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Sprachliche Anregung beim Betrachten von Bilderbüchern

Wie spricht man mit Kindergartenkindern? Obwohl Sie als Erzieherin, ähnlich wie auch Eltern, täglich mit Kindern sprechen, stellt sich Ihnen vielleicht immer mal wieder die Frage, ob es denn eine bestimmte Art und Weise der sprachlichen Anregung gibt, die für Kinder besonders förderlich ist. Auch die BiKS-Studie setzt sich mit diesem Thema auseinander.

 

BIKS-Studie gibt Aufschlüsse darüber, wie man mit Kindern im Kita-Alter am besten kommuniziert

© Andrey Kuzmin

Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigt sich damit, wie Erwachsene, insbesondere Eltern und Erzieher/-innen, mit Kindern sprechen und welche Auswirkungen dies auf die Entwicklung von Kindern hat. Zumeist werden die Kinder hierfür in der Interaktion mit Erwachsenen beobachtet: Wie sie gemeinsam spielen, ein Buch anschauen, Essen vorbereiten oder über ein gemeinsames Erlebnis sprechen. Verschiedene Studien konnten z.B. zeigen, dass Eltern, die mit ihren Kindern verstärkt über Gefühle und Gedanken sprechen und diese auch erklären, Kinder mit einem besseren Verständnis dieser mentalen Zustände und Prozesse haben. Andere Studien finden, dass Eltern, die ihr Kind aktiv am Gespräch beteiligen, offene Fragen stellen und viele Details nennen, wenn sie gemeinsam über Erlebnisse sprechen, Kinder mit besseren Erinnerungen an selbst erlebte Ereignisse haben. Immer wieder wird auch die Bedeutung des gemeinsamen Bilderbuchanschauens oder Lesens für die sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder sowie für ihre späteren Lesefertigkeiten hervorgehoben.

Es gibt folglich verschiedene Arten, wie man mit Kindern sprechen kann und diese können für verschiedene Bereiche der Entwicklung von unterschiedlicher Bedeutung sein. In der BiKS-Studie haben wir eine Art der sprachlichen Anregung herausgegriffen, von der angenommen wird, dass sie besonders förderlich für die kognitive Entwicklung von Kindern ist, das sogenannte „Distancing“, auf das später noch genauer eingegangen wird.

Erfassung sprachlicher Anregung in BiKS-3-10

Da das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern als eine Spielsituation gilt, in der Kinder viel sprachliche Anregung erhalten, haben wir in BiKS eine Bilderbuchsituation zwischen Eltern und Kindern beobachtet. Bei fast 70 Kindern im Alter von 4-5 Jahren wurde jeweils im Abstand von einem halben Jahr eine Bilderbuchsituation auf Video aufgezeichnet. Diese Videos wurden unter anderem danach ausgewertet, wie Eltern mit ihren Kindern im Kindergartenalter sprechen. Da verschiedene Studien darauf hinweisen, dass es Unterschiede in der sprachlichen Anregung in Abhängigkeit von der Bildung der Eltern gibt, hat uns insbesondere interessiert, ob Eltern mit einer niedrigen Bildung ihren Kindern eine andere sprachliche Anregung anbieten als Eltern mit einer höheren Bildung. Des Weiteren wollten wir wissen, ob Unterschiede in der sprachlichen Anregung auch mit Unterschieden in den Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder in Zusammenhang stehen.

Wie sah die Bilderbuchsituation aus, die die Eltern mit ihrem Kind durchführten?

Bei unserem Besuch in den Familien haben wir neben anderen Spielen ein kleines Bilderbuch mitgebracht, das wir extra für diese Studie angefertigt haben. In dieser Bildergeschichte sind drei Alltagserlebnisse von Mama und Maxi dargestellt. In einer dieser Geschichten wollen Mama und Maxi z.B. Kuchen backen, haben allerdings vergessen, die Eier einzukaufen.

Das gemeinsame Betrachten des Bilderbuchs mit dem Elternteil, der sich selbst als Hauptbetreuungsperson bezeichnete, wurde auf Video aufgezeichnet. Bei ca. 95% der beobachteten Familien war die Hauptbetreuungsperson die Mutter. Diese wurde aufgefordert, das Bilderbuch möglichst so mit dem Kind anzuschauen, wie sie dies gewöhnlich auch tut, wenn sie gemeinsam mit dem Kind ein Bilderbuch anschaut. Hiermit sollte erreicht werden, dass eine möglichst natürliche Situation zwischen Elternteil und Kind entsteht. Nur dies ermöglicht es, Rückschlüsse darüber zu erhalten, wie Elternteil und Kind gewöhnlich beim Betrachten eines Bilderbuchs vorgehen und wie sie miteinander interagieren und sprechen. Die Video- und Tonaufnahmen von dieser Bilderbuchsituation wurden später nach verschiedenen Gesichtspunkten ausgewertet, unter anderem auch nach dem verbalen „Distancing“ des Elternteils.

Was ist verbales „Distancing“?

Als förderlich für die kognitive und sprachliche Entwicklung von Kindern gilt das sogenannte „Distancing“. Als „Distancing“ wird eine Art der sprachlichen Anregung bezeichnet. Dabei kommt es darauf an, dass nicht nur darauf eingegangen wird, was in der aktuell vorliegenden Situation geschieht und wahrnehmbar ist, sondern auch, dass das Kind zum Mit- und Nachdenken angeregt wird. Dies geschieht z.B. dadurch, dass man Bezüge zum Alltag des Kindes herstellt und Ereignisse im Bilderbuch mit den Erlebnissen des Kindes vergleicht. Als besonders förderlich gilt es, wenn Überlegungen und Schlussfolgerungen angestellt werden, z.B. zu alternativen Handlungsweisen oder zu möglichen Geschehnissen in der Geschichte, die nicht bildlich dargestellt sind. Es wird folglich als förderlich erachtet, wenn Eltern oder Erzieher/-innen in einer Interaktionssituation Äußerungen vornehmen, die sich von der aktuellen Situation lösen, z.B., indem sie auf ähnliche Ereignisse im Alltag des Kindes hinweisen oder Überlegungen und Schlussfolgerungen anstellen. Zugleich wird es als wichtig angesehen, dass Eltern oder Erzieher/-innen dem Kind Fragen stellen, die das Kind dazu auffordern, sich von der aktuellen Situation zu lösen und über Dinge nachzudenken, die nicht direkt beobachtbar sind (vgl. z.B. Sigel, Stinson & Kim, 1993).

In BiKS-3-10 wird zwischen drei Stufen des „Distancings“ unterschieden. In der niedrigsten Stufe werden Äußerungen der Eltern eingruppiert, die sich direkt auf die aktuell vorliegende Situation beziehen und direkt beobachtbar sind. Im Falle der Bilderbuchsituation handelt es sich dabei vor allem um Bildbeschreibungen und Fragen nach Bildinhalten. Der mittleren Stufe werden Äußerungen zugeordnet, die sich zwar noch auf die aktuelle Situation beziehen, allerdings vom Kind bereits Überlegungen erfordern, die sich vom aktuell Dargestellten lösen. Hierzu gehört z.B. der Vergleich eines dargestellten Objekts mit einem nicht-dargestellten Objekt. Auf der höchsten Stufe werden all die Äußerungen eingruppiert, die Schlussfolgerungen und Überlegungen zu Gegebenheiten verlangen, die nicht unmittelbar ersichtlich sind. In der Geschichte, in der die Mutter die Eier vergessen hat, könnten dies z.B. Überlegungen dazu sein, aus welchem Grund die Mutter die Eier vergessen hat und wie sie nun mit dieser Situation umgehen soll.

Unterscheiden sich die Eltern darin, wie sie mit ihren Kindern sprechen?

Im Mittel haben die Eltern ca. 7 Minuten damit verbracht, das Bilderbuch gemeinsam mit ihrem Kind anzuschauen. Dabei war festzustellen, dass zwischen den Eltern sehr große Unterschiede vorlagen. Während manche Eltern sehr ausführlich über das Bilderbuch sprachen, dauerte die Bilderbuchsituation bei anderen Eltern nur zwei bis drei Minuten. Die Eltern unterschieden sich auch deutlich darin, wie viel sie in dieser Zeit zu ihrem Kind sagten.

Bezogen auf das „Distancing“ ließen sich im Alter von 4;5 Jahren im Mittel ca. 37% der Äußerungen der Eltern der niedrigsten Ebene des „Distancing“ zuordnen, ca. 31% der mittleren Ebene und ca. 21% der höchsten Ebene. Weitere 11% der Äußerungen wurden sogenannten Sonderkategorien zugeordnet. Hierzu gehören z.B. unvollständige Sätze oder Wiederholungen einer Aussage. Auch im Alter von 5;5 Jahren findet man ein ähnliches Bild.

Allerdings gibt es zwischen den Eltern sehr große Unterschiede. So gibt es z.B. Eltern, die gar keine Äußerungen auf der höchsten Ebene vornehmen, d.h. Überlegungen und Schlussfolgerungen, die über das direkt Wahrnehmbare hinausgehen, während bei anderen Eltern mehr als 30% ihrer Äußerungen solcher Natur sind.

Unterschiede im „Distancing“ in Abhängigkeit vom Bildungshintergrund

Gibt es nun Unterschiede im „Distancing“ in Abhängigkeit vom Bildungshintergrund? Als Indikator für den Bildungshintergrund wurde der Schulabschluss der Hauptbetreuungsperson, die die Bilderbuchsituation durchgeführt hat, herangezogen. In Abbildung 2 ist die Anzahl an Äußerungen dargestellt, die die Eltern während der Bilderbuchsituation mit ihrem Kind vornahmen, als die Kinder 4;5 Jahre alt waren. Die Äußerungen sind den drei Kategorien des „Distancing“ (niedrig, mittel, hoch) zugeordnet und es wird unterschieden zwischen Eltern mit keinem Schulabschluss bzw. Hauptschulabschluss, Eltern mit Mittlerer Reife und Eltern mit Abitur. Die Abbildung macht deutlich, dass Eltern, die einen Hauptschulabschluss bzw. keinen Schulabschluss aufweisen, in allen drei Stufen des „Distancing“ insgesamt weniger Äußerungen vornehmen. Das heißt, Hauptbetreuungspersonen, mit einem geringen Schulabschluss sprechen in der Bilderbuchsituation weniger mit ihren Kindern. Besonders deutlich ist der Unterschied in der hohen Ebene des „Distancing“. In dieser Kategorie ist der Unterschied auch statistisch bedeutsam. Zwischen den Eltern mit Mittlerer Reife und Abitur besteht dagegen kaum ein Unterschied in der Anzahl an Äußerungen in den verschiedenen Kategorien des „Distancing“. Folglich sprechen gerade Eltern mit geringerer Bildung in einer Bilderbuchsituation weniger und auch weniger kognitiv anregend mit ihren Kindern. Dennoch sind die Unterschiede zwischen den Bildungsgruppen im Vergleich zu anderen Studien eher gering. Betrachtet man statt der absoluten Anzahl an Äußerungen, den prozentualen Anteil, finden sich kaum mehr statistisch bedeutsame Unterschiede zwischen den Gruppen. Dies liegt vor allem daran, dass die Unterschiede zwischen den Eltern insgesamt sehr groß sind, unabhängig davon, von welchem Bildungshintergrund sie kommen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem „Distancing“ der Eltern und den kindlichen Kompetenzen?

 

Erste Ergebnisse aus der BiKS-Studie weisen darauf hin, dass 4- bis 5-jährige Kinder, deren Eltern prozentual gesehen viele Überlegungen und Schlussfolgerungen anstellen, die über das direkt Wahrnehmbare hinausgehen und ihre Kinder durch Fragen zu solchen Überlegungen und Schlussfolgerungen anregen, bessere kognitive und sprachliche Leistungen zeigen. Umgekehrt gehören häufig die Kinder zu den Schwächeren, deren Eltern wenig kognitiv anspruchsvolle Sprache beim Betrachten des Bilderbuchs verwenden und die Kinder in diesem Alter z.B. nur nach Bildinhalten, die direkt ersichtlich sind, fragen.

Auch wenn man weiß, dass es eine Beziehung zwischen der sprachlichen Anregung durch die Eltern und den kindlichen Kompetenzen gibt, so weiß man deshalb jedoch noch nicht, was eigentlich Henne und Ei ist. Führt die sprachliche Anregung der Eltern wirklich zu einer besseren Entwicklung oder sprechen Eltern vielleicht deswegen mit ihren Kindern anderes, weil die Kinder bereits in ihren kognitiven und sprachlichen Leistungen fortgeschritten sind? Da es sich bei BiKS um eine Längsschnittstudie handelt und wir sowohl die Eltern-Kind-Interaktionen als auch die kognitiven und sprachlichen Kompetenzen der Kinder im Alter von 4;5 und 4;11 Jahren erfasst haben, können wir zumindest prüfen, ob die zuerst gemessene sprachliche Anregung die Kompetenzen des Kindes ein halbes Jahr später erklären oder ob umgekehrt die früher gemessenen Kompetenzen des Kindes erklären, wie die Eltern ein halbes Jahr später mit ihren Kindern sprechen. Die Ergebnisse sprechen überwiegend für eine wechselseitige Einflussnahme. Folglich ist eine kognitiv-sprachliche Anregung zwar förderlich, umgekehrt passen sich die Eltern aber auch an die Fähigkeiten ihrer Kinder an. Gerade bei schwachen Kindern ist dies jedoch problematisch, da diese Kinder dann ein geringeres sprachliches Angebot erhalten und damit weniger Möglichkeiten haben, ihre Fähigkeiten zu verbessern. In diesem Zusammenhang zeigen verschiedene Studien, dass Kinder vor allem dann in ihrer Sprachentwicklung profitieren, wenn sie viel und eine facettenreiche Sprache hören, die sich durch einen reichen Wortschatz und vielfältige und komplexere grammatikalische Strukturen auszeichnet (vgl. Hoff, 2006).

Fazit

Die BiKS-Studie zeigt, dass sich Eltern in ihrer sprachlichen Anregung während einer Bilderbuchsituation unterscheiden. Dabei besteht ein Zusammenhang zwischen der sprachliche Anregung im Sinne des „Distancing“ und den Kompetenzen der Kinder. Sprachliche Anregung hat einen förderlichen Effekt auf die kindliche Entwicklung. Zugleich orientieren sich Eltern an den Fähigkeiten ihrer Kinder und verändern das sprachliche Angebot. Aufgabe von Eltern und Erziehern/-innen ist es, für alle Kinder ein reichhaltiges sprachliches Angebot zu schaffen.

Literatur

Sigel, I. E., Stinson, E. T. & Kim, M.-I. (1993). Socialization of cognition: The distancing model. In K. Fischer & R. Wozniak (Eds.), Development in context: Acting and thinking in specific environments (pp. 211-224). Hillsdale, NJ, England: Lawrence Erlbaum Associates.

Hoff, E. (2006). Environmental supports for language acquisition. In D. Dickinson & S. Neuman (Eds.), Handbook of early literacy research (Vol. 2) (pp. 163-172). New York: Guilford Press.