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Tür-und-Angel-Gespräche mit Eltern konstruktiv gestalten

Halten Sie bitte kurz inne und denken Sie darüber nach … Eltern in der Kita. Noch eine zusätzliche Belastung? Noch etwas, was den reibungslosen Ablauf in der Kita stört? Oder willkommene Unterstützung und gerne geteilte Verantwortung? Wie erleben Sie die Eltern in der Einrichtung?

Elterngespräche in der Kita

Elterngespräche in der Kita

Wer hat sich insgeheim für manche Eltern nicht schon einmal ein Schild gewünscht: "Wir müssen draußen bleiben!" Die Zusammenarbeit mit Eltern ist manchmal anstrengend. Die einen würde man gerne öfter sehen, auf die anderen könnte man verzichten und manche machen einem das Leben ganz schön schwer. Und wenn Elternabende angeboten werden, kommt keiner. Wenn Eltern für Projekte gebraucht werden, läuft das Eintragen in die Listen nur schleppend.

Es ist daher mehr als verständlich, dass wir uns manchmal schwer tun mit der positiven Grundhaltung den Eltern gegenüber. Elterngespräche, ob zwischen Tür-und-Angel- oder Entwicklungsgespräche sind daher nicht immer die Lieblingsbeschäftigung bei uns Erzieherinnen. Vielleicht auch, weil wir uns durch unsere Ausbildung nicht gut darauf vorbereitet fühlen. Insbesondere Gespräche mit Eltern über Schwierigkeiten mit ihren Kindern sind oft auch schwierig für uns. Eltern sind natürlich nicht begeistert, wenn wir ihnen unangenehme Dinge über ihre Kinder sagen und reagieren ggf. entsprechend ablehnend. Wir sind die Profis, haben oft schon Ideen und Lösungen parat für die Eltern und sind dann unzufrieden, wenn Eltern dies nicht annehmen. Somit entstehen auf beiden Seiten unangenehme Gefühle. Eine schlechte Voraussetzung für ein notwendig konstruktives Gespräch zum Wohle der Kinder.

Was also tun, um eine konstruktive Erziehungs- und Elternpartnerschaft zu erreichen, bzw. was heißt das eigentlich konkret?

Elternhaus und Kita arbeiten zum Wohle des ihnen anvertrauten Kindes zusammen, erkennen die Bedeutung der Lebenswelt des jeweils anderen an und fördern es gemeinsam, jeder in seinem Einflussbereich nach besten Kräften in seiner individuellen Entwicklung. (Nach Textor, Elternarbeit in Kindertageseinrichtungen, www.kindergartenpaedagogik.de/2273.pdf)

Der Gesetzgeber schreibt die Partnerschaft mit den Eltern sogar vor, da diese die 1. Sozialisationsinstanz sind und bleiben. Eltern sind die wichtigsten und prägendsten Menschen im Leben eines jeden Kindes.

So eine Partnerschaft als Basis für einen vertrauensvollen Austausch muss aber erst geschaffen werden. Aber wie?

Werte und Ziele in der Erziehung

Motto: Wir kommen immer wieder mal vom Kurs ab. Hilfreich ist es daher, einen Kompass zu haben.

Wir alle sind von unserer Erziehung geprägt, tragen den Erfahrungsrucksack unserer eigenen Kindheit mit. Eltern und Erzieherinnen haben unter Umständen unterschiedliche Vorstellungen, Ziele und Werte, was für eine gute Entwicklung von Kindern nötig und hilfreich ist. Daher lohnt es sich, darüber im Austausch zu sein. Hilfreiche Fragen und Schritte hin zu einer Wertebewussten Erziehung können sein:

Schritt 1: Selbstreflexion. Was für eine Erzieherin möchte ich gerne sein? Welche Eigenschaften möchte ich haben? Von welchen Prinzipien möchte ich mich im Umgang mit den Eltern leiten lassen? Was wünsche ich mir von den Eltern im Umgang mit mir? Und: Bin ich für dieses Verhalten Vorbild? Wenn wir als Fachkraft immer wieder innehalten und uns diese Fragen stellen, gibt uns das Sicherheit im Auftreten, legen wir das Fundament für ein gutes Miteinander und können wir dem System Elternhaus-Kita eine positive Richtung geben. Wir kommen sicher immer wieder einmal vom Kurs ab. Das ist normal. Nur wenn wir wissen, was uns wichtig ist, können wir immer wieder darauf zurückkommen, unser Kita-Schiff wieder auf den richtigen Kurs bringen.

Schritt 2: Diese Werte und Prinzipien sollten auch Eingang in das Leitbild/Konzept finden, um den Eltern von Anfang transparent zu machen, was dieser Einrichtung wichtig ist. Über die Inhalte sollten neue Mitarbeiter/innen informiert sein und sie sollten regelmäßig auf ihre Aktualität hin überprüft werden. Die Werte Ihrer Einrichtung sollten in vielen Medien transparent gemacht werden. Ob im Flyer oder auf der Homepage – nutzen Sie die Gelegenheit, die Basis Ihrer Arbeit sichtbar zu machen und handeln Sie bitte nicht nach dem Prinzip »Papier ist geduldig – da können wir alles rein schreiben«, sondern schreiben Sie auch nur das auf, was Sie wirklich erfüllen und leben können. Was hilft das tollste Konzept, wenn es im Widerspruch zum gelebten Alltag steht?

Schritt 3: Über die persönlichen Werte kann sich auch das Team regelmäßig austauschen, um so Missverständnisse untereinander zu verhindern, das gegenseitige Verständnis zu fördern und im Umgang mit den Eltern an einem Strang ziehen zu können. So erfahren Sie voneinander, wie jede/r tickt und was ihr/ihm heilig ist. Das bringt Sie als Team näher zusammen. Sie müssen sich nicht in allen Punkten einig werden, Kompromisse in vielen Punkten wären hilfreich für alle Beteiligten. In den Punkten, in denen Sie sich nicht einig werden, ist es Eltern und Kindern gegenüber hilfreich, wenn Sie sich der Uneinigkeit bewusst sind und sich dabei gegenseitig den Rücken stärken. Das ist gelebte Toleranz und damit sind sie wieder Vorbild für Eltern und Kinder.

Schritt 4: Kinder und Eltern können zu Ihren Werten befragt werden, dazu was Ihnen in der Einrichtung wichtig ist.

Mit Kindern kann ein Gruppenkompass erstellt werden zum Thema »Was für eine Gruppe wollen wir sein?« Das ist gelebte Partizipation, hilft Kindern anzukommen, sich ernstgenommen und wertgeschätzt zu fühlen. So kann ihr Selbstbewusstsein wachsen und Sie als Fachkraft wissen, was den Kindern wichtig ist. Dies alles voneinander zu wissen, macht den Alltag miteinander leichter. Wenn ich als Kind gefragt werde, was ich brauche, um hier gut und sicher sein zu können und ich an der Aufstellung der Regeln beteiligt bin, halte ich mich auch eher daran. Eltern sehen, dass Ihr Kind sich wohlfühlt, sind dadurch entspannter und haben Vertrauen in die Arbeit der Fachkräfte.

Mit Eltern können Wertvorstellungen zunächst schon einmal bei Bewerbungsgesprächen und dann in Elterngesprächen ausgetauscht werden, um voneinander zu erfahren und somit das Miteinander zum Wohle der Kinder zu erleichtern. Das Wissen über unterschiedliche Wertvorstellungen hilft beim gegenseitigen Verständnis. Hier kommen auch kulturelle Unterschiede zum Tragen, die es gegenseitig zu tolerieren gilt.

Beispiel 1: Mutter-Kind-Situation

Eltern sind oft unsicher und ängstlich bezüglich der Entwicklung ihrer Kinder, bekommen aber oft wenig zufriedenstellende Antworten von ihren Kinder zu dem, was sie in der Kita gemacht haben. Gespräche laufen oft so:

Mutter: »Wie war es heute in der Kita?«

Kind: »Gut«.

Mutter: »Was hast Du gemacht?«

Kind: »Nichts«.

Beispiel 2: Erfolgreiches Tür-und-Angel-Gespräch

Beim Abholen könnte die Situation auch wie folgt verlaufen:

Mutter kommt gehetzt in die Kita.

Erzieherin: »Hallo Frau X, schön, dass Sie das sind. Sie möchten bestimmt wissen, wie es Y heute gegangen ist?«

Mutter: Nickt und nimmt ihr Kind an der Hand.

Erzieherin: »Y hat heute die anderen Kinder in der Bauecke beobachtet und gut hingeschaut, was die anderen so machen. Dann ist er hingegangen und hat gefragt, ob er mitspielen darf. Er hat dann mit B. zusammen einen hohen Turm gebaut. Ich habe mich sehr gefreut, dass er sich getraut hat zu fragen und einen Freund zum Bauen gefunden hat«.

Auswertung:

Wie geht es der Mutter? Sie ist erleichtert, dass es ihrem Sohn gut geht, sieht, dass die Erzieherin einen positiven Blick auf Ihr Kind hat und erfährt konkret etwas über sein Tun. Sie erzählt es ihrem Mann. Wie geht es dem Kind? Er erhält die Botschaften: »Zuschauen und Beobachten ist etwas Gutes«, »Die Erzieherin mag mich«, »Ich kann bauen«, »Ich werde hier gesehen«.

Zwischenfazit

Unsere Werte und Einstellungen sind die Basis all unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Sie prägen das Miteinander. Daher lohnt es sich, sich ihrer bewusst zu sein und darüber zu sprechen. Rituale sind unsere gelebten Werte.

Beispiel 3: Gescheitertes Tür-und-Angel-Gespräch

Mutter fragt: »Wie war’s heute?«

Erzieherin: »Hallo Frau Müller, ja, die S. hat heute ganz schön die Gruppe aufgemischt und die anderen Kinder geschubst. Da sollten Sie mal mit ihr sprechen. Das geht so nicht. Einen schönen Nachmittag noch. Auf Wiedersehen«.

Die Erzieherin wendet sich einem anderen Elternteil zu und lässt die Mutter mit dem Gesagten alleine. Es findet keine Klärung statt.

Auswertung:

Wie geht es der Mutter? Wie geht es dem Kind? Welchen Einfluss hat das Gesagte auf die Erzieher/in-Mutter-Beziehung, Eltern-Kind-Beziehung, Elternbeziehung, Erzieher/in- Kind-Beziehung? Kritik am Kind ist ein »No go« in Tür-und-Angel-Gesprächen!

Beziehungspflege Teil 1 – Elternkontakte, aber wo?

Motto: Beziehungen sind wie ein emotionales Bankkonto, man kann Einzahlungen und Abhebungen machen.

Das Bild des Bankkontos im Zusammenhang mit Beziehungen soll deutlich machen, dass es auch auf einem Beziehungskonto ein Guthaben im Sinne von beziehungspflegenden Maßnahmen (z.B. freundliche Begrüßung) braucht, um im positiven Sinne Einfluss aufeinander zu haben. Findet kein Kontakt statt oder wird sogar durch beziehungsschädigende Maßnahmen (wird z.B. das Verhalten des Kindes von der Erzieherin den Eltern gegenüber immer nur kritisiert) vom Konto abgehoben, ist auf einer oder beiden Seiten keine Kooperations- und Kompromissbereitschaft vorhanden. Hierfür gibt es sogar eine konkrete Regel aus der Bindungsforschung, die lautet: 5:1. Das bedeutet, es braucht fünf Mal mehr positive Kontakte, um einen negativen Kontakt wieder aufzuwiegen. Ein Polster auf dem Beziehungskonto ist also die Basis für schwierige Elterngespräche. Ohne dieses Polster wird es kein konstruktives Ergebnis geben. Daher können Tür-und-Angel-Gespräche sehr gut zur Beziehungspflege genutzt werden.

Durch eine Vielzahl von vertrauensbildenden Maßnahmen, wie Aktionen, Feste, Feiern, Projekte, Ausflüge, Elternabende, Hospitationen, Eingewöhnungszeit, Stammtische, Eltern-Cafés, Mail-Kontakte, Briefkontakte, Telefonische Kontakte, gutes Beschwerdemanagement, Tür-und-Angel-Gespräche sowie Entwicklungsgespräche entsteht ein Klima von gegenseitigem Vertrauen, Respekt und Wertschätzung, welches wiederum beim Kind Sicherheit und Selbstvertrauen wachsen lässt, so dass es explorieren und die Welt erkunden kann. Nutzen Sie daher jede Gelegenheit für Elternkontakte.

Beziehungspflege Teil 2 – Lob und Anerkennung schenken

Eine wichtige Bedeutung kommt hier dem Tür-und-Angel-Gespräch zu. Gut geführte Kurzkontakte mit Eltern sind die optimale Basis für schwierige Entwicklungsgespräche. In kurzer Zeit kann man hier sehr viel erreichen. Beim Bringen und Abholen der Kinder kann mit wenigen Worten Unglaubliches erreicht werden. Durch eine kurze Beschreibung einer gelungenen Situation, Lob und Anerkennung für das Kind kann viel erreicht werden.

Mit dieser kurzen Situation kann folgendes erreicht werden:

  • Die Beziehung zu den Eltern ist gestärkt, Vertrauen aufgebaut, weil ihnen Positives über ihr Kind berichtet wurde.
  • Die Erzieherin-Kind-Beziehung ist gestärkt, denn Y hört, dass er gelobt wird.
  • Die Eltern-Kind-Beziehung ist gestärkt, denn die Mutter erfährt etwas Positives über ihr Kind und hat dadurch eine positive Sicht auf es. Sie kann sich dem Kind gegenüber fördernd verhalten.
  • Die Elternbeziehung wird gestärkt, weil die Mutter es dem Vater erzählen kann. Sie freuen sich gemeinsam über ihr Kind.
  • Das positive Selbstbild des Kindes ist gestärkt (»Ich kann beobachten, bauen und Freunde finden«).

Folgende Punkte sind in solchen Gesprächen zu beachten:

  1. Ihre Grundhaltung als Erzieher/in – diese beeinflusst Ihr Denken und Handeln: Sie sind mir wichtig. Ihr Kind ist mir wichtig. Ich habe Vertrauen in die gute Entwicklung Ihres Kindes. Ich achte auf das, was gelingt.
  2. Sie beobachten die Kinder und wählen gezielt vom Tag aus, was Sie erzählen könnten: Ich sage es auch vorab dem Kind direkt und schreibe es in das Portfolio.
  3. Sie stellen Kontakt zum Elternteil her: Ich begrüße Sie und gehe in Ihre Welt gehen, um Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und eine gute Beziehung herzustellen.
  4. Sie beschreiben eine konkrete Situation und das konkrete Verhalten des Kindes: Ich merke mir 1 bis 3 Details über das, was das Kind gemacht hat oder welchen Lernschritt es bewältigt hat.
  5. Sie benennen Ihr Gefühl dazu: Ich freue mich und bin begeistert. Ich habe Interesse an dem Kind.

ACHTUNG! Beziehungsschädigend für alle Beteiligten im System (Eltern, Kind, Erzieher/in) bei Tür-und-Angel-Gesprächen ist es, wenn die Erzieherin einseitig Kritik am Kind übt, also nur das erzählt, was nicht gut gelaufen ist – und das eventuell noch vor dem Kind.

Fazit

In Tür-und-Angel-Gesprächen dürfen nur Lob und Anerkennung ausgesprochen, Termine vereinbart und, sachliche Informationen ausgetauscht und weitergegeben werden. Tür-und-Angel-Gespräche und alle anderen Elternkontakte sind die beste Voraussetzung für konstruktive (schwierige) Elterngespräche. Ohne Beziehungspflege im Vorfeld haben wir höchstwahrscheinlich keinen Einfluss, keine Kooperationsbereitschaft und keine Kompromissbereitschaft der Eltern.

Literaturtipps

Graf, J. (2008): FamilienTeam-Profi: Sozio-emotionale Kompetenzen fördern, Verhaltensstörungen vorbeugen. Ein Trainingsprogramm für pädagogische Fachkräfte in KiTas. In: A. Krenz (Hrsg.), Handbuch für ErzieherInnen in Krippe, Kindergarten, Vorschule und Hort (Ausgabe 49, September 2008). Olzog.

Graf, J. (2005): FamilienTeam – Das Miteinander stärken. Elterntraining für ein respektvolles und glückliches Zusammenleben. In S. Tschöpe-Scheffler (Hrsg.), Konzepte der Elternbildung – eine kritische Übersicht (S. 115–136). Barbara Budrich.

Goleman, D./Boyatzis, R./McKee, A. (2003): Emotionale Führung. Ullstein.

Schopp, J. (2006): Eltern stärken. Die Dialogische Haltung in Seminar und Beratung. Ein Leitfaden für die Praxis. Barbara Budrich.