmer, R. (2012): Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung. Freiburg: Herder.

Zimmer, R. (2013): Handbuch Sprachförderung durch Bewegung. Freiburg: Herder.

Zimmer, R. (2014): Handbuch der Bewegungserziehung. Grundlagen für Ausbildung und pädagogische Praxis. Freiburg: Herder.