zurück nach oben

„Was ist schon normal?!“

Kriterien für Verhaltensauffälligkeiten aus entwicklungspsychologischer Perspektive. Ein Verhalten eines Kindes als Verhaltensauffälligkeit zu bezeichnen, ist eine Entscheidung, die für dieses Kind zahlreiche Konsequenzen haben wird. Insofern gilt es, eine solche Entscheidung sehr wohlüberlegt zu treffen und bewusst zu begründen.

Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern erkennen

Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern erkennen

Allzu häufig passiert es, im Alltag einer Kindertageseinrichtung, auffälliges Verhalten von Kindern mit dem Label „Verhaltensauffälligkeit“ zu versehen. Sie sehen bereits an diesem einfachen Satz, wie schwierig die Abgrenzung von auffälligem Verhalten und Verhaltensauffälligkeit im Alltag sein wird. Ist auffälliges Verhalten nicht gleichzeitig auch eine Verhaltensauffälligkeit?

Auffälliges Verhalten und Verhaltensauffälligkeiten – die Tücken der Definition

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive ist dies klar zu verneinen. Ein auffälliges Verhalten eines Kindes bedarf der pädagogischen Begleitung von Erziehern/Erzieherinnen und Eltern. Pädagogen/Pädagoginnen sollten in der Lage sein, sich mit auffälligen Verhaltensweisen von Kindern angemessen auseinandersetzen und diesen begegnen zu können. Häufig sind sie ein Ausdruck einer gestörten Passung zwischen Kind und seinen Erziehenden. Sie erfordern somit auch ein hohes Maß an Selbstreflexion der Erwachsenen im Hinblick auf ihre eigenen Anteile (z.B. Erziehungsfehler) am auffälligen Verhalten des Kindes.

Anders jedoch bei Verhaltensauffälligkeiten. Hier können häufig keine Erziehungsfehler verantwortlich gemacht werden (vielleicht ist dies auch ein Grund, warum die Diagnose „verhaltensauffällig“ aus Sicht einiger Erzieher/innen so attraktiv ist?). Für echte Verhaltensauffälligkeiten sind Pädagogen in der Regel bisher nicht genügend ausgebildet. Sie erfordern die Zusammenarbeit im Team und das Einholen externer Unterstützung durch spezifisch ausgebildete Therapeuten, Kinderärzte und -psychologen. Wo aber ist diese Grenze zwischen „schwierigem, aber pädagogisch handhabbaren“ und tief greifend „verhaltensauffälligem“ Verhalten von Kindern zu ziehen?

„Wer bezeichnet welches Verhalten unter welchen Umständen bei wem mit welcher Verbindlichkeit und welchen Konsequenzen als welche Form abweichenden Verhaltens?“ – Schenk (1977) hat die definitorischen Schwierigkeiten bei der Beschreibung von Verhaltensauffälligkeiten in einem Satz zusammengeführt. Lassen Sie sich bitte für das Lesen dieses Zitates viel Zeit. Es enthält in komprimierter Form die folgenden Fragen, die es bei der Betrachtung des auffälligen Verhaltens eines Kindes zu beachten gilt:

Wer stellt die Diagnose „verhaltensauffällig“?

In den letzten Jahren scheint in Kindertageseinrichtungen und Schulen die Bereitschaft gestiegen zu sein, kindliches Verhalten als Verhaltensauffälligkeiten zu beschreiben. Viele pädagogische Fachkräfte berichten, dass die Zahl von Verhaltensauffälligkeiten in den Einrichtungen zugenommen habe. Kinder erscheinen, schwerer zu handhaben, lauter und selbstbewusster als früher, sie würden sich weniger an Regeln halten, aggressivere Verhaltensweisen zeigen und sich schwerer ins Gruppengeschehen einfügen. Diese Beobachtung mag zutreffend sein, aber heißt dies tatsächlich auch, dass die Zahl der Verhaltensauffälligkeiten zugenommen hat? Eine Schilderung eines Verhaltensausschnittes eines Kindes aus dem Alltag ist nicht ausreichend, um ein Kind als verhaltensauffällig zu bezeichnen.

Für eine solche Diagnose bedarf es des kritischen Blickes einer Fachperson, die sich in ihrem Urteil auf zuverlässige psychodiagnostische Verfahren stützt. Somit ist die Diagnose „Verhaltensauffälligkeit“ ausschließlich von Fachpersonen wie Kinderärzten oder Kinderpsychologen zu treffen. Erzieher/innen sind in der Regel nicht dafür ausgebildet, medizinische oder psychologische Begutachtungen vorzunehmen. Sie können einen entsprechenden Verdacht Eltern gegenüber äußern und diese auffordern, diesen Verdacht von einer Fachperson überprüfen zu lassen. Selbst sollten sie sich aber nie zu einem vorschnellen Urteil hinreißen lassen. Die häufig im Alltag zu hörenden Verdachtsdiagnosen „Dieses Kind ist hyperaktiv (konzentrationsgestört, aggressiv, autistisch …)!“ entbehren häufig einer diagnostischen Grundlage. Diagnostische Instrumente (Psychologische Mess- und Testverfahren) gehören nicht in die Hände von Laien. Insofern ist die in den letzten Jahren gestiegene Erwartung an Erzieher/Erzieherinnen, selbst anhand von Fragebögen und Tabellen diagnostisch tätig zu werden, mit großer Sorge zu betrachten.

Was sind die Kriterien für „auffälliges“ Verhalten eines Kindes?

Ein auffälliges Verhalten ist zunächst ein Verhalten, das einer zweiten Person in irgendeiner Weise auffällt. Es weicht vom durchschnittlichen täglichen Verhalten dieses Kindes oder seiner Alterskameraden ab und erweckt somit die Aufmerksamkeit von Erwachsenen. Grundsätzlich sind zwei unterschiedliche Arten von auffälligem Verhalten zu unterscheiden – externalisierendes und internalisierendes Verhalten. Wenn ein Verhalten durch einen Verhaltensüberschuss (ein Zuviel an gezeigtem Verhalten) gekennzeichnet ist, dieses Verhalten vom Kind auf andere gerichtet wird und dadurch besonders sichtbar wird, spricht man von externalisierendem (außengerichtetem) Verhalten. Demgegenüber wird ein Verhalten als internalisierend (nach innen gerichtet) bezeichnet, wenn das Kind zuwenig an Verhalten zeigt, sich zurückzieht oder betont passiv verhält und seine Gefühle und Wünsche eher mit sich selbst auszumachen scheint.

In der Praxis wird zumeist dem externalisierenden Verhalten von Kindern besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Demgegenüber entgehen häufig internalisierende Verhaltensauffälligkeiten dem Auge des Erziehers/der Erzieherin, da diese Kinder häufig dem ersten Eindruck nach unkompliziert erscheinen und kaum ein Eingreifen der Erwachsenen erfordern. Hier ist Selbstreflexion der pädagogischen Fachkräfte gefragt. Nutzen Sie das Gespräch mit den Kollegen, um sich selbst darauf hin zu überprüfen: Sind es immer wieder externalisierende Verhaltensauffälligkeiten, die von uns als problematisch betrachtet werden? Wie gehen wir mit den stillen und zurückgezogenen Kindern um, die ja – im Sinne der Kriterien – sich ebenfalls sehr „auffällig“ verhalten? Kann darin auch eine Ursache dafür liegen, dass im Alltag mehr Jungen als Mädchen als verhaltensauffällig beschrieben werden?

Sobald ein Verhalten eines Kindes in den Aufmerksamkeitsfokus der Erwachsenen geraten ist, bedarf es sicherer und nachprüfbarer Kriterien, bevor der Verdacht einer Verhaltensauffälligkeit geäußert werden könnte. Diese Kriterien sind so zentral, dass sie im zweiten Teil dieses Artikels genauer beschrieben werden.

Unter welchen Umständen kann „auffälliges“ Verhalten gemessen werden?

Das Verhalten eines Menschen wird aus entwicklungspsychologischer Sicht als „Handeln im Kontext“ beschrieben. Mienert und Vorholz (2011) haben dieses bio-psycho-soziale Modell menschlicher Entwicklung näher erläutert. Zentral dabei ist, dass das menschliche Verhalten immer durch drei unterschiedliche Verhaltensursachen erklärt wird. Zum einen sind es biologische (zum Beispiel genetische, hormonelle oder medizinische) Ursachen, die zur Erklärung herangezogen werden können, zum anderen sind es soziale (zum Beispiel situationsbedingte, erzieherische, gesellschaftliche) Einflüsse, die das menschliche Verhalten erklären. Als dritte Verhaltensursache werden psychische Einflüsse beschrieben, die im Wollen des Menschen und seiner Selbststeuerung liegen.

Aggressives Verhalten eines Kindes kann somit biologisch durch eine entsprechende genetische Disposition erklärt werden, sozial kann es als Folge von schwierigen Lebensumständen und erzieherischen Einflüssen erklärt werden und psychisch als Ausdruck eines absichtsvollen Verhaltens, mit dem ein Kind seinen Willen bewusst durchsetzen will. In der Alltagspraxis wird häufig eine dieser drei Ursachenkomplexe recht wahllos herausgegriffen und alleinig zur Erklärung herangezogen. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist Verhalten jedoch immer ein Resultat von allen drei Quellen. Das macht Alltagserklärungen so einfach und attraktiv und psychologische Erklärungen häufig so kompliziert. So gilt es, den Blick immer auf das gesamte Geschehen zu richten. Wenn ein Kind ein auffälliges Verhalten zeigt, so gebietet es die Fairness dem Kind gegenüber, nicht nur ein Erklärungsmuster heranzuziehen, sondern sein Verhalten als sein Handeln im Kontext seiner biologischen, psychischen und sozialen Situation zu verstehen. Vielleicht wird dann sogar das auffällige (z.B. aggressive) Verhalten eines Kindes ganz normal, wenn man sieht, welche körperlichen Entwicklungsrisiken das Kind trägt, unter welchen Umständen es sozialisiert wird und welche Ziele, das Kind durch sein Verhalten zu erreichen versucht. Somit ist eine Diagnose einer Verhaltensauffälligkeit niemals ohne Berücksichtigung der Umstände, unter denen dieses Verhalten gezeigt wird, zu treffen.

Inwiefern ist die Aussage, das Kind sei verhaltensauffällig, verbindlich?

Kann sein Verhalten in seiner speziellen Situation nicht auch angemessen sein? Diese Betrachtung schließt unmittelbar an den letzten Abschnitt an, in dem die Situationsabhängigkeit menschlichen Verhaltens beschrieben wurde. Dabei gilt es, den Begriff der Situation weiter zu fassen, sie beinhaltet nicht nur das aktuelle Geschehen, in dem sich das Kind gerade aufhält, sondern auch seine körperlichen und geistigen Leistungsvoraussetzungen sowie seine Vorgeschichte, seine Ziele und Wünsche sowie seine Entwicklungsumwelt. Das gleiche auffällige Verhalten eines Kindes in der Situation der Tagesstätte kann in seinem Elternhaus völlig angemessen und normal sein. Genauso kann auch eine (diagnostizierte) geistige Behinderung eines Kindes eine Erklärung für sein auffälliges Verhalten sein. Dann wird das Verhalten, das aus Sicht des durchschnittlichen Kindergartenkindes „auffällig“, aus dem Blickwinkel seiner besonderen Lebensumstände oder seiner eingeschränkten geistigen Leistungsfähigkeit auf einmal „unauffällig“.

Welche Konsequenzen hat eine diagnostizierte Verhaltensauffälligkeit?

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass eine Diagnose „Verhaltensauffälligkeit“ nur mit großer Vorsicht und von Fachleuten zu treffen ist. Grund dafür ist, dass eine solche Diagnose für das Kind weitreichende Folgen hat. Ein Kind, das als verhaltensauffällig diagnostiziert ist, wird dieses Label für lange Zeit sichtbar mit sich herumtragen. Der hyperaktive Max, die schüchterne Lisa, der aggressive Paul – alle diese Kinder tragen ihren scheinbaren Makel in nahezu jedem Gespräch, das über das Kind geführt wird. Die Folgen daraus können die weitere Entwicklung des Kindes unter Umständen sogar noch schwerer belasten als die ursprüngliche Entwicklungsauffälligkeit selbst. Der Blick der Erwachsenen wird automatisch auf das auffällige Verhalten gerichtet sein, andere Verhaltensbereiche der Kinder werden der Wahrnehmung eher entgehen (Max’ Intelligenz, Lisas Gedächtnisvermögen, Pauls Feinmotorik).

Es besteht darüber hinaus die Tendenz, dass selbst kleine Kinder ihre diagnostizierte Auffälligkeit kennen und als entschuldigende Erklärung für ihr aktuelles Verhalten heranziehen („Sie wissen doch, dass ich so schüchtern bin, ich kann beim Morgenkreis nicht mitmachen …“). Andere Kinder können beginnen, die Auffälligkeit des Kindes auszunutzen (z.B. sich Paul gegenüber ebenfalls aggressiv zu verhalten und darauf zu vertrauen, dass sicher Paul den Ärger bekommt). Für die Eltern stellt eine Diagnose Verhaltensauffälligkeit eine langfristige Belastung dar, die die Zukunftsaussichten des Kindes trübt. Auch deshalb fällt es vielen Eltern schwer, sich auf vertrauensvolle Gespräche über auffälliges Verhalten ihres Kindes einzulassen.

Was sind die Maßstäbe für richtiges oder falsches Verhalten?

Was richtig und was falsch ist, ist immer eine subjektive Einschätzung, die schwer der objektiven und zuverlässigen Messung zugänglich ist. Letztendlich sind es immer Menschen, die über Menschen urteilen. Diese Menschen verfügen über ganz individuelle Maßstäbe, die zur Beurteilung herangezogen werden. Je länger ein Kontakt besteht, umso schwerer wird es, sich von diesen individuellen Maßstäben freizumachen. Insofern ist es wichtig, das eigene Urteil über ein Kind immer mit anderen Beobachtern zu vergleichen und auch neutrale Beobachter, die über keine „Vorgeschichte“ mit dem Kind verfügen, zur Beurteilung heranzuziehen (z.B. Kinderärzte oder -psychologen).

Die Frage „Was ist schon normal!?“ beinhaltet bereits den Begriff der Norm. Eine Norm stellt einen Vergleichsmaßstab dar, wie ein Zentimetermaß, das angelegt wird, um die Länge eines Gegenstands zu ermitteln. Menschliches Verhalten lässt sich jedoch nicht mit einem einfachen Lineal bestimmen. Grundsätzlich sind es vier Arten von Normen, die benutzt werden, um die Einschätzung „Ist das noch normal?!“ treffen zu können:

  • Soziale, normative Bezugsnormen: Diese Normen vergleichen das Verhalten eines Kindes mit dem durchschnittlichen Verhalten anderer Kinder seines Alters. Solche Normen können in statistischer Tabellenform vorliegen (z.B. die „Grenzsteine der Entwicklung“ (Laewen, 2003)) oder auch aus der systematischen Beobachtung einer größeren Kindergruppe gewonnen werden. Normal ist hier, was die Mehrheit der Kinder in einem bestimmten Alter tut. Allgemein als „nicht normal“ wird eingeschätzt, wenn Fähigkeiten und Verhalten eines Kindes besser oder schlechter als 90 – 95 Prozent seiner Alterskameraden sind. Allerdings ist auch die 5 – 10 Prozent Grenze eine willkürliche Festlegung, andere Festlegungen sind möglich.
  • Individuelle, temporale Bezugsnormen: In diesen Bezugsnormen wird das Kind nicht mit anderen Kindern verglichen, sondern mit sich selbst im Zeitverlauf. Normal ist dabei das Verhalten, das das Kind üblicherweise bisher gezeigt hat. Wenn das aktuelle Verhalten des Kindes stark von seinem bisherigen Verhalten abweicht, so wird das aktuelle Verhalten als „nicht normal“ bezeichnet. Daraus wird deutlich, dass diese Normen insbesondere dazu geeignet sind, Entwicklungsveränderungen bei Kindern nachzuzeichnen. Sie können allerdings keine Auskunft über den Vergleich zu anderen Kindern treffen. So kann das Kind sich zum Beispiel derzeit „unnormal“ verhalten in der sozialen Bezugsnorm (es ist weit aggressiver als der Durchschnitt der Kinder), aber „normal“ aus Sicht seiner individuellen Bezugsnorm (es ist genauso aggressiv wie immer). Hier wird schon deutlich, dass alle Normen ihre Vor- und Nachteile haben.
  • Sachliche Bezugsnormen: Diese Normen beschreiben Entwicklungsschritte beim Kompetenzerwerb, die von den Kindern „natürlicherweise“ gemacht werden. Das Erreichen bestimmter Fähigkeiten oder Verhaltensweisen wird dabei als „natürlich“ betrachtet. Als „nicht normal“ wird dann bezeichnet, wenn das Kind einen natürlichen Entwicklungsschritt nicht macht (z.B. in der Sauberkeitsentwicklung).
  • Fremdgesetzte Bezugsnormen: Die fremdgesetzten Bezugsnormen gehören wie die sachlichen Bezugsnormen zu den sogenannten „Idealnormen“. Typisch für die fremdgesetzten Normen ist dabei, dass das Kriterium völlig willkürlich gesetzt wird. In diesen fremdgesetzten Bezugsnormen wird häufig sehr stark das Erziehungsziel der Pädagogen/Pädagoginnen sichtbar. Persönliche Erwartungen, wie sich Kinder „normalerweise“ zu entwickeln und verhalten haben, werden als Maßstab angesehen, ohne dass diese Maßstäbe auf ihren Realitätsgehalt überprüft werden („Jedes Kind kann schlafen lernen!“).

Kriterien für Verhaltensauffälligkeiten

Die folgende Aufzählung soll Ihnen dabei helfen, angesichts eines auffälligen Verhaltens eines Kindes eine Einschätzung zu treffen, ob möglicherweise „Gefahr im Verzug besteht“ oder ob dieses Verhalten – trotz seiner Auffälligkeit – sicher nicht in den Bereich der Verhaltensauffälligkeiten fällt. Streng genommen muss jedes der folgenden Kriterien (mit einer Ausnahme) zutreffen, damit eine Verdachtsdiagnose geäußert werden kann. Eine letztendliche Diagnose ist jedoch nur durch einen Spezialisten möglich.

  • Das Verhalten befindet sich sicher außerhalb des Normalbereichs von Kindern im entsprechenden Alter: Dieses Kriterium wird anhand der sozialen, normativen Bezugsnorm getroffen. Eine solche Entscheidung ist allerdings nur dann sicher, zu treffen, wenn für das entsprechende Verhalten tatsächlich Statistiken vorliegen. Solche Statistiken gibt es zum Beispiel für gut erfassbare Verhaltensweisen (z.B. aus dem Bereich der Grob- und Feinmotorik sowie der Intelligenz), soziale Verhaltensweisen lassen sich demgegenüber weit schwerer statistisch vergleichen (z.B. Schüchternheit oder Aggressivität). Kinderärzte oder -psychologen verfügen über entsprechende Testverfahren.
  • Verhalten im Grenzbereich: Bestimmte Grenzsteinverfahren (z.B. „Grenzsteine der Entwicklung“ (Laewen, 2003)) geben einen Hinweis darauf, ob sich die aktuellen Fähigkeiten und Verhaltensweisen des Kindes tatsächlich weit außerhalb des Normalbereichs der Alterskameraden befinden. Üblicherweise wird dafür ein 5 – 10 Prozent Grenzbereich angesetzt, d.h. es stellt einen Hinweis für eine Verhaltensauffälligkeit des Kindes dar, wenn sein Verhalten besser oder schlechter als das von 90 bis 95 Prozent seiner Alterskameraden ist. Dies zeigt, wie großzügig der Normalbereich aus entwicklungspsychologischer Perspektive gesehen wird.
  • Verhalten stellt eine Gefährdung des Kindes selbst oder anderer Kinder dar: Dieses Kriterium gilt, es sehr selbstkritisch anzuwenden, da Pädagogen im Alltag sehr häufig Verhaltensweisen von Kindern kritisieren, die sie momentan als belastend empfinden, die aber nicht unbedingt eine längerfristige Gefährdung des Kindes oder anderer darstellen. Ein Kind, das andere Kinder angreift, kann einerseits als fremdgefährdend eingeschätzt werden oder aber auch als Entwicklungschance für andere, die an ihm lernen, sich selbst zu verteidigen. Schon dieses Beispiel verdeutlicht, wie viel Subjektivität im Alltag Anwendung findet. Katastrophisierendes Kopfkino von Pädagogen/Pädagoginnen angesichts eines momentanen auffälligen Verhaltens gilt es, zu vermeiden.
  • Verhalten dauert länger als 3 Monate an: Von einigen Experten wird sogar eine 6-Monatsfrist gefordert. Dieses Kriterium macht darauf aufmerksam, dass eine echte Verhaltensauffälligkeit kein momentanes Geschehen ist, sondern tief im Verhalten und in der Psyche des Kindes verwurzelt ist. Erst wenn das Verhalten wirklich kontinuierlich über einen langen Zeitraum gezeigt wird, kann sicher davon ausgegangen werden, dass tief greifende Ursachen das Verhalten bestimmen und eine weitgehende therapeutische Einflussnahme notwendig sein kann.
  • Verhalten tritt situationsübergreifend auf: Dieses Kriterium ist in Einheit mit dem vorherigen Kriterium der Langfristigkeit zu betrachten. Auf den ersten Blick berichten viele Erzieher/innen häufig, dass das entsprechende Kind das auffällige Verhalten „immer“ zeige. Erst genaues Nachfragen verdeutlicht, dass es auch viele Zeiten gibt, in denen das Kind das auffällige Verhalten nicht zeigt. Ein Kind mit einer echten Verhaltensauffälligkeit (z.B. mit einer geistigen Behinderung, einer schweren Persönlichkeitsstörung, einer Depression, einem Gendefekt) zeigt seine Verhaltensauffälligkeiten situationsübergreifend in allen Alltagsgelegenheiten, in der Einrichtung genauso wie zuhause, bei den Großeltern genauso wie im Urlaub. Sollte es jedoch beim aktuell betrachteten Kind auch Situationen geben, in denen das Kind sein auffälliges Verhalten nicht zeigt, so ist das ein starker Hinweis auf die Situationsabhängigkeit des Verhaltens. Da gilt es, die Situationen genau zu analysieren und ggf. zu ändern, bevor das Kind als „verhaltensauffällig“ beschrieben wird.
  • Verhalten tritt nicht nur bei einer Erzieherin auf: Ein besonderes Beispiel einer Situationsabhängigkeit von Verhalten liegt dann vor, wenn das Kind sein auffälliges Verhalten nur bei einer bestimmten Person (z.B. einer bestimmten Erzieherin) zeigt, bei anderen Erwachsenen jedoch nicht. Hier ist die Beziehung der beiden Ursache für das auffällige Verhalten, und das Kind kann nicht als verhaltensauffällig bezeichnet werden. Insofern ist in der Praxis jede Beobachtung eines Kindes mit Beobachtungen anderer Erzieher/innen abzugleichen und ggf. an einen Gruppenwechsel des Kindes zu denken.
  • Verhalten stellt keine unmittelbare Bewältigungsreaktion auf ein belastendes Umweltereignis dar: Jeder Mensch hat das Recht, auf ein belastendes Umweltereignis zunächst mit einem auffälligen Verhalten zu reagieren. Ein solches Umweltereignis (z.B. Geburt eines Geschwisterkindes) erfordert zahlreiche Neuanpassungen im Verhalten, die sich bei jedem Menschen über einen längeren Zeitraum erstrecken können. Das auffällige Verhalten ist somit als Bewältigungsreaktion zu verstehen. Dem Kind ist Unterstützung bei der Entwicklung von Verhaltensalternativen zu geben. Eine Bewältigungsreaktion stellt keine Verhaltensauffälligkeit dar, solange das oben genannte zeitliche Kriterium nicht überschritten wird.
  • Verhaltensauffälligkeit wurde sicher durch Fachleute (Ärzte, Psychologen) diagnostiziert: Die Bedeutung dieses Kriteriums ist an verschiedenen Stellen im Text betont worden. Letztendlich wird man als Pädagoge/Pädagogin oder Eltern aber auch bei den Fachleuten auf unterschiedliche Einschätzung ein und desselben Verhaltens eines Kindes treffen. Erzieher/innen können auf ihr Bauchgefühl hören und Eltern dabei unterstützen, ggf. auch den Rat eines zweiten oder dritten Experten einzuholen.
  • Kind selbst empfindet Leidensdruck: Dieses Kriterium ist das einzige Kriterium, das gegeben sein kann, aber nicht muss, damit eine Verdachtsdiagnose einer Verhaltensauffälligkeit erfolgen kann. Sollte ein Kind angesichts seines Verhaltens von sich aus Leidensdruck äußern, so ist die Prognose für die therapeutische oder pädagogische Begleitung des Kindes zumeist gut. Schwierig erweist sich die Begleitung des Kindes immer dann, wenn es selbst unter seinem auffälligen Verhalten nicht leidet oder sogar Vorteile empfindet. Auch hier gilt es dann, den Rat von Experten hinzuzuziehen.

Fazit

Auffälliges Verhalten oder Verhaltensauffälligkeit? Hinter diesem Begriffspaar steckt weit mehr als nur eine Unterscheidung von Wortbedeutungen. Der genaue Blick auf das kindliche Verhalten ermöglicht es, situationsbedingte, aktuelle Verhaltensweisen von überdauernden, tiefgreifenden Verhaltensproblematiken und Persönlichkeitsstörungen zu unterscheiden. Die Diagnose einer überdauernden Verhaltensauffälligkeit darf dabei nie leichtfertig und vorschnell erfolgen. Sie stigmatisiert das Kind, schränkt seine Möglichkeiten zur Verhaltensänderungen ein und entlässt Pädagogen zu leicht aus der Verantwortung, eigene Anteile am Verhalten des Kindes zu reflektieren. Ein Kind, dessen Verhalten auffällt, bedarf pädagogischer Beziehung und Unterstützung. Ein verhaltensauffälliges Kind braucht therapeutische Hilfe, die häufig über die Möglichkeiten einer Regelkindereinrichtung hinausgeht. Hier gilt es, für das verhaltensauffällige Kind Netzwerke zwischen Einrichtung, Elternhaus und therapeutischen Fachkräften zu knüpfen.

Literatur

Laewen, H.J. (2003): Grenzsteine der Entwicklung. Ein Frühwarnsystem für Risikolagen. [Online Dokument, verfügbar unter http://www.mbjs.brandenburg.de/media_fast/4113/Sonderdruck_Grenzsteine.pdf].

Mienert, M./Vorholz, H. (2011): Den Alltag öffnen – Perspektiven erweitern. Offene Arbeit in den Kitas nach den Bildungsplänen gestalten. Braunschweig: Schubi.

Schenk, J. (1977): Abweichendes Verhalten. In L.J. Pongratz (Hrsg.): Handbuch der Psychologie, Bd. 8/1, Klinische Psychologie, S. 63 – 115. Göttingen: Hogrefe.