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Von A wie App bis Z wie Zoom ... Welche Rolle spielen Medien in der frühkindlichen Bildung?

Sollen Vorschulkinder im Kindergarten den Computer oder das Tablet nutzen dürfen? Oder sitzen sie nicht schon zuhause genug davor und sollten im Kindergarten lieber „richtig“ spielen? Welche Herausforderungen und welches Potenzial bringt die fortschreitende Medialisierung mit sich?

Neue Medien in der Kita?

© Goran Bogicevic

Der Einsatz von Medien im Kindergarten gehört noch immer zu den kontrovers diskutierten Themen: Medien können bilden, sagen die einen, können aber auch problematisch für die kindliche Entwicklung sein, sagen die anderen. Und beide Standpunkte haben ihre Berechtigung und verdienen Beachtung. Es kommt auf das „Wie“ an, wenn über den Einsatz von Medien im Elementarbereich diskutiert wird.

Kindergärten unterstützen Kinder dabei, sich in der Welt zu orientieren und an ihr aktiv teilhaben zu können. Dazu werden u.a. die alltäglichen Lebensbereiche thematisiert und grundlegende Kompetenzen vermittelt: Soziales Miteinander, Alltagsgefahren, Verkehrserziehung ... Selbstverständlich! Aber Medienerziehung? Medien sind allgegenwärtig, in unsere Lebenswelt sind Medien und ihre Inhalte längst integriert. Schon knapp die Hälfte der Vorschulkinder guckt täglich fern, immerhin fast genauso viele greifen täglich zum Bilderbuch und bereits in jedem vierten Haushalt mit Kindern gibt es ein Tablet, Tendenz rasant steigend (Quellen: FiM-Studie 2011 des mpfs; Vorlesestudie 2012 der Stiftung Lesen). Und bereits bei Vorschulkindern haben es Eltern oftmals nicht mehr vollständig in der Hand, welche Medieninhalte Kindern zugänglich gemacht werden, wenn sie z.B. bei Freunden sind.

Es geht also nicht darum, Kinder, die eventuell sowieso schon zuhause einen hohen Medienkonsum haben, nun auch noch vormittags im Kindergarten „an den PC zu setzen“ sondern darum, Kindern Orientierungshilfen anzubieten, ihre Medienkompetenz zu stärken und natürlich auch, sie dazu anzuhalten, Medien einfach mal auszuschalten!

Ganz wesentlich in diesem Kontext ist auch der Aspekt der Chancengleichheit. Wo frühkindliche Medienkompetenzförderung nicht geschieht, kann sich die sogenannte Wissenskluft zwischen denjenigen vergrößern, die die Medien für ihre Bildungsziele einsetzen können, und denjenigen, die die Medien unkreativ und einseitig verwenden. Medienkompetenz, also der kompetente, kritische, aktive und kreative Umgang mit Medien, ist zu einer wichtigen Schlüsselqualifikation in unserer Gesellschaft geworden. Doch die Zugangschancen von Kindern sind sehr unterschiedlich.

Es ist kein Geheimnis, dass Kindern aus bildungsnahen Familien bis zur Einschulung deutlich mehr vorgelesen wird als Kindern aus sozial schwächeren Milieus. Doch das Vorlesen ist von ganz entscheidender Bedeutung für die Entwicklung zentraler Kompetenzen. Die Vorlesestudie 2012 der Stiftung Lesen hat aber belegt, dass die neue Technik das Buch beim Vorlesen nicht ablöst, sondern dass Bilder- und Kinderbuch-Apps ergänzend genutzt werden, dass sie neue Anreize schaffen können und die Vorlese-Motivation der Eltern erhöhen, die sonst nicht bzw. nicht regelmäßig vorlesen. Hier eröffnet sich also eine Chance zur Frühförderung, wenn hier digitale Medien Anreize schaffen und Brücken zu den „alten Medien“ bauen können, sollte das nicht ungenutzt bleiben.

Und last but not least geht es um spielerisches Lernen, um Spaß! Kinder sind von Medien fasziniert und diese Faszination kann ein Motor für das Lernen sein. Nutzen Sie die Chance und fördern Sie einen kritischen und sinnvollen Medieneinsatz. Kinder können sich auch mithilfe von Medien kreativ und sinnhaft mit dem Hören, Zuhören, Sprechen, mit Lauten, Klängen, Buchstaben und Geschichten befassen. In der Kita können Kinder unterstützt werden, dem vielfältigen Medienangebot zu begegnen und lernen, Medien als Werkzeuge sinnvoll und kreativ zu nutzen.

Dabei verändern sich die zur Verfügung stehenden „Medienwerkzeuge“, ändert sich das Bildungsmaterial Medien ständig. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten des pädagogischen Einsatzes, diese erfordern aber auch ein ständiges „am Ball bleiben“. Die Technik wird kleiner, mobiler, vielseitiger, wie z.B. das Tablet, das in sich Computer, Fotoapparat, Videokamera, Aufnahmegerät, „Nachschlagewerk“, Taschenrechner, Telefon und eine Fülle kreativer Werkzeuge und Anwendungsmöglichkeiten vereint und somit eine Vielzahl von situationsorientierten Nutzungs- und Einsatzmöglichkeiten eröffnet.

Fühlen Sie sich medienpädagogisch fit und gewappnet?

Seit Jahren belegen Studien (z.B. Six/Frey/Gimmler 1998; Six/Gimmler 2007; Schneider et al. 2010; Brüggemann et al. 2013), dass die medienpädagogische Kompetenz wie auch die technische Ausstattung in Kitas ausbaufähig ist, und Medien auch in der Erzieher/innen-Ausbildung noch immer einen geringen Stellenwert einnehmen. Es fehlt mehrheitlich an Anregungen und Ideen, wie Medien gewinnbringend in der Kita eingesetzt werden können. Im Elementarbereich sollten zudem die Eltern als wichtigste Begleiter/innen in das Konzept der Medienbildung eingebunden werden, denn erste Medienerfahrungen werden zuhause gesammelt, dort entwickeln sich auch Mediennutzungsstile. Eltern müssen sich also ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Auch darf der Jugendmedienschutz, das Schützen der Kinder vor schädigenden Einflüssen von Medien, nicht außer Acht gelassen werden.

Medienpädagogische Arbeit im Elementarbereich muss aber auch im Blick behalten, wie Kinder in diesem Alter die Medien (be)nutzen, wie sie Inhalte wahrnehmen, was sie wie verstehen, was sie begeistert, ihnen Spaß macht oder sie ängstigt. Wie auch wir Erwachsenen nutzen Kinder Medien(inhalte) auch als Kommunikationsanlass, zur Selbstreflexion und Identitätsentwicklung. Mitreden können, sich auskennen, dazu gehören ist schon bei Kindergartenkindern Thema. Nicht alles, was sie behaupten im Fernsehen gesehen oder auf dem PC gespielt zu haben, haben sie wirklich gesehen und gespielt. Wir sollten „Medienspuren“, also kindliche Medienerlebnisse die z.B. im Spiel, in Gesprächen oder Zeichnungen ausgedrückt werden, als pädagogische Chancen begreifen. Aus dem Gespräch, in dem das Kind begeistert von seiner Lieblingssendung erzählt, aus der Zeichnung, die eine beliebte Szene aus einer Spiel-App darstellt, aus dem Beobachten, welcher Star auf dem Lieblings-T-Shirt abgebildet ist oder welches Bilderbuch das Kind gerade am liebsten vorgelesen bekommt, können wir vieles erkennen. Kinder zeigen uns dadurch auch, was sie beschäftigt, was sie herausfordert, welche handlungsleitenden Themen sie gerade bearbeiten. Natürlich sind Medien nicht der einzige Schlüssel zur kindlichen Psyche, zu seinen Entwicklungsthemen und Vorlieben, sie sind aber ein nicht unwesentliches Puzzlestück.

Ene ... Mene ... Medien ... in der frühkindlichen Bildung!

Nachfolgend einige Anregungen, die Lust machen sollen, Medien zu thematisieren und sie als Werkzeug in pädagogischen Prozessen einzusetzen.

Medienspuren aufgreifen  

Erzählen und malen/zeichnen lassen: Ich gucke, lese, spiele gerne ... und Yakari finde ich super, weil .../Bilderbuchbetrachtung/Rollenspiele/Erkundungstouren/der begehbare Computer/das „Traum-Tablet“/einen Computer zerlegen/Collagen erstellen ...

Kinder sprechen über Gesehenes, bringen ihre Medienlieblinge bzw. entsprechende Accessoires mit in den Kindergarten und spielen ihre Medienerlebnisse mit anderen Kindern nach. Auch in ihren Zeichnungen und Bildern werden ihre Medienerlebnisse sichtbar. Seien Sie offen für diese Medienspuren! Sie müssen nicht alles toll finden, das wollen Kinder oftmals auch gar nicht, aber fragen Sie interessiert nach oder geben Sie auch mal die Möglichkeit, zum Thema zu malen. Die Nachfrage, warum die Kinder diese oder jene Figur so gerne mögen, woher sie sie kennen, was die Figur erlebt usw. löst meist engagierte Erzählungen aus.

Hier tun sich vielfältige Sprechanlässe auf. Hinweise für Gespräche mit Kindern über ihre Bilder/Zeichnungen sowie weitere Methodenbausteine zum Einstieg in die Medienarbeit sind z.B. nachzulesen in Eder/Orywal/Roboom (2008).

Lesen & Erzählen  

Leserituale/Bilderbuchbetrachtung/Bilderbuchkino/Bilderbuch-Apps/Sprachförderung/Schriftspracherwerb/Qualitäts- und Bewertungskriterien entwickeln ...

Durch Vorlesen werden die auditive Wahrnehmung sowie das Bild- und Textverständnis geschult, die Fähigkeit, zu erzählen und Sprache gezielt einzusetzen und natürlich Fantasie und Kreativität der Kinder. Durch feste Vorleserituale, die in den Kitalltag integriert werden, wird auch den Kindern ein Zugang zu Büchern, und damit zum Hinhören, Hinsehen, zu Sprache und Schrift ermöglicht, die diesen Zugang zuhause weniger oder gar nicht haben. Das Vorlesen kann ganz klassisch aus einem Bilderbuch geschehen, kann aber auch moderne Techniken nutzen und z.B. als Bilderbuchkino gestaltet werden. Gemeinsam mit den Kindern können beispielsweise auch Bilderbuch-Apps bewertet und auf einem Kita-Aushang die App des Monats empfohlen werden. Projekte wie „Lesestart“ ( www.lesestart.de – eine Initiative des Bundesbildungsministeriums und der Stiftung Lesen) bieten hier hilfreiche Unterstützung und wertvolle Anregungen.

Wahrnehmung, Sprache & Kreativität  

Wahrnehmungsspiele/Geräuschekiste/Hörmemory/Geräuscherätsel/Stimmenspiele/Melodienraten/Geschichten vertonen/Hörspiele/Bilderrätsel/Bildreihen/Spiel mit Perspektiven und Einstellungen/Foto-Memory/Lichtmalereien/Fotogeschichten/Trickfilme/Stopp-Tricks/Bilderbuchverfilmung/Werbespots ...

Wahrnehmungsschulung ist nicht nur ein wichtiges Ziel der Elementarpädagogik, sondern auch grundlegender Bestandteil der medienpädagogischen Arbeit. Anhand von Projektbausteinen, die zum genauen Hinhören anregen, setzen sich Kinder mit dem Hören und Zuhören auseinander, zentrale Voraussetzungen für Spracherwerb und zwischenmenschliche Kommunikation.

Erste Experimente rund um die eigene Stimme können z.B. mit dem Easy Speak-Mikrofon, dem Tablet oder einem Kassettenrekorder mit Mikrofon aufgenommen werden. Anschließend kann es dann z.B. auf Geräuschejagd durch die Kita gehen. Viele Informationen, Anregungen und Methodenbausteinen rund um das Hören sind z.B. unter www.auditorix.de und www.stiftung-zuhoeren.de und www.ohrenspitzer.de zu finden.

Wenn Kinder mit der Kamera auf Bildersuche gehen und Bilderrätsel knipsen oder nach dem Alphabet in der Umgebung, nach Farben, Formen, Zahlen suchen, werden sie auch zum genauen Hinsehen und Wahrnehmen animiert. Die Kamera (bzw. das Tablet) kann auch zum Bebildern von beliebten Geschichten oder Reimen oder zum Erfinden von eigenen Bildergeschichten genutzt werden.

Und natürlich gibt es auch eine Vielzahl von Computerspielen und Apps, die zum Vertiefen oder kreativ werden geeignet sind und zum spielerischen Lernen anregen. Informationen zu empfehlenswerten Apps, guter Software, Qualitätskriterien und Sicherheitseinstellungen sind in der Rubrik „Tipps & Links“ auf www.blickwechsel.org zusammen gestellt. 

Fazit

Wenn Ihr Interesse geweckt ist, medienpädagogisch aktiv(er) zu werden, Medien zu thematisieren und sie als Werkzeug in pädagogischen Prozessen einzusetzen, können Sie sich dabei Unterstützung holen. Informationen über medienpädagogische Beratungs- und Fortbildungsangebote können bei vielen Landesmedienanstalten (auf www.die-medienanstalten.de gibt es eine Übersicht aller Landesmedienanstalten) oder für den norddeutschen Raum z.B. auf www.blickwechsel.org abgerufen werden. In einigen Bundesländern können Kitas kostenlos oder kostengünstig und direkt in ihrer Einrichtung medienpädagogische Informationsveranstaltungen für die Eltern und das Kita-Team durch erfahrene Medienpädagogen/Medienpädagoginnen durchführen lassen. Und in den praxisorientierten Fortbildungsangeboten des Blickwechsel e.V. wird Ihnen kreativ und handlungsorientiert das Potenzial digitaler Medien für die Unterstützung der frühkindlichen Bildung aufgezeigt.

Weitere Informationen

Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen haben, einen Elternabend buchen oder sich weiterbilden möchten: Internet: www.blickwechsel.org

Tel/Fax: 0551 – 48 71 06

Email: blickwechsel@blickwechsel.org

Literatur

Brüggemann, Marion/Averbeck, Ines/Breiter, Andreas (2013): Förderung von Medienkompetenz in Bremer Kindertageseinrichtungen. Institut für Informationsmanagement Bremen GmbH (ifiB). Bremen.

Eder, Sabine/Orywal, C./Roboom, Susanne (Hg.) (2008): Pixel, Zoom und Mikrofon. Medienbildung in der Kita. Ein medienpraktisches Handbuch für Erzieher/innen. Berlin.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2012): FIM 2011. Familie, Interaktion & Medien. Untersuchung zur Kommunikation und Mediennutzung in Familien. Stuttgart, Februar 2012. www.mpfs.de

Schneider, Beate/Scherer, Helmut/Gonser, Nicole/Tiele, Annekaryn (2010): Medienpädagogische Kompetenz in Kinderschuhen. Eine empirische Studie zur Medienkompetenz von Erzieherinnen und Erziehern in Kindergärten. Im Auftrag der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM). Schriftenreihe der NLM Band 27. Berlin.

Six, Ulrike/Gimmler, Roland (2007): Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten. Eine empirische Studie zu Bedingung und Handlungsformen der Medienerziehung. Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 57. Opladen.

Six, Ulrike/Gimmler, Roland (1998): Medienerziehung im Kindergarten. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. LfR-Schriftenreihe Medienforschung, Bd. 28. Opladen.

Stiftung Lesen: Vorlesestudie 2013: Neuvermessung der Vorleselandschaft.

Stiftung Lesen: Vorlesestudie 2012: Vorlesen mit Bilder- und Kinderbuch-Apps.

Stiftung Lesen: Vorlesestudie 2011: Die Bedeutung des Vorlesens für die Entwicklung.

Alle Studien seit 2007 zum Download unter: www.stiftunglesen.de/service/publikationen-und-materialien/material_institut/