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Übergänge und Herausforderungen in der Alltagsgestaltung

Oft wird die Frage nach der Gestaltung von Übergängen gestellt. Zum Übergang von der Familie oder von der Tagespflege in die Kita, von einer Kita in eine andere, von der Krabbelgruppe in die Kita, von einer Gruppe in eine andere, nicht zuletzt der Übergang in die Schule. Wie sieht es mit den damit verknüpften Herausforderungen im pädagogischen Alltag aus? Welche Schwierigkeiten gilt es, zu meistern?

Übergänge und Herausforderungen in der Alltagsgestaltung

© ChristArt

Wie die Aufzählung von Übergängen ahnen lässt, begegnen die Beteiligten sehr unterschiedlichen Anforderungen bei dem, was man alles als Übergänge bezeichnen kann. Es ist nicht dasselbe, von einer Kita-Gruppe in einer andere zu wechseln, oder aber in das formale Schulsystem einzutreten. Und es muss herausgestellt werden, dass die handelnden Personen hier sehr unterschiedlich beteiligt sind: Kinder, Eltern, Tagesmütter, Fach- und Lehrkräfte. Wir werden uns theoriegeleitet mit den Eingangsfragen auseinandersetzen.

Vertikale und horizontale Übergänge

Was (alles) ein Übergang oder eine Transition ist, wird in der Forschung unterschiedlich behandelt. In einer eher anthropologisch-soziologischen Tradition in englischsprachigen Ländern werden vertikale und horizontale Transitionen gleichermaßen behandelt. „Vertikale“ Übergänge bezeichnen solche von einer Stufe im Bildungssystem zur nächsten, „horizontale“ Übergänge bezeichnen Wechsel im pädagogischen Setting im Tagesverlauf (Familie, Schule, Hort, Tagespflege) und gelegentlich sogar Wechsel von Unterrichtseinheiten und methodische Wechsel innerhalb derselben.

Schließlich werden nach diesem Verständnis auch Transfers, also Wechsel von einer Einrichtung zu einer anderen, ohne dass ein Wechsel des Typs der Einrichtung, z.B. Kita oder Schule, und ein Statuswechsel impliziert ist, als Transitionen angesehen. Kennzeichnend sind im Ergebnis des pädagogischen Planens Bestrebungen, über Kontinuität in den Erfahrungen des Kindes Lernfortschritte zu erleichtern und einen „sanften“ oder „gleitenden“ Übergang herzustellen (Dunlop, 2014). Das bedeutet, dass die anstehenden Veränderungen so gering wie möglich gehalten werden sollen.

In einem Transitionsmodell, das an der Entwicklungspsychologie der Familie orientiert ist (Griebel & Niesel, 2013), wird von einem eher alltagssprachlichen Begriff „Übergang“ ein Fachbegriff „Transition“ unterschieden, der so definiert ist:

Transitionen sind Lebensereignisse, die Bewältigung von Diskontinuitäten auf mehreren Ebenen erfordern, intensive Lernprozesse anregen und als bedeutsame biografische Erfahrungen von Wandel in der Identitätsentwicklung wahrgenommen werden (Niesel & Griebel, 2014a).

Damit wird der Begriff von Transitionen trennschärfer. Horizontale Übergänge als Wechsel des Settings über den Tag hinweg sind nicht mehr gemeint. Bei täglichem Wechseln zwischen Familie, Tagespflege und Einrichtung oder bei gleichzeitigem Eintritt in die Schule und eine Betreuung in der unterrichtsfreien Zeit werden stattdessen die komplexen Anforderungen in ihrer Bedeutung für die Beteiligten in der Übergangsphase insgesamt in den Blick genommen. Und es wird nicht nach Kontinuität gefragt, sondern gezielt nach dem Umgang mit Diskontinuität als Impuls für Weiterentwicklung. Dies geschieht nicht ausschließlich für das Kind, sondern auch für seine Eltern.

Beteiligung differenzieren

Transitionen sind Lebensereignisse, die Bewältigung von Diskontinuitäten auf mehreren Ebenen erfordern, intensive Lernprozesse anregen und als bedeutsame biografische Erfahrungen von Wandel in der Identitätsentwicklung wahrgenommen werden Sie sind aktive Bewältiger des Übergangs. Anders sind Fach- und Lehrkräfte beteiligt: für sie handelt es sich bei Übergängen um wiederkehrende (Mehr-)Arbeitsphasen, die sie mit professioneller Haltung gestalten und begleiten. In Bildungs- und Lehrplänen der Länder wird dem Thema zudem große Aufmerksamkeit geschenkt.

Bei der Eingewöhnung in die erste Einrichtung außerhalb der Familie zeigt sich besonders deutlich, wie eng Fachkräfte und Familien zusammenarbeiten müssen, damit der Übergang gut gelingt (Niesel & Griebel, 2014b).

Gemeinsamer Nenner: Mit Veränderungen umgehen

Ob unter einem fachlichen oder einem alltagstheoretischen Blickwinkel darauf, was man unter Übergängen verstehen will: Immer geht es um den Umgang mit Veränderungen in den Lebenserfahrungen der betroffenen Kinder und ihrer Familien. Daher lohnt es sich, die damit verbundenen Anforderungen jeweils genauer anzuschauen. Das Transitionsmodell (Griebel & Niesel, 2013) liefert dafür eine Struktur:

  • Auf der Ebene des Einzelnen gilt es, Veränderungen zu reflektieren, die mit der Identität der Betreffenden zusammenhängen: Status, Selbstgefühl, starke positive und negative Gefühle und neue Kompetenzen, die mit dem Übergang erworben werden.
  • Auf der Ebene der Beziehungen müssen Verluste berücksichtigt werden, wenn das Kind eine vertraute Umgebung verlässt, veränderte Beziehungen in der Familie, wenn das Kind selbstständiger wird, und natürlich neue Beziehungen in der neuen Umgebung.
  • Auf der Ebene der Lebensumwelten müssen Familie, die betreffende neue Bildungseinrichtung mit ihren jeweiligen Örtlichkeiten, Bedingungen und Regeln und zusätzlich Erfordernisse der Erwerbstätigkeit von Eltern unter einen Hut gebracht werden.

Diese Anforderungen stellen sich, unterschiedlich gewichtet, bei jeder Art von Übergang, und zwar für die Kinder als auch für ihre Mütter und Väter – wiederum unterschiedlich akzentuiert. Dabei bringen jedes Kind und jede Familie unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen mit. Die Anforderungen müssen jeweils für das einzelne Kind in der jeweiligen Situation hinterfragt werden: Was bedeuten sie für das Kind, wie schätzt es sie ein? Welche Fertigkeiten zur Bewältigung und welche Ressourcen sind verfügbar?

Theorie der Veränderung: Stress und Bewältigung

Die psychologische Stress-Theorie, die zum theoretischen Gerüst des Transitionsmodells gehört, liefert Anhaltspunkte für die Auseinandersetzung des Einzelnen mit Veränderungen in seiner Lebensumwelt (Lazarus, 1995). Dabei ist auch Umgang mit Anforderungen und Belastungen eine Familienangelegenheit (Laux u.a., 2001). Die interaktionale Stress-Theorie von Lazarus beinhaltet, dass die Beziehungen zwischen einer Person und seiner Umwelt über unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und Bewertung der Situation seitens der Person definiert werden.

Der Einzelne bewertet eine neue Situation darauf, ob sie für ihn wichtig ist und welche Bedeutung sie für ihn hat. Sie kann als Bedrohung, als Verlust oder als Herausforderung wahrgenommen werden. Diese Einschätzung bezieht sich weder auf die Person allein noch auf die Umwelt alleine, sondern auf das spezielle Beziehungsgefüge zwischen beiden (Lazarus, 1995, S. 205). Ein stressreiches Ereignis ist nicht ein statischer Zustand, der eine einfache Reaktion als Antwort erfordert, sondern ein Strom von Auseinandersetzung über die Zeit hinweg (ebd. S. 206), die als Bewältigung mit dem Ziel eines Gleichgewichtes in der Beziehung mit der neuen Situation verstanden werden kann. Die Beziehung zur Lehrerin in der Schule ist für das Kind sehr wichtig, aber wie werden ihm die Erwartungen an das Verhalten eines Schulkindes vermittelt? Was hilft ihm, sich in der neuen Rolle so wohlzufühlen, dass es Freude am schulischen Lernen findet und sie behält?

Was eine Herausforderung ausmacht

Auf Verluste an vertrauten Beziehungen und Umgebungen, die mit Übergängen verbunden sein können, haben wir bereits hingewiesen. Eine Situation erscheint eher bedrohlich, wenn eine Person ihre neue Lebensumwelt als feindselig und gefährlich erlebt und sich keine Kompetenz zu ihrer Meisterung zuschreibt. Die Einschätzung der eigenen Handlungsmöglichkeiten und Ressourcen spielt also eine Rolle dabei, wie eine neue Situation eingeschätzt wird. „Hingegen dürfte die Einschätzung als Herausforderung wahrscheinlicher sein, wenn Anforderungen als schwierig, aber nicht unerfüllbar gesehen werden und wenn eine Person vermutet, dass der Einsatz bereits vorhandener oder noch zu erwerbender Fertigkeiten eine echte Chance zur Meisterung eines Ereignisses bietet.“ (Lazarus, 1995, S. 213). Die Gelegenheit, eigenes Können und eigene Fertigkeiten bei einer schwierigen Anforderung einzusetzen und zu zeigen, geht mit einem positiven Erleben, z.B. mit Gefühlen von Vorfreude und Begeisterung einher. Diese wiederum erhöhen die Anstrengungsbereitschaft und damit auch die Aussicht auf Erfolg. „Herausforderung bezieht sich darauf, etwas als Möglichkeit zu persönlichem Wachstum, Gewinn oder Meisterung einer Situation aufzufassen.“ (Lazarus, S. 212). Basiskompetenzen können zu einer solchen Einschätzung einer neuen Situation beitragen, wie Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit ist die früh erworbene Überzeugung, aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen erfolgreich selbst ausführen zu können. Erfolgserlebnisse aufgrund eigener Anstrengungen steigern die Ausdauer dabei, Ziele auch bei Schwierigkeiten zu verfolgen. Ein Kind, das aus einer Krippe in den Kindergarten kommt, bringt schon einiges an Erfahrungen mit und möchte gerne an den Spielen der Großen teilhaben, aber wie wird es sich dort einbringen?

Bewältigungsstrategien

Grundsätzlich lassen sich zwei Strategien zur Bewältigung einer neuen Situation unterscheiden: Sie können sich direkt auf die Lösung eines Problems oder das Erfüllen einer Anforderung beziehen. Dazu gehört, sich Informationen zu verschaffen, was die neue Situation vorhersehbar und kontrollierbar macht. Eigene Ziele können entworfen werden, Gewohnheiten überprüft werden, Überzeugungen entwickelt werden, die sich auf die Anforderungen beziehen: So will ich es schaffen! Dafür werde ich mich wieder anstrengen! Das schaffe ich! Eine zweite Strategie richtet sich darauf, mit den starken Gefühlen fertig zu werden, die bei neuen Anforderungen auftreten. Dabei kann man versuchen, sich zu beruhigen oder einer bedrohlich erscheinenden Situation ausweichen, sodass die starken Gefühle nicht auftreten – allerdings auch keine positiven. Bewältigungsstrategien werden erlernt – und problemzentrierte Strategien sind aussichtsreicher für den Erfolg.

Soziale Ressourcen helfen

Bei Bewertungen neuer Situationen in Übergängen sind soziale Einflüsse wirksam: Unterstützung von Erfolgserlebnissen für Kinder können von Anfang an, Rückmeldungen wie direkte Ermutigung, positives Vorbild im Zugehen auf neue Situationen, Verschaffen von Informationen und Austausch darüber helfen bei der Bewältigung von Veränderungen. Man kann sich leicht vorstellen, dass unterschiedliche Kinder unterschiedliche Formen von unterstützenden Angeboten brauchen in den vielfältigen Situationen, in denen sie sich auf Veränderungen einstellen. Besonders muss auf Kinder geachtet werden, die einen Unterstützungsbedarf bei der Entwicklung sozialer Kompetenzen haben – denn auch Kinderfreundschaften sind eine sehr wichtige Ressource für die Kinder. Es hilft, die Lerngelegenheiten in neuen Situationen im Blick zu behalten und die Lernerfolge positiv zu verstärken. Entsprechendes gilt für die Zusammenarbeit mit ihren Eltern.

Fazit

Wie gut der Übergang, der Umgang mit Veränderungen und neuen Situationen für die Beteiligten gelingt, hängt also von dem ab, was alle unterschiedlich Beteiligten einbringen (Partizipation). Die Meisterung der Anforderungen ist das Ergebnis eines Verständigungsprozesses über Dinge, die nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Das erfordert die Bereitschaft für Dialog und Begegnung mit Wertschätzung der individuellen Beiträge (Kommunikation). Eine Transition ist also eine Ko-Konstruktion (Griebel & Niesel, 2013).

Literatur

Dunlop, A.-W. (2014): Thinking About Transitions: One Framework or Many? Populating The theoretical Model Over Time. In Perry, B./Doclett, S./Petriwskyj, A. (Hrsg.): Transitions to School – International Research, Policy and Practice (S. 31 – 46). Dordrecht, NL: Springer.

Griebel, W./Niesel, R. (2013): Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. Berlin: Cornelsen Scriptor. 2. Aufl.

Laux, L./Schütz, A./Burda-Viering, M. u.a. (2001): Stressbewältigung und Wohlbefinden in der Familie. Stuttgart: Kohlhammer, 2. Aufl.

Lazarus, R.S. (1995): Stress und Stressbewältigung – ein Paradigma. In H.-S. Filipp (Hrsg.): Kritische Lebensereignisse (S. 198 – 232). Weinheim: Beltz, 3. Aufl.

Niesel, R./Griebel, W. (2014a): KinderStärken für den ersten Übergang: Von der Familie in die Kita. Stuttgart: Kohlhammer.

Niesel, R./Griebel, W. (2014b): Transitionen. In R. Pousset (Hrsg): Handwörterbuch Frühpädagogik. Schlüsselbegriffe der Sozialen Arbeit (4. überarbeitete und erweiterte Neuauflage). Berlin: Cornelsen.